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Der amerikanische Traum ... ausgeträumt

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Das Streben nach Glück und einem besseren Leben, basierend auf gleichen Chancen und Möglichkeiten für Jeden ungeachtet der sozialen Herkunft, waren prägende Determinanten des „American Dream“. Eigene Anstrengungen und Leistungen sollten nicht nur materiellen Wohlstand sondern auch gleiche Rechte und Freiheiten für Alle ermöglichen.

Wohl kaum einer hat diese Vision der amerikanischen Gesellschaft literarisch derart brachial zertrümmert wie David Foster Wallace in seinem 1996 erschienenen Opus magnum „Infinite Jest“ (Deutsche Fassung 2009: „Unendlicher Spaß“). In brillianter und verwegener Sprache (die deutsche Übersetzung beanspruchte sechs Jahre) entwirft David F. Wallace die Enzyklopädie einer gespaltenen Gesellschaft. Auf der Sonnenseite die autobiografisch angelegte Hauptfigur Hal, Student an einer Tennisakademie in der Nähe von Boston, einem Drill-Internat für die zukünftige Elite. Auf der Schattenseite der Ex-Junkie Don Gately, Insasse der Entzugsklinik Ennet-House, die sich in unmittelbarer Nähe der Enfield-Tennisakademie befindet. Hal’s Vater, der Gründer der Tennisakademie, hat vor seinem Suizid einen unveröffentlichten Experimentalfilm „Infinite Jest“ produziert. Irgendwann machen sich die Insassen von Ennet-House und die Studenten der Enfield-Tennisakademie auf die Suche nach einer Kopie dieses Films, der so süchtig macht, dass seine in Trance versetzten Zuschauer buchstäblich davor verhungern und verdursten. In einer komplexen und faszinierenden sprachlichen Wucht werden dysfunktionale Existenzen geschildert sowie Sucht und Suchtmitteln in allen denkbaren Facetten. Im September 2008 hat sich David Foster Wallace, der zuletzt als Professor für englische Literatur am Pomona College in Claremont, Kalifornien, lehrte und seit früher Jugend an Depressionen litt, das Leben genommen.

Keine 20 Jahre später ist dieses literarische Menetekel Realität. 2016 starben in den USA nach Daten der New York Times 65.000 Menschen an der Überdosis eines Suchtmittels. Die Zahl der Drogentoten übersteige die Zahl derer, die im Straßenverkehr, aufgrund von Herzerkrankungen oder HIV gestorben seien. Übrigens auch die, der im Vietnam- und beiden Irak- Kriegen getöteten amerikanischen Soldatinnen und Soldaten. Eine Expertenkommission empfahl „ jeden Amerikaner auf eine schlichte Tatsache zu stoßen: Wenn diese Plage Sie oder Ihre Familie noch nicht erwischt hat, dann wird sie es bald tun, sofern wir nicht alle beherzt dagegen vorgehen.“ Präsident Trump hat daraufhin im Sommer dieses Jahres die „Drogenkrise“ zum nationalen Gesundheitsnotstand erklärt. In dem vor wenigen Wochen in der FAZ erschienenen Leitartikel „Bittere Wahrheit“ führt Andreas Ross weiter aus „ Fehlanreize im amerikanischen Gesundheitssystem haben die Krise verursacht und behindern ihre Eindämmung. Pharmaunternehmen konnten ihre Opioid-Medikamente lange als unbedenklich vermarkten. Sie überschütteten Amerika mit Oxycodon- und Hydrocodontabletten ... Patienten ließen sich nicht lange bitten nach Wurzelbehandlung oder Hexenschuss auf einer Wolke zu schweben, die in vielen anderen Ländern Krebspatienten vorbehalten ist ... die Mehrheit der Mediziner aber steckt in einer Zwickmühle: Verschreiben Sie weiter Opioide, wird der Zyklus nie durchbrochen ... verweigern die Ärzte aber die Medizin plötzlich Patienten, die damit seit Jahren Schmerzen und Sorgen betäuben, treiben sie auch diese Leute in die Arme der Kartelle. Dann geht es mit Heroin oder dem noch tödlicheren Fentanyl weiter.“

Fragt sich, ob solch eine fatale Entwicklung auch in Deutschland möglich wäre. Experten verneinen dies unter Verweis auf gesetzliche Regelungen, stringentere Behandlungsregeln sowie die gegenüber den USA deutlich günstigeren gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen. War Deutschland noch vor etwa 30 Jahren was die Verordnungszahlen von WHO-Stufe-3-Analgetika anbelangte noch auf dem Stand mancher Entwicklungsländer, sprechen neuere Zahlen eine andere Sprache. Seit 1993 hat sich die Zahl der verordneten Tagesdosen an Opioiden vervierfacht und übertraf 2002 erstmals die der Nichtopioidanalgetika. Etwa 260.000 Patientinnen und Patienten werden hierzulande dauerhaft mit Opioiden behandelt. Nach Daten der AOK und KV Hessen werden inzwischen drei Viertel aller Opioidtagesdosen Patienten mit Rücken-, Gelenk- oder anderen Nichttumorleiden verordnet. Für einen längerfristigen Einsatz bei diesen Indikationen liegen keine Daten aus hochwertigen Studien vor. Die daraus resultierenden Risiken werden unverändert kontrovers diskutiert, auch was das Ausmaß der Abhängigkeit anbelangt, die bei der Behandlung von Tumorschmerzpatienten keine Rolle spielt.

Was mich persönlich betroffen macht, ist die Tatsache, dass auf wenige westliche Industriestaaten wie die USA, Kanada, Australien und die EU-Staaten 90 Prozent der weltweit produzierten Opioide entfallen, ein Indiz für eine eklatante Ungleichheit der Schmerzbehandlung zu Lasten von Entwicklungs- und Schwellenländern.

Herzlich Ihr


(Stand: 15.12.2017)

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