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Der Hausarzt als ohnmächtiger Heiland in Franz Kafkas Erzählung „Ein Landarzt“*

DOI: 10.3238/zfa.2017.0510–0515

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Henriette Herwig

Schlüsselwörter: Schlüsselwörter: Franz Kafka literarisches Arztbild Diagnostik Arzt-Patient-Kommunikation Symbolik der Wunde


Zusammenfassung: Der vorliegende Beitrag analysiert das literarische Bild des Arztes, die Form der Arzt-Patient-Kommunikation und die Symbolik der Wunde in Franz Kafkas Erzählung Ein Landarzt (entstanden 1917). Unter Berücksichtigung der paradoxen Struktur der Erzählung, ihrer Metaphorik und Entstehungsgeschichte stellt er biografische, psychoanalytische und poetologische Deutungen zur Diskussion.
Kafkas Ich-Erzählung Ein Landarzt [1] ist eine surreale Traumdichtung. Ihre Erzählstruktur ist nicht kausal. Sie gehört zu den wenigen schon zu Lebzeiten veröffentlichten Texten, die Kafka selber gelten ließ [2]. Im gleichnamigen Landarzt-Band steht sie neben ursprünglich zehn, später 13 weiteren Prosaskizzen, die alle um fehllaufende Botschaften und misslingende Kommunikation kreisen. Zur Rätselhaftigkeit der Erzählung tragen die paradoxe Rhetorik, die Aufhebung der Grenzen von Raum und Zeit, die surreal-traumhafte Bildlogik und die Bindung aller Urteile an die Perspektive des Protagonisten bei.

Nächtlicher Aufbruch

Kafkas Landarzt wird mitten in der Nacht bei starkem Schneegestöber zu einem Patienten in ein weit entfernt gelegenes Dorf gerufen, ist also ein Hausarzt, zu dessen Aufgaben auch die Akutversorgung seiner Patienten gehört. Er glaubt, auf einen Notfall reagieren zu müssen, kann die Fahrt zunächst aber nicht antreten, weil sein Pferd aus Überanstrengung verendet ist. Dem Dienstmädchen gelingt es nicht, im Dorf ein Pferd zu leihen. Als der Arzt aber „zerstreut [...] mit dem Fuß an die brüchige Tür des schon seit Jahren unbenützten Schweinestalles“ stößt, kriecht ein fremder Mann auf allen Vieren aus dem Stall und zaubert mit dem Ruf „Hollah, Bruder, hollah Schwester!“ noch zwei magische Pferde hervor: „mächtige flankenstarke Tiere“ (S. 253), die sich wie bei einer Geburt herauswinden, dann aber gleich phallisch aufrichten. Dafür, dass ganz im Sinne Freuds versehentlich die Tür zum Unbewussten aufgestoßen wurde, spricht die Zustimmung des Arztes zum Scherz des Dienstmädchens: „Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat“ (S. 253). Als der Knecht sich aber auf das Mädchen stürzt und ihm in die Wange beißt, droht der Arzt ihm mit dem Ausruf „Du Vieh“ (S. 254) die Peitsche an. Die Drohung bleibt allerdings folgenlos. Denn die Wut des Arztes auf den Knecht wird durch seine Dankbarkeit und die Freude über das schöne Gespann gleich wieder verflüchtigt. Sie bleibt so halbherzig wie der Befehl „Du fährst mit“ (S. 254) als Reaktion auf die Erklärung des Knechts, bei Rosa bleiben zu wollen, die vom fliehenden Mädchen und vom Arzt sofort als Vergewaltigungsabsicht gedeutet wird. Bevor er intervenieren könnte, wird der Arzt von seinem Wagen fortgerissen. Er hört nur noch, „wie die Tür [s]eines Hauses unter dem Ansturm des Knechtes birst und splittert“ (S. 255). Die Vergewaltigung Rosas lässt er tatenlos geschehen.

Die Wunde und die Diagnosen

Traumhaft schnell hat er im nächsten Augenblick den Hof des Patienten schon erreicht. Zunächst hält er den Knaben, der ihn bittet, ihn sterben zu lassen, für einen Simulanten. Dieses Urteil lässt den Notfalleinsatz und das Opfer Rosas als überflüssig erscheinen: „,Ja‘, denke ich lästernd, ,in solchen Fällen helfen die Götter, schicken das fehlende Pferd, fügen der Eile wegen noch ein zweites hinzu, spenden zum Übermaß noch den Pferdeknecht –‘“ (S. 255f.). Der Ärger darüber trübt seine Wahrnehmung, denn nach einer flüchtigen Untersuchung des Knaben lautet seine erste Diagnose: „es bestätigt sich, was ich weiß: der Junge ist gesund, ein wenig schlecht durchblutet, von der sorgenden Mutter mit Kaffee durchtränkt, aber gesund und am besten mit einem Stoß aus dem Bett zu treiben“ (S. 256). Sie hat die Struktur einer self-fulfilling prophecy. Der Therapievorschlag zeugt sogar von versteckter Aggression. Verständlicherweise, schließlich hat der Arzt für die Reise zum Kranken nicht nur seinen Nachtschlaf und die heimlich begehrte Frau preisgegeben, sondern auch sein Selbstverständnis. Denn seit ihn „unbeherrschbare Pferde“ (S. 256) von zuhause weg zum Patienten hin gerissen haben, ist er nicht mehr Herr im eigenen Haus. In erstickend drückender Atmosphäre wohnen vor Ort der Vater, die Mutter und die Schwester der Erstkonsultation des Kranken bei, später treten noch die Dorfbewohner hinzu. Das ärztliche Handeln wird durch die Öffentlichkeit kontrolliert. Die erste Reaktion des Arztes auf den vermeintlich unnötigen Patientenbesuch ist Selbstmitleid: „Was tue ich hier in diesem endlosen Winter? Mein Pferd ist verendet, und da ist niemand im Dorf, der mir seines leiht. Aus dem Schweinestall muss ich mein Gespann ziehen; wären es nicht zufällig Pferde, müsste ich mit Säuen fahren“ (S. 257). Der aufopferungsvolle Dienst des Landarztes wird offenbar nicht mit Anerkennung belohnt, auch nicht mit Bereitschaft zur Hilfeleistung in der Not. Dem Verhältnis des Arztes zu seinem Bezirk fehlt die Reziprozität. Die Opfer, die er bringen muss, um seine Pflichten zu erfüllen, sind in seinen Augen zu groß. Am Bett des Kranken, den er für gesund hält, stehend, denkt der Arzt hier über sich selbst, sein Berufsethos und die Schwierigkeiten der Kommunikation mit den Leuten nach: „Rezepte schreiben ist leicht, aber im übrigen sich mit den Leuten verständigen, ist schwer“ (S. 257). Schließlich will er unverrichteter Dinge gehen. Als er aber die Reaktionen der Familie auf die Zeichen seines Aufbruchs sieht, dass die Schwester des Kranken „ein schwer blutiges Handtuch“ (S. 257f.) schwenkt, ist er „irgendwie bereit, unter Umständen zuzugeben, dass der Junge doch vielleicht krank ist“ (S. 258). Die dreifache sprachliche Relativierung spricht für Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Unter dem Eindruck des Wieherns der Pferde lässt der Arzt auf die erste Diagnose nun eine zweite folgen, die der ersten widerspricht: „ja, der Junge ist krank. In seiner rechten Seite, in der Hüftgegend hat sich eine handtellergroße Wunde aufgetan“ (S. 258). Hat sie das erst jetzt? Oder hat er sie zunächst aus Voreingenommenheit übersehen?

Rosa in vielen Schattierungen, dunkel in der Tiefe, hellwerdend zu den Rändern, zartkörnig, mit ungleichmäßig sich aufsammelndem Blut, offen wie ein Bergwerk obertags. So aus der Entfernung. In der Nähe zeigt sich noch eine Erschwerung. […] Würmer, an Stärke und Länge meinem kleinen Finger gleich, rosig aus eigenem und außerdem blutbespritzt, winden sich, im Innern der Wunde festgehalten, mit weißen Köpfchen, mit vielen Beinchen ans Licht. (S. 258)

Die Beschreibung der Wunde weckt zahlreiche Assoziationen. Metonymisch – sie liegt in der Hüftengegend – und durch ihre Metaphorik impliziert sie Merkmale beider Geschlechter, die menstruierende Vagina der Frau und das Sperma des Mannes, also die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen, die ihn zeugungsfähig macht, deren Preis – seit dem Sündenfall – aber die Sterblichkeit ist. In der Wunde nisten – wie im barocken Emblem der Frau Welt – schon die Würmer, „die gleichzeitig Defloration, Sperma und Verwesung andeuten“; der Arzt entdeckt sie im Moment, da Rosa – wie er glaubt – unter dem Pferdeknecht liegt, „der gewaltsam ihre Rose bricht“ [3] (s.a. Abb. 1). Dazu passt die traditionelle Ikonografie der Rose, die Schönheit und Erotik mit Vergänglichkeit verbindet [4]. Die Bewegung des Arztes von Rosa weg war in Wahrheit eine Fahrt zu Rosa hin [5].

Auf das Auffinden der Wunde folgt die vielleicht nur gedachte Prognose des Arztes: „Armer Junge, dir ist nicht zu helfen. [...] an dieser Blume in deiner Seite gehst du zugrunde“ (S. 258). Wie kann er das wissen? Wird der Mediziner hier zum Propheten? Sieht er die Würmer im offenen Tumor als Symptom einer schon fortgeschrittenen Verwesung? Oder wurde in dem offenen Wundgeschwür eine volksmedizinische Madentherapie [6] angewandt, die er als moderner Arzt für kontraproduktiv hält? Wenn ja, warum interveniert er dann nicht, sondern wertet die tödliche Wunde ästhetisierend zur „Blume“ auf? Hält er sie für ein Zeichen der Auserwählung? Dafür spricht die Anspielung auf die Seitenwunde Jesu Christi und auf die Hüftwunde Jakobs (1. Mose 32, 26–32), wie wir sie auch bei der Wunde des Affen Rotpeter im letzten Text des Landarzt-Bandes, Ein Bericht für eine Akademie, finden. Oder verbirgt sich hinter dem Bild der Wunde das rassenbiologisch-antisemitische Stereotyp vom kranken jüdischen Körper [7]? Dann würde es durch die Umdeutung der Wunde vom Symptom zur Auszeichnung zurückgewiesen.

Paradoxerweise folgt auf die Vorhersage des frühzeitigen Knabentods der kontrastierende Satz: „Die Familie ist glücklich, sie sieht mich in Tätigkeit“ (S. 258). Muss der Arzt am Bett des Kranken sinnlosen Aktivismus entfalten, um die Erwartungen der Angehörigen zu erfüllen? Offenbar fordert das kommunikative Dreieck, in dem er steht, Rücksichtnahmen nach zwei Seiten: gegenüber dem Patienten und gegenüber seinen Bezugspersonen. Nun schlägt auch der zu Beginn ausgedrückte Todeswunsch des Knaben in den Wunsch zu leben um. Der eben noch sterben wollte, flüstert schluchzend: „Wirst du mich retten?“ (S. 258). Das führt zur Reflexion des Arztes über die Grenzen seiner Macht: „So sind die Leute in meiner Gegend. Immer das Unmögliche vom Arzt verlangen. Den alten Glauben haben sie verloren; der Pfarrer sitzt zu Hause und zerzupft die Messgewänder [...], aber der Arzt soll alles leisten mit seiner zarten chirurgischen Hand“ (S. 259).

Das erzwungene Ritual

Als Figur einer säkularen Moderne weiß Kafkas Landarzt, dass die Menschen in ihm den Heiland begehren [8]. Die Erlösung wird nicht mehr vom Pfarrer, sondern vom Chirurgen erwartet. Sie wird nicht mehr aufs Jenseits verschoben, sie soll sich im Diesseits ereignen. Kafkas Landarzt weiß auch, dass er diesem Anspruch nicht genügen kann, weil er ein Mensch, kein Rabbi oder wunderwirkender Zaddik ist. Er teilt sogar den Todeswunsch mit dem Patienten. Vom hilflosen Helfer wird erwartet, Retter zu sein. Das Begehren danach geht hier zunächst von den Angehörigen des Patienten und den Dorfältesten aus. Die Aufgabe, den Kranken im häuslichen Umfeld behandeln zu müssen, setzt den Arzt dem Erwartungsdruck des Kollektivs und seiner Kontrolle aus. Als er als rationaler Therapeut versagt, erzwingt es magische Heilkraft durch Körperkontakt mit dem Patienten. In einem schamanistischen Ritual wird er entkleidet und nackt zum Patienten ins Bett gelegt, eingeklemmt zwischen die Mauer und die Wunde des Knaben, als könne die Berührung mit ihr schon Heilung bewirken oder spirituelles Leben ermöglichen. Obwohl er nicht an seine Heilungskräfte glaubt, lässt der Arzt diesen Missbrauch zu „heiligen Zwecken“ (S. 259) widerstandslos mit sich geschehen. Teil des Kollektivs, das ihn überwacht, sind sogar die Pferde, die ihre Köpfe durch das Fenster des Krankenzimmers strecken wie in der Weihnachtsgeschichte in den Stall zu Bethlehem. In germanischen Totenmalreliefs macht diese Art Fensterblick Pferde auch zu Todesboten [9]. Hier erhält die erzwungene Körpernähe von Arzt und Patient im Bett durch die Präsenz der Triebrepräsentanten auch eine homoerotische Note [10]. Die Flucht vor heterosexueller Betätigung hätte den Landarzt dann zur Homosexualität hingeführt. Der Eros im Verhältnis des Arztes zum Knaben setzt aber nicht – wie in Platons Symposion – höhere Erkenntnis oder Heilungsmöglichkeiten frei. Im Gegenteil, der Knabe scheint dem Arzt die Kraft zu heilen gar nicht zuzutrauen. Er sieht in ihm nicht den Heiland, sondern den Menschen, der wie er selbst der Kontingenz des Lebens unterworfen ist: „mein Vertrauen zu dir ist sehr gering. Du bist ja auch nur irgendwo abgeschüttelt, kommst nicht auf eigenen Füßen. Statt zu helfen, engst du mir mein Sterbebett ein“ (S. 260). Im Bett des Kranken scheint der Heiler selbst heilungsbedürftig zu werden, jedenfalls mehr an seine eigene Rettung zu denken als an die des Knaben. Trotz des Kontrollverlusts spielt er sein überlegenes Wissen und seine Erfahrung gegen den Jüngeren aus:

Ich, der ich schon in allen Krankenstuben, weit und breit, gewesen bin, sage dir: deine Wunde ist so übel nicht. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke geschaffen. Viele bieten ihre Seite an und hören kaum die Hacke im Forst, geschweige denn, dass sie ihnen näher kommt. (S. 260)

Die Redeweise erinnert an den Vers in Jesu Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl: „Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt“ (Mt. 22, 14). Mit ihr nimmt der Arzt als falscher Messias eine symbolische Aufwertung der Wunde zur Auszeichnung vor. Da der Junge sie still werdend akzeptiert, hat der hilflose Heiler doch zur Affektbewältigung beigetragen, durch nichts als Versprachlichung und Sinngebung. Der Junge nimmt sein Schicksal an. Vielleicht hat der Arzt ihn damit aber auch „zum Sterben überredet“ [11], dann hat er seine ärztliche Mission verfehlt. In gewisser Weise hat er dem Knaben die Affektstörung sogar abgenommen. Denn nun ist er es, der in Panik flieht. Bei seiner überstürzten Flucht kleidet er sich nicht einmal mehr an, sondern setzt sich nackt einem ziellosen Ritt durch die Winterlandschaft aus. Aller Insignien der Macht und der Männlichkeit bar, mit im Schnee hinter ihm herschleifendem Pelz, ohne Aussicht, sein Haus je wieder zu erreichen, irrt er nackt durch die Schneewüste: ein Bild für sein berufliches und privates Scheitern, seine radikale „Heimatlosigkeit“ [12]. Schutzlos klirrender Kälte ausgesetzt, ist er buchstäblich zurückgeworfen auf seine nackte Existenz: „Betrogen! Betrogen! Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen“ (S. 261).

Deutungen des „Fehlläutens“

Worin bestand dieses „Fehlläuten“? In der Entscheidung, Hausarzt zu werden und sich damit beruflichen Zwängen auszusetzen, die zur Selbstentfremdung führen? Darin, auf den Notruf eines Simulanten reagiert zu haben? Darin, in der Nacht aufgebrochen zu sein, statt mit Rosa zu schlafen, also über beruflicher Pflichterfüllung das Leben versäumt zu haben einschließlich gelebter Intimität? Die Sehnsucht nach ihr wird dem Arzt ja erst bewusst, als er die Möglichkeit dazu verliert. Erst im Moment, als der Knecht sich ihrer bemächtigt, erhält das bisher von ihrem Herrn kaum beachtete Dienstmädchen einen Namen: „Rosa“ (S. 254), und zwar durch den Knecht. Dieser Name taucht nicht zufällig in der Beschreibung der Wunde als „Rosa, in vielen Schattierungen“ wieder auf [13]. Was der Arzt im Bett des kranken Knaben vorfindet, ist seine eigene Wunde, die Konfrontation mit seiner nichtgelebten Sexualität, sei sie heterosexueller oder homosexueller Natur. Die Wunde wird „zum Zentrum des Begehrens, aber auch zum Zentrum der Verletzungen: zur Kastrationswunde“ [14]. In der Wunde verdichtet sich der Konflikt des Arztes, zwischen Triebwünschen, Berufspflichten und spirituellem Leben vermitteln zu müssen. An ihr scheitern die magisch-rituellen, die messianisch-heilsgeschichtlichen und die naturwissenschaftlich-medizinischen Erlösungshoffnungen der Menschheit. Die Wunde am jüdischen Körper steht im Diskurs der Moderne aber auch für Schwäche, Unvollständigkeit, Masochismus [15]. Als solche verursacht sie Leiden unter kultureller Stigmatisierung.

Das Bild des Arztes

Welches Bild des Arztes bietet der Text? Gelingt ihm die Verbindung von Wissenschaft und Humanität? Nein, seine erste Diagnose war voreilig, die zweite prognostisch, die dritte metaphorisch. Keine lässt auf Spezialwissen schließen. Als moderner, naturwissenschaftlich geschulter Arzt bleibt er passiv bis zur Pflichtvergessenheit, bereit zum Versäumnis des Machbaren. Als urzeitlicher priesterlicher Arzt oder Schamane fungiert er nur unter Zwang, ohne innere Überzeugung. Beim Bettgespräch mit dem Knaben beschränkt er sich auf Beruhigung durch Worte, notfalls auch durch eine Lüge. Wie alle Protagonisten Kafkas ist er Junggeselle und erscheint als vielfältig Scheiternder. Sein ärztliches Pflichtbewusstsein führt zu Versäumnissen im privaten Lebensvollzug. Die Frau in seinem Haus fällt ihm erst auf, als sie zur Beute eines andern wird, und bleibt auch dann noch Objekt. Begehren kann er sie nur als Abwesende. Zudem schwankt er zwischen Hetero- und Homosexualität. Vom Ideal, als ganzer Mensch zu leben, Herr seiner Triebe und Affekte zu sein, ist er weit entfernt. Seine Überlegenheit ist gespielt. Angesichts der Grenzen seiner Macht wird er zum Zyniker, wenn nicht gar zum Menschenverächter. Seiner Hinwendung zum Patienten fehlt die Empathie. Stattdessen dramatisiert er sein Selbstopfer. Spirituellen Kräften begegnet er mit Ironie. Gewonnen hat er dabei nur das Reiten, als Ritt auf dem Flügelross Pegasus auch eine Allegorie des Schreibens, am Ende jedoch ein schleppend langsamer Ritt. Dann ist der Arzt aber nicht Mediziner, sondern Schriftsteller, einer, der unter seinem Schreibzwang leidet.

Man kann die Figurenkommunikation des Textes als traumhafte Inszenierung eines innerpsychischen Dramas verstehen, die den Ich-Erzähler mit Aporien seiner Existenz konfrontiert. Dann ist der mit einer Wunde gezeichnete Knabe wie der triebhafte Knecht eine Spiegelfigur des Arztes, das vertrauliche, von niemand sonst gehörte Bettgespräch mit dem Knaben ein Selbstgespräch. Dabei kommen verdrängte Ich-Anteile des Arztes zum Vorschein: das erotische Interesse an Rosa, die Angst vor dem Sünden-Fall der Sexualität, die homoerotische Anziehung, der Todes- und Erlösungswunsch und eine bis zur Gewaltbereitschaft gehende Aggression in der Figur des Knechts. Wie die sich aus dem Schmutz des Schweinestalls herauswindenden Pferde zeugt auch diese Doppelgängerfigur [16] in ihrer viehischen Brutalität von der unterdrückten Triebnatur des Arztes. Sie stellt aber auch die „unirdischen Pferde“ (S. 261) und damit das Gespann bereit, das die Reise wie im Flug ermöglicht. Das erinnert an Platons Phaidros, in dem der Wagenlenker das ungleiche Pferdegespann von Vernunft und Gefühlen unter Kontrolle hält. Hier aber sind die Pferde unbeherrschbar. Die Traumbegegnung mit personifizierten Wünschen und Affekten führt nicht zur Selbsterkenntnis und zur Integration der Triebstruktur, eher zur Akzeptanz einer Krankheit zum Tode im Sinne Kierkegaards. Zudem ist die „Hacke“, mit der die Wunde geschlagen wurde, in Kafkas Werk eine textuelle Metapher. Vor diesem Hintergrund wird die Wunde wie das Flügelross Pegasus, das die Dichtkunst ermöglicht, zur Allegorie des Schreibens, einer Form narzisstischer Schreiberotik, „die vorgibt, den Anderen zu begehren, tatsächlich aber immer wieder nur sich selbst sucht und zelebriert“ [17]. Damit wären wir beim biografischen Bezug.

Biografische Hintergründe

Wie Josef K. im Prozess-Roman, der Landvermesser K. im Schloss, der verurteilte Sohn in Das Urteil und der Gefolterte in der Strafkolonie kann auch der Landarzt als Projektionsfigur des Autors verstanden werden. Für diese These spricht die Geschichte der zweifachen Verlobung Kafkas mit Felice Bauer, einer Liebesbeziehung in Briefen. Sie war für beide Seiten qualvoll. Kafka lernte Felice Bauer (Abb. 2) am 13. August 1912 in der Familie von Max Brod kennen, im selben Sommer vermerken die Tagebücher mehrfach homoerotische Faszinationen. Obwohl die junge Prokuristin ihm in ihrer bescheidenen Bluse „wie ein Dienstmädchen“ [18] vorkommt, schreibt er am 20. September einen ersten Brief nach Berlin, wo Felice wohnt. Das ist der Beginn einer Korrespondenz von über 500 Briefen und Postkarten, die sich über mehr als fünf Jahre erstrecken wird und aufseiten Kafkas eigentlich ein Kampf ums Schreiben ist. Sie bindet Felice an einen Mann, der sie ruft, wenn sie sich entfernt, und mit Nicht-Beachtung straft, wenn sie kommt, der um sie wirbt, obwohl er bindungsscheu ist und nichts mehr fürchtet, als am Schreiben gehindert zu werden. Und dass eine Ehe ihn, der morgens Bürodienst tut, nachmittags schläft und nachts schreibt, am Schreiben hindern würde, davon ist er überzeugt. Nichts interessiert ihn mehr als sein traumhaftes Innenleben, das er Nacht für Nacht aufzeichnet. In einem Brief an Max Brod gibt er zu:

[…] das Teuflische daran scheint mir sehr klar. Es ist die Eitelkeit und Genusssucht, die immerfort um die eigene oder auch um eine fremde Gestalt […] schwirrt und sie genießt. Was der naive Mensch sich manchmal wünscht: ‚Ich wollte sterben und sehn, wie man mich beweint‘, das verwirklicht ein solcher Schriftsteller fortwährend, er stirbt (oder er lebt nicht) und beweint sich fortwährend. [19]

Aus dieser Grunddisposition heraus hat Kafka jede Möglichkeit glücklichen Lebens, nach dem er sich sehnte, immer wieder zerstört. Den Ausbruch seiner Lungenkrankheit im August 1917 nimmt er nachweislich mit Erleichterung zur Kenntnis. Warum? Die Krankheit legitimiert nach innen und nach außen seinen endgültigen Bruch mit Felice Bauer, erspart ihm die Ehe, die er als Normalform bürgerlichen Lebens ersehnt und zugleich als Gefängnis und Blockade seines Schreibens fürchtet. Von dieser Ambivalenz ist sein Werben um Felice von Anfang an gekennzeichnet. Kaum hat er sich ihrer vergewissert, beschwört er einen Konflikt herauf. Auf jede gelungene Annäherung folgt eine Distanzierung, auf jedes Zugeständnis an die Konvention – wie Zusammenkunft mit Verwandten – eine Brüskierung. Auf die Verlobung am 1. Juni 1914 in Berlin folgt nach Felices „Gerichtshof im Hotel“ [20] Askanischer Hof kurz darauf die Entlobung. Der Vorgang wiederholt sich 1917. Das hat zu Spekulationen über Kafkas unterdrückte Homosexualität geführt. Kafka findet wegen des Zwangs zu schreiben nicht zu dem Leben, das den Normen des jüdischen Bürgertums entspricht, leidet aber gleichzeitig unter einem „Schuldgefühl gegenüber einem nichtgelebten Leben“ [21]. In jeder Figur, die er entwerfen muss, weil er nur schreibend lebt, betrauert er zugleich den Verzicht auf Glück und Gemeinschaft, den ihn das kostet. Sinnbild dafür ist die Lungenwunde, die Kafka im Brief von Mitte September 1917 an Max Brod erwähnt, nachdem er in der Nacht vom 9. auf den 10. August einen Blutsturz erlitten hat. Er versteht sie als geheime Verständigung von „Gehirn und Lunge“ zur Lösung seines Konflikts [22]. Felice Bauer gegenüber spricht er übertreibend sofort von „Tuberkulose“ [23], obwohl der Befund nicht eindeutig war. Im Trennungsbrief vom 30. September gibt er sogar zu, dass sie „eine Waffe“ ist, im Vergleich zu der alle vorherigen wirkungslos waren [24]. Die Krankheit gibt ihm das Recht zum Bruch. Das beherrschende Gefühl dabei ist „Erleichterung“, „Befreiung“ [25], vielleicht auch vom Zwang zur Heterosexualität, für die er in seinem ganzen Werk nur ekelerregend drastische Bilder oder Tiervergleiche findet. Wenn seine Männerfiguren mit Frauen schlafen – wie K. mit Frieda im Schloss –, wälzen sie sich buchstäblich im Schmutz; homoerotische Anziehung hingegen wird ästhetisch überhöht [26]. Was er Felice nicht sagt: Sein Rückzug aufs Land zur Schwester Ottla war von langer Hand vorbereitet. Mit ihr lebt er in friedlicher, weil geschlechtsloser ,Ehe‘ – wie am Ende seines Lebens, als schon vom Tod Gezeichneter, vermutlich mit Dora Diamant.

Franz Kafka starb am 3. Juni 1924 in Kierling bei Klosterneuburg, nahe Wien, knapp 41-jährig an Lungen- und Kehlkopftuberkulose. Im Zentralsymbol der Landarzt-Erzählung hatte er die Blutwunde, die ihn Ende 1917 von der Verlobten befreite, ihm aber auch den frühen Tod brachte, Anfang 1917 schon vorweggenommen.

Korrespondenzadresse

Univ.-Prof. Dr. Henriette Herwig

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Institut für Germanistik, Abtlg. II: <br/>Neuere deutsche Literaturwissenschaft

Universitätsstr. 1, Geb. 24.52, Raum U1.33

40225 Düsseldorf

herwig@phil.hhu.de <br/>(künftig: henriette.herwig@hhu.de)

Literatur

1. Kafka F. Ein Landarzt. In: Kafka F. Drucke zu Lebzeiten. Frankfurt a.M.: Fischer, 2002: 252–261. Zitatnachweise künftig im Text mit Seitenzahl in Klammern.

2. Brief vom 29. November 1922 an Max Brod. In: Brod M, Kafka F. Eine Freundschaft, Bd. 2. Frankfurt a.M.: Fischer, 1989: 421

3. Möbus F. Sünden-Fälle. Die Geschlechtlichkeit in Erzählungen Franz Kafkas. Göttingen: Wallstein, 1994: 133

4. Kurz G. Traum-Schrecken. Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart: Metzler, 1980: 126

5. Hiebel HH. Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei Franz Kafka, 2. Aufl. München: Fink, 1989: 157

6. Gilman SL. A dream of Jewishness denied: Kafka’s tumor and „Ein Landarzt“. In: Rolleston J (ed.). A companion to the works of Franz Kafka. Rochester, NY: Camden House, 2002: 274

7. Ebd.: 275

8. Jaspers K. Die Idee des Arztes. Ärztl Mitteil 1953; 18: 479

9. Kropp R. Konstanz und Wandel der Pferdedarstellung in der neueren deutschen Literatur. Frankfurt a.M.: Lang, 2002: 162

10. Mecke G. Franz Kafkas offenbares Geheimnis. Eine Psychopathographie. München: Fink, 1982: 24

11. Sokel WH. Franz Kafka. Tragik und Ironie. Frankfurt a.M.: Fischer, 1976: 314

12. Valk T. „Und heilt er nicht, so tötet ihn!“ Subjektzerfall und Dichtertheologie in Kafkas Erzählung „Ein Landarzt“. Hofmannsthal-Jahrbuch 2003; 11: 366

13. Kurz 1980: 126

14. Hiebel 1989: 155

15. Gilman SL. Franz Kafka. The Jewish Patient. New York/London: Routledge, 1995: 6–8

16. Ray S. The metaphysics of the Doppelgänger motif in Kafka’s „Ein Landarzt“. J Germanic Studies 1985; 21: 123–138

17. Kremer D. „Ein Landarzt“. In: Müller M. (Hrsg.). Franz Kafka. Romane und Erzählungen, 2. Aufl. Stuttgart: Reclam, 2003: 202

18. Kafka F. Tagebücher 1910–1923. Frankfurt a.M.: Fischer, 1980: 178

19. Brief vom 5. Juli 1922. In: Kafka F. Briefe 1902–1924. Frankfurt a.M.: Fischer, 1975: 384f.

20. Kafka 1980: 254. Canetti E. Der andere Prozeß. Kafkas Briefe an Felice. München: Hanser, 1969: 68. Murray N. Kafka und die Frauen. Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2007: 179. Pawel E. Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie. München/Wien: Hanser, 1986

21. Wagenbach K. Franz Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt, 1976 (1964): 78

22. Kafka 1975: 161

23. Brief vom 9. September 1917. In: Kafka F. Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Frankfurt a.M.: Fischer, 1976: 753

24. Kafka 1976: 757

25. Wagenbach 1976: 107

26. Anderson MM. Kafka, homosexuality, and the aesthetics of ‚male culture‘. In: Robertson R, Timms E (eds.). Gender and politics in Austrian fiction. Edinburgh: Edinburgh University Press, 1996: 96f., 89

Abbildungen:

Abbildung 1 Frau Welt am Südportal des Wormser Doms von vorne und von hinten, kurz nach 1298 entstanden. Wikipedia-User Jivee Blau (C BY-SA 3.0-Lizenz), https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frau_Welt_Wormser_Dom_von_vorne_und_hinten.jpg (letzter Zugriff am 25.10.2017)

Abbildung 2 Franz Kafka und Felice Bauer, kurz nach der zweiten Verlobung (1917) © akg-images / Archiv K. Wagenbach

Institut für Germanistik, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf * Hufeland Lecture 2017 der Stiftung Allgemeinmedizin (Vorstand: Prof. Dr. Jochen Gensichen), gehalten am 23.9.2017 anlässlich des 51. DEGAM-Kongresses in Düsseldorf DOI 10.3238/zfa.2017.0510–0515


(Stand: 15.12.2017)

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