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Spontane Redezeit von Patienten zu Beginn der Konsultation in einer Hausarztpraxis

DOI: 10.1055/s-2004-44916

Spontane Redezeit von Patienten zu Beginn der Konsultation in einer Hausarztpraxis

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ZfA 2004 \"029\", 16.1.04/dk köthen GmbH W. A. Stunder Spontane Redezeit von Patienten zu Beginn der Konsultation in einer Hausarztpraxis nnn nnn Zusammenfassung Ziel: Das Ziel unserer Feldstudie (Januar bis Mai 2003) war herauszufinden, wie lange Patienten am Anfang eines Hausarzt-Besuchs sprechen, bis sie durch eine Redepause oder andere Zeichen dem Arzt die Gesprächsfortsetzung überlieûen. Die Abhängigkeit der Gesprächsdauer vom Patiententyp und Beratungsanlass sollten ebenfalls untersucht werden. Methode: In einer Hausarztpraxis in Zell a. H. (Baden-Württemberg) wurde die spontane Redezeit der Patienten zu Beginn der Konsultation per Stoppuhr bei 20 Patienten mit Erstkontakt ermittelt. Ergebnisse: Der Arzt übernahm das Gespräch nach durchschnittlich 103 Sekunden. ¾ltere Patienten (über 50 J.) redeten deutlich länger (170 Sek.) als jüngere (96 Sek.). Frauen redeten durchschnittlich 52 Sek. länger als Männer. Patienten mit psychiatrischen Diagnosen (206 Sek.) benötigten gegenüber Patienten mit somatischen Befunden (68 Sek.) mehr Zeit, bis sie signalisierten, dass der Arzt das Gespräch übernehmen solle. Schlussfolgerung: Die initiale Rede der Patienten zu Beginn der Konsultation scheint nicht so zeitintensiv, als dass eine Unterbrechung aus praxisorganisatorischen Gründen gerechtfertigt wäre. Schlüsselwörter Allgemeinpraxis ´ Arzt-Patient-Beziehung ´ Anamnesegespräch ´ Redezeit ´ Technik der Gesprächsführung Abstract Our field study (January to May 2003) was aimed at finding out, how long patients talk initially when they consult their general practitioner, until they signal the GP, for example by a break in their talking, to take the role of leader in the discussion. Method: In one general practice in the South of Germany, we surveyed 20 patients at their first contact. The patients\'spontaneous time of talking at the beginning of their consultation was found out with a stop-watch. Results: The GP took the conversation after 103ªseconds on average. Older patients (over 50 years) talked significantly longer (170 seconds) than younger ones (96 seconds). Women talked 52 seconds on average longer than men. Patients with psychiatric diagnoses (206 seconds) required significantly more time than patients with somatic findings (68 seconds) before they gave the GP a signal to continue the discussion. Conclusion: The initial talking of the patient at the beginning of the consultation does not seem to take enough time as to justify an interruption for reasons of the organisation of the practice. Key words Family practice ´ physician-patient-relations ´ initial consultation (medical history) ´ time study ´ communication 1 Institutsangaben nnn Korrespondenzadresse Dr. med. W. A. Stunde ´ Hauptstr. 28 ´ 77736 Zell a. H. ´ Tel.: 0 78 35/3211 ´ Fax: 0 78 35/54 95 60 ´ WA.BH.Stunder@gmx.de Bibliografie Z Allg Med 2004; 80: 1±4  J. A. Barth Verlag in Georg Thieme Verlag KG ´ ISSN 0014-336251 ´ DOI 10.1055/s-2004-44916 ZfA 2004 \"029\", 16.1.04/dk köthen GmbH Einleitung In den USA spricht ein Patient zu Beginn der Konsultation im Durchschnitt 22 s, dann übernimmt der Arzt das Gespräch [4]. Diese sehr frühzeitige Unterbrechung der Patienten rührt möglicherweise von der Angst der ¾rzte, dass ihre Patienten den Praxisablauf durcheinander bringen würden, wenn man sie ausreden lieûe. Andere Studien [2, 6, 7] kamen zu einem etwas positiveren Bild für die ¾rzte. Für Deutschland gibt es unseres Wissens bislang keine vergleichbaren Untersuchungen. Uns interessierte vor allem, wie lange die Patienten sprechen, wenn man sie nicht unterbricht und statt dessen wartet, bis sie den Wunsch nach einer Gesprächsübernahme signalisieren. Auûerdem sollte untersucht werden, ob und ggf. wie stark der anfängliche Redefluss des Patienten vom Patiententyp und Beratungsanlass abhängig ist. seit einem Jahr ein Aufnahmestopp besteht, 20 unbekannte Patienten zugelassen, die innerhalb des genannten Zeitraums erstmals und der Reihenfolge nach (Tab. 1) in die Praxis kamen. Sie wurden mit der jeweils gleichen Frage: ¹Was führt Sie zu uns?ª begrüût. Die initiale Rede des Patienten wurde aus dem Gedächtnis heraus sofort nach der Konsultation stichwortartig, zusammen mit der Diagnose festgehalten. Zu Beginn der Konsultation wurde, vom Patienten unbemerkt, eine Stoppuhr eingeschaltet, bis die Patienten andeuteten, dass der Arzt das Gespräch übernehmen solle. Als Signal des Übernahmewunsches wurden z. B. folgende ¾uûerungen gewertet: ¹Was meinen Sie hier dazu?ª¼¹Könnten Sie mir weiterhelfen?ª¼¹Was soll ich tun?ª¼Auch entsprechender Blickkontakt oder langes Schweigen galten als entsprechende Signale. Der Arzt begleitete die Patientenschilderung nur mit aktivem Zuhören, Nicken oder ¹mhh-mhh-Sagenª entsprechend den Grundsätzen der klientenzentrierten Gesprächsführung [3]. nnn 2 Methode Die Erhebung in unserer Gemeinschaftspraxis fand in der Zeit von Januar bis Mai 2003 statt. Für die Studie wurden, obwohl Tab. 1 Beratungsanlass, Beschwerdeschilderung und Redezeit Pat. Alter Geschl. Beratungsanlass Kurz-Skript der Beschwerdeschilderung Redezeit (Sek.) 171 30 34 312 253 16 164 96 5 33 133 73 199 25 134 24 123 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 25 45 75 53 28 23 56 28 44 31 42 19 20 21 32 48 22 w w w w w w w w m m m w m m m m m fam. Konfliktsituation, psychosomatischer Symptomenkomplex Sinusitis frontalis et maxillaris Ausschluss Borreliose psychosomatischer Symptomenkomplex nach Beziehungskrise PTSD grippaler Infekt V. a. Lebensmittelintoxikation pos. Hämofec mit Abklärungsbedürftigkeit Meteorismus V. a. Lebensmittelvergiftung grippaler Infekt Ausschluss Borreliose grippaler Infekt grippaler Infekt V. a. Gastroenteritis; Ausschluss Salmonellose V. a. laterale Halszyste depressive Krise ¹Mein Mann hat sich von mir getrennt; habe 8 Monaten alten Sohn und 8 Monate alte Tochter¼Schlafstörungen, Rückenschmerzen¼Was soll ich tun?ª ¹Habe Kopfschmerzen und Nasen-Nebenhöhlen-Katarrh¼, brauche Bettruhe und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung¼ª ¹Habe Unsicherheit beim Gehen, hörte im Radio von Ihrem Zeckenvortrag und möchte mich nun diesbezüglich auf eine Neuroborreliose prüfen lassen¼ª ¹Habe Probleme mit der Beziehung zum Freund, jetzt Herzschmerzen, bitte u. a. um Check-Up und um ein EKG¼ª ¹Habe Angst, seit dem Erdbeben hier in Süddeutschland und Elsass¼ª ¹Habe Rückenbeschwerden und Fieber, möchte eine AU¼ª ¹Habe Fischallergie und fühle mich überhaupt nicht wohl seit dem Abendessen gestern ª ¹War bei meiner Frauenärztin, die bei der Krebsvorsorge Blut im Stuhl feststellte und möchte jetzt durch Sie hausärztlich weiter abgeklärt werden¼ª ¹Ich glaub, ich bin schwanger¼ª. (¹Wissen Sie, auf Ihre Standardfrage hin wollte ich mal eine auflockernde Antwort geben!ª)¼ ¹Habe wahrscheinlich Lebensmittelvergiftung, auch Übelkeit und Durchfall, nachdem ich gestern offenbar Schlechtes gegessen habe¼ª ¹Habe Husten, Glieder- und Kopfschmerzen und brauche jetzt eine Auszeit¼ª ¹Bin immer so müde, mein letzter Hausarzt nimmt mich nicht mehr ernst, möchte jetzt hier in Bezug auf Borreliose durchgecheckt werden¼ª ¹Bin todkrank, bekomme keine Luft durch die Nase und habe Husten¼ª. ¹Habe Kreuz-, Kopf- und Gliederschmerzen¼ª ¹Habe keinen Appetit, dünnen und blutigen Stuhl sowie Druckschmerz im Unterbauch, vielleicht auch einen Tumor¼?ª ¹Ich glaube, ich hab einen Abszess¼ª ¹Lebe noch bei der Mutter, bin schwer-hörig und dick, habe zwei Väter verloren und leide unter dem Gespött meiner Arbeitskollegen¼Auûerdem habe ich Krach mit der DAK, weil sie mir das notwendige Hörgerät nicht finanzieren will¼ª ¹Habe Durchfall, Erbrechen, bin LKW-Fahrer und kann so nicht arbeiten¼ª ¹Habe Schnupfen und Ohrenschmerzen und bitte um ein Rezept¼ª ¹Bin völlig fix und fertig, muss als Koch 14 Stunden nonstop arbeiten, bekomme nicht frei und möchte jetzt eine Krankmeldung, um schlieûendlich nach Hause fahren zu können¼ª 18 19 20 27 32 22 m w m Gastroenteritis grippaler Infekt; Otitis media Burnout-Syndrom 13 50 170 Stunder WA. Spontane Redezeit von ¼ Z Allg Med 2004; 80: 1 ± 4 ZfA 2004 \"029\", 16.1.04/dk köthen GmbH Ergebnisse Insgesamt wurden 20 Patienten (10 Frauen und 10 Männer) in die Studie aufgenommen. Drei Frauen und zwei Männer waren mit ausschlieûlich psychischen Problemen zur Konsultation gekommen. Neun Patienten erhielten eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Tab. 1 zeigt in numerischer Abfolge ihres Arztbesuchs Alter, Geschlecht und die Beratungsanlässe der Patienten sowie die initiale Redezeit. Wir describierten in Tab. 1 im Allgemeinen nur die initialen, aber die wichtigsten Worte des Patienten, um den Beratungsanlass deutlich zu machen. Die durchschnittliche Zeit, bis der Patient eine Gesprächsübernahme durch den Arzt signalisierte, lag bei 1 min. 43 s (103 s; Standardabweichung [s]: 87,9). Die 10 Frauen (120 s; [s]: 101,7) sprachen im Durchschnitt länger als die 10 Männer (86 s; [s]: 73,0). Die fünf Patienten mit den offensichtlich psychischen Problemen (P1, P4, P5, P17, P20) sprachen einleitend sehr lang (im Durchschnitt 206 s; [s]: 75,5), bis der Arzt konsultativ übernehmen sollte; die rein somatischen Erkrankten beschränkten sich auf 68 s [s]: 61,7. ¾ltere Patienten (über 50 J.) redeten initial länger (170 s; [s]: 139,1) als jüngere (86 s; [s]: 75,5). Patienten mit psychosomatischem Beratungsanlass (Burnout Syndrom, familiäre Konfliktsituation, Beziehungskrise, posttraumatische Belastungsstörung usw.) hatten eine Durchschnittszeit von 206 s gegenüber den rein somatischen Beschwerdeschilderungen (Lebensmittelvergiftung, grippaler Infekt, Gastroenteritis, Otitis media u. ¾.) von 68 s Das bedeutet, dass das Redebedürfnis mit dem Alter der Menschen zunimmt, aber auch psychiatrische Beschwerden aufgrund ihrer Komplexität mehr Zeit in Anspruch nehmen als körperliche Probleme. Dies scheint plausibel zu sein. Eingeschränkt wird die Aussagekraft unserer Studie durch niedrige Fallzahlen; jedoch ist ein Trend erkennbar, so wie er in der realen Situation in den Praxen und Kliniken der oben genannten Studien [2, 4, 6, 7] abzeichnete. Eine spätere, fallzahlmäûig gröûere Studie mit weiteren Patientendaten könnte mehr Hinweise liefern. Es sollte beachtet werden, dass es bei der vorliegenden Untersuchung nicht um die zeitlich Dauer der Gesamtkonsultation ging, wie in einigen europäischen Studien [1, 5, 8] eruiert, sondern um die (theoretische) initiale Redezeit der Patienten. nnn Schlussfolgerung In der Regel dürfte die Angst unbegründet sein, dass Hausärzte von den Klagen ihrer Patienten zeitlich ¹erdrücktª werden, wenn sie so lange zuhören, bis der Patient mit der ¹Beschwerdelisteª fertig ist bzw. einen Unterbrechungsversuch erkennen lässt. Schlieûlich benötigt der Durchschnittspatient nicht all zu lange für seine ersten Schilderungen. Dass einige Patienten deutlich länger sprachen, war entweder durch ihr komplexes Beschwerdebild bedingt oder direkt Ausdruck des Beratungsanlasses. Selbst in Praxen, die sehr zeitökonomisch arbeiten wollen bzw. müssen, sollte es möglich sein, dem Patienten zu Beginn 2 min. ohne Unterbrechung zuzuhören. Diskussion In einer groû angelegten klinischen Studie [4] in den USA und in Kanada mit 264 Arzt-Patienten-Interviews sprach ein Patient initial im Durchschnitt 22 s Unsere Studie mit einer durchschnittlich initialen Redezeit der Patienten von 103 s bestätigte eine Schweizer Studie [6] mit 92 s und die Ergebnisse aus einer neurologischen Praxisstudie in den USA [2] mit 100 s Möglicherweise gibt dagegen die Studie aus den USA [4] mit einer durchschnittlichen Redezeit der Patienten von 22 s den Alltag insoweit wieder, als häufig in Praxen und Krankenhäusern Patienten nach kurzer Redezeit unterbrochen werden. Gesprächstherapeutisch ausgebildete ¾rzte lieûen Patienten häufiger zu Ende sprechen (44 % gegenüber 22 %). In einer Studie von Beckmann und Frankel [7] konnten Patienten in nur 23 % der Gespräche ihre Ausführungen ohne Unterbrechung beenden. Die erste Unterbrechung durch den Arzt erfolgte hier bereits nach durchschnittlich 18 s Damit es keine Konflikte mit dem Terminplan der ¾rzte gab, wurde in der Basler Studie [6] spätestens dann eingegriffen, wenn ein Patient länger als 5 min. redete. Allerdings sprachen dort überhaupt nur 7 von 330 länger als 2 min. In unserer Studie sprachen 9 Patienten länger als 2 min. In allen Fällen hatten wir den Eindruck, dass die Patienten wichtige Informationen lieferten und man sie dabei nicht unterbrechen durfte. Im Vergleich zu den anderen Untersuchungen haben wir in unserer Studie auch auf Patiententyp und Beratungsanlass Bezug genommen. Alter und Geschlecht hatten interessanterweise einen gewissen Einfluss auf die spontane Redezeit: ¾ltere Patienten über 50 J. redeten deutlich länger (170 s) als Jüngere (96 s). Da allerdings die Gruppe der älteren Patienten sehr klein war und die Werte stark streuten, sollte dieser Unterschied nicht überbewertet und ggf. in einer weiteren Untersuchung abgesichert werden. 3 Danksagung Für die kritische Durchsicht danke ich sehr herzlich Herrn Priv.Doz. Dr. W. Himmel von der Abteilung Allgemeinmedizin der Georg-August-Universität Göttingen. Tatkräftig unterstützt haben mich auch Tina Barth, Arztfachhelferin, sowie meine Frau Brigitte bei der Auswertung der Studie. Literatur 1 Beckmann HB, Frankel RM. The effect of physician behavior on the collection of data. Ann Intern Med 1984; 101: 692 ± 696 2 Blau JN. Time to let the patient speak. BMJ 1989; 298: 39 3 Cape J. Consultation length, patient-estimated consultation length, and satisfaction with the consultation. Br J Gen Pract 2002; 52: 1004 ± 1006 4 Deveugele M, Derese A, van den Brink-Muinen A, Bensing J, De Maeseneer J. Consultation length in general practice: cross sectional study in six European countries. BMJ 2002; 325: 472 5 Langewitz W, Denz M, Keller A, Kiss A, Rüttimann S, Wössmer B. Spontaneous talking time at start of consultation in outpatient clinic: cohort study. BMJ 2002; 325: 682 ± 683 Stunder WA. Spontane Redezeit von ¼ Z Allg Med 2004; 80: 1 ± 4 ZfA 2004 \"029\", 16.1.04/dk köthen GmbH Marvel MK, Epstein RM, Flowers K, Beckman HB. Soliciting the patient\'s agenda: have we improved? JAMA 1999; 281: 283 ± 287 7 Roger CR. Die klientbezogene Gesprächstherapie. Kindler, München 1973 8 Wilson A, Childs S. The relationship between consultation length, process and outcomes in general practice: a systematic review. Br J Gen Pract 2002; 52: 1012 ± 1020 6 Zur Person Dr. med. Wolfgang A. Stunder Facharzt für Allgemeinmedizin Psychotherapie ± Notfallmedizin Landärztliche Gemeinschaftspraxis mit Ehefrau Brigitte seit 1989. Akademische Lehrpraxis der Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkte: Psychosomatische Grundversorgung Moderatorenfunktion Qualitätszirkel- und Netzarbeit (MQN-K) nnn 4 Stunder WA. Spontane Redezeit von ¼ Z Allg Med 2004; 80: 1 ± 4


(Stand: 02.02.2004)

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