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Das Kompendium der Psychsomatischen Medizin und Psychotherapie

Klußmann R, Nickel M. Psychosomatische Medizin und Psychotherapie – Ein Kompendium für alle medizinischen Teilbereiche. Springer Wien, New York 2009. 6. erw. und korr. Aufl., 608 S., geb. ISBN 978-3-211-75682-9. 49,95 Euro

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Dankwart Mattke

Etwa ein Drittel aller Patienten, die eine ärztliche Sprechstunde, insbesondere diejenige des Facharztes für Allgemeinmedizin, aufsuchen, weisen somatoforme Störungen auf. Die Zahlen schwanken je nach Untersucher, sind jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt. Der Umgang mit diesen Patienten ist oft nicht leicht, sie fühlen sich schnell unverstanden. Der Arzt ist oft unzufrieden, weil er die Erwartungen dieser Patienten kaum erfüllen kann. Die Beziehung zwischen ihm und seinen Patienten wird auf eine harte Probe gestellt. Das Buch von Klußmann und Nickel gibt einen Überblick über das immer noch vernachlässigte Fach der Psychosomatik und bietet sich als Hilfe an, die psychogenen Hintergründe einer Erkrankung leichter zu erfassen und damit den Patienten besser zu verstehen. Die Autoren stehen damit in der großen Tradition der Schule um Thure von Uexküll, die für die Psychosomatische Medizin in Deutschland wegbereitend war und mit ihren Modellen ärztlichen Denkens und Handelns auch international Anerkennung gefunden hat.

Im Vorwort zur 1. Auflage des vorliegendes Buches geht Klußmann auf den Anlass zur Publikation ein: Sie sei entstanden aus Skriptvorlagen zu seinen psychosomatischen Vorlesungen, wobei er seine theoretischen Darlegungen mit Krankengeschichten aus seiner psychosomatischen Ambulanz untermauerte und die Zusammenhänge erläuterte. Er betonte dabei, dass er den somatischen Aspekt einer Krankheit in seinen Darlegungen vernachlässigen würde, weil es den Umfang des Buches bei Weitem überschreiten würde. Es sei jedoch nötig, stets ein Buch des speziellen Fachgebietes der „Organmedizin“ zu befragen, um nicht einer einseitigen Psychologisierung der Medizin zu verfallen. Klußmann geht von einer integrierten Sichtweise der Psychosomatik aus, die die seelischen wie die körperlichen Teilaspekte einer Krankheit in gleicher Gewichtung zuordnet.

Die lange Liste der erwähnten Krankheitsbilder zeigt auf, wie breit gefächert psychosomatisches Denken in die Medizin Eingang gefunden hat. Kaum ein Fachgebiet der Medizin, das mit Patienten zu tun hat, wird ausgeschlossen. Behandelt werden zahlreiche Krankheiten aus dem Bereich der Inneren Medizin mit ihren Herz-Kreislauf-, gastroenterologischen, respiratorischen, rheumatischen und schmerzbedingten, hormonellen- und Stoffwechselerkrankungen bis zu Fragen der Sucht, des Alkoholismus, der Hypochondrie und sexuellen Störungen. Neurologische Krankheitsbilder mit Kopfschmerzen, Migräne, Trigeminusneuralgie u. a. mehr schließen sich an. Die weiten Felder der Dermatologie, der Pädiatrie, der Gynäkologie folgen und werden ergänzt durch Krankheitsbilder in der Chirurgie, der Orthopädie, der Urologie, der Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Aber auch die überwiegend psychogen sich anbietenden Krankheitsbilder wie der Angst, der Depression, der Borderline-Störung u.a.m. finden eingehend Berücksichtigung.

Um den psychogenen Anteil von Krankheiten zu verstehen, fassen die Autoren Basiswissen zusammen. Dabei sind Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften einschließlich des Stress, der Psychoneuroimmunologie und der Säuglingsforschung beschrieben. Psychosomatische Grundvorstellungen insbesondere mit psychodynamischem Hintergrund, aber auch die Lerntheorie finden Berücksichtigung. Das diagnostische Vorgehen und die Arzt-Patienten-Beziehung finden ebenso breiten Raum wie die Auswahl der zahlreichen Behandlungsformen in der Psychosomatischen Medizin. Die Literatur der naturwissenschaftlich-psychologischen Untersuchungen ist am Ende eines jeden Kapitels aufgeführt.

Erwähnt sei der Anhang des Buches, in dem Aus-, Weiter- und Fortbildungsfragen angesprochen werden, auf Basis- und weiterführende Literatur hingewiesen wird und für den eher unkundigen, aber interessierten Leser ein Glossar angefügt ist. Neben dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis erleichtert das Sachverzeichnis eine schnelle Orientierung zum Auffinden einzelner Krankheitsbilder. Einführende und weiterführende (Basis-) Literatur ist übersichtlich gegliedert.

Durch die Kombination von tabellarischer Übersicht und praxisbezogener Fallschilderung gewinnt das Buch großen Wert für den Arzt, der sich rasch orientieren möchte, ob und inwieweit die Beschwerden seines Patienten in ein psychosomatisches Gesamtgefüge einzuordnen sind und damit die Behandlungsstrategien entsprechend überdacht, gegebenenfalls ergänzt werden sollten. Damit wird das Buch zu einem Nachschlagewerk für den Arzt. Der (ärztliche wie psychologische) Psychotherapeut und der Psychologe werden in ihren (psychotherapeutischen) Behandlungen immer wieder mit Körperreaktionen ihrer Klienten konfrontiert, die er mithilfe des Buches besser zuordnen und berücksichtigen kann. Angehörige aller Berufssparten im sozialen Bereich werden aus diesem Grund von dem Buch profitieren: Wissen sie um den Hintergrund einer Erkrankung, erleichtert es ihnen das Verständnis des kranken Menschen. Hinzu kommt, dass „der Körper weiser ist als die Seele“, wie Viktor von Weizsäcker sich einmal ausdrückte.

Wenn das Werk auch über einen langen Zeitraum als Lehrbuch galt, so scheint es mir eher als Nachschlagekompendium für die genannten Berufsgruppen, insbesondere für den Allgemeinarzt, geeignet zu sein. Die Tabellen könnten verwirrend sein, zu plakativen Fehlschlüssen führen und einem inneren Verständnis psychodynamischer Vorgänge im Weg stehen. Ein weiteres Problem liegt darin, dass sich die Psychosomatik in den letzten beiden Jahrzehnten in einer Weise weiterentwickelt hat, dass das erworbene Wissen (fast) nur in Form von speziellen Sachbüchern weitergegeben werden kann. Diagnostik und Behandlung der Borderline-Störungen etwa, die Essstörungen, das chronische Schmerzsyndrom, die Persönlichkeits- und Zwangsstörungen haben sich in einer Weise verfeinert, dass spezielle eingehende Beschreibungen notwendig geworden sind. Diese allerdings sind im Wesentlichen Fachleuten vorbehalten, die sich in spezifischer Weise mit den Problembereichen auseinandersetzen (müssen).

Diese Einschränkungen begrenzen jedoch nicht den Wert des vorliegenden Buches. Es ist gedacht als Übersichts- und Nachschlagewerk für „alle medizinischen Teilbereiche" und enthält damit einen Überblick über die Forschungsaktivitäten und die Verbreitung psychosomatischen Wissens in allen Bereichen der Medizin. Es ist das Verdienst der Autoren, mithilfe ihres integrierten Denkens das kompakte Wissen der Psychosomatik zwischen zwei Buchdeckel zu bringen und dem Leser, dem Arzt, dem Psychologen, dem Psychotherapeuten, dem Sozialarbeiter und den im ärztlichen Bereich Tätigen, aber auch dem einen oder anderen interessierten Laien die Möglichkeit yu geben, ein bestimmtes Beschwerdebild auch in seiner psychischen Dimension beurteilen und damit den Patienten besser verstehen zu können. Ich wünsche dem vorliegenden psychosomatischen Kompendium eine weite Verbreitung.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Dankwart Mattke

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychosomatische Medizin

Josephinenstr. 17

81479 München

E-Mail: djmattke@web.de


(Stand: 18.10.2010)

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