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Rabady S. Die Wahrheit – nur eine Tochter der Zeit? Editorial. Z Allg Med 2013; 89: 481

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Leserbrief von Prof. Dr. Erika Baum

S1 Leitlinien sind nicht unbedingt aktueller als deutsche S3-Leitlinien oder die Online-Ausgabe der EbM-Guidelines. Erstere sind sicher unschlagbar, wenn es um ganz neue und nicht gut voraussehbare Entwicklungen geht. Ansonsten aber ist ihr Entwicklungsprozess intransparent, es geht ihnen in der Regel keine systematische Literaturrecherche voraus und es fehlt auch meist das kritische Review durch andere Fachgruppen. Letztlich beziehen sie sich meist auf ausländische Leitlinien, die notwendigerweise nicht mehr tagesaktuell sein können. Auch bei den EbM-Guidelines bleibt oft unklar, inwieweit Allgemeinmediziner hier wirklich die Aussagen im Detail nachvollziehen und kritisch hinterfragen sowie an die deutschen Versorgungsbedingungen adaptieren konnten.

Die S3-Leitliniengruppen in Deutschland sind dagegen mit ihrem Thema meist kontinuierlich befasst und können somit Entwicklungen frühzeitig und oft sehr zutreffend einschätzen. Ich erinnere hier nur an die Diskussion zur Vitamin D- und Kalziumsupplementierung, die wir bereits bei der Leitlinie 2009 so bewertet haben, wie es inzwischen auch durch Metaanalysen und weitere Studien unterstützt wird. Es gibt daher für mich keine Alternative zu dem mühsamen Weg der Erarbeitung von S3-Leitlinien. Die S1-Handlungsempfehlungen und andere Werke sind Lückenfüller – nicht mehr und nicht weniger.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Erika Baum

Abt. für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin

Philipps-Universität Marburg

Karl-von-Frisch-Straße 4, 35043 Marburg

Tel.: 06421 28–65120

baum064092007@t-online.de

Antwort von Dr. Susanne Rabady

Offenbar habe ich ungenau formuliert. Einen grundsätzlichen Antagonismus zwischen S3-Leitlinien und anderen Formen von Praxisempfehlungen (z.B. S1) kann ich nicht erkennen und wollte ich auch nicht konstruieren. Ich befinde mich hauptberuflich auf der Anwenderseite, nebenberuflich befasse ich mich seit vielen Jahren mit dem Transfer von (möglichst gesichertem) Wissen in die Praxis. S3-Leitlinien, die aus oder mit dem Blickwinkel der eigenen Profession in Sorgfalt und Unabhängigkeit entwickelt werden, sind prinzipiell das Optimum, und ich möchte sie nicht missen. Aber sie sind nicht ausreichend, um alle Anforderungen zu erfüllen, die die tägliche hausärztliche Praxis an „guidance“ stellt – das wollte ich zeigen, und nichts anderes.

Weniger aufwendig hergestellte Leitlinien und Empfehlungen sind sicherlich Lückenfüller – aber keine Lückenbüßer. Wir brauchen sie in der täglichen Praxis, denn S3-Leitlinien können das Spektrum an Fragestellungen dort nicht abdecken; zudem gibt es nicht immer S3-Leitlinien in der Landessprache. Mit anderen Worten: Es braucht beides.

Darüber hinaus schließlich ist der Transfer hochwertiger Leitlinien in die Praxis bei weitem noch nicht geglückt. Dies lässt sich auch nicht nur einer gewissen Resistenz auf Kollegenseite zurechnen – an einer kreativen Erweiterung der Methodik zu diesem Transfer wird meines Erachtens kein Weg vorbei führen.

Bei aller berechtigten Kritik an der Unvollkommenheit von Guidelines und S1-Leitlinien ist es, so meine ich, an der Zeit, gemeinsam unter Schonung unserer knappen Ressourcen und mit einem gewissen Pragmatismus mit einem Mix von orientierungsgebenden Hilfen zu arbeiten, die den Transfer erleichtern und dem praktisch tätigen Hausarzt in der täglichen Patientenversorgung helfen.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Susanne Rabady

Ärztin für Allgemeinmedizin

Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Landstrasse 2

A-3841 Windigsteig

susanne.rabady@gmail.com


(Stand: 17.02.2014)

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