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Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft

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Ottomar Bahrs

Familienmedizin ist zentraler Bestandteil von Hausarztmedizin und zugleich disziplinübergreifend zu denken: Dies dokumentiert der Sammelband zu familienmedizinischen Perspektiven in der hausärztlichen Versorgung. Interdisziplinär ist auch das Herausgeberteam selbst: Vera Kalitzkus ist als Medizinethnologin praxisbegleitend tätig in allgemeinmedizinischen, medizinsoziologischen und -ethischen Forschungsprojekten, und Stefan Wilm zugleich Leiter des Instituts für Allgemein- und Familienmedizin der Universität Düsseldorf und langjähriger Hausarzt, Gerontologe und Psychotherapeut. Ihr Tagungsband bündelt Beiträge eines 2011 durchgeführten Symposiums und die Expertenschaft von 41 Autoren, die familienmedizinische Aspekte aus ärztlicher Sicht (Allgemein-/Kinderärzte, Öffentlicher Gesundheitsdienst) bzw. unter sozial-, gesundheits- und pflegewissenschaftlichen Gesichtspunkten darlegen.

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert. Ferdinand Gerlach bietet in seiner Doppelfunktion als Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) und der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) eine gesundheitspolitische Rahmung. Er verweist auf die Notwendigkeit einer veränderten Gesamtperspektive im Gesundheitssystem, die mit den Stichworten zentrale Funktion der Primärmedizin, Interprofessionalität und proaktive, sektorenübergreifende Patientenversorgung zu umschreiben ist. Weil die Bindungskraft familialer sozialer Unterstützungssysteme bei Patienten und Ärzten abnimmt, steht einem Mehr an Hilfebedarf ein Weniger an (ärztlichen) Ressourcen entgegen, die durch verbesserte Organisation und hilfreiche berufsübergreifende Teams aufgefangen werden soll.

Im zweiten Kapitel geht es um Konzepte von Gesundheit und Krankheit. Der Pädiater Torsten Langer zeigt, dass Mütter dem Fieber ihrer Kinder vor dem Hintergrund von Kultur und sozialer Lage unterschiedliche Bedeutung geben und entsprechend verschieden damit umgehen. Solcherart subjektive Krankheitstheorien werden familial vermittelt und faktisch wirksam. Silke Brockmann und Anja Wollny weisen nach, dass subjektive Krankheitstheorien auch das Handeln von (Allgemein-)Medizinern prägen und ggf. stärker wiegen als das professionelle Wissen. Umso wichtiger ist der Hinweis von Achim Mortsiefer, dass gut jeder zweite Arzt gleichsam selbstverständlich eigene Familienangehörige behandelt, was mit Rollenkonfusion und emotionaler Verstrickung einhergehen kann. Das Thema verdient m. E. weitere Aufmerksamkeit.

Kapitel 3 richtet einen systemischen Blick auf Familiengesundheit. Bruno Hildenbrand und Vera Kalitzkus rekonstruieren, wie das soziale Milieu vermittelt über die familiale Konstellation Formen des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit nahelegt, die für Hausärzte in biografischer Perspektive nachvollziehbar werden. Gernot Rüter dokumentiert, wie er als Arzt zentraler Ansprechpartner in familialen Krisen eines weiten Familienverbandes war und, z. T. ohne es zu wissen, wirksam wurde. Jürgen Collatz macht am Beispiel Mütter- (und Kinder-) Gesundheit auf Zusammenhänge von sozialer Lage, verfügbaren Unterstützungssystemen und deren Interiorisierung im Rahmen der Familie aufmerksam. Weil Unterstützung nicht bedarfsentsprechend nachgefragt wird, braucht es mehr aufsuchende Hilfen – und Hausärzte, die sich entwickelnde Problemlagen frühzeitig identifizieren und Hilfsnetze knüpfen. Dies gilt analog für pflegende Angehörige, wie Elisabeth Gummersbach ausführt. Wo deren Kräfte nicht mehr ausreichen, können polnische Pflegekräfte in die sich gleichsam erweiternde Familie eintreten. Wie diese „Wahlverwandten“ die Situation sehen, zeigt Helene Ignatzi mit ihrem hochinteressanten Beitrag.

Kapitel 4 widmet sich der Kinder- und Jugendgesundheit. Bernd Hemming verdeutlicht, dass es der Bestärkung junger Familien bedarf, um einer Medikalisierung entgegenzuwirken. Dass berufsübergreifende Vernetzung für die soziale und gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hilfreich ist, zeigt Elke Jäger-Roman am Beispiel Schwedens. In Deutschland gibt es Nachholbedarf, aber auch vielversprechende Initiativen. Lisa Degener regt an, dass Hausärzte lokale Netzwerke initiieren, und Susanne Klammer stellt die aufsuchende Elternarbeit des Öffentlichen Gesundheitsdienstes Dortmunds vor.

Kapitel 5 fasst unter der Überschrift „Weitere Einblicke in die Praxis“ sehr Unterschiedliches zusammen. Susanne Heim beschreibt, wie präventive Hausbesuche über den Zugang via Krankenkasse bzw. Hausarzt unterschiedliche Gruppen, Risiken und Bedarfe „auswählen“. Horst Christian Vollmar skizziert am Beispiel der Demenz, wie sich mithilfe der Szenario-Methode für Betroffene, Professionelle, Verantwortungsträger und Zivilbevölkerung aus unterschiedlichen Zukunftsentwürfen spezifische Handlungsaufträge ableiten lassen – ein methodisch und politisch hochinteressanter Beitrag. Markus Herrmann beschreibt am Beispiel Brasiliens, wie Familienmedizin im Rahmen einer Gemeindeorientierung zum Teil eines Systems der Gesundheitsförderung wird.

Den Herausgebern zufolge ist Familienmedizin in Deutschland im internationalen Vergleich wenig entwickelt. Ihre sorgfältig editierten praktischen Beispiele und Denkanstöße sind ein ermutigender Anfang, der Möglichkeit und Notwendigkeit der Professionsentwicklung aufzeigt. Unausgesprochen wird deutlich, dass der Hausarztmedizin ein Begriff der Familie als eines Systems noch fehlt. Der Arzt antwortet auf Aufträge einzelner, ohne sich der Rolle gewärtig zu sein, die dies – und damit auch er selbst – für das System Familie insgesamt bedeutet. Gewünscht hätte ich mir, dass die professionelle Gestaltung der Subjektivität des Arztes unter den Aspekten von Ressourcen und Risiken stärker thematisiert worden wäre. Gerade weil Beziehungen flüchtiger werden, wird (auch professionelle) Beziehungsarbeit noch bedeutsamer und ist nicht durch organisatorische Lösungen kompensierbar.

Vera Kalitzkus und Stefan Wilm (Hrsg.)

Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft

Düsseldorf University Press, Düsseldorf 2013

354 Seiten, Softcover

ISBN: 978–3–943460–44–5

Preis: 39,80 €

Korrespondenzadresse

Dr. Dipl.-Sozialwirt Ottomar Bahrs

Abteilung Medizinische Psychologie und

Medizinische Soziologie

Universitätsmedizin Göttingen

Waldweg 37a, 37073 Göttingen

Tel.: 0551 398195

obahrs@gwdg.de


(Stand: 08.05.2015)

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