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Das deutsche Gesundheitssystem

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Heinz Harald Abholz

Uns Medizinern wird immer nachgesagt, nichts vom Gesundheitssystem, in dem wir arbeiten, zu verstehen. Aber wir sind „unschuldig“ – es gibt kein Buch, in dem wir etwas darüber nachlesen könnten. Die Lehrbücher der Sozialmedizin, von Public Health oder Medizinischer Soziologie, sie alle bieten nur sehr kursive Texte, die nicht wirklich zum Verständnis beitragen können.

Ich selbst habe das System erst durch meine Tätigkeit als Beratender Arzt einer Krankenkasse von 1986 bis 2000 langsam, von Mal zu Mal, durch das „Darin-sein“ verstanden. Auch die „Kassenleute“ und die der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hatten nichts zum Nachlesen anzubieten – man musste es anhand der Dinge, bei denen man beteiligt war, erfahren, wie es läuft und durch wen und warum beeinflusst.

Inzwischen sind Bücher auf den Markt gekommen, die es – so dachte ich – erleichtern, das System zu verstehen. Beide sind zu anderen Zwecken als dem einer didaktischen Darstellung für den Laien entstanden. Das eine (Busse et al. 2013) ist die Kurzversion eines Berichtes für eine Europäische Institution; das andere (Fleischhauer 2014) entspricht der Durchdringung von Norm- und Rechtsfragen durch einen emeritierten Anatomen – es ist aber dabei nicht zum didaktischen Werk für den Laien geworden.

Beide Bücher sind dennoch auch für Laien mit Gewinn lesbar – wenn man sie auch nicht in einem Satz durchlesen kann, sondern nur häppchenweise.

Das Buch von Busse et al. betont die Strukturen des Systems – wenn auch in nicht leicht zugänglicher und nur in sehr formaler Weise (teilweise mit Verwirrung stiftenden Abbildungen, in denen alles mit allem zusammenhängt). Zudem ist es voll von Zahlen zum System – meist auch im Vergleich zum europäischen Ausland. Damit ist es zwar ein gutes Nachschlagewerk – es interessiert aber wieder nicht den „normalen Arzt“. Die historische Entwicklung der letzten 20 Jahre ist ebenfalls dargestellt, wenn auch sehr formal und damit wenig analytisch in Bezug auf die politische Werte-Entwicklung oder gar Interessen im Hintergrund.

Das Buch von Fleischhauer lässt sich vom Laien nur lesen, wenn er Textstellen überspringt: Denn gesetzliche Normgebung etc. steht nicht im Zentrum unseres Interesses. Und auch rechtliche Widersprüche, die auf eine höchstrichterliche Klärung warten, sind nicht das, was wir erfahren wollen. Und dennoch werden bei derartigen Darstellungen die Institutionen des Systems und die Interaktionen der Akteure deutlicher als im Werk von Busse et al. Insbesondere im langen Kapitel „Diskussion“ (43 Seiten) wird durch den Bezug auf grundsätzliche Rechtsprobleme und die rechtliche Darstellung (wie und mit welcher Begründung Gerichte Klagen von Einzelpersonen und Institutionen bearbeitet und entschieden haben) sehr viel von der Interessengeleitetheit der Akteure deutlich.

Zudem wird bei Fleischhauer wirklich die „Einmaligkeit“ des deutschen Systems deutlich, die ja im Aushandeln zwischen Partnern mit finanziell konträren Interessen stattfindet (bei bisher wenigen, aber nun doch zunehmend mehr Eingriffen des Staates bzw. der staatlichen Delegation von Aufgaben an quasi öffentlich-rechtliche Institutionen wie dem GBA, dem IQWiG, AQUA, aber auch faktisch selbst den Spitzenverband Bund).

Dies alles ist spannend in laienverständlicher Darstellung geschrieben. Man lernt durch die Darstellung der gerichtlichen Argumentation das System kennen – weit über die reine Beschreibung von Strukturen hinaus. Damit wird im Buch von Fleischhauer sehr viel mehr von der „Wahrheit“ hinter der Form/Struktur des Systems deutlich als im Buch von Busse et al.

Beide Bücher sind definitiv keine guten Bücher für denjenigen, der das System wirklich verstehen lernen möchte. Aber das Buch von Fleischhauer entpuppte sich für mich als das, was ich meinen Kollegen eher empfehlen möchte, weil man das Wichtigste zu den Institutionen und Akteuren, aber eben auch die Wahrheit hinter der Form, erfährt. Man muss allerdings über die sehr juristischen Teile einfach hinweg lesen.

Reinhard Busse, Miriam Blümel, Diana Ognyanova

Das deutsche Gesundheitssystem

Akteure, Daten, Analysen

Medizinische Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2013

Kart., 302 Seiten, 26 S/W-Abbildungen, 39 Tabellen

ISBN: 978–3–939069–97–3

Preis: 39,95 Euro

Kurt Fleischhauer

Die Regulierung der medizinischen Versorgung in Deutschland

Normensetzung und Normen in der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung. Eine Einführung

LIT Verlag, Berlin 2014

Kart. broschiert, 248 Seiten

ISBN: 978–3–643–12572–9

34,90 Euro

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Heinz-Harald Abholz

Inst. für Allgemeinmedizin (Emeritus)

Heinrich-Heine-Universität

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

abholz@med.uni-duesseldorf.de


(Stand: 19.02.2015)

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