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Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität

DOI: 10.3238/zfa.2015.0089-0090

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Joachim Seffrin

Der Titel verspricht nicht zu viel – das Buch hat mehr mit Kriminalität als mit einem Krimi zu tun. Es ist auch keine Lektüre, um die Stimmung des Lesers zu verbessern. Im Gegenteil: Die Fakten (Verbrechen größten Ausmaßes), die Gøtzsche hier offenbart, sind tatsächlich erschütternd. Wer bisher noch Vertrauen in die Pharmaindustrie, den Staat mit seinen zuständigen Behörden und andere Beteiligte hatte (u.a. Ärzte) könnte nach dem Lesen des Buches in eine Vertrauenskrise stürzen.

Das Bild, das vermutlich viele Menschen, dabei wohl auch Ärzte, von der Pharmaindustrie haben – hohe Ethik, Schutz der Schwachen und Kranken, Vertrauenswürdigkeit, Hilfe in Not und andere positive Assoziationen – wird durch die Fakten grausam zerstört. Denn Gøtzsche beschreibt Verbrechen unermesslicher Dimensionen, Intrigen, Bestechung und systematische Fehlinformation über viele Jahrzehnte hinweg. Auch die wiederholten Aussagen der Täter, dies sei alles Vergangenheit und jetzt sei alles besser, widerlegt er durch ebenso vielfältige Beispiele aus der jüngsten Zeit.

Seitenweise nennt er Namen von Verantwortlichen, zählt Daten auf, führt Belege und Quellen an und, welch Wunder, das Buch ist weiterhin auf dem Markt. Dabei ist bekannt, dass die Pharmaindustrie gerne und sehr schnell die voll besetzten juristischen Abteilungen ihrer Konzerne in Aktion setzt, wenn sie auch nur eine Chance sieht, missliebige Informanten mundtot zu machen.

Gøtzsche führt viele Substanzen und Beispiele unter anderem mit Todesfolge an. Nur wenige Beispiele:

  • Blocker der 5-HT3-Rezeptoren (Serotonin-Rezeptoren) wie Ondansetron oder Granisetron: Noch relativ harmlos nehmen sich die Studien über diese Medikamente gegen Erbrechen aus, bei denen über 100.000 Patienten teilnahmen. Bei einem besonders fleißigen Autor, der 172 Studien geleitet hatte, stellte sich heraus, dass die Daten fingiert waren. Nach insgesamt über 700 Studien und rund 100.000 Patienten sah sich die Cochrane Collaboration außerstande, eine Schlussfolgerung über die Wirksamkeit der extrem teuer verkauften Wirkstoffe zu ziehen.
  • Celecoxib: Der beratende Ausschuss der FDA kam zum Schluss, dass Celecoxib gegenüber den alten billigeren NSAR keinen Vorteil bot, was die Verringerung von Komplikationen durch Magengeschwüre betraf. Pfizer hat dänische Ärzte später darüber informiert, dass weltweit mehr als 50 Millionen Menschen mit Celecoxib behandelt und in klinischen Studien (angeblich) keine Hinweise gefunden worden seien, dass der Wirkstoff das Risiko für kardiovaskuläre Nebenwirkungen erhöhe. Der Autor kommt auf einen Zoll von ca. 75.000 Toten, wenn er die Nebenwirkungsrate mit Rofecoxib vergleicht.
  • Olanzapin: Nach Gøtzsches Schätzung hat das Präparat bis zum Jahr 2007 wahrscheinlich rund 200.000 Menschen auf der ganzen Welt das Leben gekostet und wird das auch weiterhin tun.

Gøtzsche beklagt die systematische Zerstörung der Wahrheit durch verbogene Studien, verschwiegene Daten, gekaufte Wissenschaftler und bestochene Behördenmitarbeiter – verantwortlich für den Tod unzähliger Menschen. Er schreibt wörtlich „Wir können den Studien der Industrie nicht trauen“. Beweise für seine Angaben sind unter anderem Gerichtsverfahren und -urteile mit zum Teil milliardenhohen Geldstrafen für die Konzerne. Als vor Jahren die evidenzbasierte Medizin (EbM) aufkam, hatten wir die berechtigte Hoffnung, unsere medizinischen Entscheidungen auf ein solides wissenschaftliches Fundament stellen zu können. Diese Hoffnungen müssen wir vielleicht dämpfen, wenn wir bedenken, dass ein guter Teil der wissenschaftlichen Datenbasis bewusst verfälscht wurde.

Welchen Studien können wir Glauben schenken? Welche Studien sind möglicherweise durch Betrug in ihren Ergebnissen in das Gegenteil verwandelt worden? Haben die Aussagen von Leitlinien noch ihren Wert? Gøtzsche beschreibt in seinem Buch vielfältige Vorgänge, bei denen die Pharmaindustrie sich strikt geweigert hatte, ihre Forschungsergebnisse herauszugeben. Wenn z.B. im Rahmen von Gerichtsverfahren Daten herausgegeben werden mussten, fanden er wie auch andere Wissenschaftler immer wieder eklatante Betrügereien, die den Wert der Forschungsergebnisse vernichteten. Niemand weiß, wie viele Studien, die negative Ergebnisse über die Wirkungen eines Medikaments gefunden haben, zurückgehalten oder gar komplett beseitigt wurden. Dabei fühlen sich Behördenmitarbeiter bei EMA oder der FDA scheinbar als Vertreter der Industrie, indem sie die Herausgabe von Forschungsergebnissen an Wissenschaftler verweigern. Sie begründen dies regelmäßig mit angeblichen Geschäftsgeheimnissen der Unternehmer, die offensichtlich Vorrang vor dem Schutz von Gesundheit und Leben unserer Patienten haben.

Forscher, die die Wahrheit über schlecht wirksame oder gefährliche Medikamente verbreiten, müssen mit Verfolgung, Einschüchterung und Bedrohung bis zur Vernichtung ihrer beruflichen Existenz rechnen. Gøtzsche hält auch dazu eine Anzahl bedrückender Beispiele bereit. Zunächst machen die nicht enden wollenden Schilderungen der deprimierenden Fakten ratlos und beinahe hoffnungslos. Hier bekommt tatsächlich jeder sein Fett weg: nicht nur die Industrie, auch wir Ärzte, die Behörden und die ganz großen und bekannten Medizinjournale. Auch die „Zeitschrift für Allgemeinmedizin“ wird aufgeführt, als 2006 (damals noch bei Thieme verlegt) ein Artikel von zwei der Herausgeber wegen Missliebigkeit bei einem Konzern vom Verlag zurückgezogen und die Ausgabe des Monats August eingestampft wurde. Gravierender dürften aber die Verhaltensweisen der ganz großen Journale sein, die zu großen Teilen auch von den Annoncen und Sonderdrucken der Industrie leben und damit leicht von der Industrie erpresst werden können. Gøtzsche vergleicht die großen Pharmamultis mit der Mafia, wobei er der Mafia weniger Todesopfer zuordnet. Hier wie dort sei Kriminalität Grundlage des Geschäfts und der Arbeitsweise.

Welche Forderungen stellt Gøtzsche auf?

Klinische Studien gehörten nicht in die Hand der Pharmaindustrie, sondern in die öffentlicher Institutionen. Auch gäbe es durchaus Modelle, bei denen die Industrie die Forschung ohne Einfluss finanzieren könnte. Aber auch Pharmaforschung mit Steuermitteln wäre eine gute Investition in die Gesundheit der Bevölkerung. Klinische Studien sollten als öffentliche Aufgabe betrachtet werden, die so dem Wohl des Gemeinwesens dienen könnte und in den Händen unabhängiger akademischer Einrichtungen liegen sollte. Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie sei grundsätzlich in Ordnung, dürfe aber nicht durch finanzielle Zuwendungen korrumpiert sein. Vor allem aber müssten sämtliche Daten aller klinischen Studien der Öffentlichkeit zugänglich sein. Die aktuell geplanten Änderungen bei der EMA sind zu begrüßen, können jedoch nur ein Anfang sein. Mögliche Interessenkonflikte sind bekannt zu geben. Arzneimittelmarketing sei überflüssig, da die Qualität der Produkte für sich selbst sprechen sollte. Gøtzsche vergleicht die Werbung für Medikamente in ihrer Schädlichkeit mit der Tabakwerbung und fordert konsequent deren Verbot. So genannte Fortbildungen, die von der Industrie finanziert werden, sollten von der Ärzteschaft konsequent ignoriert werden.

Das Buch wendet sich auch an medizinische Laien, selbst wenn einige Begriffe nicht unbedingt für das Publikum verständlich sein mögen. Leider ist auch das sprachliche Niveau öfter nicht so, wie es wünschenswert wäre, was vermutlich der Übersetzung geschuldet ist. Dies tut jedoch dem Inhalt und der enormen Bedeutung dieses Buches keinen Abbruch. Einige der beschriebenen Probleme, Fakten und Skandale wurden übrigens schon von David Healy („Pharmageddon“, UPG 2012), von Ben Goldacre („Die Pharmalüge“, Kiepenheuer & Witsch 2013) oder im „Arzneimittelbrief“ (http://www.der-arzneimittelbrief.de) beschrieben. Aber eine derart ausführliche, systematische Zusammenstellung der Fakten wie die von Gøtzsche ist außerordentlich. Jeder aktive Arzt sollte Kenntnis davon haben.

In ganz besonderer Verantwortung steht aber die Politik, die die beschriebenen Probleme endlich auch zur Kenntnis nehmen und entsprechende gesetzliche Grundlagen schaffen sollte. Leider lässt auch hier der Drehtüreffekt (Politiker gehen zur Industrie, Industriemanager gehen zur Politik) Schlechtes erwarten.

Peter C. Gøtzsche

Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität

Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert

Riva-Verlag, München 2014

512 Seiten

ISBN 978–3868834383

24,99 Euro

Korrespondenzadresse

Dr. med. Joachim Seffrin

Facharzt für Allgemeinmedizin

Georgenstraße 13

64331 Weiterstadt

info@dr-seffrin.de

Facharzt für Allgemeinmedizin, Weiterstadt

DOI 10.3238/zfa.2015.0089–0090


(Stand: 19.02.2015)

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