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3 Fragen an ...Prof. Dr. Vittoria Braun

„Ich vermute, dass der Mauerfall gerade unserem Fach einen besonderen Schub gab“

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1. Welche Rolle messen Sie der DEGAM bei der Entwicklung der wissenschaftlichen Allgemeinmedizin in Deutschland bei und was sind aus Ihrer Sicht die Meilensteine der letzten 50 Jahre?

Ich erlebte die Allgemeinmedizin in Ost und West. In beiden Gesellschaften beobachtete ich wissenschaftliche Entwicklungsprozesse. In den 70er und 80er Jahren waren vor allem die Sektionen der Gesellschaft für Allgemeinmedizin der ehemaligen DDR wichtige Schmelztiegel, die die wissenschaftliche Herangehensweise in der Hausarztmedizin beförderten. Beispielhaft seien drei genannt: die Sektion „Aus-, Weiter- und Fortbildung“ unter Leitung von Hanno Grethe, der die hausärztliche Dispensaire-Betreuung definierte und u.a. interaktives Training der Weiterbildner initiierte, die Sektion „Arbeitsmethodik“ (Leitung Helmut Knoblauch), in der allgemeinmedizinische Arbeitsabläufe untersucht wurden und die Sektion „Information und Dokumentation“ (Leitung Andreas Hügel), die einen Speicher von ca. 24.000 Literaturquellen schuf, als Mikrofiches speicherte und den Berliner Hausärzten zur Verfügung stellte. In regionalen Arbeitsgruppen wurden Qualitätsstandards entwickelt.

In den alten Bundesländern entwickelte sich unter dem Einfluss von Michael M. Kochen ab Mitte der 80er Jahre die Zeitschrift für Allgemeinmedizin zu einem Journal, in dem zunehmend Allgemeinärzte über Praxisforschung publizierten. Er ist wohl derjenige, der der forschenden Allgemeinmedizin in Deutschland den Weg bereitete. Seine DEGAM-Benefits übermitteln bis heute vielbeschäftigten Hausärzten neue Studienergebnisse.

Ich vermute, dass der Mauerfall gerade unserem Fach einen besonderen Schub gab: Lehre und Forschung existierten im Westen an einigen Hochschulen, im Osten war die flächendeckende fünfjährige strukturierte Weiterbildung eine wichtige Voraussetzung für künftige wissenschaftliche Arbeit.

Von Bedeutung für die Entwicklung der Allgemeinmedizin im geeinten Deutschland war die Etablierung der Pflichtweiterbildung und des 240-Stunden-Kurses einschließlich seines Kursbuches (Günther Ollenschläger/Gernot Lorenz) als ein Meilenstein zur Verbesserung der Weiterbildung und der Kooperation mit den Kollegen der Spezialdisziplinen.

Weitere Meilensteine für die wissenschaftliche Entwicklung der Allgemeinmedizin sind die selbstständige Entwicklung der Leitlinien durch Allgemeinärzte, mit denen wir lernten, den Evidenzgrad von Diagnostik und Therapie einzuschätzen und die uns halfen, die Patientenversorgung effektiver zu gestalten; die Teilnahme mehrerer allgemeinmedizinischer Abteilungen an Kompetenznetzwerken, die vom BMBF finanziert wurden und zu wissenschaftlichem Aufschwung in diesen Institutionen führten; die Förderung von Lehr-und Forschungspraxen, durchgängige Evaluationen und Qualitätssicherung auf verschiedenen Ebenen, systematische Fehlerdiskussion und Gründung des Aktionsbündnisses zur Patientensicherheit (Ferdinand Gerlach), die Schaffung der Professionalisierungs- und Forschungskurse unter dem Dach der DEGAM, mit denen es gelang, methodisches Vorgehen und inhaltliche Fragestellungen zu präzisieren. Schließlich die Initiierung der Tage der Allgemeinmedizin an den Universitäten, bei denen auch medizinische Fachangestellte erfuhren, dass sinnvolle Patientenbetreuung nicht beliebig ist.

2. Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Allgemeinmedizin ein?

Die aktuelle Entwicklung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen ist im Vergleich zu vor 20 Jahren erfreulich, wenn auch weiter optimierungsbedürftig. Ihre Bedeutung für Lehre und Forschung wird zunehmend anerkannt und genutzt. Politiker erkennen die Wertigkeit der Allgemeinmedizin, wissen um ihren besonderen Einfluss auf den Zufriedenheitsgrad der Bevölkerung mit dem Gesundheitswesen und um ihre wissenschaftliche Potenz beispielsweise im Rahmen der Versorgungs- und Gesundheitssystemforschung. Dennoch ist die Zahl der Allgemeinärzte im Verhältnis zu den Spezialisten gesunken. Die Fehlverteilung der Ärzte macht das deutsche Gesundheitswesen zu einem der teuersten der Welt.

Die Allgemeinmedizin als niedrigschwelligste Schnittstelle von Gesundheitswesen und Gesellschaft wird am ehesten durch ihre Veränderungen beeinflusst. Hausärzte sind durch die jahrzehntelange Betreuung in die Biografien ihrer Patienten verwoben und erleben derzeit stressbedingte Symptome und Krankheiten sozusagen als Volkskrankheit, nach der WHO „eine der großen Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“. Die steigende Nutzung virtueller Medien der Menschen führt nicht selten zur Vereinsamung. Angemessene Gesprächskompetenz besteht bei vielen Kollegen nicht und sollte in Aus-, Weiter- und Fortbildung hergestellt werden. Das Augenmerk ist in diesem Kontext auf die Vermittlung salutogener Ressourcen zu legen.

Die Gegenwart der hausärztlichen Sprechstunde ist durch einen höheren Anteil hochbetagter und multimorbider Patienten gekennzeichnet; kontinuierliche Qualifikation in Kooperation mit Vertretern der pflegenden Berufe ist erforderlich. Zusätzlich ergibt sich derzeit die Notwendigkeit der angemessenen Versorgung der Flüchtlinge. Um die steigenden anspruchsvollen und umfassenden allgemeinmedizinischen Aufgaben zu schultern, ist dem Nachwuchsmangel verantwortungsvoll zu begegnen.

3. Was wünschen Sie sich für die Zukunft unseres Faches?

Auch wenn die Entwicklung des Gesundheitswesens in unserer Gesellschaft sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich durch finanzielle Überlegungen schwerwiegend beeinflusst ist, sollte es gelingen, in künftigen Ärzten besser als heute ab dem ersten Tag im Medizinstudium ethische Grundlagen und moralisches Selbstverständnis zu verankern. Das sollte sie befähigen, immer in erster Linie das Wohl des Patienten zu verfolgen und ihren Einsatz nicht primär von seinem Versicherungsstatus abhängig zu machen. IGeL-Leistungen sollten mehrheitlich der Vergangenheit angehören.

Weiter ist wünschenswert, dass Aus-und Weiterbildung in allen Bundesländern von vergleichbar guter Qualität stattfinden. In ihrer effektiven Verzahnung liegen ungenutzte Potenzen. Die flächendeckende Verbundweiterbildung, in der auch ambulante Fachgebiete wie Orthopädie, HNO und Psychiatrie angeboten werden, ist von erfahrenen und begeisternden Fachärzten für Allgemeinmedizin zu moderieren. An sogenannten Rückkehrtagen kann schon frühzeitig jungen Kollegen hausärztliche Identität vermittelt werden. Sie macht in hohem Maße Patienten- und Arztzufriedenheit wahrscheinlich.

Um die jetzige doppelte Fehlverteilung der Ärzte zu beenden und eine umfassende kostengünstigere patientengerechte Versorgung zu gewährleisten, ist baldmöglichst solchen bevölkerungsorientierten sektionsübergreifenden Teampraxen der Weg zu ebnen, wie sie zukunftsträchtig Ferdinand Gerlach vorschlägt.

Prof. Dr. med. Vittoria Braun

Foto: Barbara Braun


(Stand: 10.02.2016)

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