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FMX Family Medicine Experience – Jahrestagung der AAFP, Denver, USA, Oktober 2015

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Stefan Claus

Im Jahr 2015 lud die amerikanische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin AAFP (American Academy of Family Physicians) ihre Mitglieder für fünf Tage zum Jahreskongress nach Denver, am Fuße der Rocky Mountains ein. Erstmals wurde der Kongress nicht als Annual Scientific Assembly abgehalten, sondern unter dem neuen Namen FMX, Family Medicine Experience. Da ich bereits vor 3 Jahren über den AAFP-Kongress in Philadelphia berichtet hatte [1], war ich nun gespannt, was sich hinter dem neuen Kürzel verbergen würde.

In den Ankündigungen zum Kongress wurde ein interaktives Erlebnis mit mehr Flexibilität beschrieben. So wie die Medizin sollten sich auch die Lernformate weiter entwickeln. Im Vordergrund sollte ein stärkerer Praxisbezug mit Inhalten stehen, die sich direkt in die Patientenversorgung umsetzen lassen. Gleichzeitig sollte durch die Interaktion der Teilnehmer untereinander die Leidenschaft für unser Fach gestärkt werden. Wurden diese Ansprüche und Vorstellungen auch umgesetzt?

Das riesige Kongresszentrum befindet sich im Herzen von Denver und bot genügend Platz für die rund 5000 Teilnehmer. Denver lockte mit spätsommerlichem Sonnenschein und einer fußgängerfreundlichen Innenstadt. Daher konnte man auf den kostenlosen Bus-Service zwischen den Hotels und dem Kongresszentrum verzichten. Wie auch in der Vergangenheit besticht die perfekte Organisation des Kongresses. Die Online-Anmeldung verlief wie immer problemlos. Die Handouts zu den Vorträgen ließen sich bereits zwei Wochen vor Kongressbeginn herunterladen und ausdrucken. Mit eineinhalb Kilogramm Papier unter dem Arm besuchte ich die Vorträge, die stets pünktlich begannen und auch endeten. Jede der zwölf parallel stattfindenden Veranstaltungen war perfekt ausgeschildert und die Raumgröße so bemessen, dass kein Teilnehmer stehen musste. Ein Großteil der Vorträge fand mehrfach statt, sodass man durch geschicktes Zusammenstellen seines Programms kein Thema verpassen musste. In jedem Verbindungsgang standen Hostessen, die jedem dann doch Verlorenen den Weg zum nächsten Saal wiesen. Die eigene Kongress-App, welche das komplette wissenschaftliche Programm enthielt, wurde mehrfach täglich aktualisiert und wies so auf aktuelle Änderungen wie Raumwechsel hin. In der App fanden sich auch ein Stadtplan und Veranstaltungstipps für Denver. Jeden Morgen wurde zusätzlich das Tagesprogramm im Format einer Zeitung verteilt. Welche Fortbildungsmöglichkeiten standen den Teilnehmern zur Verfügung:

Kernpunkt des Kongresses bildeten die 235 interaktiven Vorträge von 45-minütiger Dauer und anschließender 15-minütiger Diskussion. Die Vorträge waren stets aktuell, evidenzbasiert und praxisrelevant. Um auch bei 500 Zuhörern eine Interaktion zu gewährleisten, war in der Smartphone-App ein Chatsystem integriert, sodass Fragen direkt an den Vortragenden gerichtet werden konnten, die dann in der Mitte und zum Ende des Vortrages beantwortet wurden. Hierbei fiel auf, wie sehr die Referenten bemüht waren, das Publikum zu integrieren. Gleichzeitig waren die Teilnehmer mittels TED-System aufgefordert, Fragen des Vortragenden mit Ihrem Smartphone zu beantworten.

FMX tracks: von Tutoren begleitete Kleingruppenarbeiten zu Themen wie onkologische Patienten, motivierendes Interview, Praxismanagement

Flipped classroom: Gemäß dem Prinzip des umgedrehten Unterrichts absolvierten die registrierten Teilnehmer zunächst zu Hause eine Online-Fortbildung, um das Erlernte, unterstützt durch die Kursleiter, in Kleingruppen anzuwenden. Themenschwerpunkt war die Hypertoniebehandlung.

Problem-based learning sessions: Themen wie Antikoagulation, muskuloskelettale Erkrankungen und Hypertonus wurde den Teilnehmern per interaktivem Vortrag vermittelt und dann als Fallstudien in Kleingruppen erarbeitet.

Ask the expert: Einzelne Referenten standen nach Ihren Vorträgen für eine Stunde für Fragen zur Verfügung.

Member interest groups: Von der AAFP eingerichtete Interessengruppen trafen sich zum Gedankenaustausch zu Themen wie globaler Gesundheit, Telemedizin, Medizin im ländlichen Raum …

General sessions mit bekannten amerikanischen Autoren

Gebührenpflichtige Kurse:

Clinical procedures workshops: Workshops zur EKG-Analyse, Akupunktur, Botox-Injektionen ...

Out & About: Praktika außerhalb des Kongresszentrums, z.B. Motivation zur Gewichtsabnahme in einer spezialisierten Einrichtung für Adipositaspatienten

Satelliten-Symposien mit Sponsoring durch Pharmafirmen

Expo Theater: Kurzvorträge zu neuen Medikamenten während der Mittagszeit

Auf dem diesjährigen Kongress wurden 100 Poster präsentiert, die an vier Tagen für jeweils eine Stunde mit den Erstautoren diskutiert wurden. Der Schwerpunkt lag hier auf Kasuistiken und kleinen quantitativen Studien. Eine begleitende große Industrieausstellung mit Ständen der pharmazeutischen Industrie, Medizintechnik, wissenschaftlichen Verlagen und Stellenvermittlungen öffnete am Mittag ihre Türen. Zum Ausgleich gab es als Erholungsprogramm zahlreiche kostenpflichtige Ausflüge in die Umgebung von Denver. Beim traditionellen Festabend am Freitag stand ein in der Philharmonie von Denver stattfindendes klassisches Konzert im Programm, wobei die Zuhörer rund um das Orchester gruppiert saßen. Alternativ öffnete das Kunstmuseum mit 70.000 internationalen Werken exklusiv am Abend seine Pforten.

Insgesamt zeichnete sich das neue Konzept durch eine deutliche Ausweitung des Angebots und erweiterte Lernformate aus, wobei der klassische Frontalvortrag in interaktiver Form als Hauptprogramm weiterhin erhalten blieb. FMX ist auf die Bedürfnisse der amerikanischen Kollegen ausgerichtet, die ihre Fortbildungsaktivität, wie auch bei uns, nachweisen müssen. Als ausländischer Arzt konnte man sich in die Kleingruppenformate und in den interkollegialen Austausch aufgrund der unterschiedlichen Gesundheitssysteme nur bedingt einbringen. Für die amerikanischen Kollegen wurden die zu Beginn formulierten Ansprüche meines Erachtens voll erfüllt. Der Kongress hat mit seiner perfekten Mischung aus wissenschaftlichem Gehalt und lockerer Darbietung nichts von seiner Faszination, wie bereits vor drei Jahren beschrieben, verloren.

In diesem Jahr wird die Jahrestagung wieder im subtropischen Orlando, Florida, stattfinden. Böse Zungen behaupten: morgens Vortrag, mittags Pool und am Abend lockt der Vergnügungspark. Dem in der medizinischen Nomenklatur sattelfesten amerikanophilen Interessierten ist der Kongress nach wie vor zu empfehlen.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Stefan Claus

Zentrum für Allgemeinmedizin <br/>und Geriatrie

Universitätsmedizin der <br/>Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Am Pulverturm 13

55101 Mainz

claus@uni-mainz.de

Literatur

1. Claus S. Kongress der American Academy of Family Physicians (AAFP) in Philadelphia, USA, Oktober 2012. Z Allg Med 2013; 89: 39–40

Abbildungen:

Abbildung Logo des Kongresses

Niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Gemeinschaftspraxis in Bingen am Rhein; Lehrbeauftragter an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz


(Stand: 10.02.2016)

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