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3 Fragen an ...Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz

DEGAM-Präsident 1998–2004

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1. Welche Rolle messen Sie der DEGAM bei der Entwicklung der wissenschaftlichen Allgemeinmedizin in Deutschland bei und was sind aus Ihrer Sicht die Meilensteine der letzten 50 Jahre?

Ohne einerseits die vorwärtstreibende DEGAM und andererseits die ersten wissenschaftlichen Universitätslehrstühle (von denen aufgrund ihrer Ausstattung nur einige Forschung betreiben konnten), sowie schließlich ohne ein Wissenschaftsministerium, das über „Versorgungsforschung“ auch gern allgemeinmedizinische Projekte förderte (neben dem „Forschungsförderprogramm Allgemeinmedizin“, was 3 Jahre lang gezielte Förderung junger Wissenschaftler durchführte), wäre dies nicht möglich gewesen.

Dies wären die Meilensteine – die allerdings erst seit etwa 2000 überhaupt so zu benennen sind. Davor gab es nach meiner Sicht keine wirklichen Meilensteine, sondern nur – ab Beginn/Mitte der 90er Jahre – erste Schritte in Richtung Forschung, die meist den Namen Praxisforschung bekam, weil aus meist einzelnen Praxen mit wissenschaftlicher Methode Forschungsfragen bearbeitet wurden.

Vielleicht aber sollte man nicht vergessen, dass es die Allgemeinmedizin war – so schwach sie zu diesem Zeitpunkt auch war –, die die Entwicklung von EbM-Leitlinien sowohl von den Krankenkassen als auch vom Staat forderte und die ersten Leitlinien dann selbst realisierte; dies war Ende der 90er Jahre.

Ablesen lässt sich die gesamte Entwicklung an den Publikationen in der ZFA und – soweit noch vorhanden – den Programmen der DEGAM-Kongresse: Die ZFA war zu Beginn der 90er Jahre noch ein fast reines Fortbildungsblatt, dann kamen immer mehr wissenschaftliche Artikel in die Zeitschrift: Von Praxisforschung über EbM-getragene Darstellungen für die Praxis bis hin zur Artikulation der Erfordernisse an eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin.

Man muss sich hier die Frage stellen, was davor war, also vor den 90er Jahren, über die ich hier sprach? Der Weg zu einem wissenschaftlichen Fach beginnt nicht mit Wissenschaft, sondern läuft erst einmal über die Akademisierung eines Faches. Wobei letzteres meinen soll, dass Teile der primär „quasi handwerklich arbeitenden“ Ärzte zunehmend über die Art ihrer Arbeit zu reflektieren beginnen, dies systematisieren und dann damit anfangen, faktisch Forschungsfragen zu stellen bzw. das, was sie tun in seiner Nutzen-Schadens-Dimension wissenschaftlich belegt sehen möchten.

Dies ist auch die Entwicklung, die man in der Allgemeinmedizin beobachten konnte. Und dies wiederum ist auch in der Entwicklung der ZFA und ihren Inhalten in den Jahren vor den 90er Jahren abzulesen. Dies waren die Jahre der Akademisierung des Faches als Basis der Wissenschaftsentwicklung, die darauf aufbauen konnte.

2. Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen in der Allgemeinmedizin ein?

Für mich stellt sich ein kontinuierliches, nicht unterbrochenes Auseinanderdriften von Hochschulallgemeinmedizin mit ihren ja überwiegend nicht mehr von Ärzten besetzen Wissenschaftler-Stellen einerseits und andererseits der „praktischen Allgemeinmedizin“ der Versorgung dar.

Die akademische Allgemeinmedizin und damit die DEGAM zeichneten sich ja über Jahrzehnte dadurch aus, dass diese Kluft nie sehr groß war. Dies wird anders – und dies trotz des Faktes, dass es heute weitaus mehr sog. „reflective practitioners“ in den Praxen gibt, die ja gerade die Verbindung halten könnten.

Und es gibt noch eine weitere Kluft: Die Lage der Hochschulallgemeinmedizin ist inzwischen – und wird weiter – komfortabel: Man ist dort angekommen, wird akzeptiert und manchmal – insbesondere in der Lehre – auch bewundert. Die Lage in der praktischen Hausarztmedizin hingegen wird zunehmend schlechter. Wir müssen momentan die Aufhebung eines strukturierten Systems mit bisher quasi Gate-keeping-Funktion des Hausarztes zugunsten einer freien Zugänglichkeit zu allen Spezialisten und ohne deren Kommunikation untereinander beobachten. Das erlaubt zunehmend weniger in der Spezifität des Faches überhaupt noch tätig zu sein. Denn für das Gute-Kennen des Patienten gibt es zunehmend weniger Gelegenheit. Und damit ist für eine Hauptfähigkeit des Hausarztes, nicht immer alles zu tun, an das auch gedacht wurde, die Basis zunehmend entzogen. Aber nur so konnten wir den schmalen Weg zwischen Über- und Unterversorgung verantwortbar gehen.

Das wird aufhören – und damit auch unsere Bedeutung in der Gesellschaft schwinden. In ein paar Jahren wird die Öffentlichkeit, dann berechtigt, fragen, warum man Hausärzte überhaupt noch brauche. Da wird dann wohl nicht mehr reichen, dass wir „immer da sind und immer zuhören“ – zumal wir dies in Zukunft nicht einmal mehr anbieten können.

Dies ist das Bedrohlichste für das Fach, was ich momentan erlebe. Hinzu kommen die immer weiter bestehenden Probleme von „niedrigster Honorierung“, „mühseligstem Weg in der Weiterbildung“ etc.

3. Was wünschen Sie sich für die Zukunft unseres Faches?

Dass eine mit Kompetenz und Entscheidungswillen ausgestattete Politik, die sich nicht von den eher kurzfristigen Wiederwahlwünschen und den Lobbyisten leiten lässt, sondern eine effektive, sichere und kostengünstige Versorgung nicht nur wünscht, sondern auch umzusetzen in der Lage ist, in unsere Welt treten möge.

Nur bin ich hier selbst sehr skeptisch: Wenn überhaupt, dann wird dies in Deutschland am Schluss, in anderen EU-Ländern vielleicht eher geschehen.

Abbildungen:

Prof. Dr. med. Heinz-Harald Abholz


(Stand: 10.02.2016)

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