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„Es wird nur über Konzepte diskutiert, die vorgeschlagen werden“

Interview mit Prof. Dr. Fritz Beske, ältestes und Ehrenmitglied der DEGAM

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Leson: In Ihrem neuen Buch „Perspektiven des Gesundheitswesens“ fordern Sie die Anpassung des Gesundheitswesens vor dem Hintergrund eines steigenden Versorgungsbedarfs, der auf sinkende finanzielle und personelle Ressourcen trifft. Sind Sie in Sorge um das System?

Beske: Ich bin in Sorge, weil ich mich frage, wie das Gesundheitssystem unter den derzeitigen Voraussetzungen funktionsfähig gehalten werden kann. Die Fakten stehen fest und Personal kann man im Gegensatz zu Geld nicht drucken. Eine katastrophale Situation ist vorprogrammiert.

Leson: Warum ist dann die öffentliche Bewusstseinsbildung so gering?

Beske: Politiker wollen nun einmal wiedergewählt werden. Da wird nicht in Generationen gedacht und wer die Wahrheit sagt, wird auch nicht wiedergewählt. Die Politik hat in dieser Frage keine Führungsposition übernommen.

Leson: Sie schreiben, dass die Sicherstellung der Versorgung Priorität hat. Was halten Sie von der Idee, dass junge Hausärztinnen und Hausärzte in den Städten leben, aber auf dem Land arbeiten?

Beske: Das ist eindeutig ein praktikables Modell, wenn es denn genügend Ärztinnen und Ärzte gibt. Wir können in der Zukunft keine wohnortnahe Versorgung sicherstellen. Die Versorgung muss aus den Städten heraus erfolgen. Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die sich für die Allgemeinmedizin entscheiden, reicht aber nicht aus.

Leson: Sie empfehlen deshalb grundlegende Änderungen in der medizinischen Ausbildung und in der allgemeinmedizinischen Weiterbildung. So sollte die Zulassung zum Studium u.a. berücksichtigen, ob die Studierenden nach der Approbation vorwiegend ärztlich und auch als Hausarzt tätig sein werden. Außerdem schlagen Sie ein neues Curriculum für die Weiterbildung Allgemeinmedizin vor. Wer dieses durchlaufen habe, sollte sich für zehn Jahre verpflichten, als Allgemeinarzt tätig zu sein. Sind solche Zwänge nicht meistens problematisch?

Beske: Mir ist klar, dass die Zusage eines Studierenden vor dem Medizinstudium letztlich kein Gewicht hat. Zu denken, man könnte Studierende binden, ist eine Illusion. Aber es könnte ein Bestandteil bei der Zulassung sein. Man muss für das Fach werben. Bei der Weiterbildung müssen Sie meinen Vorschlag als ein aufeinander aufbauendes System verstehen. Ich schlage ein reines Hausarztsystem vor und eine adäquate Bezahlung der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. Wer diese Vorteile genießt, kann sich anschließend auch verpflichten.

Leson: Bestandteil Ihres Hausarztsystems ist auch, dass Patienten verpflichtend einen Hausarzt wählen und nur nach Überweisung zu einem Facharzt dürfen. Wie würden die Bürger es aufnehmen, wenn ihre freie Arztwahl derart eingeschränkt würde?

Beske: Das Hausarztsystem kann nur dann eingeführt werden, wenn die Bevölkerung nicht dagegen protestiert. Wir sollten uns aber klar machen, dass das Allgemeinwohl ein großes Gewicht hat. Der Staat hat hier die Möglichkeit, klare Regeln aufzustellen. In einem vollkommen liberalisierten Gesundheitssystem kann keine Versorgung sichergestellt werden.


(Stand: 10.02.2016)

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