Loading...

ZFA-Logo

„Die DEGAM gibt ihren Mitgliedern den Stolz auf ihr Fach zurück“

Interview mit Prof. Dr. Ferdinand M. Gerlach und Prof. Dr. Michael M. Kochen

PDF

Leson: 50 Jahre DEGAM – ist das ein Grund zum Feiern?

Gerlach: Absolut. Die DEGAM kann auf ihre Entwicklung stolz sein. Sie hat sich gerade in den letzten zehn Jahren sehr erfreulich weiterentwickelt, parallel mit der akademischen Entwicklung des Fachs an den Universitäten. Oder wie siehst Du das, Michael?

Kochen: Die schier unglaubliche Entwicklung der DEGAM kann sehr gut an Zahlen festgemacht werden. 2004, als ich meine erste Präsidentschaft begonnen habe, waren es genau 1.420 Mitglieder, heute sind es über 6.000. Das ist ein überwältigendes Wachstum, aus dem auch die Professionalisierung der Fachgesellschaft spricht.

Leson: Wie lässt sich das Mitgliederwachstum erklären?

Kochen: Das liegt nicht zuletzt am Image der DEGAM. Wir haben früh auf Unabhängigkeit, Transparenz und Wissenschaftlichkeit gesetzt und wurden zunächst als krasse Außenseiter betrachtet. Heute wünschen sich viele Ärztinnen und Ärzte, dass nicht nur die wissenschaftlichen Fachgesellschaften, sondern auch die Selbstverwaltung frei von äußerlichen Einflüssen und Interessenskonflikten sind. Das repräsentiert die DEGAM.

Gerlach: Die DEGAM gibt den Allgemeinmedizinern und den Mitgliedern den Stolz auf ihr Fach zurück. Wir zeigen auch, dass Allgemeinmedizin ein wichtiges Element in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung ist. Wir versuchen – und zunehmend gelingt uns das auch – attraktiv für den Nachwuchs zu sein. Wir fundieren das Fach durch wissenschaftliche Forschung und zeigen, welche Aufgaben die Allgemeinmedizin hat und was sie leisten kann. Nur auf dieser Basis können Forderungen gestellt werden.

Leson: Wird die DEGAM auch in Berlin, in der Politik mehr gehört?

Gerlach: Sie wird auch in Berlin mehr gehört, aber wir sind definitiv keine berufspolitische Organisation und wir wollen dem Hausärzteverband keine Konkurrenz machen. Ich würde das eher als wissenschaftliche Politikberatung bezeichnen, speziell zu den Themen, bei denen wir verantwortlich sind.

Kochen: Das sind vorwiegend die Themen, die wir durch unsere Sektionen (Forschung, Fortbildung, Qualitätsförderung, Studium und Hochschule, Versorgungsaufgaben, Weiterbildung) abbilden. Dass Ferdinand zugleich Vorsitzender des Sachverständigenrates ist, ist für die Allgemeinmedizin natürlich ein Glücksfall.

Gerlach: Es gibt darüber hinaus noch originäre Aufgaben, zum Beispiel die Leitlinienentwicklung, die eindeutig in den Bereich der DEGAM-Zuständigkeit fallen. Die DEGAM hat hier eine Vorreiterrolle.

Leson: Die Leitlinien erfahren in der Hausärzteschaft eine große Akzeptanz ...

Kochen: ... und das, obwohl die Autoren ihre Arbeit ehrenamtlich machen. Das Engagement der DEGAM-Mitglieder auf diesem Feld ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Leson: Ist die Unabhängigkeit das Herzstück der DEGAM-Arbeit?

Kochen: Früher wurde uns gesagt, wir hätten niemals Erfolgsaussichten auf diesem Weg der Unabhängigkeit. Inzwischen haben wir gezeigt, dass das sehr gut möglich ist, nicht zuletzt im Rahmen unseres Jahreskongresses. Wir haben keine Industrieausstellung, nehmen keinen einzigen Pfennig an Pharmageldern ein, die ZFA ist frei von pharmazeutischer Werbung – und wir blühen und gedeihen trotzdem.

Gerlach: Die DEGAM ist in einer speziellen Situation: Zum einen entwickeln wir Leitlinien, die immer auch etwas mit Verordnungen zu tun haben, zum anderen werden etwa 2/3 bis 3/4 aller Arzneimittel im ambulanten Bereich von Hausärzten verordnet. Von daher ist es sinnvoll, dass wir eine unabhängige Position haben und nicht unter Verdacht geraten, dass wir bestimmte Empfehlungen aussprechen, weil einzelne Firmen genau diese Empfehlung gefördert oder gesponsert haben.

Leson: 1966 ist das Gründungsjahr der DEGAM. Prof. Frank Mader, der unsere Festschrift vorbereitet, sagt, dass man sich die Allgemeinmedizin damals wie ein Start-up-Unternehmen vorstellen müsse. Ist das ein passendes Bild?

Kochen: Ja, dieser Vergleich passt. Es ging zunächst einmal um die Aufwertung von Allgemeinärztinnen und -ärzten als Vertreter eines eigenständigen Faches gegenüber dem Praktischen Arzt. Eine Entwicklung, die die Bedeutung der Allgemeinmedizin in der Versorgung vorgezeichnet hat.

Leson: Wir waren damals die Reaktionen auf die Gründung der DEGAM?

Kochen: Ein, gelegentlich verächtliches, Lächeln ...

Gerlach: Unsere Erinnerung an die DEGAM beginnt eigentlich erst Ende der 1980er Jahre. Die ersten 20 Jahre können wir nicht unbedingt aus eigener Anschauung beurteilen. Ich kann mich an die sogenannten Hodenhagener Beschlüsse erinnern und weiß, dass Klaus-Dieter Haehn sehr aktiv war, der später den ersten Lehrstuhl in Hannover innehatte. Hans Hamm machte das erste Lehrbuch für Allgemeinmedizin – das sind so Marksteine, die mir jetzt einfallen.

Leson: Was könnte man in den letzten 30 Jahren besonders hervorheben?

Kochen: Den Mitgliederzuwachs, die Professionalisierung der DEGAM, die Leitlinien, den freien Zugang zur Cochrane Library ...

Gerlach: ... das war alles eher in den letzten zehn Jahren. Es gab eine lange Phase einer gehemmten Entwicklung. Das „Deutsche Ärzteblatt“ hat einmal geschrieben „Die DEGAM – ein schlafender Riese“. Geweckt haben wir diesen Riesen erst in den letzten zehn Jahren. Besonders erwähnen möchte ich aber noch die von Michael geschriebenen DEGAM-Benefits, die seit 2004 erscheinen und auf eine hohe Resonanz unserer Mitglieder stoßen.

Kochen: Die Entwicklung angeschoben hat auch ein wissenschaftliches Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums.

Gerlach: Das war sehr wichtig. Es begann ungefähr 2000 und lief dann sechs Jahre. Dieses Programm hat an einigen Standorten die wissenschaftliche Forschung enorm vorangebracht. Und dann haben wir natürlich durch die Gründung der Geschäftsstelle 2009 einen erheblichen Schub bekommen. Außerdem hat die DEGAM angefangen sich zu positionieren, wir haben die Zukunftspositionen entwickelt und es wurde klarer, was die DEGAM eigentlich will, wofür sie steht, was sie anstrebt und wie sie sich die Zukunft des Fachs vorstellt.

Leson: Die Zukunftspositionen wurden 2012 verabschiedet. Ist man hinsichtlich der dort formulierten Ziele auf einem guten Weg?

Gerlach: Wir können nicht erwarten, dass die Positionen von heute auf morgen umgesetzt werden. Aber sie kommen im Bewusstsein an. Einige Dinge funktionieren bereits, andere nicht. Zum Beispiel muss die Stellung der Allgemeinmedizin im Versorgungssystem noch gestärkt werden.

Kochen: Das scheint mir besonders wichtig. Je stärker die Position in der Versorgung, desto druckvoller kann die Entwicklung als wissenschaftliches Fach sein!

Leson: Was kann und muss die DEGAM diesbezüglich leisten?

Gerlach: Alle, die hier Verantwortung haben, müssen sich darüber klar werden, dass ein modernes Gesundheitssystem mit einer zunehmenden Zahl von chronisch Kranken, insbesondere multimorbiden Patienten, nur funktionieren kann und finanzierbar bleibt, wenn es als Basis eine qualitativ hochwertige, flächendeckende allgemeinmedizinische Grundversorgung gibt. Und genau die ist jetzt gefährdet. Wir müssen mehr Generalisten qualifizieren und weniger Spezialisten.

Leson: Die Ausbildung ist eine große Stellschraube, an der man drehen kann. Tragen die hier bisher unternommenen Schritte dazu bei, das Versorgungsproblem zu lösen?

Kochen: Die Sichtbarkeit des Faches hat durch die Lehrstühle natürlich erheblich gewonnen. Ich glaube, dass wir beim Image der Allgemeinmedizin aber auch bei der studentischen Einschätzung der hohen Lehrqualität deutlich weitergekommen sind. Vielleicht ist die noch wichtigere Stellschraube aber die Weiterbildung. Mit den neuen Strukturmodellen ist hier ein entscheidender Schritt gelungen.

Gerlach: Hinsichtlich der Ausbildung erleben wir gerade eine ganz entscheidende Phase. Es geht um die Frage, wie der „Masterplan Medizinstudium 2020“ aussehen wird. Im Koalitionsvertrag stehen drei Ziele: Erstens die gezieltere Auswahl der Studienplatzbewerber, zweitens die Förderung der Praxisnähe und drittens die Stärkung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium. Es kommt ganz explizit darauf an, wie die Allgemeinmedizin im Medizinstudium gefördert wird. Wir arbeiten darauf hin, dass die Allgemeinmedizin an mehreren Stellen gezielt gestärkt wird, insbesondere im Praktischen Jahr und in der abschließenden mündlich-praktischen Prüfung, weil hier die entscheidenden Weichenstellungen in Richtung Weiterbildung erfolgen.

Leson: Warum gibt es so viele kritische Stimmen zum PJ-Quartal Allgemeinmedizin?

Gerlach: Das hat verschiedene Gründe. So wollen an den Fakultäten bereits etablierte Fächer schlicht keine Ressourcen abgeben. Auch kann ich durchaus verstehen, dass sich die Studierenden gegen einen Zwang aussprechen. Es wäre dann allerdings konsequenter, wenn sie das tatsächlich gegen jeden Zwang täten, also auch gegen die Verpflichtung von zum Beispiel Chirurgie im Praktischen Jahr. Letztlich ist jedoch die gesamte Approbationsordnung eine Verpflichtung. Die Zunahme chronischer Krankheiten, Multimorbidität und auch das Spektrum der Erkrankungen fordern aber bestimmte Qualifikationen, die an den Universitätsklinika der Supramaximalversorung gar nicht in dieser umfassenden Weise vermittelt werden können, wie das notwendig wäre.

Kochen: ... weil sie dort kaum vorkommen.

Gerlach: Aus epidemiologischen und didaktischen Gründen ist es notwendig, dass alle Studierenden – unabhängig davon, was sie später einmal machen – die häufigen Erkrankungen, die Primärversorgung, das Management chronischer Erkrankungen, Impfungen, etc. kennenlernen. Diese Weichenstellung in der Approbationsordnung ist daher nicht nur für unser Fach wichtig, sondern für das Gesundheitssystem insgesamt.

Kochen: Wenn das Pflichtquartal kommt, sollte die Pflichtfamulatur aufgelöst werden, insbesondere weil hier keine Qualitätskontrolle der Praxen stattfinden kann.

Leson: Welche Bedeutung besitzt die Weiterbildung?

Gerlach: Die Weiterbildung ist sehr wichtig, denn hier entscheidet sich, ob die jungen Ärztinnen und Ärzte auch Fachärzte für Allgemeinmedizin werden. Durch die Verbundweiterbildung bekommen wir einige Probleme in den Griff. Laut Versorgungsstärkungsgesetz besteht zudem zukünftig die Möglichkeit, bis zu fünf Prozent der Fördermittel zur Förderung der Qualität und Attraktivität der Weiterbildung auszugeben, und zwar durch universitär angebundene Kompetenzzentren für die Weiterbildung Allgemeinmedizin. Das wird dem Fach und auch den universitären Standorten einen Schub geben. Denn dort können wir eine akademische Heimat, ein Zuhause, eine Rückenstärkung, eine fachliche und emotionale Begleitung für die jungen Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung bieten. Es geht darum, in den Kompetenzzentren etwas zu realisieren, was bisher nicht gemacht wird: Mentoring, begleitende Seminare, Train-the-Trainer-Angebote sowie kontinuierliche Evaluation und Qualitätssicherung.

Leson: Dann sind Ausbildung und Weiterbildung also die wichtigsten Stellschrauben, um aktuelle Probleme zu lösen und hier macht vor allem die DEGAM gute Vorschläge.

Gerlach: Für mich stehen diese beiden Themen ganz oben auf der Agenda. Darauf konzentriere ich sehr viel Energie, sowohl auf den Masterplan als auch auf die Weiterbildung. Es kommt nun darauf an, dass die Weichen für die Zukunft richtig gestellt werden, um schließlich auch das Nachwuchsproblem zu lösen.

Leson: Wie wird die Situation in 15 Jahren sein?

Gerlach: Das hängt unter anderem davon ab, was jetzt in der Aus- und Weiterbildung passiert. Grundsätzlich ist es so, dass der Bedarf an hausärztlicher Grundversorgung weiter steigt. Erfreulicherweise ist es auch so, dass das Interesse der Medizinstudierenden an der Allgemeinmedizin steigt. Ich gehe davon aus, dass mit all den genannten Maßnahmen das Interesse weiter wachsen wird. Uns kommt auch entgegen, dass die Arbeitsbedingungen in der Hausarztmedizin besser sind als in Kliniken. Die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in der Hausarztpraxis wesentlich besser als im klinischen Bereich.

Kochen: Nicht zu vergessen ist außerdem, dass die Bezahlung in der Allgemeinmedizin wesentlich besser geworden ist.

Leson: Warum jammern viele Hausärzte trotzdem?

Gerlach: Zum einen haben viele Hausärzte das Gefühl, dass sie sehr viel arbeiten und leisten ...

Kochen: ... und auch Verantwortung übernehmen. In ganz anderer Weise als ein Spezialist, der einen sehr engen Auftrag erfüllen muss.

Leson: Patienten bringen ihren Hausärzten in der Regel ja besondere Wertschätzung entgegen.

Kochen: Weil sie den intensivsten und vertrauensvollsten Patientenkontakt haben und sie, wie das einmal schön formuliert wurde, Fachärzte für den ganzen Menschen sind.

Gerlach: Insbesondere auf die Frage „Wem vertrauen Sie in Gesundheitsfragen“ antwortet die Bevölkerung mit „Meinem Hausarzt“, und zwar zu 93 Prozent. Das hat etwas mit Beziehungsmedizin zu tun, ein Vertrauensverhältnis muss sich erst einmal entwickeln.

Leson: Die junge Generation hat andere Bedürfnisse. Aber diese Generation wird auch nicht die klassische Landarztpraxis übernehmen. Wie kann man in der Fläche trotzdem eine gute Versorgung aufrechterhalten?

Kochen: Man sollte noch stärker darauf setzen, woher die jungen Kolleginnen und Kollegen kommen. Es hat sich gezeigt, dass die Herkunft aus ländlichen Regionen oft dazu führt, dass die Strukturen kleiner Gemeinden viel eher akzeptiert werden. Es gibt darüber hinaus verschiedene Modelle zur Linderung bzw. Behebung des Landarztproblems, ohne auf die allzu einfache Lösung „Wir brauchen mehr Ärzte“ einzugehen.

Gerlach: Wir brauchen Modelle, die den Erwartungen und Bedürfnissen des Nachwuchses gerecht werden. Das ist in der Regel nicht die Einzelpraxis im ländlichen Bereich, in der man sehr viel personelle und auch wirtschaftliche Verantwortung trägt. Die jetzt nachrückende Generation möchte sich zumeist nicht langfristig an einen Ort binden, sie möchte in der Regel nicht alleine als Einzelkämpfer agieren, sie möchte nicht über 10 Jahre und mehr Kredite zurückzahlen. Wohnen in der Stadt und Arbeiten auf dem Land ist ein sehr attraktives Modell.

Leson: Verschlechtert sich dadurch die Beziehung des Hausarztes zu seinen Patienten?

Kochen: Die Beziehung wird nicht schlechter, aber anders. Es wird nicht mehr jedes Dorf seinen eigenen Hausarzt haben können.

Gerlach: Aus Patientensicht ist es natürlich toll, wenn man einen Hausarzt hat, der immer erreichbar ist. Aber das ist eben nicht die Realität. Das wäre auch eine Zumutung, der sich der Nachwuchs in aller Regel nicht aussetzen möchte. Die geschilderten Veränderungen beinhalten aber auch zahlreiche Chancen. Angesichts des steigenden Versorgungsbedarfs und der gleichzeitig fortschreitenden Subspezialisierung in der Medizin werden Generalisten zukünftig sogar wichtiger und gefragter denn je sein. Die Allgemeinmedizin hat insofern glänzende Zukunftsperspektiven.

Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, DEGAM-Präsident seit 2010

Foto: Michael Fuchs, Remseck

Prof. Dr. med. Michael M. Kochen, DEGAM Präsident 2004–2010

Foto: privat


(Stand: 10.02.2016)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.