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Auslandspraktikum in Graz im Rahmen des 8. Professionalisierungskurses der DEGAM

DOI: 10.3238/zfa.2017.0076-0078

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Daniel Lohmann

Schlüsselwörter: Auslandspraktikum Vergleich Allgemeinmedizin Deutschland/Österreich

Zusammenfassung: Im Rahmen des Auslandspraktikums des 8. Professionalisierungskurses verbrachte der Autor eine Woche in einer allgemeinärztlichen Praxis in Graz, Österreich. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der hausärztlichen Berufsausübung werden berichtet.

Auf dem Weg in die Steiermark

Obwohl ich als „Südschwede“ (Schleswig-Holsteiner) natürlich versucht war, mein Auslandspraktikum in Skandinavien, vorzugsweise in Dänemark zu absolvieren (dorthin bestanden bereits Kontakte durch die Arbeit an einem gemeinsamen Projekt), fiel die Wahl dann doch auf Österreich. Zum einen war das Land in der Liste unserer Praktika des Professionalisierungskurses zu jenem Zeitpunkt noch nicht vertreten, zum anderen aber war der Umstand motivierend, die Patienten in ihrer Muttersprache verstehen zu können.

Graz wurde es als viel gelobter Studienort der Kinder mehrerer deutscher Freunde und durch den raschen, unkomplizierten Kontakt zu Dr. Michael Wendler. Kollege Wendler ist regelmäßiger Besucher unserer DEGAM-Kongresse und hat für unser Allgemeinmedizinstandardwerk von Michael M. Kochen zum Kapitel „Hausbesuche“ beigetragen.

Erste Eindrücke vor Ort

Den ersten persönlichen Kontakt zu meinem Gastgeber gab es schon am Vortage vor dem eigentlichen Praktikumsbeginn durch eine freundliche Einladung zum Abendessen im Hause Wendler. So gestärkt und bestens präpariert suchte ich den Kollegen, der in Einzelpraxis in einem bürgerlichen Vorort im Grazer Norden praktiziert, am Montagmorgen in seiner Ordination auf. Im sonnenbeschienenen Vorgarten des hübschen Altbaus standen Patienten geduldig Schlange, um zu Margot Gaugl, der MfA der Praxis (in Österreich: Ordinationsassistentin), und damit zur Anmeldung vorzudringen. Montagmorgen plus ein krankheitsbedingter Ausfall in der Nachbarpraxis – alle nehmen es gelassen. Die hier geübte Form der hausärztlichen Einzelpraxis mit nur wenigen Mitarbeitenden und einfacher technischer Ausstattung ist für das Land Österreich eher typisch, auch die Praxisgröße berechnet nach Fallzahl (ca. 1100/Quartal) entspricht etwa dem Landesdurchschnitt. Allerdings ist Michael Wendler neben seiner hausärztlichen Praxis auch intensiv in Aus- und Weiterbildung von Studierenden und Assistenzärzten (und in diverse andere Nebenaktivitäten) involviert. Der regelmäßige Umgang mit Aus- und Weiterbildung schlägt sich in einer stets strukturierten Anamnese und Gesprächsführung sowie der profunden Kenntnis und Anwendung von Leitlinien nieder. Auch das in dieser Praxis geübte EDV-basierte Terminwesen ist nach seiner Aussage nicht landestypisch.

Versorgungsalltag

Die gewöhnliche Arbeit mit den Patienten unterschied sich kaum von den mir bekannten Mustern. Kurztermine für akute Gesundheitsstörungen oder Nachschautermine mit Anamnese, Untersuchung, evtl. Rezept und Arbeitsunfähigkeit. Medikamente und Preise für Pharmaka sind mit Deutschland vergleichbar, allerdings gehören Cremes und Salben, Hustenlöser, Vitamine etc. hier noch zu den verschreibungsfähigen Arzneimitteln. Die sogenannte Hausapotheke (der Arzt übernimmt auch die Arzneimittelversorgung) gibt es nur in Landregionen ohne Apothekenversorgung; dort trägt sie allerdings mit bis zu 30 % zum Praxisumsatz bei.

Längere Termine dienen – wie auch bei uns üblich – der Versorgung chronisch kranker bzw. multimorbider Patienten, Vorsorgeuntersuchungen oder Beratungsgesprächen; dazwischen: Patienten ohne Termin und kurzen Beratungs- oder Behandlungsanliegen.

Und – so wie ich es auch kenne – zwischen Vormittags- und Nachmittagssprechstunde Haus- und Heimbesuche. Allerdings nicht, ohne sich mit einer Tasse Kaffee und etwas Essbarem im kleinen Team zu stärken und zu besprechen.

Unterschiede bei der Arzneimittelversorgung und bei der Rolle der Krankenkassen

Eine Besonderheit aus meiner Sicht ergab sich bei den Rezepten. Das typische Rezept über ein Dauerarzneimittel beinhaltet hier 30, nicht 100 Pillen. Warum? Jedes Rezept löst eine Gebühr in Höhe von € 5,70 zugunsten des Versicherungsträgers aus!

Für größere Packungen (Bsp. 100 Tbl. Novaminsulfon oder „teure Präparate“ z.B. 30 Tbl. Apixaban) muss für das Rezept eine sog. Bewilligung beim „Chefarzt“ der zuständigen Krankenkasse (dies ist in 85 % die zuständige Gebietskrankenkasse, zusätzlich existieren kleinere Kassen wie z.B. Bauern- oder Bahnkasse für ca. 10–15 % der Versicherten) eingeholt werden.

Auch an anderer Stelle, so bei der Bewilligung von weiteren physiotherapeutischen Maßnahmen nach der unkomplizierten Erstverordnung über sieben Einheiten, muss der Arzt/Ärztin der Krankenkasse für die Verlängerung mit ins Boot geholt werden (was aber per Fax und ohne Zeitverlust möglich ist). Anders als bei uns versteckt sich hier die Krankenkasse also nicht hinter der Entscheidung des Verordnenden („wir bezahlen alles, was der Arzt verordnet“) und droht im Nachhinein mit Regress, sondern sie greift aktiv steuernd in die Versorgung ein (sicher ist beides mit Vor- und Nachteilen behaftet).

Stellung der Allgemeinmedizin in Österreich

Bei der Stellung der Allgemeinmedizin in der Ärzteschaft und in den Augen der Politik blickt Michael Wendler eher neidisch nach Norden über die österreichisch-deutsche Grenze. Auch bei Aus- und Weiterbildung sieht er großen Nachholbedarf und engagiert sich auf allen verfügbaren Feldern dafür. So z.B. für die Anerkennung des Arztes für Allgemeinmedizin als echten „Facharzttitel“, den es in Österreich so nicht gibt (die Älteren unter uns können sich an diese Diskussion aus deutschen Landen noch bestens erinnern). Und auch in Österreich rechnet man mit einem eklatanten Mangel an Hausärzten im System der gesetzlichen Krankenversicherung. Zum einen eine Frage der Anerkennung und Vergütung, zum anderen aber auch, weil zunehmend Kolleginnen und Kollegen in den lukrativen und weniger reglementierten Status des Wahlarztes (Patienten zahlen privat, die Kassen erstatten zu unterschiedlichen Sätzen) wechseln.

So gab es in der viel zu kurzen Woche zusätzlich zu Diskussionen über Behandlungspfade und Patientenverläufe auch reichlich gesundheitspolitische, hochschulpolitische und gesamtgesellschaftliche Themen zu besprechen (neben den kulturellen und kulinarischen „Aufgabenstellungen“, die es zu bearbeiten galt).

Bereichert und dankbar bin ich nach der Woche in den kalten Norden zurückgeflogen. Dankbar für die stete Geduld und Hilfe durch die exzellente Praxismanagerin Margot Gaugl und die Gastfreundschaft des Kollegen Wendler und seiner Familie.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Daniel Lohmann

Institut für Allgemeinmedizin

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Michaelisstraße 5

24105 Kiel

Tel.: 04342 4090

dr.lohmann@gmx.de

Literatur

1. www.aerztekammer.at (letzter Zugriff am 07.11.2016)

2. Persönliche Mitteilung des Praxisinhabers

3. https://data.oecd.org (letzter Zugriff am 07.11.2016)

4. www.GKNW.at (letzter Zugriff am 07.11.2016)

5. www.statistik.at (letzter Zugriff am 07.11.2016)

Abbildungen:

Der Uhrenturm – Wahrzeichen von Graz

Dr. Michael Wendler und Margot Gaugl

Gast und Gastgeber im Austausch

Checkbox Österreich

Arzt für Allgemeinmedizin, Preetz bei Kiel DOI 10.3238/zfa.2017.0076–0078


(Stand: 22.02.2017)

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