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Es wurde übrigens alles schon einmal gesagt ...

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Susanne Rabady

... sprach der Arzt, Dichter und Kunstschaffende Bruno Kissling auf der Wintertagung der ÖGAM in Lech und ließ die anwesenden Hausärzte erzählen, dichten und schreiben. Er brauchte keine große Überzeugungskraft. Hausärzte erzählen liebend gerne von ihrem Beruf, von bewegenden Momenten, unerwarteten Wendungen, (scheinbar) plötzlichen Erkenntnissen, von Begegnungen und Erfahrungen. „Die sind Hausärzte mit Leib und Seele“ wird in diesem Heft ein Student im Landpraktikum zitiert – und in der Tat, das sind wir.

Kürzlich verstarb der geniale Beobachter und sensible Erzähler John Berger, Verfasser einer faszinierenden Studie über seinen (ehemaligen) Hausarzt: „A Fortunate Man“. Der beschriebene Arzt, den sein eher zufällig gefundener Beruf vom knallharten, distanzierten Notfaller zum empathischen, hingebungsvollen, wunderbaren Hausarzt erzogen hat, geht in seinem Hausarztleben auf – und stirbt letztlich daran: Er setzt, selbst entleert und entäußert, seinem Leben ein Ende.

Hausärzte lieben ihren Beruf und üben ihn meist mit viel Freude und Hinwendung aus, und sie spiegeln das auch wahrnehmbar nach außen. Dennoch entschließen sich viele junge Kollegen letztlich auch dann nicht zur Allgemeinmedizin, wenn sie sie als begeisternd erlebt haben. Vielleicht ist das, was wir lieben, diese starke Identifikation mit dem Beruf, gleichzeitig auch das, was viele jungen Kollegen fürchten: die dunkle Seite des Commitment in Gestalt von äußeren Zwängen und innerer Rücksichtslosigkeit sich selbst gegenüber.

Rücksicht auf unsere eigenen „Leiber und Seelen“ spielt in unserer Selbstwahrnehmung traditionell in der Tat eine geringe Rolle – gut zu beobachten in diesen Grippezeiten, wo oft nicht ganz klar ist, wer kränker ist: Arzt oder Patient. Eine Arbeit in diesem Heft berichtet von einem Forschungsnetzwerk zur Gesundheit von Studierenden – vielleicht erweist sich rechtzeitige Erfahrung von Selbst-Achtsamkeit als schützend vor der Neigung zu ungesunder heroischer Aufopferung.

Kreativität, wie die im oben beschriebenen Workshop erlebte, ist eine der Formen von Selbstsorge und wirkt Entleerung entgegen. Hundertmal beschriebenes, gesagtes, gehörtes, wird neu geäußert und geordnet, und also neu erlebt, wird zum sehr persönlichen Besitztum, das bereichert und erfüllt. Wie immer Kreativität sich äußert: literarisch, musikalisch, wissenschaftlich, diskursiv, malend, kochend, zeichnend oder sonst wie, wesentlich ist die innere Freiheit zur aktiven Gestaltung, die vor Selbstentäußerung schützt.

Gelebte Kreativität in der Sprechstunde, in der Gestaltung der professionellen Beziehung, im Hören, Fragen, Beobachten und Strukturieren oder Offenlassen, kann auch den 47-igsten Grippefall, den 98-mal gesagten Satz, einzigartig und neu erscheinen lassen, und einen dieser Blitze erzeugen, die den ganzen Tag in einem besonderen Licht sehen lassen. Großes Privileg von uns Hausärzten: Vertrautheit, erlebte Anamnese, fachliche Breite, und Diversität der Beratungsanlässe sind gute Voraussetzungen für solche Erlebnisse, die mehr Kraft geben, als sie kosten. Kontinuierliche Medizin kann vieles, das episodische Medizin nicht ohne weiteres bietet.

Die objektive, äußere Grenze der Selbstsorge, ebenfalls in Zusammenhang mit der winterlichen Infektwelle gut sichtbar, ist eine andere Geschichte, und soll ein andermal erzählt werden.


(Stand: 22.02.2017)

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