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Paul Kokott


Psychosoziale Faktoren sind zwar nicht identisch mit Kultur, ihre Wirkung ist aber ein wichtiger Indikator für deren Präsenz und Bedeutung auch in der körperlichen Verfassung von Menschen. Dass psychische und soziale Faktoren signifikante und reproduzierbare Auswirkungen auf Krankheitsentstehung und Prognose auch bei gravierenden körperlichen Zuständen haben, kann als gesichert gelten. Die konkrete psychische Verfassung eines Menschen – offensichtlich ein krankheitsrelevanter Parameter – ist also wiederum Resultat davon, wie der Betroffene die jeweilige Situation wahrnimmt und deutet. Bei der Arbeit des klinisch tätigen Arztes im Kontakt mit dem kranken Menschen geht es ja nicht um Wissenschaft im Sinne der Herstellung von neuem Wissen, sondern um die überlegte Auswahl aus vorhandenen Wissensbeständen in Abhängigkeit von der konkreten Situation und in Abstimmung mit den subjektiven Bedürfnissen des Patienten. Problemwahrnehmungen, Fragestellungen und Bewertungskategorien werden in den einzelnen Buchkapiteln dieses Sachbuches durch kulturwissenschaftliche Einsichten und Wissensbestände zu zentralen Teilthemen der Medizin beschrieben, erörtert und diskutiert. Das Kapitel „Schmerz“ stellt die Wichtigkeit der subjektiven Dimension für die Schmerzwahrnehmung, für Bedeutungszuschreibungen und auch für das Schmerzverhalten von kranken Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung. Im Kapitel „Der gute Tod“ wird u.a. das Hirntodkonzept aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive referiert. Zur Problematik des Tiermodells wird im Kapitel „Reduziertes Krankheitswissen“ ausge- führt, dass das Tier-modell beansprucht, ein experimentell erzeugtes Modell von menschlicher Krankheit in einem Versuchstier darzustellen, d.h. diese Krankheit zu repräsentieren, und dass das Tiermodell einen Blick auf Krankheit impliziert, der die kulturell und biografisch gegebene Einzigartigkeit des leidenden Menschen und die Subjektivität menschlichen Krankseins ausklammert oder zumindest nicht in die Fragestellungen und Methoden medizinischer Forschung integriert. Die Kapitel „Medizinische Forschung am Menschen I“ und „Medizinische Forschung am Menschen II“ behandeln die Thematik ethischer Problemstellungen im Kontext von Forschung und klinischem Alltag am Beispiel der Forschung an Demenzpatienten und der Bewertung und Rechtfertigung von Forschung anhand des Risikobegriffs sowie der Einsicht, dass die Problemwahrnehmungen, Deutungen und Wertehierarchien in heutigen Ethikdiskursen nachvollziehbarer und damit transparenter werden, wenn sie in ihrer historischen Genese rekonstruiert werden. Das Kapitel „Ärzteschaft und Professionalität“ widmet sich dem Selbstverständnis der Ärzteschaft als Berufsgruppe und resümiert, dass die Ärzteschaft als Berufsstand erheblich davon profitieren kann, wenn sie in glaubhafter Form nicht die ärztliche Autonomie und Standesehre, sondern in unzweideutiger Weise das Wohl des kranken Menschen zur obersten Maxime von professionellem Handeln macht. Im Kapitel „Medizin – eine (Kultur-)Wissenschaft“ wird festgestellt, dass die Medizin als Wissenschaft heute neben der „Natur“ des Menschen gerade auch die Kultur im Sinne der Weltdeutungen und Bedeutungszuschreibungen zum menschlichen Körper, zu menschlichen Verhaltensweisen, Leiden, Geburt und Tod zum Gegenstand hat und dass sie gleichzeitig selbst ein konstitutiver Teil der Kultur ist. Ein spannendes, fundiertes, informatives und anspruchsvolles Sachbuch, das Patienten wie Ärzte in einen kulturhistorischen Gesamtzusammenhang stellt und davon abgeleitet die Entwicklungsgeschichte der Medizin in diesem Kontext interpretiert sowie die vordergründig naturwissenschaftliche Akzentuierung medizinischen Wirkens hinterfragt.

Paul Kokott

Korrespondenzadresse

Dr. med. Paul Kokott

Facharzt für Allgemeinmedizin

Akademische Lehrpraxis

Stormstraße 21

38226 Salzgitter

Tel.: 05341/841294

Dr.kokott@t-online.de

Volker Roelcke

Vom Menschen in der Medizin

Für eine kulturwissenschaftlich kompetente Heilkunde

190 Seiten, Softcover

Gießen: Psychosozial-Verlag 2017

ISBN: 978–3–8379–2690–3

Preis: 22,90 Euro


(Stand: 15.02.2018)

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