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Qualifizierungsbedarf aus Sicht von medizinischen Fachangestellten

DOI: 10.3238/zfa.2020.0077-0082

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Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin Delegation Medizinische Fachangestellte Qualifizierungsbedarf

1 Universitätsklinikum Heidelberg

2 Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart

Peer reviewed article eingereicht: 19.09.2018, akzeptiert: 29.11.2018

DOI 10.3238/zfa.2020.0077–0082

Hintergrund

Medizinische Fachangestellte (MFA) übernehmen eine vielschichtige Rolle in der modernen Praxisorganisation, und dabei kann ihr Tätigkeitsspektrum auch über die in der Ausbildungsordnung definierten Aufgaben hinausgehen [1]. Arztunterstützende Konzepte reagieren auf externe Parameter wie eine ungleiche Verteilung von Ärzten, demografische Transition, Zunahme chronischer Erkrankungen sowie Multimorbidität und konfrontieren MFA mit einer notwendigen Kompetenzerweiterung. Die intensive Debatte um diese Konzepte wird bereits durch die Einbindung von MFA in delegierte und koordinierende Aufgaben umgesetzt. Dies wirft Fragen zur Spezialisierung, zur Personalentwicklung und zum Bedarf von Weiterqualifizierung auf.

Um diesem Bedarf zu begegnen, werden Qualifizierungsformate für MFA angeboten, die berufliche Weiterentwicklung unterstützen [2] und die Übernahme delegierter medizinischer Aufgaben ermöglichen. Modelle wie VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) [3] und die aus dem AGnES-Konzept [4] hervorgegangene NäPA (nicht-ärztliche Praxisassistentin) [5] wurden in die Versorgung eingeführt, bereiten auf die Übernahme delegierter Aufgaben vor und unterstützen MFA in ihrer Professionalisierung [6]. So erworbene Kompetenzen sollen bei koordinierenden Aufgaben im Rahmen des Case Managements und auf Anweisung bei selbstständigen Hausbesuchen eingesetzt werden, um z.B. Blutdruck- und Blutzuckermessungen, Wundversorgung oder Sturzprophylaxe durchzuführen [3, 5]. Dadurch können Hausärzte gezielt entlastet und die Qualität der Primärversorgung bei begrenzten Ressourcen aufrechterhalten werden. Diese Formate sind abzugrenzen von Angeboten, die bereits erworbene Kenntnisse erhalten und erweitern, sowie Aufstiegs-Fortbildungen, die etwa auf die Qualifikation zum Hochschulstudium zielen [2, 7]. Die Vielfalt an Qualifizierungsoptionen zeigt einen Trend zur Professionalisierung und bedeutet eine grundsätzliche Auseinandersetzung von Praxisinhabern und MFA mit Weiterqualifizierung sowie Team- und Personalentwicklung.

Vor dem Hintergrund der heterogenen Herausforderungen in Hausarztpraxen wurde auf einem Tag der Allgemeinmedizin in Heidelberg ein thematischer Workshop mit MFA durchgeführt [8]. Ziel war Erwartungen und Bedarfe hinsichtlich der Weiterqualifizierung aus der Perspektive der MFA zu untersuchen.

Methoden

Mit themenbezogenen Fokusgruppen richtete sich die Veranstaltung „Wie geht’s weiter und wohin? – Interaktiver Workshop zur Sicht der Medizinischen Fachangestellten auf berufliche Fortbildungen“ gezielt an akkreditierte Forschungspraxen aus dem Netzwerk der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung des Universitätsklinikums Heidelberg [8]. Diese wurden über die Programmveröffentlichung, postalisch und per E-Mail auf den 90-minütigen Workshop hingewiesen, der durch die Autoren im Oktober 2016 moderiert und begleitet wurde. Die Motivation zur Workshop-Teilnahme und für Weiterqualifizierung wurde offen abgefragt und für das Plenum sowie in Feldnotizen dokumentiert. Im Anschluss an einen Impulsvortrag diskutierten die 14 Teilnehmerinnen moderiert drei Leitfragen interaktiv in drei Gruppen:

1. Welche Situationen erlebe ich im Praxisalltag, für die ich mich nicht angemessen qualifiziert fühle?

2. Welche Probleme gehen damit für mich, Patienten, das Team und den Hausarzt einher?

3. Was brauchte ich, um die Probleme zu meistern?

Die Gruppendiskussionen wurden durch die Autoren moderiert und dauerten 46 Minuten. Um Befangenheit und soziale Erwünschtheit zu vermeiden, verließ ein Autor (FPK) zeitweise den Raum. Die Gruppen diskutierten, ordneten und priorisierten die Resultate zu Frage 1 mit der Mind-mapping-Methode. Die Fragen 2 und 3 zielten auf Herausforderungen, die mit den priorisierten Situationen und dem daraus resultierenden, selbst formulierten Qualifizierungsbedarf einhergehen. Ergebnisse wurden mit Moderationskarten visualisiert und im Plenum präsentiert, Diskussionen digital aufgezeichnet und im Anschluss transkribiert. Alle Teilnehmerinnen wurden zu Beginn der Veranstaltung informiert und ihre schriftliche Einwilligung zur Aufzeichnung, Analyse und Publikation der Ergebnisse eingeholt. In einer strukturierten Inhaltsanalyse [9] wurden die Daten ausgewertet und relevante Themen und Lösungsvorschläge kategorisiert. In der Forschergruppe wurden aus dem Textmaterial induktiv drei Hauptkategorien gebildet und die Kodierung konsentiert. Organisation und Analyse aller Textdaten erfolgte mittels MAXQDA 12. Zitate können nicht einzelnen Teilnehmerinnen zugeordnet werden. Im Sinne des problemzentrierten Vorgehens [10] ergänzte ein standardisierter Fragebogen Angaben zu kontextrelevanten Themen, Soziodemografie, Ausbildung und Praxisstruktur. Dieser wurde deskriptiv in IBM SPSS Statistics 24 ausgewertet.

Ergebnisse

Tabelle 1 zeigt das konsentierte Kategoriensystem mit den Hauptkategorien ,Persönliche Motivation‘, ,Herausforderungen‘ und ‚Impulse‘ sowie Subkategorien und die vergebenen Codes.

Hauptkategorie

Sub-Kategorie

Code

Persönliche Motivation

Zur Workshop-Teilnahme

Neues kennenlernen

Zur Weiterqualifizierung

Patientenorientierung

Aufstiegsmöglichkeiten

Höherer Verdienst

Berufsauffassung

Herausforderungen

Delegierte Hausbesuche

Qualifikation

Kommunikation MFA/Arzt

Krankenbeobachtungen

Überforderung

Zeit

Notfälle

Triage

Dringlichkeit

Kommunikation Patient

Kommunikation Team

Heilmittel/ Folgeverordnungen

Einschätzung

Zugang zu Dokumentation

Unzufriedenheit

Überforderung

Impulse

Tools

Standards definieren

Protokolle entwickeln

Digitale Dokumentation

Feedback

Protokolle nutzen

Kommunikation MFA/Arzt

Tabelle 1 Konsentiertes Kategoriensystem

Stichprobe

Tabelle 2 gibt Aufschluss über die Altersstruktur und Berufserfahrung der Teilnehmerinnen, deren Aufgaben in der Praxis, Ausbildung und Zusatzqualifikationen sowie Aspekte zur jeweiligen Praxisstruktur.

Alter (N = 12*, Median = 29,5, Min = 19, Max = 50)

N

18–26 Jahre

4

27–34 Jahre

5

> 34 Jahre

3

Geschlecht weiblich (N = 13)

13

Berufsausbildung (N = 12*)

N

Medizinische Fachangestellte (MFA)

6

Arzthelferin

5

Gesundheits-/Krankenpflegerin Arzthelferin

1

Berufserfahrung in Berufsjahren (exkl. Ausbildung) (N = 13, Median = 11, Min = 0, Max = 30)

N

0 Jahre (im ersten Berufsjahr nach Ausbildung)

2

2–11 Jahre

5

> 11 Jahre

6

Aufgaben in der Arztpraxis (N = 12*, Mehrfachantworten möglich)

N

Dokumentation, Labor, EKG, EDV

11

Organisation

9

Patientenschulung (z.B. bei Diabetes mellitus)

5

Studienbetreuung

4

Therapie

2

Sonstiges: Hausbesuche (ohne Zusatzqualifikation)

2

Sonstiges: Empfang

1

Zusatzqualifikationen (N = 4*, Freitext, Mehrfachantworten möglich)

N

VERAH PraCMan

3

NäPa VERAH

1

COPD-Schulung

1

Diabetes-Schulung

1

COBRA-Schulung

1

Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen (exkl. HZV QZ, letzte 12 Monate, N = 7*)

N

1–3 Einheiten à 45 Minuten

2

4–7 Einheiten à 45 Minuten

4

> 7 Einheiten à 45 Minuten

1

Anzahl Ärztinnen und Ärzte je Praxis (N = 13)

N

Eine Ärztin/ein Arzt

4

2–3 Ärztinnen und Ärzte

4

4–5 Ärztinnen und Ärzte

5

Anzahl Arzthelferinnen/MFA je Praxis (N = 12*)

N

2–4 Arzthelferinnen/MFA

2

5–7 Arzthelferinnen/MFA

5

8–10 Arzthelferinnen/MFA

5

Anzahl der Teamsitzungen im letzten Jahr (N = 10)

N

3–5 Teamsitzungen

5

6–10 Teamsitzungen

3

11–12 Teamsitzungen

2

* Unterschiede zu N = 13 sind bedingt durch ungültige oder fehlende Angaben/Einträge MFA – Medizinische Fachangestellte

EKG – Elektrokardiogramm

EDV – Elektronische Datenverarbeitung

VERAH® – Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis

PraCMan – Hausarztpraxis-basiertes Case Management für chronisch kranke Patienten

NäPa – Nicht-ärztliche Praxisassistentin

COPD – chronic obstructive pulmonary disease

COBRA – Chronisch-obstruktive Bronchitis im ambulanten Bereich

HZV – Hausarztzentrierte Versorgung

QZ – Qualitätszirkel

Tabelle 2 Charakterisierung der Stichprobe

Persönliche Motivation

Die Motivation zur Workshop-Teilnahme beschrieben MFA dem Plenum mit großem Interesse an Informationen zu individuellen Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten, zur rechtlichen Absicherung bei delegierten Tätigkeiten und zu Möglichkeiten eines Studiums ohne Hochschulreife. Motivation zur Weiterqualifizierung sahen sie in ihrer Berufsauffassung und der Orientierung am Patienten gegeben. Diesbezüglich wurde der Wunsch formuliert, auf „aktuellen fachlichen Stand“ zu kommen, „Verbesserungen in den Praxisalltag“ zu transportieren, um darüber „Aufgaben für sich und die Patienten zufriedenstellend erfüllen“ zu können.

MFA schilderten, dass Weiterqualifizierung Sicherheit im Umgang mit Patienten ermöglicht, Verbesserungen in Versorgung und Praxisalltag transportiert und fachliche Kenntnisse zum Wohle der Patienten „auf neuestem Stand“ hält. Sie gaben an, dass sie „veränderten Anforderungen gerecht werden“, „nicht stehen bleiben“, „Aufstiegsmöglichkeiten nutzen“ und wenn möglich darüber eine „höhere Bezahlung“ erreichen wollten. Dies ließ sich jedoch nicht als vordringlicher Motivationsfaktor erkennen. Weiterqualifizierung wurde auch als „Abwechslung im beruflichen Alltag“ gesehen.

Herausforderungen

Situationen, für die sich MFA mehr Qualifikation wünschten, stehen in engem Zusammenhang mit delegierten Aufgaben. Auch nach absolvierter Weiterqualifizierung empfanden sie hier z.T. Überforderung, vor allem bei der Einordnung ermittelter medizinischer Werte und Fragen von Patienten und Angehörigen. Zu Hausbesuchen, die sonst teamorientiert arbeitende MFA alleine erledigen, berichteten sie von Limitationen bei medizinischen Fragen der Patienten und Angehörigen sowie unklaren Zuständigkeiten bei Aufgaben der Krankenbeobachtung. Hinsichtlich Triage wurden Unsicherheiten in der „Einordnung der Dringlichkeit von Beschwerden“ und „Ergebnissen von Funktionstests“ sowie Defizite von Praxisräumlichkeiten angesprochen. Erkennen von Notfällen, Umgang mit aggressiven Patienten, Beurteilung der Zulässigkeit von Folgeverordnungen sowie Kommunikation im Team und mit dem Arzt der Praxis wurden als weitere Herausforderungen genannt. Nach absolvierten Fortbildungen erlebten MFA Barrieren bei Verhandlungen um höhere Bezahlung, waren dabei jedoch „um Balance bemüht“. Die Aushandlung der Finanzierung von Qualifizierungsmaßnahmen wurde als generelle Herausforderung benannt. Eine Förderung von Weiterqualifizierung und -entwicklung konnte aus MFA-Sicht ein „Grund für einen Arbeitgeberwechsel“ sein.

Nachfolgend werden die Ergebnisse zu den durch die Gruppen priorisierten Themen „Delegierte Aufgaben“, „Triage“ und „Heilmittelverordnungen“ sowie die diskutierten Lösungsvorschläge dargestellt.

Thema: Delegierte Aufgaben

Hinsichtlich delegierter Aufgaben erachteten MFA die intensivere eigene fachspezifische Qualifikation als notwendig, wollten sich aber im Patientenkontakt auch deutlich von ärztlichen Aufgaben abgrenzen: „Ich muss nicht alles wissen, bestimmte Aufgaben sollen beim Arzt bleiben, das sage ich auch den Patienten“.

MFA fühlten sich nicht ausreichend qualifiziert, um bei delegierten Hausbesuchen zufriedenstellend auf „unerwartete Fragen“ einzugehen oder „Komplikationen zu erkennen“. Rücksprache mit dem Praxisarzt als entscheidende Instanz wurde in diesen Fällen als erforderlich gesehen. Ein organisationales Defizit sahen MFA darin, dass Nachbesprechungen zu Hausbesuchen im Praxisalltag oft nur verzögert oder gar nicht möglich sind. Lösungsvorschläge umfassten den telefonischen Kontakt zum Arzt, fest im Praxisalltag verankerten kommunikativen Austausch, die Entwicklung standardisierter Abläufe sowie Protokolle als Rückmeldung an den Arzt.

Thema: Triage

Als erste Anlaufstelle in der Praxis erlebten MFA Herausforderungen bei der Einschätzung von als dringlich geschilderten Beschwerden und Ergebnissen von Funktionstests, Erkennen von Notfällen, Umgang mit aggressiven Patienten sowie Kommunikation mit Patienten und im Team. Eine nicht optimale Versorgung von Patienten wurde als potenzielle Konsequenz benannt. Organisationale Defizite, wie eine „offene Anmeldetheke, die keine vertrauliche Kommunikation mit Patienten zulässt“, wurden thematisiert. Diskutierte Lösungen umfassten Standards für Triage und Dokumentation sowie kollegiales Feedback im Team. Schulungen zu Notfällen, etwa im Zusammenhang mit Funktionstests, wurden als nicht ausreichend häufig eingeschätzt.

Thema: Folgeverordnungen

Bezüglich der Zulässigkeit von Heilmitteln und deren Folgeverordnungen bemerkten MFA ihre unzureichenden Kenntnisse, was in Gesprächen mit Patienten zu „Unzufriedenheit auf beiden Seiten“ führe. Standardisiertes Vorgehen, digitale Dokumentation und entsprechende Qualifizierung sahen sie hier als zwingend notwendig.

Diskussion

Die Workshop-Teilnehmerinnen wollten den Anforderungen der modernen Praxisorganisation gerecht werden, fühlten sich aber nicht für alle Aufgaben des vielschichtigen Tätigkeitsprofils und Herausforderungen ausreichend qualifiziert. Sie thematisieren Qualifizierungsbedarf insbesondere bei delegierten Tätigkeiten, die eine klinische Einschätzung ihrerseits erfordern, sowie bei der Dringlichkeitseinschätzung von Beschwerden, Funktionstestergebnissen und Notfällen. Sie beschrieben nicht optimal verlaufende Prozesse, resultierende Fehlerquellen und damit einhergehende Unzufriedenheit und lieferten Impulse zur Optimierung von Versorgungsprozessen.

Die Delegation von Tätigkeiten an nicht ärztliches Personal ist in vielen Ländern bereits breit implementiert und unterstützt den Zugang zur Primärversorgung [11]. In Deutschland werden entsprechende Konzepte, bisher noch regional begrenzt, von neuen Versorgungsformen und Engpässen in der Versorgung vorangetrieben, wobei deren arztentlastende Funktion bei gleichzeitiger Verbesserung der Patientenzufriedenheit bekannt ist [12, 13]. Eine Befragung von Hausärzten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2016 ergab, dass 66 % der Delegation ärztlicher Tätigkeiten offen gegenüberstehen [14] und dieser Wert damit höher ist als in einer vergleichbaren Befragung in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2012. Dort zeigten sich 41 % der befragten Hausärzte bereits als positiv eingestellt [15]. Solch eine positive Haltung kann auch mit einer erhöhten ärztlichen Arbeitszufriedenheit assoziiert werden [16]. Angesichts dieses Trends und der Komplexität der Versorgung chronisch Kranker lässt sich dringender Handlungsbedarf hinsichtlich der Ausweitung des MFA-Tätigkeitsspektrums und adäquater Qualifizierung erkennen. Die befragten MFA lieferten bereits Hinweise darauf, dass differenzierte Aufgaben auch spezifischen Anforderungen genügen müssen. Überforderung und Unzufriedenheit mit der eigenen Tätigkeit standen bei den Workshop-Teilnehmerinnen immer wieder im Raum. Durch zeitliche und thematische Vorgaben wurde dies nicht fokussiert, vermutlich waren hier jedoch Faktoren angesprochen, die bis zur Nichtausübung des Berufs führen können, was angesichts des allgemeinen Fachkräftemangels nicht wünschenswert ist. Potenziale zur Optimierung bestehender Konzepte liegen dazu in der Überprüfung und in der Anpassung von Inhalten in Ausbildung und Weiterqualifizierung. Die Adressierung von Kommunikationsaspekten, Erkennen von Notfällen und Umgang mit schwierigen Patienten kann dazu beitragen, Versorgungsabläufe noch effizienter zu unterstützen. Denkbar ist auch ein eigenständiges, dann höher zu vergütendes Profil einer Fachkraft für delegierte Tätigkeiten, auf dessen Basis Differenzierung und Entlastung der Praxisroutinen möglich sind. Ein solches Profil kann beispielsweise in die Curricula der Ausbildungsordnung [1] oder bereits existierender Aufstiegsfortbildungen integriert werden [5]. Über praxisinterne Ist-Analysen könnten Korrekturen organisationaler Defizite und die Etablierung verlässlicher Feedback-Schleifen zwischen Arzt, MFA und Patient (wie in den Gruppendiskussionen thematisiert) ermöglicht werden. Dazu können MFA wichtige Impulse geben, wie die Hinweise der Teilnehmerinnen zu Triage-Standards zeigen.

MFA sind in Hausarztpraxen erste Anlaufstelle und wichtige Ressource für die Kontinuität der komplexen Versorgung multimorbider Patienten. Praxisbasiertes Case Management (PraCMan) ist beispielsweise ein Ansatz, bei dem geschulten Praxisteams dazu eine schlüssige Rollenverteilung von VERAH, Patient und Arzt im Sinne einer arztentlastenden Funktion inklusive praxistauglicher Dokumentation zur Verfügung gestellt wird [17, 18]. Zusätzlich werden in VERAH-Qualitätszirkeln Inhalte vermittelt, sodass dem Wunsch nach Sicherheit gebendem Wissen und Struktur Rechnung getragen wird. PraCMan ist bislang lediglich in der hausarztzentrierten Versorgung bei Versicherten der AOK Baden-Württemberg bezahlt einsetzbar und eignet sich nur für ausgewählte Patienten. Dennoch ermöglicht PraCMan die angestrebte Kompetenzsteigerung, Nähe zum Patienten sowie fallbezogen auch zum Arzt. Angesichts der unbestrittenen, im Praxisalltag fühlbaren Versorgungslast könnten solche Modelle auch flächendeckend umgesetzt werden, um die notwendige Weiterentwicklung von Teampraxen zu unterstützen [19, 20].

Limitationen

Die Erhebung erfolgte im Rahmen eines Fortbildungstages, daher können die Teilnehmerinnen als verstärkt an Fortbildung interessiert betrachtet werden. Die Stichprobe weist einen relativ breiten Skill-Mix auf und ist nicht repräsentativ. Hinsichtlich der Motivation zu Weiterbildung ergeben sich Anhaltspunkte, sie sind jedoch nicht vollumfänglich übertragbar. Das Design gekoppelt mit einer Tonaufnahme kann dazu geführt haben, dass sich MFA anders selektierten und nicht frei zu thematisierten Aspekten äußerten. Zum Teil kamen MFA aus gleichen Praxen, so dass aus Loyalitätsgründen Einschätzungen u.U. nicht offen geäußert wurden. Die Verteilung der Charakteristika der Teilnehmerinnen und Praxen sprechen für ein erwünschtes breites Spektrum, sodass mit dieser Form der Erhebung viele subjektive Sichtweisen der Berufsgruppe erfasst werden konnten.

Schlussfolgerungen

Die komplexe moderne Praxisorganisation erfordert eine differenzierte Betrachtung des Bedarfs an Weiterqualifizierung und des kompetenzorientierten Einsatzes der MFA. Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass dies auch durch veränderte Systemstrukturen unterstützt werden muss und Qualifizierungsinhalte auf Kompatibilität mit dem tatsächlichen und zukünftigen Bedarf abzugleichen sind. Damit die Weiterentwicklung des Berufsbilds der MFA sich auch in der Praxisorganisation positiv entfaltet, bedarf es edukativer Angebote, die die Entwicklung erforderlicher Kompetenzen unterstützen. Folgestudien können hier vertiefend untersuchen. Es liegt jedoch nahe, dass die Angebote für MFA und ärztliches Personal Hand in Hand gehen, schließlich sind die Herausforderungen des Alltags oftmals auch nur im Praxisteam zu lösen.

Interessenkonflikte:

Keine angegeben.

Literatur

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2. Hausärzteverband Baden-Württemberg. MFA-Fortbildung. www.hausarzt-bw.de/mfa-fortbildung (letzter Zugriff am 08.10.2018)

3. Institut für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband (IhF) e.V. VERAH. www.verah.de/ueber-verah (letzter Zugriff am 08.10.2018)

4. Kalitzkus V, Schluckebier I, Wilm S. AGnES, EVA, VerAH und Co. – Wer kann den Hausarzt unterstützen und wie? Experten diskutieren die Zukunft der Medizinischen Fachangestellten in der hausärztlichen Versorgung. Z Allg Med 2009; 10: 403–405

5. Bundesärztekammer. Fortbildungscurriculum für Medizinische Fachangestellte und Arzthelfer/innen „Nicht-ärztliche Praxisassistentin“ nach § 87 Abs. 2b Satz 5 SGB V. www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/CurrPraxisassistentin100826.pdf (letzter Zugriff am 08.10.2018)

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7. Bundesärztekammer. Weiter geht‘s – fortbilden und durchstarten. www.fortbildung-mfa.de/ (letzter Zugriff am 09.10.2018)

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9. Kuckartz U. Qualitative Inhaltsanalyse. Weinheim, Basel: Beltz Juventa, 2016

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Korrespondenzadresse

Regina Poß-Doering

Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung

Universitätsklinikum Heidelberg

Marsilius-Arkaden

Im Neuenheimer Feld 130.3

69120 Heidelberg

Tel. 06221 56-38643

regina.poss-doering@ med.uni-heidelberg.de

M.Sc. Regina Poß-Doering ...

... arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungs­forschung am Universitäts­klinikum Heidelberg. Sie absolvierte den Masterstudiengang Versorgungs­forschung und Implementierungswissenschaft im Gesundheitswesen an der Universität Heidelberg. Regina Poß-Doering beschäftigt sich in Lehre und Forschung mit Methoden der qualitativen Forschung. Im Rahmen ihrer Promotion fokussiert sie die Evaluation von Projektmaßnahmen im Kontext der Förderung eines bedachten Einsatzes von Antibiotika in der Primärversorgung.


(Stand: 05.02.2020)

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