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Das Unheil begann in der Eisenbahn

DOI: 10.1055/s-2003-39274

Das Unheil begann in der Eisenbahn

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Editorial Das Unheil begann in der Eisenbahn Wenige Jahre, nachdem zu den Transportmitteln falsche Anreize: »Medizin und soziale Unterin den industrialisierten Ländern die Dampfeistützungssysteme haben sich größtenteils vorsenbahn gekommen war, erschien 1866 eine Abteilhaft entwickelt, aber wir müssen uns frahandlung des Londoner Chirurgen John Eric gen, ob sie zu einer Verbesserung des Problems Erichsen mit dem Titel »On Railway and other rückenschmerzbedingter Arbeitsunfähigkeit Injuries of the Nervous System«. Darin wurden geführt oder ob sie es im Gegenteil verstärkt mechanische Belastungen während Eisenbahnund ausgeweitet haben« (Waddell 1999); fehlende Vernetzung der verschiedenen Befahrten als Ursache einer Schädigung der Wirbelhandlungsebenen: z. B. Überweisungen an säule und damit von Rückenschmerzen postuFachkollegen ohne klare Indikaliert. Diese These wurde schließtion oder ohne Nennung diagnoslich mit der Beschreibung der tischer oder therapeutischer Ziele; »vorgefallenen Bandscheibe« Regelversorgung: Präventive durch Mixter und Barr (1934) zum Maßnahmen oder erfolgverspremonolithischen patho-anatomichende Behandlungskonzepte schen Paradigma verschweißt. (z. B. multidisziplinäre Teams) sind Rückenschmerzen wurden zum nicht in der Regelversorgung »Desaster des 20. Jahrhunderts« verankert; (Waddell 1999). Dabei gibt es keifalsche Informationen: z. B. fehne Belege, dass die Häufigkeit von lende Aufklärung der Betroffenen Rückenschmerzen in den letzten über den meist gutartigen Verlauf Jahrzehnten wesentlich zugenomder Erkrankung oder Festhalten an men hätte. Dramatisch geändert irrealen Behandlungszielen wie haben sich jedoch die subjektive etwa »Schmerzfreiheit«; Beeinträchtigung durch und der Dr. med. Wilhelm Niebling Passivität als therapeutisches Umgang mit Rückenschmerzen. Facharzt für Prinzip: Verordnung, Anwendung Die Zahlen sind nüchtern: Etwa Allgemeinmedizin und Empfehlung vorwiegend pas85 % aller Bewohner der westlichen Schwarzwaldstraße 69 siver therapeutischer Maßnahmen Hemisphäre sind einmal im Leben 79822 Titisee-Neustadt sind iatrogene Faktoren einer betroffen. Bei 5–10 % kommt es zu Schmerzchronifizierung. einer Chronifizierung der Rückenschmerzen. 10–15 % aller Arbeitsunfähigkeitszei- Die Identifizierung und Bearbeitung prädiktiver ten, ein Drittel aller stationären Rehamaßnahmen Faktoren für eine Schmerzchronifizierung in eiund annähernd 20 % aller vorzeitigen Berentun- nem möglichst frühen Stadium der Erkrankung sind eine hausärztliche Herausforderung. Leitligen sind Folge chronischer Rückenschmerzen. Rückenschmerzen sind in den westlichen Län- nien können dabei eine Hilfe bieten. Meist basiedern zum teuersten Gesundheitsproblem avan- ren sie auf der 1994 von der amerikanischen ciert. Die direkten und indirekten Krankheits- Behörde für Gesundheitspolitik und Forschung kosten belaufen sich in Deutschland auf etwa (AHCPR) publizierten »Urleitlinie«. Deren Schicksal ist bekannt: Der Congress kürzte 1996 das 18 Mrd. ¤/Jahr. AHCPR-Budget um die Hälfte – wesentlich auf Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Patho-anatomisches Postulat: »Wir beurteilen Betreiben der Amerikanischen Gesellschaft für und behandeln Rückenschmerzpatienten an- Neurochirurgie. Hintergrund war ein dramatihand von Theorien, die annähernd 90 % der scher Rückgang von Bandscheibenoperationen. Rückenschmerzen nicht erklären können« Ein eindrücklicher empirischer Beleg für die (Andersson 1997); »Wirksamkeit« von Leitlinien. Fehlversorgung: »… weil es uns nicht gelingt, zwischen den Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen einerseits und den Patienten mit ernsten Wirbelsäulenschäden oder radikulären Problemen andererseits zu unterscheiden« (Waddell 1999); Wilhelm Niebling Z. Allg. Med. 2003; 79: 107. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003


(Stand: 03.03.2003)

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