Loading...

ZFA-Logo

Belegbetten für Allgemeinmediziner?! - Überlegungen zu einem neuen Ansatz einer optimierten Patientenversorgung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten

DOI: 10.1055/s-2003-39279

Belegbetten für Allgemeinmediziner?! - Überlegungen zu einem neuen Ansatz einer optimierten Patientenversorgung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten

PDF

Patientenversorgung Belegbetten für Allgemeinmediziner?! Überlegungen zu einem neuen Ansatz einer optimierten Patientenversorgung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten A. Jakob Zusammenfassung Medizinische Versorgung wird heutzutage zunehmend nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt. Dies macht die Beschreitung neuer Wege notwendig, die einen Kompromiss zwischen optimaler Krankenversorgung und Kosteneffizienz finden. Als neuartiges Modell für die kurzfristige Versorgung von Patienten, die im ambulanten Bereich nicht ausreichend betreut werden könnnen, aber andererseits nicht der Diagnose- und Therapiemöglichkeiten eines Akutkrankenhauses bedürfen, kommt die patientenorientierte Versorgung durch Allgemeinärzte in neu einzurichtenden »Versorgungsstationen«, zum Beispiel in Pflegeheimen, in Frage. Im Rahmen von Modellprojekten und wissenschaftlicher Evaluation könnten die Vorteile von stationärer und ambulanter Versorgung verknüpft werden. nannte »soziale Indikationen« auf, die aus allgemeinmedizinischer Sicht eine stationäre Versorgung erforderlich machen, im Akutkrankenhaus in der Regel allerdings nur wenig Diagnostik und Akuttherapie erfordern, so dass solche Aufenthalte vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen unter Umständen als nicht indiziert angesehen werden. In den folgenden Ausführungen wird ein neues Modell der Verknüpfung von ambulanter und stationärer Versorgung diskutiert, das einen Kompromiss zwischen optimaler Krankenversorgung und Kosteneffizienz findet. Fallbeispiel Eine 80jährige Patientin wird dem Allgemeinarzt beim Hausbesuch von den Angehörigen als zunehmend benommen und kaum noch erweckbar vorgestellt. An Vorerkrankungen sind eine kompensierte Herzinsuffizienz bei arterieller Hypertonie und koronarer Herzerkrankung sowie ein seit mehreren Jahren progredienter dementieller Abbauprozess bekannt. Bis vor zwei Tagen sei die Patientin in ihrer Wohnung mithilfe ihrer Kinder selbstständig mobil gewesen. Es erfolgt nun die stationäre Einweisung unter der Einweisungsdiagnose einer unklaren Allgemeinzustandsverschlechterung in das nächstgelegene Akutkrankenhaus zur weiteren Diagnostik und Therapie. Bei der Aufnahmeuntersuchung imponiert eine ausgeprägte Exsiccose, die durch Infusionstherapie innerhalb kurzer Zeit zu beheben ist und unter der die Patientin rasch aufklart. Eine schrittweise Mobilisation wird von der Patientin gut toleriert und es erfolgt am fünften stationären Tag die Entlassung in gutem, altersentsprechendem Allgemeinzustand. Schlüsselwörter Primärarztsystem, Allgemeinärzte, Kosteneffizienz Summary Are general practitioner hospitals necessary? Reflections on new approaches of optimal patient care from an economic view point Nowadays, medical care is judged from an economic point of view. This makes it necessary to pursue new methods which offer a compromise between optimal patient care and cost effectiveness. A new model of patient oriented care by general practitioners entails newly created »health care stations«, for example nursing homes. This model is applicable to the care of patients who are not able to receive satisfactory care in outpatient clinics but on the other hand do not require the diagnosis and therapy possibilities of acute hospitalization. Within the scope of model projects and scientific evaluation, the advantages of stationary and outpatient care can be exploited. Key words Primaryhealthcare system, general practitioners, cost efficiency Einleitung Unter den allgemeinmedizinischen Einweisungsdiagnosen in Akutkrankenhäuser tauchen immer wieder so geDr. med. Alexander Jakob Ringstr. 18, 64367 Mühltal, E-Mail: drjakob@gmx.net 132 Z. Allg. Med. 2003; 79: 132–134. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Patientenversorgung hierfür allerdings eine personelle Erweiterung, so zum Beispiel um Physiotherapeuten, erforderlich. Alternative Versorgungsmöglichkeit Die im Fallbeispiel beschriebene Versorgung der Patientin war aus medizinischer Sicht zweifelsohne indiziert, ist aus Sicht der Krankenkassen aber nicht nur als erfreulich zu werten. In zahlreichen ähnlichen Fällen intervenierte der Medizinische Dienst der Krankenkasssen im nachhinein bereits ab dem zweiten Tag und sah nach Abschluss der Infusionstherapie eine stationäre Behandlung als nicht mehr notwendig an. Ob zu Recht oder Unrecht mag hier durchaus je nach Sichtweise unterschiedlich zu bewerten sein. Im Vergleich zu den Vorjahren berichten die hausärztlich tätigen Kollegen jedoch zunehmend über einen wachsenden Druck durch Verlagerung stationärer Versorgung in den ambulanten Bereich. Mehr denn je tut es also Not, alternative Wege zu bedenken und auch zu beschreiten, die dem Wunsch einer optimalen, patientenzentrierten Versorgung einerseits und dem Ziel einer verbesserten Wirtschaftlichkeit andererseits näher kommen, als dies bisher der Fall war. Betrachtet man auf der Suche nach einer möglichen Lösung möglichst unvoreingenommen obiges Fallbeispiel, so kann man auf der einen Seite feststellen, dass die Behandlung der Patientin nicht zwingend im Akutkrankenhaus erfolgen müsste, auf der anderen Seite aber eine Versorgung im ambulanten Bereich durchaus einzelne Institutionen (Hausarzt, Pflegedienst, Angehörige) deutlich überfordern könnte. Eine Lösung wäre in einem neuen Versorgungskonzept zu finden, das die Vorteile des stationären Rahmens mit denen der ambulanten Versorgung verknüpfen würde. Für ein Modellprojekt käme hier beispielsweise als alternative Versorgungsmöglichkeit die Neueinrichtung von »Akutversorgungsplätzen« im Rahmen bereits be stehender Einrichtungen, so zum Beispiel Altersheimen in Frage. Diese Institutionen wären derzeit in der Lage, eine weitaus kostengünstigere Patientenbetreuung sicherzustellen, als dies nach den Entgelten für eine stationäre Krankenhausunterbringung möglich wäre. Die ärztliche Versorgung könnte durch hausärztlich tätige Ärzte erbracht werden, die im Rahmen zeitlich terminierter Visiten und einer Rufbereitschaft rund um die Uhr tätig werden könnten. Selbstverständlich wäre dieses überdurchschnittliche Engagement nur auf freiwilliger Basis zu erbringen und ist von der gängigen Praxis besonders engagierter Kollegen nicht allzu weit entfernt. Ziel ist hier nicht die »light-Version« des Krankenhauses, sondern die Schaffung kompetenter Versorgungseinrichtungen für all die Fälle, die kurzer Interventionen, aber nicht des großen Spektrums der Diagnostik und Therapie einer Klinik bedürfen. Je nach Pflegeheim wäre Modellprojekt Für die Durchführung eines geeigneten Modellprojektes und die Evaluierung des in der Praxis wirklichen Nutzens, aber auch möglicher Nachteile, kämen als Erstes Regionen in Frage, die eine Überversorgung mit Pflegeheimplätzen aufweisen, so dass bereits bestehende Ressourcen sinnvoll genützt werden könnten. Die zusätzlich entstehenden Kosten könnten so in der anfänglichen Phase sehr gering gehalten werden. Zum Zweiten wäre eine Vorbereitung des Fachpersonals auf das neue Aufgabenfeld sowie ein Zusammenschluss interessierter Kollegen in Qualitätszirkeln mit Schaffung neuer Leitlinien notwendig, damit dem Patienten eine professionelle Hilfe offeriert werden kann, die qualitativ bestehenden Standards in nichts nachsteht. Verzahnung Besonders zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass es nicht um eine Abkapselung von den Akutkliniken oder um die Beschreitung außergewöhnlicher Therapieoptionen geht. Eine enge Verzahnung zwischen dem neuen Projekt der teilambulanten Versorgung und den bereits bestehenden Einrichtungen der stationären Krankenversorgung ist im Sinne des Patienten dringend geboten. So bietet sich hier für die Krankenhäuser der willkommene Aspekt, Patienten, die keiner stationärer Behandlung mehr bedürfen, aber aus verschiedenen Gründen noch nicht entlassen werden können, in eine Einrichtung zu verlegen, deren Kompetenz über die der üblichen Kurzzeitpflege hinausgeht, sofern dies erwünscht und erforderlich wird. Andererseits wird es Fälle der teilambulanten Versorgung geben, für die sich im Verlauf herausstellt, dass aus Gründen der Diagnostik oder Therapie eine weitere teiloder vollstationäre Aufnahme erforderlich wird. Es gibt hier zahlreiche Möglichkeiten der sinnvollen Kooperation und Ergänzung, die beschritten werden können. Patientenkollektiv Als geeignetes Krankenkollektiv kommen insbesondere geriatrische Patienten in Frage, die voraussichtlich einer kurzen Therapie ohne aufwändige apparative Diagnostik bedürfen. Die Indikationsstellung für eine teilambulante Versorgung bedarf besonderer Gewissenhaftigkeit, da- Z. Allg. Med. 2003; 79: 132–134. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 133 Patientenversorgung mit für stationär zu behandelnde Krankheitsbilder nicht unnötige Zeit verloren wird. Um sich nicht dem möglichen Vorwurf der minderen Qualität der Diagnosestelllung und Therapie durch klinisch tätige Kollegen ausliefern zu müssen, wäre eine wissenschaftliche Evaluation im Rahmen statistischer Vergleiche im Rahmen von randomisierten Studien durch allgemeinmedizinische Sektionen der Universitätskliniken wünschenswert. sächlichen Ausführung erkenntlich werden, wobei im Sinne des Patienten und der Ärzteschaft der Nutzen dieser neuen Versorgungsform deutlich im Vordergrund stehen dürfte. Der Angst vor dem Fremden, die in unserem Gesundheitssystem besonders verbreitet scheint, ist nur zu entgegnen, indem man das vermeintlich Ungewisse kennen lernt. Ausblick Zusammenfassend bietet das in den vorangegangenen Ausführungen diskutierte Modell der teilambulanten Versorgung ausgewählter Patienten einen wichtigen neuen Aspekt in der immer rauher werdenden Realität unseres Gesundheitsystems, der unter Einsparung finanzieller Mittel eine patientenorientierte, hochwertige Versorgung sicherstellen möchte. Vorteile, aber auch Nachteile werden in ihrer gesamten Breite erst in der tat- Zur Person Dr. med. Alexander H. Jakob, derzeit im Rahmen der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in der medizinischen Klinik eines Kreiskrankenhauses tätig, verheiratet, eine Tochter. Planung der Niederlassung in eigener Praxis mit allgemeinmedizinisch-akademischer Ausrichtung. Buchtipp Medizin im Internet, Evidence-based-Medicine und Qualitätsmanagement online F. Koc, Springer Verlag, Heidelberg, 2002, 262 St., 14,95 Euro Der Internist Koc bietet eine hervorragende Einführung in das Medium Internet; man merkt dem Autor seine Fachkompetenz an: Er betreibt das Webportal Medknowledge und gibt Inter netkurse für Kollegen. Das Buch ist für Mediziner ein guter Wegweiser durch das Web. Koc hat eine Fülle von Internet-Adressen zusammengetragen, die in 31 Kapiteln nach Fachgebieten wie Allgemeinmedizin oder Onkologie und Themen wie Qualitätsmanagement in der Arztpraxis sortiert sind. Struktur und Zugangsmöglichkeiten des Internets, E-Mail, FTP und Sicherheitsaspekte werden vorgestellt. Ob Fortbildungen, Pharmazie oder Telemedizin – Ärzte finden zu jedem wichtigen Bereich Anlaufstellen im Netz. Suchmaschinen und -strategien werden praxisnah erklärt. Der Datenbank Medline der US-amerikanischen National Library of Medicine widmet er ein eigenes Kapitel. Ärzte erfahren zum Beispiel, dass sie sich mittels »MESH-Browser« an den Schlagworten der Bibliothek orientieren können. Eigene Kapitel widmen sich der evidenzbasierten Medizin, Disease Management Programmen und DRGs. Insgesamt bietet das Buch einen Streifzug durch die unter schiedlichsten medizinischen Disziplinen. Wie alle Bücher zum Thema Internet muss auch dieses der Aktualität des Mediums Tribut zollen: einige der Internetadressen haben sich seit Drucklegung bereits wieder geändert. Ansonsten bietet das Buch einen hervorragenden Einstieg, will aber schon fast zu viel. Deutlich wird dies im letzten Kapitel zum Thema Praxishomepage. Die hier vorgestellte, einfache Art der Webseiten-Erstellung entspricht nicht mehr ganz den technischen, grafischen und rechtlichen Anforderungen, die an eine moderne Praxishomepage gestellt werden sollten; eine Arbeit, die man lieber Spezialisten überlassen sollte. Insgesamt ein empfehlenswertes Buch für alle Mediziner, die sich einen Überblick über das Internet und seine Möglichkeiten machen und nach guten und evidenzbasierten Informationen suchen wollen. Dr. H. C. Vollmar, Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Medizinische Informatik, Universität Witten/Herdecke 134 Z. Allg. Med. 2003; 79: 132–134. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003


(Stand: 03.03.2003)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.