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Evidenz-basiertes präventives Assessment für betagte Patienten - Umsetzung der Ergebnisse einer europäischen Studie in eine konkrete hausärztliche Vorsorgeuntersuchung in Deutschland

DOI: 10.1055/s-2003-39281

Evidenz-basiertes präventives Assessment für betagte Patienten - Umsetzung der Ergebnisse einer europäischen Studie in eine konkrete hausärztliche Vorsorgeuntersuchung in Deutschland

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Forum Qualität/Präventives Assessment alter Menschen Evidenz-basiertes präventives Assessment für betagte Patienten Umsetzung der Ergebnisse einer europäischen Studie in eine konkrete hausärztliche Vorsorgeuntersuchung in Deutschland U. Junius, C. Schultz, G. Fischer, A. Breull, D. Langner Zusammenfassung Vier Jahre hat das europäische STEP Projekt* in die Entwicklung eines gemeinsamen evidenz-basierten, ambulanten geriatrischen Assessments investiert, um medizinische Standards zu setzen, die eine qualitativ einheitliche medizinische Präventivversorgung älterer Menschen gewährleisten und innereuropäische Vergleiche ermöglichen. Jetzt liegt dieses Assessment erstmalig in deutscher Sprache vor. Bei Eingang in die Regelversorgung hätte Deutschland so den Anschluss an die führenden europäischen Nationen England, Schweiz und Dänemark gefunden. Summary Evidence based preventative assessment for older patients: The implementation of the results of a European study in a concrete medical check-up in Germany The European STEP-Project invested four years in the development of an evidence-based assessment of older people in primary care for general European use. Its achievement lies in setting a medical standard that allows intra European comparison and defines a common level of quality in the care of older people. A German version of the assessment instrument is available now. If integrated into the national health care programme, Germany will have caught up with other leading European nations such as UK, Switzerland and Denmark. miologie/Public Health und Soziologie aus sieben Ländern beteiligten sich an der Entwicklung. Aus ursprünglich 60 wurden nur diejenigen alters- und gesundheitsrelevanten Probleme ausgewählt, für die in der Literatur eine positive Wirkung für Präventivmaßnahmen nachgewiesen war. Die Auswahl geschah anhand eines Kriterienkatalogs, der Aufdeckungsrate, Gesamtprävalenz, Effektivität von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen und Akzeptanz berücksichtigte. Dabei wurde die Literatur für jedes in Frage kommende Gesundheitsproblem aufbereitet, Originalarbeiten bzw. Meta-Analysen wurden einem »critical appraisal« bezüglich Methodik und Übertragbarkeit auf die hausärztliche Arbeitspraxis unterzogen. Somit erfolgte eine wissenschaftliche Fundierung der relevanten präventiven Leistungen anhand der »best available evidence« mit Aktualisierung in 2001/2002 (6). Das Assessment-Verfahren und Empfehlungen zur Durchführung 33 Untersuchungen zu Funktionsstatus und Alltagsbewältigung, allgemeinen Symptomen und spezifischen Erkrankungen, zu psychischem und mentalem Status, sozialem Umfeld und Life Style sowie zu Impfungen fanden Eingang in die Vorsorgeuntersuchung ( iehe Ans hang ). Ausschließlich häufige und wichtige Gesundheitsprobleme im Alter, deren frühzeitige Aufdeckung und Intervention eine Verbesserung der Gesundheit oder Lebensqualität herbeiführen, sind hierin thematisiert (5); für Krebsvorsorgeleistungen liegen nationale Programme vor. Das Untersuchungsverfahren ist standardisiert. Damit wird ein einheitliches Qualitätsniveau für das Assessment-Programm festgelegt. Es verlässt sich nicht gänzDr. med. Ulrike Junius Abteilung Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover E-Mail: ulrike.junius@doctors.org.uk Key words STEP-Project, evidence-based assessment, older people, primary care, medical standard Eine europäische Aktion zur Entwicklung eines präventiven Assessments Ausgangspunkt war ein von der EU gefördertes Projekt mit dem Ziel, ein harmonisiertes ambulantes geriatrisches Assessment-Verfahren zu entwickeln, das in allen europäischen Ländern angewendet werden kann. Vertreter der Fächer Allgemeinmedizin, Geriatrie, Epide* Von der europäischen Union gefördertes Projekt. Mitarbeiter nach Ländern: Junius U, Hellenbrand W, Fischer G, v. Renteln-Kruse W, Sandholzer H (D),Jones D, WilliamsI, Reilly P, Walker P (GB), Vass M, Hendriksen C (DK), van Weel C, Vernooij-Dassen M (NL), Angst P, Gilgen R (CH), Carrillo B (ES), Rajala T (Fi). Z. Allg. Med. 2003; 79: 143–148. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 143 Forum Qualität/Präventives Assessment alter Menschen lich auf die traditionelle Anamnese-Erhebung und Untersuchung, sondern nutzt geriatrische AssessmentInstrumente. Voraussetzung war, dass diese Instrumente bereits in der ambulanten Versorgung oder Forschung genutzt werden und eine zufriedenstellende Validität aufweisen. Und es ist so kurz und einfach wie möglich gestaltet, um in den hausärztlichen Arbeitsablauf integriert werden zu können. Nun liegt die deutschsprachige Version des präventiven STEP Assessments für die Zielgruppe der ambulant lebenden Patienten vor und kann Hausärzten zur eigenen Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Dazu haben wir im Anhang die wesentlichen Unterlagen zusammengestellt. Das Untersuchungsverfahren besteht aus einem Fragebogen für den Patienten, einer kurzen Untersuchung durch die Arzthelferin und einer Einschätzung durch den Hausarzt. Der Fragebogen für den Patienten kann im Wartezimmmer ausgefüllt werden und umfasst bereits den Großteil der im Assessment enthaltenen Gesundheitsbereiche. Die kurze Untersuchung der Arzthelferin besteht in einer Blutdruckmessung, im Feststellen der Pulsfrequenz und Rhythmik, in einem kurzen Orientierungstest und in einer Blutabnahme (Cholesterin- und Blutzuckerscreening, falls Werte nicht bereits vorliegen). Die Arzthelferin vermerkt mögliche Gesundheitsprobleme auf einem übersichtlichen Ergebnisbogen und legt diesen dem Hausarzt vor. Dieser schätzt Allgemeinzustand und psychischen Status ein und achtet auf mögliche Zeichen einer Parkinsonerkrankung. Eine Untersuchung der Füße sowie ein Gangtest runden das Assessment ab. Der Arzt erhält zusätzlich einen Katalog, in dem Hinweise zur Auswertung gegeben werden sowie Interventionsvorschläge bei aufgedeckten Gesundheitsproblemen mit kurzen Angaben zur wissenschaftlichen Evidenz. Hausarzt muss sich daher auf erheblich komplexer werdende Aufgaben einstellen. Zwar hat die Gesundheitspolitik (2, 4) diese Entwicklung erkannt; aber auch sie sieht sich mit der defizitären ambulanten Versorgungssituation im Alter konfrontiert und mit Leistungsangeboten, die hinsichtlich Prävention und Ganzheitlichkeit für alte Menschen unzureichend sind (Gesundheits-Check (EBM Nr. 160)). Zudem mangelt es bei den Gesundheitsversorgern an Kooperation und nachgehender Qualitätssicherung. Dies führt zu Doppel-, Fehl- und Unterversorgungen. Ein ambulantes präventives Assessment wird einen Teil der Lücken in der medizinischen Altenversorgung schließen. Die hier vorgestellte standardisierte Untersuchung ist evidenz-basiert, ganzheitlich bio-psycho-sozial ausgerichtet und erlaubt eine Einschätzung wesentlicher individueller gesundheitlicher Ressourcen und Defizite. Dadurch werden Gesundheitsprobleme frühzeitig aufgedeckt und gleichzeitig eine standardisierte Datenbasis geschaffen, die multidisziplinär genutzt werden kann. Gegenwärtig läuft eine erste feasability-Studie, die sich vornehmlich mit Testgütekriterien und mit Fragen zur Optimierung des Einsatzes befasst. Literatur 1. Beck J, Stuck A: Preventing disability. Beyond the black box; JAMA 1996; 276: 1756–7 2. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation. Drucksache 14/5130. Berlin: Medien- und Kommunikations GmbH 2001; 17 3. Crotty M, Whitehead CH, Gray S et al.: Early discharge and home rehabilitation after hip fracture achieves functional improvements: a randomized controlled trial. Clin Rehabil (England), Jun 2002; 16(4): 406–13 4. European Commission zur key action 6 «the ageing population and disabilities« für 2002: www.cordis.lu/fp5/about.htm und www.cordis.lu/life/src/a-oj-de5.htm 5. Junius U, Fischer G für die STEP-Gruppe: Geriatrisches Assessment für die hausärztliche Praxis. Ergebnisse einer konzertierten Aktion aus sieben europäischen Ländern. Z Gerontol Geriatr 2002; 35: 210–223 6. Williams I, Fischer G, Junius U et al.: An evidence based approach to assessing older people (2002). Occasional Papers 82, Royal College of General Practice, London 7. ZI-ADT-Panel Nordrhein: Wir danken Frau Kerek-Bodden für die freundliche Überlassung der repräsentativen Daten aus ca. 450 Arztpraxen und ca. 600.000 Patienten der KV Nordrhein. Das Assessment: eine Lösung für zukünftige Anforderungen an den Hausarzt Der jetzt abgeschlossenen Entwicklung zum präventiven Assessment stehen in der Praxis ein stetig ansteigender Anteil älterer Patienten am Gesamtklientel gegenüber, gegenwärtig 35 % bei Allgemeinärzten und knapp 50 % bei hausärztlich tätigen Internisten (7). Diese Entwicklung wird sich mehr als bisher angenommen verschärfen, da offensichtlich grobe Unterschätzungen für die Prognose der Zahl der Alten und behinderten Alten vorliegen (1). Gleichzeitig findet aufgrund der Verkürzung der Liegezeiten in den Krankenhäusern eine Verschiebung der Behandlungsverantwortung von der stationären auf die ambulante Versorgung statt (3). Der Zur Person Dr. med. Ulrike Junius, seit 1993 Mitarbeiterin in der Abteilung Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover; Forschungssschwerpunkt: Primärversorgung für alte Menschen. 1995 nationaler Forschungspreis für Geriatrie. 1999 Facharzt für Allgemeinmedizin. Seit 2000 tätig als Gutachterin für die europäische Kommission im Quality of Life Programm »The Ageing Population«. 144 Z. Allg. Med. 2003; 79: 143–148. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Forum Qualität/Präventives Assessment alter Menschen Z. Allg. Med. 2003; 79: 143–148. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 145 Forum Qualität/Präventives Assessment alter Menschen 146 Z. Allg. Med. 2003; 79: 143–148. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Forum Qualität/Präventives Assessment alter Menschen Z. Allg. Med. 2003; 79: 143–148. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 147 Forum Qualität/Präventives Assessment alter Menschen B) Zu Beobachtungen des Arz- 148 Z. Allg. Med. 2003; 79: 143–148. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003


(Stand: 03.03.2003)

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