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Die Behandlung der Tabakabhängigkeit mit Nikotin - Erfahrungen aus dem Raucherberatungszentrum Erfurt

DOI: 10.1055/s-2004-818759

Die Behandlung der Tabakabhängigkeit mit Nikotin - Erfahrungen aus dem Raucherberatungszentrum Erfurt

ZfA 2004 \"020\", 19.3.04/dk köthen GmbH Die Behandlung der Tabakabhängigkeit mit Nikotin ± Erfahrungen aus dem Raucherberatungszentrum Erfurt Treatment of Tobaccoaddiction with Nicotine ± Experiences from the Smokers\'Advisory Center in Erfurt Versorgung 108 K.-O. Haustein M. Voigt H. Haustein C. Meigen Zusammenfassung In eine offene, prospektiv geführte Studie wurden 219 entwöhnungswillige Raucher eines nicht-selektierten Krankengutes im Laufe von 15 Monaten eingeschlossen. Geplant war der absolute Rauchstopp unter ärztlicher Betreuung und mit Hilfe von Nikotinpräparaten (Pflaster, Kaugummi, Nasalspray) für 6 Monate. Kontrolliert wurde das Rauchverhalten mittels CO-Gehalt in der Exspirationsluft. Die Behandlung wurde individuell geführt. Die Nikotinpräparate wurden zumeist in Zweierkombination verabreicht. Innerhalb von 3 Monaten erfolgten im Mittel 6,5 Beratungen mit einer Kontrolle nach 6 Monaten. Von den 219 Rauchern erschienen 39 (17,8 %) nur einmal zu einem Informationsgespräch (¹Konsultiererª). Dem Behandlungsplan unterzogen sich 180 Patienten, von denen 107 vor Abschluss der Behandlung nicht mehr erschienen (48,8 %, ¹Versagerª). Erfolgreich entwöhnt wurden 73 Patienten (33,3 %, ¹Ex-Raucherª) über 6 Monate. Die Erfolgsquote liegt bei 33,3 % (¹intention-to-treatª). Bleiben die ¹Konsultiererª, die das Behandlungsregime nicht akzeptierten, unberücksichtigt, steigt die Erfolgsquote auf 40,6 %. Die 155 unerwünschten Wirkungen zwangen nur einmal zur Aufgabe der Anwendung von Nikotin-Nasalspray wegen Nasenblutens. Die hohe Erfolgsquote resultierte aus der Kombination von ärztlicher Beratung plus Nikotinbehandlung. Schlüsselwörter Zigarettenrauchen ´ Rauchstopp ´ Entwöhnungsbehandlung ´ Nikotin Abstract Within a time interval of 15 months 219 smokers of an unselected group of patients who planned to stop smoking were included in an open, prospective study. Consequent smoking cessation over 6 months was intended with the aid of physicians counselling and nicotine replacement therapy (NRT patchs, chewing gum, nasal spray). Smoking behaviour was controlled by measuring the expired carbon monoxide. Individual treatment was led over 3 months with a mean of 6.5 visits and a control visit after 6 months. Nicotine was administered as a dual combination in most patients. Out of 219 patients, 39 (ªconsultantsº) had only one visit to inform themselves (17.8 %), while 178 patients participated in the therapy, 107 without success (48.8 %, ªquittersº) and 73 successfully (33.3 %, ªex-smokersº). By intentionto-treat analysis, a success rate of 33.6 % was calculated. Neglecting the ªconsultantsº because they did not accept the treatment regimen, a success rate of 40.6 % was calculated. In total, 155 unwanted drug effects by the various nicotine preparations were counted. In only one patient nasal spray was withdrawn because of nose bleeding. Thus, the combination of physicians counselling plus NRT is a highly effective method for smoking cessation. Key words Cigarette smoking ´ smoking cessation ´ physicians counselling ´ nicotine replacement therapy Institutsangaben Fritz-Lickint-Institut für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung, Erfurt Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. K.-O. Haustein ´ Fritz-Lickint-Institut für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung ´ Johannesstraûe 85±87 ´ 99084 Erfurt ´ Tel.: 03 61-64 50 80 ´ Fax: 03 61-6 45 08 20 ´ E-mail: haustein@inr-online.de Bibliografie Z Allg Med 2004; 80: 108±112  J. A. Barth Verlag in Georg Thieme Verlag KG ´ ISSN 0014-336251 ´ DOI 10.1055/s-2004-818759 ZfA 2004 \"020\", 19.3.04/dk köthen GmbH Einleitung Zigarettenrauchen wird heute als Abhängigkeitsreaktion im Sinne einer Sucht verstanden [4]. Der Raucher zeigt im Laufe seines Lebens keine, das soziale Umfeld gefährdenden Reaktionen unter der Droge ¹Tabakª. Etwa 75 % der Raucher sind nicht an einer ¾nderung ihres Rauchverhaltens interessiert [12]. Derzeitig sterben in Deutschland täglich 383 Menschen an den Folgen des Rauchens [10]. Die Raucherentwöhnung ist bisher nicht im Tätigkeitsprofil eines Allgemeinmediziners verankert, weil (a) die meisten ¾rzte derzeitig nicht über ausreichende Kenntnisse auf dem Gebiete der Raucherentwöhnung verfügen, (b) die Gespräche zum Rauchstopp mit dem Raucher zeitaufwendig sind, und (c) dafür die Kassen nur ausnahmsweise Zahlungen leisten [8, 9]. In Deutschland werden überwiegend Methoden zur Raucherentwöhnung angeboten, die selbst nach den Aussagen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nicht effizient sind, aber von den Gesundheitspolitikern favorisiert werden. Von den 32 in der Schrift angeführten Selbsthilfeverfahren können allenfalls 1±2 Programme empfohlen werden [11]. Die Versicherungsträger verweigern die Behandlung des Rauchers mit Nikotinpräparaten (Nicotine Replacement Therapy, NRT), obwohl dieses Verfahren von der WHO favorisiert wird [15]. NRT ist durch mehr als 100 doppelblinde, prospektive und plazebokontrollierte Studien gesichert [13]. Ein Rauchstopp ist zu jedem Zeitpunkt der Raucher¹karriereª sinnvoll! Entscheidend für den Erfolg ist der feste Entschluss des Rauchers, das Rauchen aufzugeben. Mit ihrem Rauchverhalten selbst nicht zufriedene (diskordante) Raucher und solche mit einer starken ¹physischenª Abhängigkeit haben bessere Erfolgschancen als solche, die gern rauchen oder Gelegenheitsraucher sind [2]. Die vorliegende Studie wurde mit dem Ziel des Nachweises durchgeführt, dass (a) Raucherentwöhnung auch unter ärztlichambulanten Bedingungen sehr wirksam sein und (b) die ärztliche Beratung in Verbindung mit Nikotinpräparaten ein Optimum für den entwöhnungswilligen Raucher darstellen kann [7]. Aus diesem Grunde wurde unter den Bedingungen einer Sprechstunde auf eine plazebokontrollierte Studie verzichtet. als bei den Konsultierern auf (p = 0,033). Bei den Ex-Rauchern war der Anteil von PAVK-Erkrankungen gegenüber den Versagern verdoppelt (p = 0,05). Eingenommene Arzneimittel: Antihypertensiva (n = 22), teilweise kombiniert mit Psychopharmaka (n = 10), Nitrokörper, Antidiabetika und Insulin, Thrombozyten-Aggregationshemmer, Lipidsenker und Antiarrhythmika (n = 6). Interaktionen mit den Arzneimitteln wurden durch den Rauchstopp nicht ausgelöst. Die im Zusammenhang mit einem Rauchstopp oft auftretende Gewichtszunahme wurde zu Behandlungsbeginn, aber auch bei den Konsultationen besprochen. Mit einem eigenen Dokumentationsprogramm [9] wurden anamnestische Angaben erhoben. Das PC-Programm umfasste Masken für die Anfangs- und Abschluss- sowie für (z. B. die 2. bis 7.) Wiederholungsuntersuchungen. Der Grad der Abhängigkeit wurde mit dem Fagerström-Test [5] und einer Situationsanalyse zum Rauchverhalten ermittelt (Tab. 2). Gemessen wurden der CO-Gehalt in der Ausatemluft (Smokelyzer, Bedfont, NeoMed Medizintechnik, Köln), der Atemstoûwert (FEV1; MicroLoop Spirometer, MicroMedical, Hamburg) sowie der Blutdruck. Die RaucherInnen wurden über die Gefahren des Rauchens aufgeklärt und der CO-Wertes, Indikator der chronischen Tabakrauch-Intoxikation, erläutert. Die erste Beratung dauerte Versorgung Tab. 1 Angaben zu den eingeschlossenen Patienten. Mittelwerte (Standardabweichung) Gruppe 1 (n = 39), Gruppe 2 (n = 107), Gruppe 3 (n = 73), Konsultierer Versager Entwöhner Alter (Jahre) Geschlecht (m/w) Behandlungsdauer (Monate) Visiten (n) Telefon-Visiten (n) Raucherkarriere, Beginn (LJ) Raucherjahre Aufhörversuche (n) diskordanter Raucher (%) KohlehydratAbhängigkeit Zigaretten zu Beginn (cpd) * p < 0,05. 40,9 (10,9) 21/18 ± 1 (0) 0 (0) 17,6 (6,4) 21,8 (10,9) 1,6 (0,7) 84,6 (36,5) 23,1 (42,6) 26,2 (11,8) 43,8 (12,3) 56/51 5,5 (4,3) 5,3 (3,2)* 0,9 (0,9) 17,8 (5,8) 24,5 (10,7) 1,6 (0,7) 83,3 (37,4) 16,7 (37,4) 25,6 (14,0) 72,6 (20,9) 47,0 (11,6) 48/25 6,6 (2,2) 7,3 (2,6)* 0,8 (0,9) 19,3 (6,7) 25,8 (11,4) 1,6 (0,7) 80,6 (39,8) 26,4 (44,3) 23,3 (13,8) 75,7 (22,8) 109 Körpergewicht (kg) 76,8 (23,5) Patienten und Methoden Es wurden 219 Raucher und Raucherinnen (nachfolgend auch: als RaucherInnen benannt) in die offene, nicht plazebokontrollierte Studie in der Folge ihrer Anmeldung von Oktober 2001 bis Juli 2002 eingeschlossen. Dabei handelte es sich um alle Raucher, die das Zentrum in dieser Zeit aufsuchten (Tab. 1). Die ärztliche Beratungstätigkeit war für die Raucher kostenfrei. Ziel der Studie war ein Rauchstopp über 6 Monate, da es über eine längere Zeit schwierig ist, mit den Ex-Rauchern in Kontakt zu bleiben [2, 7]. Erkrankungshäufigkeiten zwischen den Gruppen waren selten: Unterschiede gab es in der Häufigkeit eingetretener Herzinfarkte bei den Versagern von den Konsultierern (p = 0,013). Periphere Gefäûerkrankungen traten häufiger in der Gruppe der Versager Tab. 2 Physiologische Parameter der untersuchten Patienten Gruppe 1 FTND (Punkte), Beginn FTND (Punkte), Ende CO (ppm), Beginn CO (ppm), Ende Puls (/min), Anfang Puls (/min), Ende 5,7 (2,2) ± 24,4 (10,1) ± 79,6 (11,0) ± Gruppe 2 5,7 (2,2)* ± 23,8 (17,4) 13,0 (9,6) 78,2 (10,4) 77,4 (11,3)*** Gruppe 3 5,0 (2,2)* 0 (0) 18,2 (11,1)** 3,3 (4,6)** 78,0 (10,0)*** 72,5 (10,8)*** * p = 0,049; ** p = 0,0089; *** p = 0,03. Haustein K-O et al. Die Behandlung der Tabakabhängigkeit ¼ Z Allg Med 2004; 80: 108 ± 112 ZfA 2004 \"020\", 19.3.04/dk köthen GmbH 45±60 Minuten, die nachfolgenden richteten sich nach dem Erfolg der Behandlung, was die Anzahl (n = 6±12) und die Dauer der Konsultationen (15±30 min) betraf. Unser Behandlungskonzept bestand in einer vollständigen Entwöhnung mit sofortigem Rauchstopp. Die RaucherInnen wurden für dieses Ziel durch eine individuelle ärztliche Beratung unterstützt und es wurde die Einnahme von Nikotinpräparaten empfohlen. Auf eine spezielle psychologische Betreuung wurde bei umfassender ärztlicher Gesprächsführung verzichtet. Die Behandlung wurde mit Nicotin-Präparaten (Pflaster zu 24,9 mg, Kaugummi zu 4 mg, Nasalspray zu 0,1 mg pro Hub) durchgeführt. Genutzt wurden die Präparate Nicorette der Firma Pharmacia (Erlangen), die als OTC-Präparate, der Nasalspray ausgenommen, erhältlich sind. Entgegen den Fachinformationen, aber in Übereinstimmung mit der Empfehlung zur Behandlung der Tabakabhängigkeit [2] verwendeten wir Nikotin-Präparate je nach abgeschätztem Schweregrad [2, 6] zumeist in 2er-, selten in 3er-Kombination. Die Ex-Raucher (n = 54) erhielten Pflaster + Kaugummi, 3 Pflaster + Spray, 7 die 3er-Kombination und die verbleibenden Patienten wurden monotherapeutisch versorgt. Von den Versagern erhielten 66 Pflaster + Kaugummi, 12 Pflaster + Spray, 3 Kaugummi + Spray, 6 die 3er-Kombination und alle anderen wurden monotherapeutisch versorgt. Die Nikotin-Pflaster wurden über 16 Stunden (tagsüber) verordnet, weil die 24-stündige Verweildauer zu Schlafstörungen führen kann. Die Behandlung wurde mit Pflaster maximal über 2±3 Monate geführt. Die Pflaster geben bis zu 0,9 mg, in späteren Stunden etwa 0,6 mg Nikotin/ Stunde über die Haut ab. Die Pflasterdosis von 24,9 mg wurde nach 3±6 Wochen durch Halbieren der Pflaster reduziert und diese im Mittel für weitere 2±3 Wochen verabreicht. Mit Nikotin-Pflastern anderer Hersteller (Novartis, GlaxoSmithKline) konnte in dieser Form nicht verfahren werden, weil aufgrund einer anderen Galenik Intoxikationen auftreten können. Kaugummis zu 4 mg wurden anfangs maximal stündlich in einer Zahl bis 12 Stück pro Tag empfohlen. Der Nasalspray wurde anfangs maximal stündlich tagsüber eingesetzt (pro Hub 0,5 mg je Nasenloch, also 1 mg Nikotin pro Anwendung). In den darauf folgenden Behandlungswochen wurden Kaugummi und Nasalspray je nach Erfordernis verordnet [2]. Nasalspray war geeigneter als Kaugummis, ¹cravingª-Effekte (Zustände eines nicht zu bremsenden Rauchverlangens) zu löschen. Ihr Rückgang wurde nach dem Rauchstopp täglich oder wöchentlich abgeschätzt, um die Nikotinzufuhr nicht zu schnell zu reduzieren bzw. die Nikotingaben nicht zu zeitig zu beenden. Die Patienten wurden auf den Einhalt des Rauchstopps während der Behandlung hingewiesen. Die Daten wurden auf einem PC dokumentiert, in eine Excel-Datei überführt und statistisch ausgewertet (Mittelwerte, Standardabweichung, t-Test, Varianzanalyse). Für signifikante Unterschiede wurde ein p-Wert < 0,05 gefordert. pe 1). Eine zweite Gruppe (n = 107) nahm die Behandlung zunächst an, erlag aber wiederum dem Zigarettenrauchen und erschien nicht mehr (Versager). Eine dritte Gruppe (n = 73; ExRaucher) erwies sich als kooperativ und erreichte einen Rauchstopp über einen Zeitraum von 6 Monaten. Die Daten für den Fagerström-Test, den CO-Wert und die Herzfrequenz wurden in Tab. 2 zusammengefasst. Die Werte für FEV1 und Blutdruck zeigten keine Unterschiede zwischen den Gruppen sowie vor und nach der Behandlung. Bei der Situationsanalyse des Rauchverzichts verwendeten wir einen Score von 1 bis 5 Punkten. Die höchste Punktzahl (5 Punkte) wurde für jede der 10 Fragen vergeben, wenn ein Rauchverzicht mit Sicherheit möglich war (Tab. 3). Bei den Score-Werten ¹Rauchverzicht trotz ¾rgersª und ¹Beeinträchtigung des Geschmacksª ergaben sich Veränderungen durch den Rauchstopp. 110 Versorgung Rauchstopp und psychische Symptome Die mittleren Score-Werte zum Rauchverlangen stiegen bei den Ex-Rauchern von vor Behandlungsbeginn bis zum Behandlungsende deutlich an (Tab. 3; p < 0,0001). Sie unterschieden sich (p < 0,001) von den Daten aus der Gruppe der Versager (Tab. 3; p < 0,01). Die niedrigsten Scores wurden mit der Frage ¹Rauchverzicht nach ¾rgerª und die höchsten Scores in beiden Gruppen mit den Fragen Rauchverzicht bei dem ¹Gefühl der ¾ngstlichkeitª und ¹auûergewöhnlichen Leistungenª erreicht. Bei beiden Punkten wurde der höchste Sicherheitsgrad aus der Sicht des (Ex-)-Rauchers für einen Verzicht gemessen. Für Kriterien wie gestörter Geschmack, Geruch usw. ergab sich ein signifikanter Tab. 3 Oberer Teil: Rauchverzicht möglich bei ¼ (1: unsicher, 5: absolut sicher); unterer Teil: Befindlichkeitsstörungen (Werte: 1: schlecht, 5: sehr gut bzw. nicht vorhanden) Symptome Rauchverzicht möglich bei ¼ Gefühl der ¾ngstlichkeit sich ärgern in Gegenwart von Rauchern Verlangen nach Zigaretten Genuss von Wein oder Bier oder nach Mahlzeiten Nervosität ¹auûergewöhnlichenª Leistungen Beschäftigung mit schwierigen Aufgaben Niedergeschlagenheit Geschmack Geruch physische Leistungsfähigkeit subjektives Befinden durch Rauchen Häufigkeit des Hustens Schleimproduktion Gruppe 1 vor 2,48 1,64* 1,76 1,87 1,89 1,66 1,69 2,69 2,03 2,10 2,92** 2,79 2,44 2,44 2,69 2,87 nach ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± ± Gruppe 2 vor 2,68 1,66 2,04 2,06 2,12 1,98 1,76 2,76 2,11 2,00 2,58** 2,518 2,34 2,42 2,47 2,52 nach 3,36 2,67 3,02 2,70 3,14 3,31 2,80 3,89 3,14 2,79 3,00 3,008 2,99 2,99 3,00 3,00 Gruppe 3 vor 2,84 2,15* 2,17 1,96 2,31 1,97 2,01 3,09 2,05 2,29 2,698 2,618 2,44 2,39 2,57 2,60 nach 4,54 4,21 4,39 4,43 4,28 4,49 4,32 4,5 4,34 4,33 3,538 3,548 3,42 3,24 3,61 3,61 Ergebnisse Die von uns eingeschlossenen 219 Patienten wurden am Studienende in 3 Gruppen eingeteilt: Ein Teil der Raucher erschien nur einmal in unserer Sprechstunde (n = 39; ¹Konsultiererª, Grup- * p = 0,0082; ** p = 0,021; 8 p = 0,002. Haustein K-O et al. Die Behandlung der Tabakabhängigkeit ¼ Z Allg Med 2004; 80: 108 ± 112 ZfA 2004 \"020\", 19.3.04/dk köthen GmbH Tab. 4 Geschätzter Gesamtverbrauch an Nikotin (in mg) während der Entwöhnungsbehandlung. Die angegebenen Nikotindosen berücksichtigen nicht die Bioverfügbarkeit Nikotinpräparat Gruppe 2: Versager S Nikotin (mg) Kaugummi 4 mg Pflaster 24,9 mg Anzahl (n bzw. OP*) Gruppe 3: Ex-Raucher S Nikotin (mg) Anzahl (n bzw. OP*) 452,2 (510,7) 113 (128) 733,6 (583,2) 29,5 (23,4) 2,4* (6,5) 643,5 (603,2) 161 (151) 609,1 (367,0) 221,2 (373,6) 24,5 (14,7) 2,2* (3,7) nem Teil der entwöhnungsbereiten Raucher unter den Bedingungen einer Sprechstunde ein Plazebo zu verordnen. Aus einer vorangegangenen plazebokontrollierten Studie mit Kaugummi war zu erkennen, dass die mit Plazebo behandelten Ex-Raucher sehr schnell den fehlenden Nikotingehalt der Kaugummis erkannten und den Wunsch nach Kauf dieser Kaugummis in der Apotheke in Erwägung zogen. Ein solches Verhalten hätte auch in unserer Studie zur Verfälschung der Ergebnisse geführt. Das vorliegende Ergebnis ist auf die Anwendung von NRT und die ärztliche Beratung zurückzuführen [7]. Nach dem internationalen Schrifttum ist mit NRT eine Erfolgsquote zwischen 18 und 30 % zu erreichen [3], wobei eine Plazebokomponente vom Behandlungsergebnis abzuziehen ist, die zwischen 10 und 13 % liegt [1]. Wie auch aus den in der Empfehlung [2] zusammengefassten Daten hervorgeht, werden mit der NRT unterschiedlich hohe Erfolgsquoten je nach eingesetzter galenischer Form erreicht, ansteigend in der Reihenfolge Kaugummi < Pflaster < Nasalspray. Eine zufrieden stellende Entwöhnung ist weder mit der alleinigen Gabe von Pflastern noch von Nasalspray bzw. Kaugummi zu erreichen. Pflaster sind für die Reduzierung der Zigarettengesamtmenge pro Tag geeignet, sind aber bei ¹cravingª-Effekten kaum brauchbar. Bei Rauchern mit bis zu 20 Zigaretten pro Tag ist der Einsatz von Kaugummi oder Nasalspray möglich, jedoch müsste dann anfangs stündlich ein Kaugummi oder ein Sprühstoû verabreicht werden. Die kombinierte Behandlung mit Pflaster plus Kaugummi oder Pflaster plus Nasalspray ist eine sinnvollere Variante [2], weil dann die Zahl der Einzelapplikationen (Kaugummi, Nasalspray) reduziert wird, zumindest ab der 2. oder 3. Woche bei deutlich verringerten ¹cravingsª. Wird der entwöhnungswillige Raucher anfangs nicht mit hohen Nikotindosen substituiert, wird er häufiger rückfällig. Selbstverständlich müssen diese hohen Initialdosen so schnell, aber so sicher gegen einen Rückfall wie möglich, reduziert werden. In der Gruppe der Versager hatte ein gröûerer Anteil von Patienten versucht, vorübergehend den schwankenden Willen zum Rauchstopp mit einem höheren Nikotinkonsum zu unterdrücken, während die konsequenten Ex-Raucher bei einer länger andauernden Behandlung und geringerem Nikotin-Verbrauch, die Kaugummis ausgenommen, weniger Nikotin benutzten (Tab. 4). Die Möglichkeit der Halbierung der Pflasterdosis ab der dritten bis sechsten Woche ist ein sichtbares Zeichen für den Patienten im Sinne eines reduzierten Wunsches nach der Zigarette [2]. Ein wichtiges Mittel im Zuge der Entwöhnungsbehandlung waren die wiederholten CO-Messungen, die als eine Bestätigung des behandlungskonformen Verhaltens von Rauchern empfunden wurden. Nach unseren Erfahrungen ¹konsumiertª der Raucher zwar jahre- und jahrzehntelang das aus dem Tabakrauch stammende ¹Nikotinª, aber nach dem Rauchstopp ist er oft ängstlich darauf bedacht, das aus galenischen Zubereitungen stammende Nikotin in so geringer Dosierung und über so kurze Zeitintervalle wie möglich anzuwenden. Dabei führen NRT-Produkte weder zu einer Abhängigkeit noch erzeugen sie bei sachgerechter Anwendung Intoxikationen. Diese Überlegungen sind dem entwöhnungswilligen Raucher mitzuteilen, weil er ansonsten das Nikotin unterdosiert oder vorzeitig absetzt und damit den Behandlungserfolg gefährdet [2, 9]. Nasalspray 1 mg/ 243,6 (649,9) 0,1 ml* * Die angegebenen Daten für den Nasalspray sind nicht verlässlich, weil sie aus den verordneten Originalpackungen abgeleitet wurden. Versorgung Anstieg der Scores bei den Ex-Rauchern, der weniger deutlich bei den Versagern ausfiel (Tab. 3). Nikotinverbrauch Der Nikotinverbrauch wurde durch Patientenbefragung zu den Visiten abgeschätzt. Die drei Nikotinpräparate wiesen unterschiedliche Verbrauchszahlen auf (Tab. 4): Der Verbrauch in der Gruppe der Versager, Kaugummi ausgenommen, lag etwas höher als in der Gruppe der Ex-Raucher. Die Dauer der Nikotineinnahme war bei den Versagern kürzer (42,0  36,3) als bei den ExRauchern (58,3  63,1 Tage). Die erfolgreich entwöhnten Ex-Raucher hatten einen etwas höheren Verbrauch an Kaugummi. Am wenigsten repräsentativ waren die Daten zum Nasalspray, weil die Anwendung oft nur 1±2-mal pro Tag erfolgte oder nur sporadisch in einer Woche. In der Gruppe der Versager (33mal) wurde der Nasalspray häufiger als in der Gruppe der Ex-Raucher (14-mal) gewählt. Der Nasalspray wurde nur bei Bedarf z. B. einbis zweimal täglich oder wöchentlich eingenommen. Damit sind die in Tab. 4 angegebenen Daten sicherlich zu hoch und nur mit der Forderung des Führens einer Strichliste genauer zu ermitteln gewesen. Erfolgsquote Nach der Intention-to-Treat-Analyse errechnete sich eine Erfolgsquote von 33,3 % über 6 Monate. Wurden indessen ausschlieûlich die entwöhnungswilligen Raucher (Versager und ExRaucher) in die Berechnungen einbezogen, dann lag die Erfolgsquote bei 40,6 %. Unerwünschte Wirkungen Unter der NRT traten keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen (UAW) auf. Es wurden 155 UAW berichtet, wobei einige Patienten mehrere Effekte zugleich angaben. Die meisten UAWs unter dem Kaugummi waren Folge eines zu schnellen Kauens (Kratzen im Rachen, Übelkeit). Unter Nasalspray kam es einmal zu Nasenbluten, was den Wechsel des Nikotinpräparates zur Folge hatte. 111 Diskussion Mit dieser Studie sollte nicht noch einmal die Wirksamkeit von NRT bei der Raucherentwöhnung nachgewiesen werden [2, 14]. Deshalb war es auch aus ethischen Gründen nicht vertretbar, ei- Haustein K-O et al. Die Behandlung der Tabakabhängigkeit ¼ Z Allg Med 2004; 80: 108 ± 112 ZfA 2004 \"020\", 19.3.04/dk köthen GmbH Den erfolgreichen Rauchstopp über ein oder zwei Jahre zu verfolgen, ist aus organisatorischen Gründen problematisch. Häufig ist für den Raucher, sofern er nicht mehr raucht, das ¹Problemª abgetan und er sieht keinen Grund für die weitere Kooperation mit dem ¹Therapeutenª. Die Entwöhnungsbehandlung des Rauchers ist, auch wenn die Kosten mit maximal 1000 pro Patient veranschlagt würden, immer noch preiswerter als eine 100±200fach aufwendigere medizinische Behandlung von tabakassoziierten Erkrankungen! Die vorgestellte Methode der Raucherentwöhnung ist in der täglichen Praxis realisierbar und kann daher den an diesen Fragen interessierten ¾rzten nur empfohlen werden. Die erreichte Erfolgsquote von 33,3 % für ein nicht-selektiertes Krankengut bzw. von 40,6 % für Patienten, die sich zunächst für die beschriebene Methode der Entwöhnung entschieden hatten, liegt relativ hoch. Interessenkonflikte: keine angegeben. Die von uns für die Konsultationen verwendeten Fragebögen sind gegen eine Schutzgebühr als PC-Programm von uns erhältlich. Literatur 1 anonym. The Cochrane Library. The Cochrane Collaboration & Update Software Ltd. (Update 2002, Issue 1). Oxford, UK 2002 2 anonym. Tabakabhängigkeit. Arzneimittelkommission der Deutschen ¾rzteschaft. Arzneiverordnung in der Praxis 2001; 1±30 Blondal T. Controlled trial of nicotine polacrilex gum with supportive measures. Arch Intern Med 1989; 149: 1818 ± 1821 4 Breslau N, Fenn N, Peterson EL. Early smoking initiation and nicotine dependence in a cohort of young adults. Drug Alcohol Depend 1993; 33: 129 ± 137 5 Fagerstrom KO, Kunze M, Schoberberger R et al. Nicotine dependence versus smoking prevalence: comparisons among countries and categories of smokers. Tob Control 1996; 5: 52 ± 56 6 Haustein K-O. Rauchen und die Behandlung der Nikotinabhängigkeit. Kassenarzt 2000; 40: 26 ± 31 7 Haustein K-O. Tabakabhängigkeit und Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung. Suchttherapie 2001; 2: 209 ± 217 8 Haustein K-O. Pharmacotherapy of nicotine dependence. Int J Clin Pharmacol Ther 2000; 38: 273 ± 290 9 Haustein K-O. Tobacco or Health? Physiological and Social Damages Caused by Tobacco Smoking. Springer, Berlin, Heidelberg, New York 2002 10 John U, Hanke M. Tabakattributable Mortalität in den deutschen Bundesländern. Gesundheitswesen 2001; 63: 363 ± 369 11 Kröger C, Sonntag H, Shaw R. Raucherentwöhnung in Deutschland: Grundlagen und kommentierte Übersicht. Gesundheitsförderung konkret edn. Köln 2001 12 Rumpf HJ, Meyer C, Hapke U, Dilling H, John U. Stadien der ¾nderungsbereitschaft bei Rauchern in der Allgemeinbevölkerung. Gesundheitswesen 1998; 60: 592 ± 597 13 Silagy C, Lancaster T, Stead L, Mant D, Fowler G. Nicotine replacement therapy for smoking cessation. Cochrane Database Syst Rev 2002; CD000146 14 Silagy C, Mant D, Fowler G, Lodge M. Meta-analysis on efficacy of nicotine replacement therapies in smoking cessation. Lancet 1994; 343: 139 ± 142 15 WHO Regional Office of Europe. The European Report on Tobacco Control Policy. WHO European Ministerial Conference for a Tobacco-free Europe. Third Action Plan for a Tobacco-free Europe 1997±2001. WHO Regional Office for Europe, Copenhagen 2002; 1±54 3 112 Versorgung Zur Person Professor Dr. med. Knut-Olaf Haustein Geboren 1934 in Dresden, nach Studium der Medizin in Leipzig 1957 Staatsexamen und Promotion, Habilitation 1967 an der Medizinischen Akademie Erfurt, ab 1972 Aufbau einer Abteilung für Klinische-Pharmakologie und 1984±1993 Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie in Erfurt, 1995±1997 Gastprofessor an der Universität Nürnberg-Erlangen. 1998 Gründung der Deutschen Gesellschaft für Nikotinforschung, nach der Emeritierung 1999 Gründung des privaten und gemeinnützig arbeitenden Instituts für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung. Autor der Bücher ¹Tabakabhängigkeitª (¾rzteverlag Köln, 2001) und ¹Tobacco or Health?ª (Springer, 2002). Haustein K-O et al. Die Behandlung der Tabakabhängigkeit ¼ Z Allg Med 2004; 80: 108 ± 112


(Stand: 03.03.2004)

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