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„Nicht von dieser Welt sind diese Formen”

DOI: 10.1055/s-2006-933368

„Nicht von dieser Welt sind diese Formen”

„Nicht von dieser Welt sind diese Formen“ W. Niebling Mortimer in Maria Stuart (F. v. Schiller) Editorial Weltweit trägt eine Milliarde Menschen ihre überflüssigen Pfunde „zuerst zu Markte, dann zum Doktor und am Ende einer langen und teuren Leidenszeit schließlich zum Friedhof“ (FAZ, 28. Sept. 2005). Und die Epidemie breitet sich aus: bereits in 10 Jahren soll die Zahl der Dicken auf eineinhalb Milliarden angewachsen sein. Laut WHO-Statistik von 2004 liegen die deutschen Männer in Europa einsam an der Spitze, die Frauen unserer Republik belegen einen Platz im vorderen Mittelfeld. Den Weltrekord in dieser zweifelhaften Disziplin halten übrigens die Bewohner der Südseeinseln Tonga und Nauru, gelten dort doch neunzig Prozent als übergewichtig oder adipös. In den USA liegt die Zahl der adipositasassozierten Todesfälle bei 280 000/Jahr. Vermeintliche „Einsparungen“ durch den frühen Tod der Betroffenen fallen gegenüber den Behandlungskosten kaum ins Gewicht. Einer der Gründe hierfür: die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen steigt in beängstigendem Maße. Die Körperfettmasse von Schulanfängern hat zwischen 1985–1995 um siebzig Prozent zugenommen. Ursachen und Folgen der Adipositas verknüpfen sich zu einem verhängnisvollen Circulus vitiosus: Bewegungsmangel, muskuläre Dekonditionierung (viele Kinder können nicht mehr auf einem Schwebebalken balancieren oder 10 Meter rückwärts laufen), überlastete Gelenke, Fettstoffwechselstörungen, Bluthoch- druck, Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Komplikationen, Schlafapnö und nicht zuletzt ein verringertes Selbstwertgefühl, soziale Isolation und Depressionen. Letzendlich ist Übergewicht Ausdruck einer gestörten Energiebilanz. Modulierende Faktoren sind körperliche Aktivität, Ernährungsgewohnheiten, sowie Umwelteinflüsse im weitesten Sinne. Genetische Einflüsse, die zunehmend in den Fokus des Interesses rücken, vermögen das Ausmaß und die Dynamik des Desasters nicht annähernd erklären. Unsere Gesellschaft bezahlt für adipositasbezogene Gesundheitsstörungen einen hohen Preis. Konservativen Schätzungen zu Folge liegen die direkten und indirekten Folgekosten bei 10–20 Milliarden Euro pro Jahr. Gründe genug, sich auf jeder Ebene dem Problem der grassierenden Fettsucht entgegenzustellen und es nicht als „privates Problem zu betrachten, für das die Betroffenen selbst verantwortlich sind“ wie es die Autoren des Heft 16 der „Gesundheitsberichterstattung des Bundes“ (Robert-Koch-Institut) beklagen. PS: Auf den Tag genau, an dem ich diesen Text verfasse, am 17. Februar vor 150 Jahren, verstarb Heinrich Heine 59-jährig in Paris. Meisterhaft hat er es vermocht Leid und Leiden in bissigen Versen auszudrücken, so in dem Gedicht „Der Dichter“ „Abends zählt er seine Leiden, tut sich an dem Vorrat weiden, wählt eins aus, bedichtet es, und das Dichten richtet es.“ Ihr Wilhelm Niebling 97 Institutsangaben Lehrbereich Allgemeinmedizin, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Korrespondenzadresse Prof. Dr. Wilhelm Niebling · Facharzt für Allgemeinmedizin, Lehrbereich Allgemeinmedizin · Albert-Ludwigs-Universität Freiburg · Schwarzwaldstraße 69 · 79822 Titisee-Neustadt · E-mail: wniebling@t-online.de Bibliografie Z Allg Med 2006; 82: 97 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York DOI 10.1055/s-2006-933368 ISSN 0014-336251


(Stand: 03.03.2006)

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