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Besser als gedacht –DEGAM Kongress-Abstracts und veröffentlichte Artikel

DOI: 10.3238/zfa.2009.0123

Eva Hummers-Pradier, Thomas Fischer, Janin Stöcker

Schlüsselwörter: Publikationsrate Allgemeinmedizin Abstract Forschung

Hintergrund: Forschungserfolg ist oftmals durch den Publikationserfolg bestimmt, doch nicht alle Untersuchungen werden auch veröffentlicht. Um einen Eindruck der Veröffentlichungserfolge deutscher allgemeinmedizinischer Forschungsarbeiten zu gewinnen, haben wir die Veröffentlichungsrate und die Veröffentlichungsdauer von Kongress-Abstracts der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) bestimmt und die Autoren befragt, welche Gründe zur Nichtveröffentlichung führten.

Methoden: 368 Abstracts der Jahre 1999–2003, die auf dem jährlichen DEGAM Kongress präsentiert wurden, wurden untersucht. Ein Abstract galt als publiziert, wenn dieser als Volltextartikel in einer medizinischen Fachzeitschrift erschien. Die Veröffentlichungsrate wurde mittels einer Suche in PubMed und einer manuellen Durchsicht der Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA) und dem European Journal of General Practice ermittelt. Der Recherchezeitraum umfasste die Jahre 1997–2007. Abstracts, zu denen wir keine Veröffentlichung finden konnten, wurden durch Telefoninterviews mit den Autoren abgeklärt.

Ergebnisse: Die Veröffentlichungsrate der DEGAM Kongress-Abstracts betrug 54,3%. Insgesamt erschienen die Artikel in 58 medizinischen Fachzeitschriften. Hauptpublikationsorgan war die ZFA mit insgesamt 61 Artikeln. 81% der Zeitschriften waren in PubMed gelistet. „Veröffentlichung als Artikel nicht initiiert“ (12%), „hohe Arbeitsbelastung“ (12%) und „Schwierigkeiten mit Doktoranden“ (11%) waren einige der meistgenannten Gründe der Autoren für nicht publizierte Artikel.

Schlussfolgerung: Die Hindernisse auf dem Weg zu einer Veröffentlichung betreffen die unterschiedlichsten Dimensionen (Personal, Gelder, Arbeitsbelastungen). Darüber hinaus scheint die Veröffentlichung in Form eines anschließenden Artikels nicht immer versucht zu werden. Trotzdem ist eine Veröffentlichungsrate von über 54% als erfreuliches Ergebnis zu werten.

Einleitung

Abstracts, die auf Kongressen präsentiert und in einer Zeitschrift abgedruckt wer-den, gelten als veröffentlicht. Allerdings stellen einige Autoren ihre Arbeit nach der Präsentation auf einem Kongress ein. Damit ist die Studie zwar in einer Kurzform publiziert, aber einem Großteil der Wissenschaftswelt trotzdem nicht zugänglich, da ein Zugriff mittels PubMed oder anderer Suchmaschinen meist nicht möglich ist [1]. Wissenschaftliche Zeitschriften sind jedoch das wichtigste Medium für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen und bilden das zentrale Bindeglied zwischen Forschung und Praxis [2]. Autoren der unterschiedlichsten Fachbereiche ermittelten Publikationsraten von Kongressabstracts in Form von Artikeln in medizinischen Fachzeitschriften [3–9]. Die Publikationsraten variieren in den einzelnen Untersuchungen stark. Veröffentlichungsraten von lediglich 33% nach einem neuroradiologi-schen Kongress bis beispielsweise über 70% aus dem Gebiet Pädiatrie werden be-schrieben [3, 4].

Zeitmangel, Schwierigkeiten mit Co-Autoren oder Unzufriedenheit mit der methodischen Durchführung wurden als Gründe seitens der Autoren genannt, warum auf Kongressen vorgestellte Arbeiten nicht als Zeitschriftenartikel publiziert wurden [9]. Ähnliche Gründe wurden auch in anderen Studien aufgeführt: Artikel sollten noch ausgebaut werden, es bestand die Befürchtung, dass der Artikel abgelehnt werden könnte oder die Autoren waren sich unsicher, bei welcher Zeitschrift ihre Arbeit einzureichen sei [7, 10].

Uns interessierte die Publikationsrate der Abstracts, die auf den jährlich stattfindenden Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) vorgestellt wurden. Zusätzlich wollten wir von den Autoren wissen, welche Hindernisse sie selbst auf dem Weg zur Veröffentlichung erfahren haben.

Methoden

Wir untersuchten die Veröffentlichungsrate von Abstracts, die in den Jahren 1999–2003 auf dem jährlich stattfindenden DEGAM-Kongress vorgestellt wurden. Insgesamt handelte es sich um 368 Abstracts, deren zugrunde liegenden Arbeiten auf dem jeweiligen Kongress in Form von Postern oder Vorträgen präsentiert wurden. Die Arbeiten wurden parallel als Abstract in der ZFA publiziert. Als veröffentlicht galt ein Abstract dann, wenn dessen zugrunde liegende Arbeit in Form eines Volltextartikels in einer medizinischen Fachzeitschrift erschien. Zur Ermittlung der Veröffentlichungsdauer wurde bei Mehrfachveröffentlichungen der zuerst publizierte Artikel gewertet. Für die Auswertung der Zeitschriften, in denen veröffentlicht wurde, wurde jeder zu dem Abstract passende Artikel mit einbezogen.

Artikelrecherche

In einem ersten Schritt wurden die Veröffentlichungen durch die Recherche in PubMed sowie einer Handsuche in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA) ermittelt. Ebenso wurde das European Journal of General Practice der Jahre 1997 bis einschließlich 2002 manuell durchsucht, da diese Zeitschrift ebenfalls als relevant eingestuft wurde, aber erst seit 2003 in PubMed gelistet ist. Die Recherche wurde mittels der Namen der Erst- und Letztautoren durchgeführt und um eine Schlagwortsuche ergänzt. Wenn ein in PubMed gelisteter Abstract passend schien, fand ein Abgleich mit dem Kongress-Abstract statt. Bei der manuellen Recherche wurden die Autorenverzeichnisse der Zeitschriften nach den in den Abstracts genannten Erst- und Letztautoren durchgesehen und entsprechende Artikel ebenfalls abgeglichen. Der Recherchezeitraum umfasste die Jahre 1997–2007.

Befragung

Zur Abklärung der Abstracts, zu denen keine Veröffentlichung gefunden werden konnte, wurden zur Feststellung einer möglicherweise doch erfolgten Veröffentlichung bzw. zur Ermittlung der Gründe einer Nichtveröffentlichung ergänzende Telefoninterviews durchgeführt. Vorab wurden die Kongress-Abstracts klassifiziert in Abstracts, die „Übersichtsarbeiten“ oder „Originalarbeiten“ darstellten und in Abstracts, die als „Bericht“ gewertet wurden, da diese ausschließlich der Weitergabe von Informationen dienten. In die Befragung aufgenommen wurden die Abstracts, die „Übersichtsarbeiten“ oder „Originalarbeiten“ präsentierten.

Adressaten der Interviews waren die in den Abstracts genannten Erstautoren. Falls keine Kontaktdaten der Erstautoren ermittelt werden konnten bzw. diese wiederholt nicht erreichbar waren, wurden die im Abstract genannten Co-Autoren befragt. Die Teilnehmerzahl ergab sich aus den in den nicht veröffentlichten Abstracts genannten Autoren. Da einige Autoren mehrfach Abstracts veröffentlichten, entsprach die Anzahl der Artikel zwangsläufig nicht der Anzahl der Autoren.

Die telefonische Befragung wurde mithilfe eines kurzen Interviewleitfadens durchgeführt, der an zwei Autoren pilotiert wurde.

Der Interviewleitfaden bestand aus zwei Abschnitten:

Im ersten Abschnitt wurde geklärt, ob der entsprechende Abstract veröffentlicht wurde und wenn dies der Fall war, wurden die Daten der Zeitschrift(en) notiert. Kam es zu keiner Veröffentlichung, wurden die Autoren mittels einer offenen Frage gebeten, Gründe dafür zu schildern.

Im zweiten Abschnitt erfassten wir die soziodemographischen Daten der Erstautoren (Tätigkeitsfeld zum Zeitpunkt des Kongresses, Alter und Geschlecht).

Die Antworten wurden während des Telefonats vermerkt. Nach Abschluss der gesamten Befragung wurden die genannten Gründe zu Themenblöcken zusammengefasst, anschließend verifiziert und nachfolgend kodiert.

Im Falle von Auslandsaufenthalten oder Zeitmangel seitens der Autoren wurde alternativ ein Fragebogen per E-Mail zugesandt.

Autorenschaft

Des Weiteren interessierten uns die Tätigkeitsfelder der Erstautoren der Kongress-Abstracts. Die erforderlichen Informationen konnten mittels der Homepages der entsprechenden Abteilungen und der im Internet recherchierten Lebensläufe sowie im Rahmen der telefonischen Befragung ermittelt werden.

Ergebnisse

Von den insgesamt 368 Abstracts wurden 200 anschließend in Zeitschriften veröffentlicht. Dies entsprach einer Publikationsrate von 54,3%.

Als durchschnittliche Veröffentlichungsdauer wurden 18,4 Monate ermittelt. Über die Hälfte der Abstracts (138) wurden im Kongressjahr oder ein bis zwei Jahre nach dem Kongress in Zeitschriften publiziert. Sieben Abstracts wurden bereits vor dem Kongress als Artikel in einer Zeitschrift veröffentlicht (Abb. 1).

Durch die manuelle und elektronische Recherche konnten 167 der 368 Abstracts als veröffentlicht gewertet werden. Zu 201 Abstracts wurde jedoch keine Publikation gefunden; sie galten zunächst weiterhin als ungeklärt. Von diesen Abstracts gehörten 24 der Gruppe „Bericht“ an. Demnach wurde geplant, zu 177 Abstracts Interviews durchzuführen.

Insgesamt konnten 148 der 177 Abstracts durch die Befragung von 54 Autoren abgeklärt werden. Die Rücklaufquote betrug demnach knapp 84%.

Von den Interviewpartnern waren 14 weiblich und 40 männlich. Von den 54 Autoren wurden 46 telefonisch befragt, acht Autoren wurde der Fragebogen auf Wunsch per E-Mail zugesandt. Drei Abstracts konnten nicht abgeklärt werden, da zwei Autoren die Auskunft verweigerten und ein anderer Autor zu dem Zeitpunkt der Befragung verstorben war. Die Kontaktdaten der Autoren der übrigen 26 Abstracts konnten nicht ermittelt werden oder die entsprechenden Autoren waren nicht erreichbar. Pro Autor wurden zwischen einem und zehn Abstracts abgefragt. Insgesamt konnten aufgrund der Befragung 33 Abstracts als veröffentlicht gewertet werden.

Für 113 Abstracts wurden die in Tabelle 3 dargestellten Gründe für eine Nichtveröffentlichung genannt. Zwei weitere Abstracts wurden in universitätsinternen Zeitungen publiziert.

Wer sind die Erstautoren?

Die größte Gruppe der Autoren der 368 Kongress-Abstracts bildeten mit 60,9% Ärzte, die universitär angebunden waren. Diese Gruppe wurde zudem untergliedert in Ärzte, die hauptsächlich wissenschaftlich tätig waren (48,64%) und in Ärzte, deren Tätigkeitsschwerpunkt sich in der Praxis befand, die aber zum Beispiel durch Lehraufträge eine Anbindung an die Universität hatten (12,23%). Wissenschaftliche Mitarbeiter nicht medizinischer Fachrichtungen, hauptsächlich Psychologen und Sozial-wissenschaftler, verfassten 6,8% der Abstracts. Ärzte, die nicht universitär angebunden waren, stellten 4,9% der Erstautoren. Studenten waren von 7,3% der Abstracts Erstautoren. Von 368 Abstracts waren 20,1% nicht zuzuordnen, da die Funktion des Erstautors nicht zu ermitteln war (Tab. 1).

Wo wird publiziert?

Die 200 publizierten Abstracts erschienen in insgesamt 58 Zeitschriften. Die Zeitschriften, in denen mehr als ein Artikel veröffentlicht wurde, sind in Abbildung 2 dargestellt. Deutlich erkennbar ist, dass das Hauptpublikationsorgan der DEGAM Kongressteilnehmer die „Zeitschrift für Allgemeinmedizin – ZFA“ mit insgesamt 61 (31%) Artikeln ist. Die anderen Zeitschriften beinhalten zwischen 16 („Zeitschrift für ärztli-che Fortbildung und Qualitätssicherung“) und zwei auf DEGAM-Abstracts basierende Artikel (Zeitschriften „Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz“, „Die Rehabilitation“, „European Journal of General Practice“, „Fortschritte der Neurologie-Psychiatrie“ und „Medizinische Klinik“ sowie das „Deutsche Ärzte-blatt“).

Deutlich wird, dass gut 76% der Zeitschriften, in denen mehrfach Artikel publiziert wurden, in PubMed gelistet sind. Vier Zeitschriften sind englischsprachig, deutschsprachige Zeitschriften dominieren.

Neben den 17 Zeitschriften mit mehr als einem Artikel wurden 41 Zeitschriften ermittelt, in denen je ein Artikel veröffentlicht wurde (Tab. 2).

Warum wird nicht publiziert?

Zeitmangel oder Überlastung wurde als einer der Hauptgründe angegeben, warum keine Veröffentlichung resultierte (12,4%). Der gleiche Anteil an Abstracts floss zwar in Magister-, Diplom- oder Doktorarbeiten ein, darüber hinaus gab es aber keine Veröffentlichung. Die Unzufriedenheit der Autoren über angewandte Methoden oder die Thematik waren bei 11,5% der Abstracts ein Grund, keinen Artikel einzureichen. 10,6% der Abstracts wurden nicht in Form eines Artikels veröffentlicht, da die auf dem Kongress vorgestellten Daten aus einer Doktorarbeit stammten und Schwierigkeiten mit den Doktoranden bzw. der Arbeit zum Abbruch oder zumindest zur Verzögerung der Studie geführt haben. Die Arbeitsbedingungen (zu wenig Mitarbeiter und/oder Mangel an Geldern) führten bei 7,1% der Abstracts dazu, dass keine weitere Veröffentlichung stattfand.

Bei knapp 10% der Abstracts bestand zum Zeitpunkt der Befragung noch die Möglichkeit einer Publikation: drei der zugrunde liegenden Arbeiten waren bereits im Druck, drei weitere sollten noch eingereicht werden und in fünf Fällen sollte die Datenerhebung noch fortgesetzt werden.

Diskussion

Veröffentlichungsrate und Veröffentlichungsdauer

Die Rate der Veröffentlichungen nach den DEGAM-Kongressen der Jahre 1999–2003 betrug gut 54%. Diese Publikationsrate liegt etwas höher als die in einer Arbeit von Elder und Blake [11]. In dieser 1994 erschienen allgemeinmedizinischen Studie wurde ebenfalls die Publikationsrate der jährlich stattfindenden Kongresse der Jahre 1987 und 1988 der „Society of Teachers of Family Medicine“ (STFM) und der „North American Primary Care Research Group“ (NAPCRG) untersucht. Die Veröffentlichungsrate betrug 48%. Sowohl für den DEGAM-Kongress als auch für den STFM/NAPCRG Kongress wurden die Abstracts in einem Peer-Review-Verfahren ausgewählt. Weitere Studien zu der Publikationsrate nach allgemeinmedizinischen Kongressen konnten nicht ermittelt werden.

Andere Fachbereiche haben ähnliche Arbeiten durchgeführt. Die angegebenen Publikationsraten variieren je nach Studie und Fachbereich zwischen 33% bis über 70% [3–9].

Die Validität der Ergebnisse dieser Arbeit ist aufgrund der umfassenden Vorabrecherche sowie der ergänzenden Befragung mit einer hohen Rücklaufquote von 84% nach unserer Einschätzung als recht hoch anzusehen. Zudem wurde im Sinne einer vollständigen Erfassung der veröffentlichten Arbeiten eine zeitliche Distanz zwischen der Abstractpräsentation und der Ermittlung der Publikationsrate von bis zu 4 Jahren gewählt. Dieses Vorgehen deckt sich mit entsprechenden Arbeiten aus anderen medizinischen Fachbereichen [12–14].

Ein limitierender Faktor ist die Entscheidung, die 24 von uns als „Berichte“ deklarierten Abstracts nicht in die Befragung mit aufzunehmen. Grund hierfür war, dass einige Autoren auch ohne die „Berichte“ bereits bis zu zehn Abstracts pro Befragung zu beantworten hatten. Da viele Autoren im laufenden Praxis-/Hochschulbetrieb unter enormem Zeitdruck die Interviews durchführen mussten, ist entschieden worden, nur „Originalarbeiten“ und „Übersichtsarbeiten“ mit zu berücksichtigen, zumal durch die Vorabrecherche ersichtlich war, dass „Berichte“ nur zu einem sehr geringeren Anteil publiziert wurden. Durch die Kombination von Recherche und Befragung dürfte kaum ein Artikel übersehen worden sein.

Die Zeitspanne der Veröffentlichung von 18,4 Monaten ist als durchschnittlich einzustufen. Ähnliche Zeitspannen wurden beispielsweise nach Kongressen der Bereiche Anästhesie, muskuloskeletale Tumore und Neuroradiologie ermittelt [3,6,8].

Tätigkeitsfelder der Erstautoren

Die Autorenschaft setzt sich wie erwartet zum Hauptteil aus Ärzten zusammen, die an einer Universität arbeiten oder zumindest über Lehraufträge eng an diese gebunden sind. Die weitere Unterteilung der in Tabelle 1 dargestellten ersten Gruppe in feste wissenschaftliche Mitarbeiter sowie Ärzte mit Lehraufträgen ist nur als rich-tungsweisend zu werten und erhebt nicht den Anspruch absoluter Gültigkeit. Da nicht alle Autoren in die Befragung eingeschlossen wurden, ließ sich diese differenzierte Unterteilung nur durch die Recherche auf den Homepages der Abteilungen oder über das Internet zugängliche Lebensläufe erschließen. Die etwas ungewöhnliche abstract- und nicht autorenbezogene Bezugsgröße (n = 368) wurde gewählt, da vermutet wurde, dass Autoren mit universitärer Anbindung mehr schreiben als Autoren, die keinen Zugang zur Universität und den entsprechenden (Hilfs-)Mitteln haben. Dieser Effekt tritt durch diese Auswertungsform deutlicher zutage.

Zeitschriften

Die veröffentlichten Arbeiten erschienen in 58 verschiedenen Zeitschriften. Wie in Tabelle 2 und Abbildung 2 ersichtlich, dominieren die Publikationen in den 46 fachfremden Zeitschriften, 12 Zeitschriften sind aus dem allgemeinmedizinischen Fachbereich. Dies könnte damit zusammenhängen, dass es mehr fachfremde Zeitschriften gibt und dass zudem das Fachgebiet Allgemeinmedizin Überschneidungspunkte mit vielen anderen Fachbereichen aufweist, sodass auch eine Publikation in nicht allgemeinmedizinischen Zeitschriften gut möglich ist. Ein weiterer Grund für die Publikationen in fachfremden Zeitschriften ist sicher auch, dass die meisten Wissenschaftler und Universitätsabteilungen sich aus Karriere- bzw. finanziellen Gründen veranlasst sehen, Impactfaktorpunkte zu sammeln. Viele nicht allgemeinmedizinischen Zeitschriften haben einen höheren Impactfaktor als die allgemeinmedizinischen Zeitschriften. Eine ähnliche Begründung ermittelte Weiss 1990 in einer Arbeit: Viele Autoren allgemeinmedizinischer Arbeiten boten die entsprechenden Artikel vorzugsweise fachfremden Zeitungen zur Publikation an, da diese nach Meinung der Autoren eine größere Leserschaft und mehr Prestige hätten [15].

Als Hauptpublikationsorgan der DEGAM Kongress-Abstracts ist deutlich die ZFA zu erkennen. Selbiges beschrieb auch Borgers in einer Arbeit aus dem Jahr 2008: „Die große Zahl und der hohe Prozentsatz aller Veröffentlichungen in der ZFA spiegelt ihre Rolle als Hausorgan der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland wider“ [16, S. 47].

Gründe für Nichtveröffentlichungen

Als Hauptgründe wurden Zeitmangel genannt und Kritik an der eigenen Studie bezüglich des Themas und/oder des Studiendesigns geübt. Aber auch die Kopplung der Arbeit an eine Magister-, Diplom- oder Doktorarbeit schien ein Hinderungsgrund zu sein, parallel einen entsprechenden Artikel zu veröffentlichen. Diese Ergebnisse ähneln denen anderer Studien: Zeitmangel ist einer der am häufigsten genannten Gründe, Artikel gar nicht erst einzureichen. Aber auch Methodenmängel oder eine Thematik, die nicht mehr als interessant eingestuft wird, werden von den Autoren als Ursache aufgeführt, keine weiteren Publikationen zu initiieren. [9, 10]. Ähnliche Gründe wie die in Tabelle 3 genannten werden ebenfalls in Studien beschrieben, die der Frage nachgingen, welche Hindernisse allgemeinmedizinischer Forschung generell im Wege stehen [17–19].

Die angegebenen Probleme, die sich aus der Zusammenarbeit mit Studenten ergeben, können letztendlich nicht bewertet werden. Studenten sind unerfahren im wissenschaftlichen Arbeiten und es gibt auch Doktoranden, die im Laufe der Arbeit „abspringen“, was zu Zeitverzögerungen in der Studie führen kann. Sind Studenten daher ein Hindernis? Die recht hohe Rate an studentischen Erstautoren zeigt aber auch eine andere Seite. Die Studenten kamen in der Befragung nicht selber zu Wort, da deren Kontaktdaten rückwirkend nicht zu ermitteln waren. Daher wird in dieser Arbeit nur die Seite der betreuenden Dozenten dargestellt.

Eine sicher wesentliche These für eine niedrige Veröffentlichungsrate nach Kongressen gaben Jasko et al. zu bedenken: Eine Abstractveröffentlichung bedarf weniger Vorbereitung als die Veröffentlichung eines Artikels [8].

Viele unterschiedliche Punkte scheinen dazu zu führen, dass Arbeiten, die auf Kongressen präsentiert werden, nicht unbedingt als Volltextartikel in Zeitschriften erscheinen. Die von den Autoren genannten Gründe für eine Nichtveröffentlichung decken sich vielfach mit den Ergebnissen anderer Befragungen.

Die genannten Hindernisse auf dem Weg zu einer Veröffentlichung können aber, zumindest teilweise, im Vorfeld geklärt werden. Sprague et al. gaben in ihrer 2003 erschienenen Studie u.a. folgende Empfehlungen, die passend zu den Ergebnissen unserer Studie sind [9]:

Eine gute methodische Vorbereitung verringert die Fehlerwahrscheinlichkeit.

Die gründliche Recherche zu dem entsprechenden Thema erleichtert die Spezifizierung der eigenen Thematik.

Komplikationen oder Kompetenzunsicherheiten können durch eine klar definierte Aufgabenverteilung und eine gute Einbindung sämtlicher Co-Autoren vorgebeugt werden.

Vorherige Abklärung der finanziellen und personellen Möglichkeiten und Voraussetzungen schaffen die Rahmenbedingungen zur Beendigung der Arbeit.

Die Schwierigkeiten aufgrund der Arbeitsbedingungen werden anschaulich von einem der hier befragten Autoren selbst geschildert:

„Es ging nie über die Kongress-Abstracts hinaus, wir hechelten sozusagen immer hinterher [...], haben Forschung aus Interesse nebenbei betrieben. War für uns selbst auch irgendwann unbefriedigend, da man aufgrund der Rahmenbedingungen, also zu wenig Stellen und Geldmittel, oft Dinge nicht weiter verfolgen konnte und es somit nur dafür reichte, es auf einem Kongress vorzustellen. Betonen möchte ich, dass das nicht etwa daran lag, dass der Institutsleiter uns zu wenig protegiert hat, die Rahmenbedingungen sind einfach schwierig in der Lehre/Wissenschaft.“

Dieser Kommentar beschreibt ein hochkomplexes Thema und ist sicherlich nicht mit einigen pauschalen Ratschlägen abzuhandeln, er zeigt aber welchen Herausforderungen sich die Mitarbeiter (insbesondere kleiner) allgemeinmedizinischer Institute zwischen Lehre, Forschung und Praxis zu stellen haben.

Hingewiesen haben die Antworten einiger Autoren auch auf die Schwierigkeiten, die niedergelassene Ärzte haben, welche ebenfalls an Forschung interessiert sind und einen Beitrag leisten möchten:

„Das wurde mit etwas verzogener Nase schon auf dem Kongress aufgenommen. Habe das aus Interesse gemacht, aber als Niedergelassener mit Einzelpraxis und dann auch noch sehr peripher gelegen, ist es sehr schwer ... zeittechnisch, organisatorisch und vor allem die Schwierigkeiten beim Kongress, dann habe ich es halt sein gelassen.“

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass es durchaus Hindernisse auf dem Weg zur Veröffentlichung eines Artikels gibt. Diese Schwierigkeiten beziehen sich auf die unterschiedlichsten Bereiche: Arbeitsbelastung, Gelder- oder Personalknappheit sind nur einige der genannten Faktoren. Unkenntnisse, wo und wie man veröffentlicht, aber auch methodische Unsicherheiten weisen auf einen Lernbedarf in Publikations- bzw. Forschungsmethoden hin. Zu beachten ist aber auch der Anteil an Autoren, die von vornherein keine Veröffentlichung initiierten oder aber den Abstract als ausrei-chende Form einer Veröffentlichung ansahen.

Dennoch ist eine Publikationsrate allgemeinmedizinischer Arbeiten von über 50% mit entsprechend hohem Anteil in PubMed gelisteten Zeitschriften auch im Vergleich zu anderen Fachbereichen ein erfreuliches und ein ermutigendes Ergebnis.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Janin Stöcker

Christophorusweg 12, App.901

37075 Göttingen

janinstoecker@gmx.de

Literatur

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7. Hashkes PJ, Uziel Y. The publication rate of abstracts from the 4th Park City Pediatric Rheumatology meeting in peer-reviewed journals: what factors influenced publication? J Rheumatol 2003; 30: 597–602

8. Jasko JJ, Wood JH, Schwartz HS. Publication rate of abstracts presented at an-nual musculoskeletal tumor society meetings. Clin Orthop Relat Res 2003; 415: 98–103

9. Sprague S, Bhandari M, Devereaux PJ, Swiontkowsky MF, Tornetta P, Cook DJ, Dirschl D, Schemitsch EH, Guyatt GH. Barriers to full-text publication following presentation of abstracts at annual orthopaedic meetings. J Bone Joint Surg Am 2003; 85: 158–163

10. Weber EJ, Callaham ML, Wears RL, Barton C, Young G. Unpublished research from a medical specialty meeting: why investigators fail to publish. JAMA 1998; 280: 257–259

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14. Montané E, Vidal X. Fate of the abstracts presented at three Spanish clinical pharmacology congresses and reasons for unpublished research. Eur J Clin Pharmacol 2007; 63: 103–111

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Abbildung 1 Zeitlicher Verlauf der Veröffentlichungen (n = 200).

Abbildung 2 Zeitschriften mit mehr als einem veröffentlichten Artikel.

Tabelle 1 Tätigkeitsfelder der Autoren (bezogen auf nges = 368 Abstracts).

( Abb. 1 u. 2; Tab. 1-3: J. Stöcker)

 

Tabelle 2 Gruppierung der 41 Zeitschriften mit je einem Artikel.

Tabelle 3 Gründe für Nichtveröffentlichungen der Abstracts .

1 Institut für Allgemeinmedizin, Medizinische Hochschule Hannover

2 Abt. Allgemeinmedizin, Universitätsmedizin Göttingen

 

Peer reviewed article eingereicht: 06.01.2009, akzeptiert: 20.01.2009

DOI 10.3238/zfa.2009.0123


(Stand: 27.07.2011)

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