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Kann das Blockpraktikum Allgemeinmedizin Studierende in ihrer Wahrnehmung der Berufszufriedenheit von Hausärzten beeinflussen?

DOI: 10.3238/zfa.2010.0109

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Monika Sennekamp, Ferdinand Michael Gerlach, Katja Gilbert, Hans-Michael Schäfer

Hintergrund: In Deutschland ist in den letzten Jahren nicht zuletzt durch Medienberichte in der Bevölkerung der Eindruck entstanden, Hausärzte seien mit ihrem Beruf zunehmend unzufrieden. So kann man vermuten, dass auch Studierende der Medizin, die während des bisherigen Studiums wenig Kontakt mit hausärztlicher Tätigkeit hatten, ein ähnliches – eher negativ geprägtes – Bild des Hausarztes haben. Die vorliegende Untersuchung soll zeigen, ob Absolventen des zweiwöchigen Blockpraktikums Allgemeinmedizin während dieser Lehrveranstaltung ihre Einschätzung zur Berufszufriedenheit von Hausärzten ändern.

Methode: Im 1. Halbjahr 2009 erhielten 75 Studierende vor und nach Absolvieren des im 10. Semester stattfindenden Blockpraktikums Allgemeinmedizin den von Bovier entwickelten Fragebogen zur Berufszufriedenheit von Ärzten. Anhand der 17 definierten Items sollten die Studierenden auf einer 7-stufigen Likert-Skala vor und nach dem Blockpraktikum ihre Wahrnehmung der Berufszufriedenheit von Hausärzten angeben.

Ergebnisse: Die Rücklaufquote der Fragebögen betrug 89,3 %. Studierende schätzen die Berufszufriedenheit von Hausärzten nach dem Blockpraktikum signifikant höher ein. Wird in der „zusammenfassenden Beurteilung der Berufszufriedenheit“ ein um durchschnittlich 0,86 Punkte höherer Wert auf der 7-stufigen Likert-Skala angegeben, so schwankt die Zunahme der wahrgenommenen Berufszufriedenheit für die 16 Einzel-Items zwischen 0,67 Punkten (Fortbildungsmöglichkeiten) und 1,28 Punkten (Möglichkeit, Patienten nach eigener Ansicht zu behandeln).

Schlussfolgerung: Angesichts des sich anbahnenden Nachwuchsmangels in der Allgemeinmedizin werten wir die positivere Wahrnehmung der Berufszufriedenheit von Hausärzten durch die Studierenden nach dem Blockpraktikum Allgemeinmedizin als Indiz dafür, dass Studierende in dieser Lehrveranstaltung für den Beruf des Hausarztes motiviert werden können.

Schlüsselwörter: Berufszufriedenheit, Hausärzte, Blockpraktikum Allgemeinmedizin

Hintergrund

In den letzten Jahren hat sich die ärztliche Berufsausübung durch technische Fortschritte und den Wandel politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen erheblich verändert. Dieser Wandel ging mit einer offensichtlichen Unzufriedenheit der Ärzte mit ihrem Beruf einher, der sich in Protestveranstaltungen und einer negativen Darstellung – insbesondere des Hausarztberufes – in den allgemeinen Medien, aber auch Fachzeitschriften niederschlug [1]. Als Ursache für die Unzufriedenheit werden Faktoren wie Verschlechterung ökonomischer Rahmenbedingungen, Zunahme administrativer Tätigkeiten und weniger Zeit für die originär ärztliche Tätigkeit genannt.

Bedingt durch diese als unattraktiv empfundene Arbeitssituation in Deutschland kommt es zu einem immer stärkeren Nachwuchsmangel, der durch zunehmende Abwanderung von Hausärzten ins Ausland beschleunigt wird [2]. Dem Nachwuchsmangel, der insbesondere die infrastrukturell schwachen ländlichen Gebiete betrifft [3], soll durch unterschiedliche Ansätze begegnet werden. Unter anderem ist es nötig, bereits bei der universitären Ausbildung eine positive Wahrnehmung des Fachgebietes Allgemeinmedizin zu erreichen.

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, wie Studierende der Medizin im 10. Semester die Berufszufriedenheit von Hausärzten einschätzen und ob die Teilnahme am zweiwöchigen Blockpraktikum Allgemeinmedizin diese Einschätzung verändert. In dieser als Pflichtpraktikum für Studierende des 10. Semesters konzipierten Lehrveranstaltung erhalten die Teilnehmer 2 Wochen lang im Rahmen einer 1:1-Betreuung Einblick in die berufliche und oft auch private Alltagssituation eines Hausarztes.

Methode

Eine zufällige Stichprobe von insgesamt 75 Studierenden des 10. Semesters Medizin erhielt jeweils vor Beginn und nach Abschluss ihres zweiwöchigen Blockpraktikums in einer Lehrarztpraxis einen Fragebogen zur Berufszufriedenheit von Ärzten.

Während in vielen Untersuchungen zur Berufszufriedenheit von Ärzten Fragebögen zur Lebenszufriedenheit [4, 5] verwendet wurden, kam in der vorliegenden Studie der von Bovier 1999 entwickelte und validierte Fragebogen zur Selbsteinschätzung der Berufszufriedenheit von Ärzten [6] zur Anwendung. Dieses Instrument orientiert sich an den von der „Society of General Internal Medicine Career Satisfaction Group“ [7] charakterisierten Komponenten.

In der vorliegenden Studie wurde dieses Instrument zur Fremdbeurteilung durch die Studierenden eingesetzt, um die Ergebnisse mit bereits durchgeführten Studien vergleichen zu können.

Im Bovierschen Fragebogen werden in 17 Einzelfragen fünf Dimensionen der Berufszufriedenheit abgebildet und eine Gesamtbewertung erfragt. Die Befragten können ihre Bewertung in 7 Noten zwischen „1 = sehr unzufrieden“ bis „7 = sehr zufrieden“ vornehmen.

Mithilfe dieses Instruments wurden die Studierenden vor dem Praktikum (Zeitpunkt A) anonymisiert gefragt: „Wie haben Sie die Berufszufriedenheit von Hausärzten bisher wahrgenommen?“ und nach Abschluss des Praktikums (Zeitpunkt B) anhand des gleichen Fragebogens: „Wie haben Sie die Berufszufriedenheit von Hausärzten während des Blockpraktikums wahrgenommen?“.

Mit Hilfe eines in beiden Fragebögen anzugebenden Studierendencodes konnten die Fragebögen vor und nach der Lehrveranstaltung einander zugeordnet werden.

Die statistische Analyse erfolgte durch Berechnung der gepaarten Stichproben (T-Test) mit dem Statistikprogramm SPSS (Version 15.0).

Ergebnisse

Von den 75 ausgegebenen Fragebögen wurden 67 zurückgegeben bzw. waren eindeutig einander zuzuordnen (Rücklaufquote 89,3 %).

In Tabelle 1 sind die Ergebnisse dargestellt. Es zeigt sich, dass die Studierenden die Berufszufriedenheit ihrer Lehrärzte für alle 17 Items nach Absolvieren des Praktikums signifikant höher wahrgenommen haben als vorher (p 0,005). Bei allen Dimensionen – einschließlich der Dimension „Belastung“ (s. Tab. 1, Punkt 5–8) – zeigen höhere Werte eine höhere Berufszufriedenheit an.

Die Einschätzung der Gesamtbewertung (Frage 17) steigt von einem Durchschnittswert von 4,51 auf 5,37 Punkte.

Vor dem Praktikum werden Aspekte der Patientenbetreuung wie „Möglichkeit, Patienten wenn nötig einem Spezialisten vorzustellen“(5,76), „Beziehung zu den betreuten Patienten“(5,16) und des persönlichen Gewinns wie „Freude bei der Arbeit“ (5,10) „Fortbildungsmöglichkeiten“ (5,03) besonders positiv wahrgenommen, während die Verwaltungsarbeit „Zeit und Energie für zu leistende Verwaltungsarbeit“ (2,76) und Einkommenssituation „aktuelle Vergütung“ (3,09) besonders negativ bewertet werden.

Der größte Zuwachs in der Wahrnehmung der Berufszufriedenheit während des Blockpraktikums wird bei den Items „Möglichkeit, Patienten nach eigener Ansicht zu behandeln“ (+1,28) und „Qualität der Patientenversorgung in der Hausarztpraxis“ (+1,37) erkennbar. Auch bei der Bewertung der Items „Arbeitsbelastung“, „Stressniveau“, „Einkommen“ und „Vergütung“ zeigt sich eine – verglichen mit der Gesamtbeurteilung – positivere Bewertung der Berufszufriedenheit.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Studierende die Berufszufriedenheit von Hausärzten vor und nach dem Blockpraktikum Allgemeinmedizin wahrnehmen.

Die Absolventen des Blockpraktikums Allgemeinmedizin bewerten die Berufszufriedenheit ihrer Lehrärzte in allen Bereichen signifikant positiver, als sie dies vor dem Praktikum von einem Hausarzt erwartet hatten.

Dabei stiegen vor allem die Zufriedenheitswerte für originär ärztliche Tätigkeiten („Patientenbeziehung“, „Möglichkeit selbstständiger Behandlung“ und „Qualität der hausärztlichen Versorgung“) und somit in Bereichen, in denen bereits vor dem Praktikum eine überdurchschnittlich hohe Zufriedenheit angegeben wurde.

Der geringste Anstieg zeigte sich bei den „Fortbildungsmöglichkeiten“, die möglicherweise im Rahmen dieser Ausbildungsphase in der Praxis auch wenig thematisiert wurden.

Eine Limitation der Studie besteht in der Anwendung des von Bovier entwickelten und validierten Fragebogens zur Selbsteinschätzung der Berufszufriedenheit von Ärzten, der nun zur Fremdeinschätzung der Lehrärzte durch die Studierenden benutzt wurde. Dieses Instrument wurde bewusst ausgewählt, um einen Vergleich mit vorhergehenden Studien [8, 9] zu ermöglichen.

Die in Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2007 gefundenen schlechten Bewertungen für Verwaltungsaufwand (Mittelwert: 1,89), Arbeitsbelastung (Mittelwert: 3,20) und Vergütung (Mittelwert: 3,20) spiegeln sich auch in der Wahrnehmung der Studierenden vor dem Blockpraktikum wider. Gerade in diesen Bereichen ist aber der Zuwachs der Zufriedenheitswerte im Laufe des Blockpraktikums überdurchschnittlich hoch. Dies erlaubt die Frage, ob es sich bei Lehrärzten um eine Gruppe besonders zufriedener und motivierter Hausärzte handelt, die das Berufsbild positiver darzustellen vermögen. Weitere Untersuchungen zum Vergleich der Berufszufriedenheit von Haus- und Lehrärzten sollten diese Hypothese prüfen.

Insgesamt wird das von Medien und der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geprägte „Negativ-Image“ des Hausarztes während dieser sehr praxisbezogenen Lehrveranstaltung im intensiven 1:1-Betreuungsverhältnis positiv beeinflusst. Durch diese positive Wahrnehmung des Berufsbildes eines Hausarztes während des Blockpraktikums dürfte sich auch die Bereitschaft verbessern, ggf. selbst Hausarzt zu werden, wie dies bereits in einer vorhergehenden Studie [10] gezeigt werden konnte.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Hans-Michael Schäfer

Facharzt für Allgemeinmedizin

Institut für Allgemeinmedizin

Johann Wolfgang Goethe-Universität

Theodor-Stern-Kai 7

60590 Frankfurt

Tel.: 069 / 63 01 83 6 20

Fax: 069 / 63 01 64 28

E-Mail: schaefer@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

Literatur

1. Gothe H, Köster AD, Storz P, Nolting HD, Häussler B. Arbeits- und Berufszufriedenheit von Ärzten. Dtsch Arztebl 2007; 104: A1394–1399

2. Kopetsch T. Arztzahlentwicklung: Hohe Abwanderung ins Ausland. Dtsch Arztebl 2009; 106: A757

3. Bächle M, Auel E, Ebel M. Land sucht Landarzt – wenn sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen...! Die Zukunft der Hausarztversorgung in ländlichen Räumen. Hess ÄB 2009; 70: 13–17

4. Dowell A. A survey of job satisfaction, sources of stress and psychological symptoms among New Zealand Health Professionals. NZ Med J 2000; 113: 269–72

5. Sibbald B, Enzer I, Cooper CL, Rout U, Sutherland VJ. GP Job satisfaction in 1987, 1990 and 1998: lessons for the future? Fam Pract 2000; 17: 364–71

6. Bovier P, Pernegger T. Predictors of work satisfaction among physicians. Europ J Pub Health 2003; 13: 299–305

7. Konrad TR, Williams ES, Linzer M et al. Measuring physician job satisfaction in a changing workplace and challenging environment. SGIM Career Satisfaction Study Group. Society of General Internal Medicine. Med Care 1999; 37: 1137–82

8. Schäfer HM, Krentz H, Harloff R. Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten in Deutschland und Frankreich – eine vergleichende Untersuchung in 3 Großstädten. Z Allg Med 2005; 80: 284–288

9. Schäfer HM, Becker A, Krentz H, Reisinger E. Wie zufrieden sind Hausärzte im Nordosten Deutschlands mit ihrem Beruf? Ein Survey zur Berufszufriedenheit von Allgemeinärzten in Mecklenburg-Vorpommern. Z Evid Fortbild Qual Gesundh.wesen (ZEFQ) 2008; 102: 113–116

10. Schäfer HM, Sennekamp M, Güthlin C, Krentz H, Gerlach FM. Kann das Blockpraktikum Allgemeinmedizin zum Beruf des Hausarztes motivieren? Z Allg Med 2009; 85: 206–209

Tabelle 1 Ergebnisse der Befragung.

 

1 Institut für Allgemeinmedizin, Universität Frankfurt am Main

Peer reviewed article eingereicht:17.12.2009, akzeptiert: 21.01.2010

DOI 10.3238/zfa.2010.0109


(Stand: 11.10.2010)

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