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Colon-Hydro-Therapie – kein Wirknachweis, fatale Komplikationen

FrageAntwort

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In der Praxis werde ich immer wieder von Patienten auf die sogenannte Colon-Hydro-Therapie angesprochen. Kürzlich hat ein Patient berichtet, dass ihm die Anwendungen, die er bei einem komplementärmedizinisch ausgerichteten Kollegen durchführen lässt, ausgesprochen gut tun. Gibt es irgendwelche Studienevidenz zu dieser Therapie?

Für die Colon-Hydro-Therapie, ein Verfahren, bei dem der Dickdarm durch verschiedene mechanische Spülverfahren „gereinigt“ wird, konnte bisher keinerlei Studiennachweis für eine behauptete Wirksamkeit erbracht werden. Es muss im Gegenteil mit Komplikationen mit teils tödlichem Ausgang wie Darmperforation oder Infektionen gerechnet werden. Aufgrund des eklatanten Mangels an validen Arbeiten zur Sicherheit und Wirksamkeit ist die Colon-Hydro-Therapie daher aus evidenzbasierter Sicht abzulehnen.

Hintergrund

Colon-Hydro-Therapie (CHT) ist eine Variante der Darmspülung (Einlauf), bei welcher der Darm mit Wasser gespült wird. Dabei wird das Rektum zunächst mit unterschiedlichen Mengen (bis zu mehrere Liter), Temperaturen und Drücken mit Wasser befüllt. Verschiedenste Stoffe wie Kräuter, Kaffee oder Enzyme können zugesetzt werden. Während der Behandlung, welche meist etwa eine Stunde dauert, wird die Flüssigkeit oft in Verbindung mit einer Bauchmassage wieder abgelassen.

Anhänger dieses Verfahrens geben zahlreiche Anwendungsgebiete für die CHT an. So zählt ein Anbieter etwa folgende Liste an Indikationen auf: Entgiftung, Pilzerkrankungen, Übersäuerung, Immunschwäche, Burnout Syndrom, chronische Müdigkeit, Depression, Vegetative Dystonie, Tumorerkrankungen, Neurodermitis, Allergien, Migräne, Angstzustände, Parasitenbereinigung, Drogenentschlackung, Schlaf- und Medikamentenvergiftung, Darmstörungen wie Verstopfung, Durchfälle, Flatulenzen; Darmreinigung vor Operationen, Röntgen, usw. [1]. Das fragwürdige, bisher nicht wissenschaftlich untersuchte bzw. validierte Konzept der Autointoxikation wird oft als Erklärungsversuch für die angebliche Wirksamkeit vorgebracht [2].

Darmspülungen sind keine neue Erfindung, sondern wurden schon im Mittelalter angewandt und erlebten vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen wahren „Boom“[3]. Heutzutage beschäftigt das Geschäft mit der „Darmwäsche“ weltweit eine Millionendollar-Industrie [4]. Vor allem Heilpraktiker aber auch Ärzte aus dem Bereich der Komplementärmedizin bieten hierzulande derartige Dienste an [5].

Evidenzlage

Eine systematische Übersichtsarbeit fasst die derzeitige Studienlage zur CHT zusammen [4]. Nur 16 Arbeiten erfüllten dabei die Einschlusskriterien, um in den Review aufgenommen zu werden. Alle diese Arbeiten waren von geringer methodischer Qualität. Nur 2 der inkludierten Arbeiten stellten klinische Studien im engeren Sinne dar, die übrigen Veröffentlichungen berichteten über einzelne Fälle und Fallserien. Von den klinischen Studien evaluierte eine den Effekt von Darmspülungen auf die Kolontransitzeit bei Obstipation. Hier kam es bei 25 Frauen mit Obstipation im prä-post-Vergleich durch CHT mit osmotisch laxativen Substanzen zu einer Beschleunigung der Darmpassage. Weitere klinisch relevante Outcomes wurden nicht untersucht. Die zweite Studie untersuchte an 75 Probanden in einem randomisierten, nicht verblindeten Design den Effekt der CHT mit chinesischen Kräutermischungen zusätzlich zur konventionellen Substitutionsbehandlung bei Heroinabhängigkeit. In der CHT-Gruppe kam es zu einem rascheren Abklingen der Entzugssymptome und zu einer höheren Abstinenzrate. Die Studie wurde allerdings von den Autoren des Systematic Review mit einem Qualitätsscore von 0,28 auf einer Skala von 0 bis 1 eingestuft und ist daher kaum als valide Evidenz für die CHT anzuführen.

Im Rahmen unserer Recherche (Pubmed, GoogleScholar, Cochrane Library u. a.) konnten keine Publikationen gefunden werden, die diese Therapie bezüglich der Wirksamkeit für die anderen angeführten Indikationen evaluiert hätten.

Für Nebenwirkungen, insbesondere für fatale Verläufe, liegt hingegen durchaus Evidenz in Form von Fallberichten vor. So wurden im Zusammenhang mit Kaffee-Einläufen Fälle von Sepsis und Darmentzündungen ebenso berichtet wie Todesfälle. Auch die Gefahr von Kolonperforationen wurde in mehreren unabhängigen Fallberichten eindrücklich dokumentiert [4, 6]. Nicht zuletzt ist die Infektionsgefahr durch CHT durch eine Fallserie mit 36 Fällen von Amöbeninfektionen mit 6 Toten eindrucksvoll belegt [7].

Einschränkend ist zur Evidenzlage zu bemerken, dass Fallberichte generell einem Publikations-Bias unterliegen; das heißt, „spektakuläre“ Berichte über Nebenwirkungen werden eher publiziert als unauffällige Verläufe. Eine valide Abschätzung des Komplikationsrisikos ist daher auf Basis der vorliegenden Evidenzlage nicht möglich [8].

Praxisrelevanz

Aufgrund des eklatanten Mangels an validen Arbeiten zur Sicherheit und Wirksamkeit ist die Colon-Hydro-Therapie daher aus evidenzbasierter Sicht abzulehnen.

Dr. Bernhard Hansbauer, Rechercheservice Evidenzbasierte Medizin, PMU Salzburg

Stand der Recherche: Februar 2010

Quellen

1. www.doc-uni.at/html/colon-hydro-therapie.html. Website Dr. Egger JA 2010; abgerufen am 23.12.2010

2. Ernst E. Colonic irrigation and the theory of autointoxication: a triumph of ignorance over science. J Clin Gastroenterol 1997; 24: 196–198

3. Sullivan-Fowler M. Doubtful theories, drastic therapies: autointoxication and faddism in the late nineteenth and early twentieth centuries. J Hist Med Allied Sci 1995; 50: 364–390

4. Acosta RD, Cash BD. Clinical effects of colonic cleansing for general health promotion: a systematic review. Am J Gastroenterol 2009; 104: 2830–2836

5. www.therapeuten.de/therapien/colon.htm und www.bcht.de www.h-a-b-gmbh.de/colon_ hydro_therapie/, abgerufen am

23.12.2010

6. Handley DV, Rieger NA, Rodda DJ. Rectal perforation from colonic irrigation administered by alternative practitioners. Med J Aust 2004; 181: 575–576

7. Istre GR, Kreiss K, Hopkins RS, Healy GR, Benziger M, Canfield TM et al. An outbreak of amebiasis spread by colonic irrigation at a chiropractic clinic. N Engl J Med 1982; 307: 339–342

8. Douglas G. Richards, David L. McMillin, Eric A. Mein, Carl D. Nelson. Colonic irrigations: a review of the historical controversy and the potential for adverse effects. The Journal of Alternative and Complementary Medicine. 2006; 12: 389–393.

doi:10.1089/acm.2006.12.389


(Stand: 15.03.2011)

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