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Asymptomatische Bakteriurie in der Schwangerschaft – was tun?

FrageAntwort

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Vor einigen Tagen stellte sich eine 27-jährige Schwangere (11. SSW) in meiner Sprechstunde vor mit der Frage, ob sie das vom Gynäkologen verordnete Antibiotikum wirklich einnehmen solle. Bei der Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchung seien Bakterien im Urin festgestellt worden. Sie habe aber überhaupt keine Beschwerden. Gibt es Studienevidenz, dass eine Antibiose bei Schwangeren mit asymptomatischer Bakteriurie tatsächlich notwendig und von Vorteil ist?

Nach derzeitig verfügbarer Studienlage reduziert die antibiotische Therapie einer asymptomatischen Bakteriurie in der Schwangerschaft das Risiko für Pyelonephritiden. Außerdem wird das Risiko, ein untergewichtiges Neugeborenes zu gebären, gesenkt. Gemäß aktuellen Leitlinien sollte daher eine adäquate Antibiose erfolgen. Wir schließen uns hier der Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Urologie an, das Antibiotikum nach Antibiogramm auszuwählen. Einheitliche evidenzbasierte Empfehlungen dazu, welches Antibiotikum wie lange gegeben werden sollte, liegen jedoch derzeit nicht vor.

Hintergrund

Eine asymptomatische Bakteriurie tritt in der westlichen Welt bei etwa 5–10 % der Schwangeren auf, wobei vor allem Frauen im ersten Trimenon betroffen sind [1]. Als Erreger wird häufig Escherichia coli identifiziert [2]. Im Gegensatz zu den meisten anderen Populationen ist bei Schwangeren auch die asymptomatische Bakteriurie von klinischer Relevanz.

Frauen, bei denen eine asymptomatische Bakteriurie in der Frühschwangerschaft festgestellt wurde, haben, verglichen mit Nichtschwangeren, ein 20–30-faches Risiko, eine Pyelonephritis zu entwickeln [3]. Weiterhin legen mehrere Studien eine Assoziation zwischen Bakteriurie und einem erhöhten Risiko für Wachstumsretardierung, Frühgeburtlichkeit und erhöhte perinatale Morbidität und Mortalität nahe.

Evidenzlage

Dass eine Therapie von asymptomatischen Schwangeren bei Bakteriurie indiziert ist, ergibt sich unter anderem aus einem Cochrane Review aus dem Jahr 2008 [4]. Diese systematische Übersichtsarbeit inkludierte 14 RCTs (randomisiert kontrollierte Studien), die bei dieser Patientengruppe eine antibiotische Therapie mit Placebo oder keiner Behandlung verglichen. Unter Antibiose wurde die Bakteriurie signifikant häufiger erfolgreich therapiert (Risk Ratio für persistierende Bakteriurie 0,25; 95 % CI 0,14–0,48). Ebenso wurde durch die Antibiose die Rate der Pyelonephritiden (RR 0,23; 95 % CI 0,13–0,41) und der Neugeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm (RR 0,66; 95 % CI 0,49–0,89) signifikant reduziert. Die Rate an Frühgeburten war in der Metaanalyse unter Antibiose zwar etwas geringer, aber nicht statistisch signifikant. Einschränkend bewerten die Autoren die Qualität der inkludierten RCTs allerdings als niedrig.

Praxisrelevanz

Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass eine antibiotische Therapie bei asymptomatischer Bakteriurie von Schwangeren zu klinisch relevanten Vorteilen für Mutter und Kind führen kann. Die Harnbefundung mittels Harnteststreifen auf Leukozyturie und Nitrit während des ersten Trimenons wurde deshalb in vielen Ländern als Screeningmaßnahme eingeführt [3–6]. Als Goldstandard gilt allerdings die Harnkultur, da der Teststreifen eine zu geringe Spezifität besitzt. Ein positives Teststreifenergebnis sollte also immer durch eine Kultur bestätigt werden, und erst bei positivem Kulturbefund sehen wir eine antibiotische Therapie als indiziert an.

Über das optimale Therapieregime herrscht in der Literatur übrigens noch keine Einigkeit. Wie so oft in der Medizin fehlen die direkten Vergleichsstudien. So ist unklar, welches das wirksamste Antibiotikum darstellt und über welche Zeitdauer die Antibiose erfolgen sollte [7, 8]. Da aus der derzeitigen Studienlage kein Vorteil für ein bestimmtes Therapieregime abgeleitet werden kann, werden unterschiedliche Empfehlungen publiziert [9]. Die aktuelle Leitlinie der deutschen Gesellschaft für Urologie empfiehlt etwa, die Antibiotikatherapie dem Antibiogramm entsprechend auszuwählen [10]. Für die deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe stellen hingegen – unabhängig vom Kulturbefund – Cephalosporine oder Amoxicillin über sieben Tage das Regime der 1. Wahl dar [11].

Dr. Bernhard Hansbauer, Rechercheservice Evidenzbasierte Medizin, PMU Salzburg

Stand der Recherche: November 2010

Quellen

1. Lumbiganon P, Laopaiboon M, Thinkhamrop J. Screening and treating asymptomatic bacteriuria in pregnancy. Curr Opin Obstet Gynecol 2010; 22: 95–99

2. Hooton TM. Urinary tract infections and asymptomatic bacteriuria in pregnancy. UpToDate online Mai 2010; version 18.2

3. Nicolle LE, Bradley S, Colgan R, Rice JC, Schaeffer A, Hooton TM. Infectious Diseases Society of America guidelines for the diagnosis and treatment of asymptomatic bacteriuria in adults. Clin Infect Dis 2005; 40: 643–654

4. Smaill F, Vazquez JC. Antibiotics for asymptomatic bacteriuria in pregnancy. Cochrane Database Syst Rev 2007; (2): CD000490

5. Screening for asymptomatic bacteriuria in adults: U.S. Preventive Services Task Force reaffirmation recommendation statement. Ann Intern Med 2008; 149: 43–47

6. Lin K, Fajardo K. Screening for asymptomatic bacteriuria in adults: evidence for the U.S. Preventive Services Task Force reaffirmation recommendation statement. Ann Intern Med 2008; 149: W20–W24

7. Villar J, Lydon-Rochelle MT, Gulmezoglu AM, Roganti A. Duration of treatment for asymptomatic bacteriuria during pregnancy. Cochrane Database Syst Rev 2000; (2): CD000491

8. Guinto VT, De Guia B, Festin MR. Different antibiotic regimens for treating asymptomatic bacteriuria in pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews 2009, Issue 3. Art. No.: CD007855. DOI: 10.1002/14651858. CD007855

9. Hooton TM. Urinary tract infections and asymptomatic bacteriuria in pregnancy. UpToDate online 2010, version 18.2

10. S-3 Leitlinie AWMF-Register-Nr. 043/ 044. Harnwegsinfektionen. Epidemiologie, Diagnostik, Therapie und Management unkomplizierter bakterieller ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten. Stand 10/2010. www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/ 043–044l.pdf

11. S-3 Leitlinie AWMF-Register-Nr. 015/ 009. Harnwegsinfekt der Frau. Stand 07/2008. www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/015–009.htm


(Stand: 15.03.2011)

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