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Entwicklungspsychologische Konstrukte für die Primärversorgung

DOI: 10.3238/zfa.2011.127

Die Bindungstheorie und ihre Relevanz für die Hausarztpraxis

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Jochen Gensichen, Katja Brenk-Franz, Nico Schneider, Paul Ciechanowski, Bernhard Strauß

Zusammenfassung: Entwicklungspsychologische Konzepte, wie die Bindungstheorie, können als Erklärungsgrundlage für primärärztliche Fragestellungen besonders in Bezug auf die Entstehung und die Aufrechterhaltung von Erkrankungen sowie der Arzt-Patient Beziehung herangezogen werden. Im Rahmen des Artikels werden die wesentlichen Grundlagen der Bindungstheorie vorgestellt. Des Weiteren wird anhand von Forschungsergebnissen die Bedeutsamkeit der Bindungstheorie für verschiedene Aspekte der Krankheitsgenese aufgezeigt. Dabei wird sehr bewusst die Verbindung zu hausärztlich relevanten Themen wie der Krankheitsverarbeitung, Compliance und Arzt-Patient-Beziehung geschaffen. Ein Überblick über Forschungsergebnisse zu verschiedenen Bindungsmustern dient in Verbindung mit den zugrunde liegenden Theoriekonzepten als Erklärungsmodell für individuelle Unterschiede bezüglich verschiedener erkrankungsrelevanter Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien von Patienten.

Schlüsselwörter: Primärversorgung, Allgemeinmedizin, Bindungstheorie

Einleitung und Grundlagen der Bindungstheorie

Die Allgemeinmedizin zeichnet sich durch ein ganzheitliches Patientenverständnis aus. Demnach ist es unzureichend, einen Menschen auf seine Krankheit zu reduzieren, sondern es gilt in besonderem Maße, die Unterschiedlichkeit der Menschen zu berücksichtigen.

Die entwicklungspsychologisch fundierte Bindungstheorie bietet ein psychosoziales Modell zur Erklärung individueller Unterschiede im Erleben und Verhalten in Bezug auf zwischenmenschliche Nähe und Distanz zur Stress- und Affektregulation in Situationen, die subjektiv als bedrohlich empfunden werden [1, 2].

Die Bindungsforschung betrachtet die Ätiopathogenese psychischer und physischer Störungen, Schutz- und Risikofaktoren über die gesamte Lebensspanne, geht aber davon aus, dass insbesondere das erste Lebensjahr für die Bindungsentwicklung von entscheidender Bedeutung ist [3]. Bindung in diesem Kontext bezeichnet eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Das Neugeborene entwickelt eine spezifische Beziehung zu seinen Eltern oder anderen relevanten Bezugspersonen. Der Theorie zufolge aktiviert das evolutionäre und primäre Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe bei subjektiver Bedrohung ein komplexes „Bindungsverhaltenssystem“ zur Herstellung von Sicherheit. Das Bindungsverhalten besteht aus verschiedenen beobachtbaren Verhaltensweisen wie beispielsweise Lächeln, Schreien, oder Festklammern. Diese Verhaltensweisen werden als ein Verhaltenssystem beschrieben. Es ist genetisch vorgeprägt und bei allen Primaten zu finden. Ist die Sicherheit wieder hergestellt, also beispielsweise die Mutter wieder beim Kind, wird das antagonistisch wirkende Explorationsverhaltenssystem bedeutsamer, welches die Erkundung neuer Situationen oder Personen ermöglicht, oft allerdings mit der Rückversicherung zur sicheren Basis, die Bindungspersonen zur Verfügung stellen [4]. Diese „sichere Basis“ (secure base) im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach Schutz ist für das Wohlbefinden des Menschen über die ganze Lebensspanne hinweg bedeutsam [5].

Die inneren Arbeitsmodelle von Bindung

In Abhängigkeit der Reaktionen früher Bezugspersonen (wie zum Beispiel Mutter oder Vater) entwickeln sich unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen über Abläufe in sozialen Beziehungen [2, 6]. Die sogenannten inneren Arbeitsmodelle (inner working models) kann man als Organisationsmuster der Vorstellung von sich selbst, von Bindungspersonen und der Beziehung zu diesen auffassen. Ereignisse der realen Umwelt werden mithilfe der Modelle simuliert bzw. vorweggenommen, um sich somit als Individuum in die Lage zu versetzen, sein Verhalten vorausschauend und einsichtsvoll zu planen. Diese Arbeitsmodelle gelten als relativ stabil und änderungsresistent [7]. Allerdings gibt es auch kontroverse Betrachtungen und Befunde bezüglich der Stabilität [7, 8], die darauf hindeuten, dass Veränderungen in Richtung sicherer und unsicherer Bindung, z. B. durch einschneidende Erlebnisse im Sinne von Verlusterfahrungen oder schweren Erkrankungen, aber auch durch positive Beziehungserfahrungen durchaus möglich sind.

Interindividuelle Unterschiede in den Bindungsqualitäten

Die Variabilität der Bindungsmuster wird unter anderem durch verschiedene Verhaltensweisen der primären Bezugspersonen wie beispielsweise der Feinfühligkeit der Mutter determiniert. Die ausgebildeten Bindungsverhaltensweisen des Kindes leisten eine optimale Anpassung an die mehr oder weniger günstigen Umweltbedingungen. Im Falle der unsicheren Bindungsmuster kann die Flexibilität bei der Bewältigung von später in der Entwicklung geforderten Anpassungsleistungen eingeschränkt sein. Unterschieden wird dabei meist zwischen den Kategorien sicherer, unsicher-vermeidender und unsicher-ambivalenter Bindung.

  • Sicher gebundene Kinder haben meist feinfühlige Bezugspersonen. Sie rechnen bei Aktivierung ihres Bindungssystems mit einfühlendem Verhalten und können infolgedessen bei Beunruhigung relativ konfliktfrei Trost und Unterstützung suchen und sind eher in der Lage, ihre Gefühle in bindungsrelevanten Situationen deutlich zum Ausdruck zu bringen. Sie zeigen in Untersuchungen deutliches Bindungsverhalten wie Weinen oder Nähesuchen, wenn sie von der Mutter getrennt werden, beruhigen sich jedoch schnell wieder nach deren Rückkehr und widmen sich wieder dem Spiel oder einer Erkundung der Umgebung [4].
  • Den unsicheren Bindungsstrategien liegen Erwartungsstrukturen zugrunde, die entweder eine abweisende oder eine inkonsistente Reaktion der Bindungsfigur vorhersagen, wenn von dem Kind Nähe gesucht wird. Folglich erwartet das Kind bei einer Aktivierung seines Bindungssystems einen größtenteils unlösbaren Konflikt, verbunden mit einem schmerzhaften Affekt, der keine Beruhigung erfährt.
  • Unsicher-vermeidend gebundene Kinder versuchen diesen Konflikt zu lösen, indem sie ihre Aufmerksamkeit von den Bedingungen abwenden, die ihr Bindungssystem aktivieren, was meist durch die Vermeidung des primären Bindungsobjekts und eine Überregulation von Affekten erfolgt. In Untersuchungen zeigen sich diese Kinder scheinbar unbeeindruckt durch die Trennung von der Mutter und ignorieren sie auch bei deren Rückkehr. Diese Kinder haben frühzeitig gelernt, dass ihrem Bedürfnis nach Nähe nicht nachgekommen wird [4].
  • Unsicher-ambivalent gebundene Kinder hingegen versuchen durch übersteigerte Aufmerksamkeitsfokussierung auf das primäre Bindungsobjekt die Nähe zu der Bindungsfigur aufrechtzuerhalten, was sie jedoch aufgrund ihrer inkonsistenten Erfahrungen in einem beunruhigten, aufgewühlten Zustand (Unterregulation des Affekts) und in einem ambivalenten Erleben zurücklässt. Diese Kinder zeigen die deutlichsten Trennungsreaktionen in Untersuchungen, in denen die Mutter für eine Weile den Raum verlässt. Sie lassen sich auch durch andere feinfühlige Personen kaum beruhigen. Nach der Rückkehr der Mutter zeigen sie anklammerndes und aggressiv-abweisendes Verhalten und lassen sich kaum beruhigen bzw. zum erneuten Spiel animieren [4].
  • Reagieren Bindungspersonen inkonsistent und in spezifischen Situationen womöglich Furcht einflößend, entwickelt sich bei Kindern ein desorganisiertes Bindungsmuster, das durch einen kompletten Mangel an Bewältigungsstrategien gekennzeichnet ist.

Modell der Aktivierung des Bindungssystems

Bindungsverhalten verändert sich über die Lebensspanne. Bei älteren Kindern und Erwachsenen ist das direkt beobachtbare Bindungs- und Explorationsverhalten im Sinne von Annäherung und Entfernung von Bindungspersonen nicht mehr so offensichtlich. Doch bleibt Bindung für den Menschen von der Wiege bis zum Grab immer hochgra

dig bedeutsam [2]. Auf der Basis der zentralen Annahmen der Bindungstheorie wurde daher von Shaver und Mikulincer ein Modell für die Aktivierung des Bindungssystems im Erwachsenenalter entwickelt [9]. Dieses Modell (vgl. Abb. 1) kann zur Erklärung der Verhaltens- und Emotionsregulation in bedrohlichen Situationen wie zum Beispiel bei Erkrankungen oder Verlusterfahrungen herangezogen werden. Zunächst wird diesem Modell zufolge auf der ersten Stufe die Bedrohlichkeit einer Situation bewertet. Bei Gefahr (zum Beispiel der Mitteilung einer schwerwiegenden Erkrankung durch den Arzt) wird das Bindungsverhaltenssystem aktiviert und – falls verfügbar – die Suche nach einer Bezugsperson initiiert. Auf der zweiten Stufe wird entschieden, ob die reale oder internalisierte Bezugsperson erreichbar ist und feinfühlig reagieren kann. Falls ja, führen sicherheitsbasierte Strategien der Bindungsperson (Zuwendung, Fürsorgeverhalten) zur Inaktivierung des Bindungssystems. Falls dies nicht geschieht, entsteht ein Gefühl der Unsicherheit, welches in Anhängigkeit der Möglichkeit des Nähesuchens zu einer Bindungsperson, auf der dritten Stufe entweder zu deaktivierenden oder zu hyperaktivierenden Strategien bezüglich des Bindungsverhaltens führen kann. Deaktivierende Strategien gehen mit der Verleugnung von Bindungsbedürfnissen, dem Herunterspielen von Gefahren, der Verdrängung negativer Emotionen und Kognitionen, wie sie im Zusammenhang mit der Erkrankung auftauchen können, und mit der gezielten Ablenkung der Aufmerksamkeit von der Bindungsfigur einher. Hyperaktivierende Strategien beinhalten die erhöhte Aufmerksamkeit für bedrohliche Situationen. Das chronisch aktivierte Bindungssystem meldet stärker Gefahren (z. B. die verstärkte Wahrnehmung der Symptome der vom Arzt mitgeteilten Erkrankung) und führt zur übersteigerten Hinwendung zu Bindungspersonen, um Schutz und Sicherheit einzufordern. Es wird angenommen, dass diese Prozesse automatisch ablaufen und nur teilweise dem Bewusstsein zugänglich und reflektierbar sind.

Mittlerweile wurde von der Bindungsforschung eindeutig gezeigt, dass die Interaktionserfahrungen im Kontext von Bindungsbeziehungen in Form mentaler Repräsentanzen bei Erwachsenen bestehen bleiben, die ebenso wie das kindliche Bindungsverhalten mithilfe diagnostischer Methoden (spezifischer Interviews und Fragebögen) erfasst und analog dem Verhalten in drei Kategorien eingeteilt werden können (sicher / autonom; vermeidend / abweisend; ambivalent / verstrickt) (ausführliche Übersicht bei [10]).

Bedeutung der Bindungstheorie für die Hausarztpraxis

Bindung und Erkrankungen

Der Einfluss zwischen Erkrankungen und dem Bindungssystem ist als wechselseitig zu sehen. Krankheit selbst gilt als eine bindungssystemaktivierende Situation, besonders wenn sie als Bedrohung gesehen wird. Auf der anderen Seite kann eine bestehende Bindungsunsicherheit Einfluss nehmen auf den persönlichen Gesundheitszustand. Der Zusammenhang zwischen Bindung und der physiologischen Reaktionsbereitschaft wurde bereits empirisch belegt. Unsicher gebundene Personen zeigten im Gegensatz zu sicher gebundenen einen Anstieg des Speichelkortisols [11] und eine höhere Zunahme der Hautleitfähigkeit [12] in bindungsrelevanten Situationen, was auf eine erhöhte Stressreaktion hindeutet, die insbesondere bei vermeidend gebundenen in Diskrepanz zum sichtbaren Verhalten und teilweise auch zur Selbstrepräsentation stehen. Auf der Basis von empirischen Befunden wurde von Maunder und Hunter ein Modell zum Zusammenhang von unsicherer Bindung und Krankheitsentstehung und -aufrechterhaltung entwickelt [13]. Anhand dieses Modells können 3 Wege aufgezeigt werden, über welche unsichere Bindung mit der Krankheitsgenese assoziiert sein kann (vgl. Abb. 2).

Der erste Pfad beschreibt den Zusammenhang von unsicherer Bindung und Störungen der Stressregulation, welche durch Steigerung der physiologischen Stressreaktion direkten Einfluss auf die Entstehung bzw. Aufrechterhaltung einer Erkrankung haben kann. Ein zweiter Pfad zeigt die Assoziation zwischen einer unsicheren Bindung und einer verstärkten Externalisierung von Affekten über problematisches Gesundheitsverhalten, wobei spezifische Risikofaktoren wie z. B. Substanzmittelmissbrauch, gestörtes Essverhalten oder riskantes Sexualverhalten krankheitsrelevanten Einfluss haben. Der dritte Pfad impliziert, dass eine unsichere Bindung eher mit einer inadäquaten Nutzung protektiver Faktoren wie sozialer Unterstützung, Compliance oder Selbstfürsorge zusammenhängt und somit direkt auf die Krankheit bzw. indirekt über eine nicht optimale Nutzung des medizinischen Systems und eine inadäquate Schilderung der krankheitsbezogenen Symptome wirkt. Speziell im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen gilt unsichere Bindung heute als wirkmächtiger Risikofaktor. Während der Anteil sicher gebundener Personen in repräsentativen Stichproben Erwachsener auf etwa 50–60 % geschätzt wird, liegt der Anteil in Stichproben psychisch Kranker bei maximal 20 % [14].

Bindung und Coping

Coping, die Krankheitsverarbeitung, bezeichnet alle handlungsbezogenen und intrapsychischen Anstrengungen, die eine Person unternimmt, um belastende Situationen zu bewältigen, zu tolerieren oder zu minimieren [15]. Die Verbindung zwischen Bindung und Coping kann über die Affektregulation vermutet werden. Unsicher vermeidende Personen neigen eher zur Unterdrückung von Emotionen wie Angst oder Ärger, einer hohen Kontrolle, einer geringen Suche nach sozialer Unterstützung [16] und zum bedrohungsmindernden, repressiven Coping [17]. Außerdem suchen sie weniger nach professioneller medizinischer Hilfe, was zur Verstärkung der Symptomatik führen kann [18]. Personen mit unsicher-ambivalenter Bindung fokussieren eher die Bedrohung und berichten verstärkt negative Emotionen oder auf ihre Krankheit bezogen mehr Symptome und „katastrophisieren“ [19]. Personen mit sicherer Bindung dagegen bewerten belastende Situationen flexibler, setzen sich aktiver mit Problemen auseinander und binden ihr soziales Netzwerk in die Bewältigung ein [20]. Aktuelle klinische Forschungsergebnisse zu Bindung und Krankheitsverarbeitung bei Patienten mit einer chronischen Erkrankung beziehen sich vorrangig auf die Kindheit [21] oder das mittlere Erwachsenenalter [22]. Das höhere Erwachsenenalter spielt eine wichtige Rolle, da die Wahrscheinlichkeit von bindungsaktivierenden Situationen, wie beispielsweise Trennungen, Verluste und Krankheiten mit dem Alter zunimmt [23]. Kranke, ältere Menschen können abhängig vom Versorger werden. Diese Situation kann unter anderem mit Trennungsangst und Angst vor Ablehnung oder aber Distanzierung einhergehen. Insgesamt ist die Forschungslage dazu noch recht heterogen [23]. Ein „sicherer“ Bindungsstil kann möglicherweise protektiv wirken und bezüglich des Umgangs mit chronischen Krankheiten eine günstige Prognose bieten [24].

Bindung und Arzt-Patient- Beziehung

Der Zusammenhang zwischen Bindung und der Arzt-Patient-Beziehung wurde bisher vorrangig im psychotherapeutischen Kontext oder bei psychosomatisch erkrankten Patienten untersucht [14]. Die Mechanismen sind aber möglicherweise auf das hausärztliche Setting übertragbar. Schließlich beeinflussen frühe Bindungsbeziehungen späteres Beziehungsverhalten in allen Bereichen, die für die Entstehung und den Verlauf somatischer Störungen relevant sind. Dazu zählen Störungen der interpersonellen Beziehungen einschließlich der Arzt-Patient-Beziehung und ein Mangel an sozialer Kompetenz, der mit fehlenden interpersonalen Copingressourcen einhergeht [25]. Das dysfunktionale Krankheitsverhalten von Patienten lässt sich möglicherweise auch als Korrelat einer solchen Beziehungsstörung begreifen [26]. In Bezug auf die unsicheren Bindungsmuster fällt eine Häufung bestimmter Ähnlichkeiten von Personen mit ambivalenter bzw. vermeidender Bindung ins Auge, die in der Literatur vielfach beschrieben wurde [27]. Patienten mit ambivalenter Bindung sind eher gekennzeichnet durch aufmerksamkeitssuchendes Verhalten, eine verstärkte Symptomklage und eine Überinanspruchnahme von Gesundheitsleistungen [26, 27], währenddessen eine vermeidende Bindungsstrategie häufiger mit einer Ablehnung des Behandlers, einer geringeren Offenheit und einer geringeren Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen verbunden ist [28, 29]. Eine Übersicht von empirischen Befunden zu Merkmalen von Personen in Abhängigkeit von ihrem Bindungsmuster, die primär aus dem psychotherapeutischen Kontext stammen, sind in Tabelle 1 aufgeführt.

Studien zur Bestimmung des Bindungsverhaltens der behandelnden Ärzte oder Therapeuten und dessen Einfluss auf die Arzt-Patienten-Beziehung sind eher selten. Erste Ergebnisse deuten an, dass unter Psychotherapeuten möglicherweise gehäuft bedingt sichere und vermeidende Bindungsstile vorkommen [42]. Der Einfluss unsicherer Bindungserfahrung auf die Arzt-Patient-Beziehung ist bislang ungeklärt. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass sicher gebundene Case Manager ein besseres Verständnis für die „verborgenen Bedürfnisse“ ihrer Patienten haben, währenddessen unsicher gebundene vorrangig auf die sichtbaren Bedürfnisse ihrer Patienten eingehen [40].

Bindung und Shared Decision Making

Die Beteiligung von Patienten an medizinischen Entscheidungen wird zunehmend als notwendig erachtet. So beanspruchen mittlerweile viele Patienten eine aktivere Rolle im Behandlungsprozess, angeregt durch den in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich gewachsenen Trend zu mehr Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Befragungen von Patienten zeigen, dass diese im Krankheitsfall umfassende Informationen wünschen, oft gekoppelt an eine angemessene Beteiligung an medizinischen Entscheidungen und der Einbeziehung ihrer eigenen Vorstellungen von Gesundheit [43]. Allerdings handelt es sich beim Shared Desicion Making um ein Konzept, das die Bedürfnisse vieler, aber nicht aller Patienten berücksichtigt. Menschen unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen nach Information und Kommunikation. Daher bringt auch die Forschung zur partizipativen Entscheidungsfindung sehr heterogene Ergebnisse [44]. Die Bindungstheorie kann möglicherweise Erklärungsansätze bieten, warum beispielsweise bestimmte Patienten in Abhängigkeit von ihrem inneren Arbeitsmodell von Bindung nicht an der medizinischen Entscheidungsfindung teilhaben wollen, andere aber wiederum sehr autonom entscheiden möchten. Des Weiteren ergeben sich Möglichkeiten für den Hausarzt in Abhängigkeit vom Bindungsstil bestimmte Hilfsangebote für Patienten anzubieten, die auf die Bedürfnisse abgestimmt sind. Ein Patient mit ambivalenter Bindung könnte beispielsweise nach der Übermittlung einer schwerwiegenden Nachricht eher das Bedürfnis nach intensivem direkten Arztkontakt entwickeln, wohingegen ein Patient mit einer vermeidenden Bindung mit höherer Wahrscheinlichkeit das Bedürfnis nach Rückzug entwickeln wird. In letzterem Fall könnten Patientenbroschüren in Kombination mit wiederkehrenden Gesprächsangeboten und einem hohen Maß an gewährter Mitentscheidung zur Verbesserung der Arzt-Patient-Beziehung beitragen.

Bindung als Prädiktor für Behandlungserfolg (Compliance / Adherence)

Das Ziel, Therapieerfolg durch personenspezifische Merkmale vorherzusagen, wird vor allem in der psychotherapeutischen Forschung verfolgt. Da Personen mit vermeidender Bindung Schwierigkeiten haben, enge vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, profitieren sie anscheinend weniger von psychodynamischen Kurzzeittherapien [45], dafür erzielen sie teilweise verbesserte Symptome im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie [46], die weniger interpersonale Aspekte fokussiert. Ambivalente Patienten hingegen erreichten positivere Behandlungsergebnisse im Rahmen einer stationären Gruppenpsychotherapie im Vergleich zu vermeidend gebundenen [47]. Neuerdings wird versucht, Behandlungskonzepte zu entwickeln, die die Bindungsbedürfnisse und die damit verknüpften psychischen Merkmale fokussieren, wie beispielsweise die mentalisierungsbasierte Psychotherapie [48]. Für die hausärztliche Praxis ist vor allem die behandlungsbezogene Compliance von Interesse. Non-Compliance, die mangelnde „Therapietreue“, gilt als ein wesentlicher Grund für eine unzureichende Therapie und damit als Ursache vermeidbarer Kosten. Nur jeder zweite Patient mit einer chronischen Krankheit nimmt seine Medikamente wie verordnet [49]. Eine hohe Compliance führt zu besseren Behandlungsergebnissen [50]. Allerdings sind Compliance und Non-Compliance von unterschiedlichen Faktoren abhängig. Einige der vermuteten Einflussfaktoren sind geringe Bildung, langjährige Erkrankungen, unerwünschte Nebenwirkungen, Polypharmazie und das Vorliegen von chronischen Erkrankungen [51, 52]. Entwicklungspsychologische Konzepte sind erst in jüngster Zeit zur Erklärung der behandlungsbezogenen Therapietreue hinzugezogen wurden. Bindungstheoretische Betrachtungen wurden in Studien genutzt, um die Compliance bei Diabetes-Patienten [53] oder bei Jugendlichen mit HIV [54] zu untersuchen. Ein vermeidender Bindungsstil geht dabei eher mit einer geringeren Compliance einher. In einer psychiatrischen Stichprobe konnte belegt werden, dass eine sichere Bindungsrepräsentation mit einer höheren Medikamenten-Compliance korreliert ist. Vermeidende Bindung steht in Zusammenhang mit einer Nichtinanspruchnahme, ambivalente Bindung mit einer hohen Inanspruchnahme medizinischer Leistungen [27]. Eine sichere Bindungsrepräsentation geht dagegen mit gesundheitserhaltendem Verhalten einher [55]. Bei HNO-Patienten in der primärärztlichen Versorgung verursachen Patienten mit einer ambivalenten Bindungsrepräsentation die höchsten Gesundheitskosten und sie berichten über die meisten körperlichen Symptome [56]. Das subjektive Schmerz- und Beeinträchtigungserleben bei Arthritispatienten ist bei Patienten mit ambivalenter Bindungsrepräsentation gegenüber der sicheren und vermeidenden Bindungsgruppe erhöht [57]. Nach Ciechanowski führt vermeidendes Bindungsverhalten bei Patienten mit Diabetes besonders dann zu schlechteren Glukosekontrollen und einer geringeren Compliance, wenn die Kommunikation mit dem Arzt subjektiv als unbefriedigend erlebt wird [53].

Nutzen vs. Probleme der Bindungsklassifikation

Die Bindungsforschung hat mittlerweile deutlich gezeigt, dass ein unsicheres Bindungsmuster die Wahrscheinlichkeit für psychische Probleme, aber auch somatische Erkrankungen erhöht. Allerdings besteht durch die kategoriale Einteilung der Patienten in 3 oder 4 Bindungsmuster im Sinne einer Informationsreduktion durchaus die Gefahr der Etikettierung der Patienten. Unsichere Bindungen sollten nicht grundsätzlich als dysfunktionale oder gar pathologische Muster gesehen werden. Bindungsmuster entwickeln sich ausgehend von frühen Interaktionen mit primären Bezugspersonen funktional in Adaptation an Umweltbedingungen (siehe auch Tab. 2).

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dipl.-Psych. Katja Brenk-Franz

Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Jena

Bachstraße 18, 07743 Jena

Tel.: 03641 939–5800

Fax: 03641 939–5802

E-Mail: katja.brenk-franz@med.uni-jena.de

Internet: www.allgemeinmedizin.uni-jena.de

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Abbildungen:

Abbildung 1 Modell der Aktivierung des Bindungssystems [in Anlehnung an Shaver, Mikulincer 2004].

Abbildung 2 Modell zum Zusammenhang von unsicherer Bindung und Krankheitsentstehung und -aufrechterhaltung [in Anlehnung an Maunder, Hunter 2001].

Tabelle 1 Empirische Befunde zu Merkmalen von Personen mit verschiedenen Bindungsmustern.

Tabelle 2 Bedeutung der Bindungstheorie für den Hausarzt.

 

1 Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Jena

2 Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Jena

3 Department of Psychiatry and Behavioral Sciences, University of Washington

Peer reviewed article eingereicht: 22.06.2010, akzeptiert: 05.02.2011

DOI 10.3238/zfa.2011.127


(Stand: 18.03.2011)

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