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Maio, G. Heilen als Management? Zum Verlust einer Kultur der verstehenden Sorge in Zeiten der Ökonomie. Z Allg Med 2012; 88: 18–23

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Leserbrief von Dr. med. Hans-Ulrich Sappok

Die Veränderung kommt nicht von den Patienten – die muss von uns kommen!

Herrn Prof Maio sei Dank für den Wachrüttel-Beitrag. Da schaue ich auf meine kleine Stadtteil- Hausarztpraxis (650 Scheine, kaum Private) und frage mich: Ja und nun?! Was mache ICH jetzt? Antwort: Ich kann nur mich und meine Haltung verändern und jeder andere auch, wenn er Mut und Willen hat: Zunächst heißt es, sich bewusst zu werden, „mit welchem Geist bestimmt meine persönliche Einstellung und Motivation mein ärztliches Handeln?“ (Maio) Meine Bilanz: Ich möchte eine Hausarztmedizin mit Zeit für die sprechende Medizin, in der folglich wiederum Zeit für Beziehungsgestaltung ist. Ich möchte nicht in der Symptom-Verwaltung stecken bleiben und (chronisch) Krank-Sein am Laufen halten – und dafür auch noch belohnt werden. Nach Antonovskys Salutogenese-Parabel vom Menschen als Schwimmer im Fluss des Lebens heißt das: Ich möchte nicht davon leben, den verunfallten Schwimmer (Patient) permanent an Land zu haben, ihn dort zu versorgen statt ihn zu befähigen, in seinem Fluss wieder schwimmen zu können. Das setzt voraus, dass ich mit meiner neuen Haltung nun irgendwie aus dem Krankheits-Belohnungs-System des RLV aussteige – und mich trotzdem finanzieren kann. Doch es stellt sich nicht nur die Frage, ob ich mich so finanzieren kann, sondern auch die: Wie viele Patienten gibt es bei mir, die „schwimmen“ wollen? Solange ich und all die engagierten Kollegen dem Großteil der Patienten – den nicht Motivierten, den nicht Handelnden – als Dienstleister vollzeitlich zur Verfügung stehen, werden diese und das System, über das wir klagen, sich nicht ändern. Es liegt an uns, unsere Grundhaltung zu überdenken und aktiv zu werden.

Ich zumindest stehe nicht mehr zur Verfügung für all die Bequemlichkeit und Passivität bei gleichzeitiger Forderungs-Aktivität samt Krankheitsgewinn; ich will Gesundheitsgewinn!

Schon Hippokrates sagte: „Wenn du nicht bereit bist, dein Leben zu ändern, so kann auch ich dir nicht helfen“ – Recht hat er; so werden aus politisch motivierten Patienten-Rechten ärztlich begründete Patienten-Verbindlichkeiten. Statt nur akuter Sprechstunden gibt es dann mehr bilanzierende Gespräche.

Da habe ich den ersten Schritt schon hinter mir, dass ich mich rar mache mit meiner Sprechstunde, so dass ich gar nicht zu viele Menschen betreuen kann – aber für die, die da sind, mehr Zeit habe. Denn solange wir meinen, dass ein guter Doktor alles schafft, was ihm pro Tag „vorgeworfen wird“, solange müssen wir scheitern, weil wir nur Krankheit verwalten können bei der so bleibenden Zeit pro Patient.

Mein nächster Schritt wird sein: Meine – so gesehen – knappe Zeit nur denen anzubieten, die „schwimmen“ lernen wollen, die Gesundheit nicht als Anspruch sondern als Ergebnis von Lebensgestaltung sehen.

Zu einer Beziehung, eben auch zu einer Arzt-Patienten-Beziehung, gehört es von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob die Beziehung noch lebendig ist: Und genauso wie der Patient die Beziehung aufsuchen und wieder verlassen kann, kann ich es auch. Diese, meine neue Haltung werde ich kommunizieren. Ich werde meine Patienten darauf vorbereiten und ihnen sagen: „Ich habe mich verändert, ich werde meine Praxisarbeit Richtung Gesundheit ausrichten – und freue mich, wenn Sie mein Angebot für sich nutzen wollen. Es wird uns gut tun.“

Korrespondenzadresse

Dr. med. Hans-Ulrich Sappok

Facharzt für Allgemeinmedizin;
Lehrarzt an der Heinrich-Heine
Universität Düsseldorf

Baldurstr.10

40549 Düsseldorf

E-Mail: mail@sappok.de

Homepage: www.sappok.de


(Stand: 19.03.2012)

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