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WONCA-Konferenz in Istanbul 2015

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Christian Rechtenwald

Auf der Konferenz der WONCA (Wonca – The World Organization of National Colleges, Academies and Academic Associations of General Practitioners/Family Physicians) in Istanbul vom 21. bis 25.10.2015 kamen Allgemeinmediziner* ganz unterschiedlichen Alters und Ausbildungsstandes zusammen. Hier berichten ein Arzt in Weiterbildung und eine Medizinstudentin über ihre persönlichen Erfahrungen.

Die 20. WONCA Europe Conference war eine Konferenz der Superlative: 3.500 Teilnehmer hatten sich in Istanbul versammelt – und ich war dabei. Ich bin eine Medizinstudentin im 9. Semester aus München und könnte mir gut vorstellen, später als Hausärztin zu arbeiten. Die Konferenz war also die perfekte Möglichkeit für mich, mit jungen und zukünftigen Allgemeinmedizinern aus der ganzen Welt ins Gespräch zu kommen und einen tiefer gehenden Einblick in für die hausärztliche Tätigkeit wichtige Themen zu erhalten.

Stellenwert der Allgemeinmedizin

Ich bin im letzten Jahr der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und arbeite in einer Praxis in Veitshöchheim nahe Würzburg. Nachdem ich mit Unterstützung der DEGAM letztes Jahr schon an der Konferenz in Lissabon teilnehmen konnte, reiste ich in freudiger Erwartung ins ferne Istanbul. Den Auftakt dort bildete die Konferenz des Vasco da Gama Movements, der europäischen Organisation junger Allgemeinmediziner. In diesem Rahmen sollen insbesondere junge und zukünftige Kollegen, die bislang an keiner WONCA-Veranstaltung teilgenommen haben, für internationale Kollaborationen und wissenschaftlichen wie sozialen Austausch motiviert werden. Parallel fand die Sitzung des European Councils statt. In diesem tagen Repräsentanten der jungen Allgemeinmediziner aus 24 Ländern gemeinsam. Ich nahm als Vertreter der jungen Allgemeinmediziner Deutschlands (JADE) daran teil. Die Council-Mitglieder berichteten über Erfolge und Probleme junger Allgemeinmediziner ihrer Länderorganisationen. Ermunternd waren insbesondere die Berichte aus Norwegen und Dänemark, wo die offensive Teilnahme am Diskurs um den Stellenwert der Allgemeinmedizin bereits Erfolge hatte. Viele Länder führten 2015 teils erstmalig ein Austauschprogramm im Rahmen ihrer Länderkonferenzen durch, u.a. Kroatien und die Türkei.

Die Gelegenheit des persönlichen Treffens wurde genutzt, um viele administrative Punkte zu besprechen. So wurde eine neue Satzung verabschiedet, Ämter neu besetzt sowie die Bewerbung Frankreichs für das Forum 2017 des Vasco da Gama Movements (VdGM; WONCA Europe Network for New and Future General Practitioners/Family Physicians) angenommen. Diese dreitägige Kongressveranstaltung speziell für junge Allgemeinmediziner wird seit 2014 jährlich angeboten und findet nach Dublin im Februar 2015 im September 2016 in Jerusalem statt.

Thema war auch der VdGM Fund, der jungen Allgemeinmedizinern mit besonders niedrigem Einkommen und ohne nationale Fördermöglichkeiten die Kongressteilnahme am europäischen WONCA-Kongress ermöglichen soll und dringend neue Geldquellen sucht. Bislang konnten bei 64 Bewerbungen 16 Kongressteilnahmen finanziert werden und so reiste mit Yelena Khegay erstmals eine Delegierte aus Kasachstan an. Als Meilenstein der noch jungen Nachwuchsorganisationen waren erstmalig die Präsidenten der Young Doctor Movements aller 7 Weltregionen – mit klangvollen Namen wie Polaris, the Spice Route und natürlich dem Vasco da Gama Movement – versammelt.

Gestärkte

s Gemeinschaftsgefühl

Ich war drei Tage vor Konferenzbeginn angereist und hatte so das Sightseeing (Hagia Sofia, Blaue Moschee, Großer Basar) schon abgehakt, als es losging. Die Konferenz fand im Halic Congress Center statt, das am goldenen Horn direkt am Wasser liegt. An den ersten beiden Tagen nahm ich an der Vasco-da-Gama-Vorkonferenz von und für junge und zukünftige Allgemeinärzte teil. Am ersten Tag waren die 190 Teilnehmer auf sechs verschiedene Arbeitsgruppen verteilt. Zu den spannenden Diskussionsthemen gehörten zum Beispiel Jugendmedizin, der Umgang mit schwierigen Patienten, die Rolle von Social Media sowie Tipps zur Forschung. Abends stand eine Bootsfahrt auf dem Bosporus auf dem Programm, bei der sich vom Wasser aus spektakuläre Ansichten der türkischen Metropole boten und auch traditionelle Musik und gemeinsames Tanzen nicht fehlen durften. Mit derart gestärktem Gemeinschaftsgefühl präsentierten die Workshopteilnehmer am Folgetag in vielfältiger Form die Ergebnisse ihrer Arbeit.

Boat People …

Zentral für die gewachsene internationale Zusammenarbeit der Vereinigungen junger und zukünftiger Allgemeinmediziner in Europa ist das Hippokrates-Exchange-Programm, das jungen Allgemeinmedizinern ermöglicht, bis zu 4 Wochen in einer Gastpraxis im europäischen Ausland zu hospitieren und so andere Gesundheitssysteme kennenzulernen. Die besten Austauschberichte werden jährlich prämiert und Kurzvorträge zum Austausch nach Wales und Südschweden machten Lust auf einen eigenen Hippokrates Exchange.

Die „große“ Konferenz startete mit Familienmedizinern aus über 80 Ländern. Natürlich gab es türkischen Tanz und auch eine A-cappella-Gruppe, doch bewegend waren die Allgemeinmediziner auf der Bühne, die ihre Passion und Liebe für unser Fachgebiet zum Ausdruck brachten. Selbstverständlich kam die Fort- und Weiterbildung nicht zu kurz, wobei das breite Programm einem die Entscheidung nicht leicht machte. So nahm ich an einem sehr guten Workshop von EQUIP zur Antibiotikaresistenzentwicklung teil, reflektierte über Weisheit und Wohlbefinden, erlebte Psychodramatechniken und wohnte Lectures über die Entwicklung der Familienmedizin, Social Media Use, Mentoring, EBM sowie die spezielle Rolle junger Allgemeinärzte bei. Ein Dauerbrenner in Veranstaltungen und persönlichen Gesprächen blieb die aktuelle Migrationsbewegung, welche die Türkei aufgrund der geografischen Lage besonders hart trifft. Hier war ich Teil einer überfüllten Vortragsreihe zum Thema „War, Immigrants & Ethnicity“, die die exponierte Position der Allgemeinärzte in diesem Kontext ausführte. Ein Kongressstatement, welches das Recht und die Notwendigkeit einer zügigen und umfassenden Gesundheitsversorgung für die betroffenen Menschen aber auch des entsprechenden Trainings des helfenden Fachpersonals herausstellte, fand den Zuspruch des Publikums und wurde an die Öffentlichkeit getragen**. In persönlichen Gesprächen erfuhr ich beispielhaft vom starken Engagement zweier junger Kolleginnen: Sara Rigon, die 4 Monate in Süditalien frisch eingetroffene Boat People betreute und Helene Dispas, die in Belgien regelmäßig in einer Erstaufnahmeeinrichtung mitarbeitet.

… und Flüchtlingskinder auch hier wichtige Themen

Ich war überrascht von dem großen Angebot an Veranstaltungen, die man nach seinen Interessen auswählen konnte. Den ganzen Tag über von 9:00 bis 18:00 Uhr wurden parallel mehrere Workshops, Symposien und weitere Präsentationsformen angeboten und ich wünschte mir des Öfteren, an zwei Orten gleichzeitig sein zu können. Um eine Vorstellung von der enormen Themenvielfalt zu vermitteln, möchte ich hier beispielhaft nur ein paar nennen: Entscheidungsfindung, Prävention, COPD, Häusliche Gewalt, Alkohol, Gastroenterologie, Pandemien, Kommunikation, Übergewicht, Balint Gruppen, Allergien, Musiktherapie, Ethik, Impfen, Psychodrama und Tuberkulose. Ich besuchte vorrangig die Workshops, da diese meist in kleineren Gruppen stattfanden und interaktiv waren. Dort kam ich mit Allgemeinmedizinern aus halb Europa (Finnland, Estland, Dänemark, Slowenien, Italien, Belgien, Großbritannien und den Niederlanden) ins Gespräch und staunte über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Besonders beeindruckt hat mich der Workshop zum Thema Flüchtlingskinder, in dem neben einem Bericht zur aktuellen Situation in der Türkei auch Konferenzteilnehmer zu Wort kamen und von ihren persönlichen Erfahrungen erzählten.

Am Samstagabend wurde die Konferenz auf der Party der holländischen Delegation des VdGM gebührend gefeiert und am Sonntag stand mittags leider schon die Abschlusszeremonie auf dem Programm. Nach fünf Tagen und um unzählige Eindrücke und Kontakte reicher, verlasse ich meine erste Konferenz mit dem Gefühl, dass ich mich unter den Allgemeinmedizinern, die ich dort getroffen habe, definitiv wohlfühlen werde. Ein herzliches Dankeschön an die DEGAM, die mir diese einzigartige Erfahrung ermöglicht hat!

Trotz der traditionellen holländischen Party am letzten Abend und der vielen neuen Freund- und Bekanntschaften verließ ich Istanbul entsprechend nachdenklich ob der Aufgaben, derer wir uns als Allgemein- und Familienmediziner und als Menschen angesichts der Migrationsbewegungen in den nächsten Monaten stellen werden müssen. Aber gleichzeitig auch mit gewachsener Überzeugung, den richtigen Beruf gewählt zu haben.

Die nächste WONCA-Europe-Konferenz mit Vorkonferenz für junge Allgemeinmediziner findet vom 14.-18.06.2016 in Kopenhagen statt, kurz darauf vom 14.-16.09.2016 in Jerusalem das Vasco-da-Gama-Forum.

* Zur besseren Lesbarkeit wird im Folgenden die männliche Form stellvertretend für die weibliche und männliche Form gewählt.

** www.wonca2015.org/news-3/wonca-europe-2015-Istanbul-Statement/


(Stand: 16.03.2016)

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