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Paradise Lost?

DOI: 10.3238/zfa.2017.0122-0124

Auslandspraktikum in Plymouth/UK im Rahmen des 8. Professionalisierungskurses der DEGAM

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Susanne Döpfmer

Schlüsselwörter: Professionalisierungskurs Auslandspraktikum

Zusammenfassung: Im Rahmen des 8. Professionalisierungskurses hatte ich die Gelegenheit, eine Woche lang in einer großen hausärztlichen Praxis im britischen Plymouth zu hospitieren. Die Praxis imponierte neben der großen Freundlichkeit aller Mitarbeiter durch eine sehr gut organisierte Struktur mit einer Vielzahl von Beschäftigten unterschiedlicher Gesundheitsberufe.

Fast bin ich versucht, diesen Bericht gar nicht zu schreiben aus Angst, dass sich nach der Lektüre reihenweise (angehende) Allgemeinmediziner/innen aufmachen, um in England tätig zu werden ...

Bei so vielen Gelegenheiten im Laufe der Woche habe ich mich gefragt, warum das nicht bei uns auch so ist oder warum bei uns noch niemand darauf gekommen ist – aber der Reihe nach.

Meine Wahl auf den Ort Plymouth fiel aus ganz pragmatischen, persönlichen Erwägungen. Die Praxis Peverell Park fand ich im Internet. Der Mail-Kontakt war unkompliziert und ausgesprochen freundlich; Theresa, die Praxismanagerin, verbindlich und einladend.

Dann der erste Eindruck am Montagmorgen gleich überwältigend: Wie, keine Schlangen am Tresen? Überhaupt niemand am Tresen? Der Blick in das Hinterzimmer machte klar, weshalb: Drei Rezeptionistinnen nahmen alle Anrufe entgegen und takteten die Patienten entsprechend ihrer Wünsche und Anliegen ein. Kein Patient kommt einfach so, alle rufen vorher an. Wer akute Beschwerden hat, kommt auf eine Telefonliste. Die Patienten dieser Liste werden von dem zuständigen Arzt/Ärztin dann der Reihe nach (oder entsprechend der Dringlichkeit des Anrufs) zurückgerufen. Siehe da – die meisten Anliegen lassen sich telefonisch klären: Befundbesprechungen, Wunsch nach Wiederholungsrezepten, allgemeine Fragen, auch unkritische gesundheitliche Probleme. Muss wirklich jemand noch am gleichen Tag ärztlich gesehen werden, gibt es Lücken im Terminplan der anderen Ärzte/Ärztinnen.

So langsam dämmert mir die Dimension dieser Praxis: Zwei Standorte mit insgesamt 45 Mitarbeiter/innen, davon acht Partner (sieben ärztliche Partner/innen und die Praxismanagerin), zwei angestellte Ärzte, zwei Nurse practitioners, zwei Nurses, eine Phlebotomist (eine Mitarbeiterin, die nur für die Blutabnahmen zuständig ist) – alle weiteren Mitarbeiterinnen sind rein administrativ tätig: Receptionists (Telefon und Tresen), eine Buchhalterin, zwei medizinische Schreibkräfte, eine IT-Administratorin, eine mit Zuständigkeit für die Vorsichtung und Weiterleitung der eingehenden Post, eine für die Qualitätssicherung, eine Springerin.

Was mich noch beeindruckt hat

Die elektronische Verlinkung auf vielen Ebenen: Rezepte werden kaum je ausgedruckt, sondern elektronisch an die Apotheke der Wahl geschickt (im ganzen Land), Berichte des ambulanten Bereitschaftsdienstes können aufgerufen werden, genauso wie die meisten angeforderten Untersuchungen. Bei Hausarztwechsel werden die Daten von der Vor-Praxis automatisch ins eigene System überspielt.

Ambulante Termine werden zum großen Teil durch Agenturen vergeben: Die Überweisung geht elektronisch an die Agentur, diese vermittelt Patienten telefonisch an infrage kommende Einrichtungen.

Zweimal in der Woche gibt es ein lunch meeting der Praxispartner. Hier werden besondere Patientenfälle vorgestellt. Insbesondere wird jede Einweisung und jede Vorstellung in einer Rettungsstelle durchdiskutiert: Hätte das vermieden werden können?

Versorgungsspektrum der Praxis: Zusätzlich zur auch bei uns üblichen Versorgung finden statt: Beratungen zur Kontrazeption (einschl. Spirale einlegen), Säuglingsuntersuchung nach sechs Wochen (dabei auch gleich Gespräch mit der frischen Mutter über ihre Sorgen, Fragen der Lebensumstellung, Verhütung, Rauchen, Sexualleben), kleine Chirurgie.

Patienten mit chronischen Krankheiten werden durch nurse practitioners gesehen, z.B. als COPD clinic oder Diabetes clinic.

Absolut alle Mitarbeiter der Praxis sind ausgesprochen höflich, freundlich und offen, genauso wie die Patienten. Diese kommen – so mein Eindruck – mit einem klar formulierten Anliegen zur Konsultation. Es gibt keine langen Listen von Beratungsanliegen. Patienten scheinen sich der 10-Minuten-Taktung sehr bewusst zu sein. Wartezeiten entstehen dadurch praktisch keine.

Es gibt deutlich weniger Laboruntersuchungen und weniger Überweisungen, dafür ein zielgerichtetes Nachdenken über die Konsequenzen jeder diagnostischen Maßnahme. Es gibt kein Budget, trotzdem aber ein Bewusstsein über Kosten – diese werden aber im rein medizinischen Kontext beurteilt.

Psychische Gesundheit: Neben den mental health clinics mit ambulant tätigen Psychiatern und einer Wartezeit von ca. sechs Monaten gibt es die Möglichkeit des Counselling. Hier gibt es Angebote von Psychologen und anderen Personen mit speziellen Qualifikationen, z.B. für Kurzinterventionen (z.B. sechs Stunden), Stressmanagement, Achtsamkeit etc. Patienten können sich ohne Überweisung anmelden. Die Wartezeiten sind sehr kurz.

Eine Praxismanagerin gibt es wohl in jeder Praxis in England. In der Peverell Park Surgery ist sie auch Partnerin. Dies erscheint sinnvoll, denn sie schmeißt den Laden! Vom tropfenden Wasserhahn bis zu Verhandlungen mit dem NHS regelt sie absolut alles. Und sie sieht alles. Und ihr wichtigstes Anliegen ist es, für das Wohl der Ärzte und Ärztinnen zu sorgen. Sie kümmert sich um die gleiche Verteilung der Arbeit im Team und um den sozialen Zusammenhalt. Sie ist Gold wert!

Also: auf nach England? Moment ...

Zeitgleich mit meiner Woche dort befanden sich gerade die Junior Doctors in den Krankenhäusern im Streik. Dabei geht es um den Seven day NHS: In den neuen Arbeitsverträgen für Krankenhausärzte sollen Samstage und Sonntage zu normalen Arbeitstagen werden, und im Angebot des NHS soll es keinen Unterschied mehr zwischen Woche und Wochenenden geben.

Die auch in England deutliche demografische Entwicklung hin zu älteren kränkeren Patienten führt dazu, dass immer mehr Service von den Hausärzten erwartet wird, einschließlich Spätsprechstunden und immer mehr Übernahme der Angebote aus der eigentlich spezialisierten Medizin (z.B. medikamentöse Einstellung rheumatologischer Patienten). Die gleichzeitige finanzielle Abwertung der Hausarztleistungen in den letzten Jahren hat zu einem Einkommensverlust von 20 % geführt.

So beeindruckend die arbeitsteilige administrative Organisation der Praxis ist, anders geht es auch kaum noch. Der administrative Aufwand ist keineswegs geringer als bei uns (eher im Gegenteil). Es muss sehr genau darauf geachtet werden, dass das enhanced services money (vergleichbar mit unserem „qualifikationsgebundenen Zusatzvolumen“) für bestimmte Prozeduren auch beansprucht wird und dass das quality outcome framework (eine Qualitätskontrolle) erfüllt wird. Der NHS schickt regelmäßig Statistiken über alle möglichen Zusammenhänge mit der Notwendigkeit der Rechtfertigung, warum man in diesem oder jenem Punkt vom Durchschnitt abweicht. Und es müssen regelmäßig auf regionaler Ebene Verhandlungen mit dem NHS geführt werden, denn auch hier sind die Dinge nicht zentral einheitlich reguliert. Kleine Praxen schaffen das kaum noch und schließen zunehmend ihre Pforten.

Auch England hat mit einem Nachwuchsproblem zu kämpfen. Die gerade erwähnten Punkte lassen den Beruf für die Studienabgänger nicht mehr attraktiv erscheinen. Viele Praxisinhaber befürchten, keinen Nachfolger zu finden. Das wird nochmal dramatischer angesichts dessen, dass die Praxisimmobilie meistens Eigentum ist, das eigentlich auch an den Nachfolger veräußert werden sollte. Nicht wenige Praxisinhaber überlegen daher, eher frühzeitig ihre Praxis abzugeben, solange es eben noch geht, und dann lieber als locum, also als Vertretungsarzt (auch eine seltener gewordene Spezies) zu arbeiten.

Was bleibt

Große Dankbarkeit an die Peverell Park Surgery, in der mir diese wunderbare Erfahrung möglich gemacht wurde: Theresa Nation, Dr. Benjafield, Dr. Dunne, Dr. Rowland, Dr. Tanner, Dr. Murray and all the others who have been so helpful and friendly: thank you very much!

Und ganz viele Themen, über die wir auch bei uns mehr nachdenken sollten:

Müssen wir wirklich so empfindlich sein bei dem Thema elektronische Krankenakte und record linkage?

Ist die MFA als überforderte und tendenziell unterbezahlte eierlegende Wollmilchsau (mit oder ohne VERAH-[Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis] und NäPra-[Nicht-ärztliche Praxis-Assistentin] Titel) nicht vielleicht eine Fehlkonstruktion? Sollten wir nicht auch darüber nachdenken, neue Gesundheitsberufe zu etablieren, die in den Praxen eingesetzt werden könnten (Stichwort nurse practitioner, Stichwort health care assistant).

Die Telefon-Triage durch Ärzte: ein Modell für eine bessere Organisation der Patientenströme?

Die Agenturen für die Terminvermittlung: ein bedenkenswertes Konzept?

Und auch das: Der Beruf darf nicht durch strangulierende Regularien unattraktiv gemacht werden, weder dort noch hier.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Susanne Döpfmer

Institut für Allgemeinmedizin der Charité

Charitéplatz 1

10117 Berlin

Tel.: 030 450514123

susanne.doepfmer@charite.de

Literatur

1. https://gprecruitment.hee.nhs.uk/?Recruitment/Training (letzter Zugriff am 9.11.2016)

2. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/248308/umfrage/anzahl-der-arztbesuche-pro-kopf-nach-laendern/ (letzter Zugriff am 9.11.2016)

3. www.nhs.uk (letzter Zugriff am 9.11.2016)

4. www.nhs.uk/chq/Pages/1062.aspx??CategoryID=68 (letzter Zugriff am 09.11.2016)

5. Persönliche Mitteilung des Praxisinhabers

Abbildungen:

Die Autorin mit einigen MitarbeiterInnen der Praxis in Plymouth

Checkbox England

Institut für Allgemeinmedizin, Charité, Berlin DOI 10.3238/zfa.2017.0122–0124


(Stand: 16.03.2017)

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