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Inhalte allgemeinmedizinischer Tätigkeit - eine Wochenanalyse in 25 bundesdeutschen Praxen

DOI: 10.1055/s-2003-39954

Inhalte allgemeinmedizinischer Tätigkeit - eine Wochenanalyse in 25 bundesdeutschen Praxen

Originalarbeit Inhalte allgemeinmedizinischer Tätigkeit – eine Wochenanalyse in 25 bundesdeutschen Praxen V. Braun Zusammenfassung Die Rolle des Facharztes für Allgemeinmedizin steht in den letzten fünf Jahren im Mittelpunkt des Interesses bei vielen gesundheitspolitischen Entscheidungen. Insbesondere über die Neugestaltung der Weiterbildung gibt es divergierende Meinungen. Um die Notwendigkeit von geeigneten Weiterbildungsinhalten zu untersuchen, wurde im November 2002 eine Analyse allgemeinmedizinischer Tätigkeiten in 25 Praxen aus dem bundesdeutschen Raum erstellt. Dabei ordnete man zur Darstellung des Versorgungsspektrums einzelne Betreuungsanlässe den verschiedenen Fachgebieten zu. Summary Content of general practice: One-week analysis of reasons for encounter in 25 German practices Within the last five years, general practitioners’ role has become central, even in German health policy. With regard to the reorganisation of medical education, there have been divergent opinions concerning the content of the curriculum. In order to find out the appropriate topics in GP training, 25 German surgeries were analysed in respect of reasons for encounter in November 2002. To illustrate the scope of care requested, reasons for encounter were allocated to the different specialist areas in the background, e.g. internal medicine, dermatology etc. Key words General practitioner, medical education, medical specialties Das Fachgebiet Allgemeinmedizin erlebte in seiner Entwicklung im letzten Jahrzehnt Erfolge und Rückschläge, stetige Veränderungen bis hin zum Laufen in eine Sackgasse. Seit 1997 sind mehrheitlich Verbesserungen zu begrü ßen: So der Beschluss der fünfjährigen Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin während des 100. Ärztetages in Rostock und 1998 die Durchsetzung der finanziellen Förderung der Weiterbildungsstellen im Rahmen des Initiativprogramms. Weiter kam es auch auf Grund der Stellungnahme des Wissenschaftsrates zu den Perspektiven unseres Faches zu Fortschritten an den Hochschulen und gerade in den letzten fünf Jahren zur Etablierung einer Reihe allge- meinmedizinischer Lehrstühle an deutschen Universitäten. Mit der Legalisierung der novellierten Approbationsordnung sind künftig deutliche Optimierungen für die Lehre abzusehen. Gesundheitspolitiker geben dem Arzt der Grundbetreuung einen höheren Stellenwert, die knapper werdenden Ressourcen im Gesundheitswesen machen seine Förderung notwendig. Eigentlich bestand bei einem solchen Aufwärtstrend die große Chance, mit optimierter Aus-, Weiter- und Fortbildung die Position des Facharztes für Allgemeinmedizin zu stärken und den Nutzen seiner Tätigkeit für die Versorgung der Bevölkerung langfristig zu evaluieren. Uneinigkeit, Machtinteressen und nicht ausreichendes Selbstbewusstsein beschieden uns jedoch 2002 im Rahmen der Auseinandersetzung um die Weiterbildung das Kompromissmodell des »Facharztes für Innere und Allgemeinmedizin«. Dieser Kompromiss, der in sich schon den Mangel definiert, stellt inzwischen eine Weiterbildung in Aussicht, die nur noch aus drei Jahren Innerer Medizin und anderthalb Jahren Allgemeinmedizin als Pflichtfächern besteht. Die Möglichkeit einer Rotation in weiteren Fachgebieten ist deutlich reduziert, die chirurgische Weiterbildung ist nicht mehr obligat. Die Verlängerung der internistischen Weiterbildung führt zu deren Dominanz, die unserem Fach nicht zuträglich ist. Aus der unscharfen Abgrenzung von der Inneren Medizin werden geringeres Selbstverständnis, abnehmende Identität und Demotivation der Allgemeinärzte resultieren. Zudem wird die Situation an den Hochschulen verwässert, soeben gewonnenes Terrain geht verloren. Prof. Dr. Vittoria Braun Universitätsklinikum Charité Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin Schumannstr. 20–21, 10117 Berlin E-Mail: allgemein.medizin@charite.de Praxis: Salvador-Allende-Str. 2–8, 12559 Berlin E-Mail: v.braun@berlin.de Z. Allg. Med. 2003; 79: 173–175. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 173 Originalarbeit Das Überwiegen der geplanten internistischen Weiterbildung wird mit der Vorstellung begründet, dass allgemeinmedizinische und internistische Tätigkeit nahezu gleich seien und das Patientengut des Allgemeinarztes ca. 80 % internistische Krankheitsbilder enthielte. Dieser Annahme sind wir nachgegangen. 25 Fachärzte für Allgemeinmedizin aus dem gesamten bundesdeutschen Gebiet, die in 12 städtischen und 13 ländlichen Praxen tätig sind, wurden gebeten, vom 11.–15.11.2002 die Behandlungsanlässe ihrer Patienten in einer Summenliste zu führen. Hierbei stand die Einordnung der einzelnen Patientenfälle in die verschiedenen Fachgebiete im Vordergrund, um Hinweise auf das Betreuungsspektrum zu erhalten. Mehrfachnennungen waren nicht nur möglich, sondern eher die Regel. Wenn beispielsweise eine Patientin mit arterieller Hypertonie und einer Distorsion zur Behandlung kam, erhielt sie Aufmerkungen in der Inneren Medizin und der Chirurgie. Ein anderer Patient, mit dem wegen Schlafstörungen während einer Ehekrise gesprochen wurde, erhielt eine Markierung im Fach Psychosomatik und ein dritter mit einem Radikulärsyndrom wurde in der orthopädischen Spalte gelistet. Von den 25 Kollegen wurden in einer Woche 6428 Konsultationen beschrieben, woraus sich eine durchschnittliche Zahl von 257,12 Konsultationen pro Arzt ergibt (Tabelle 1). Der Anteil der Beteiligung der einzelnen Allgemeinärzte bewegt sich zwischen 65 Patienten (1,0 %) und 461 (7,2 %), insgesamt war die Verteilung breit; die meisten Kollegen betreuten zwischen 200 und 400 Patienten während des Studienzeitraumes. Abbildung 1 zeigt, dass bei den 6428 Patienten 9614 Beratungsanlässe bestanden, die unterschiedliche Qualifikationen erforderten. Die Listung der einzelnen Krankheitsbilder und ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Fachgebieten bringt einen Anteil von 38,5 % internistischer Fälle. Danach folgen in einer Häufigkeit von 13,9 % orthopädische Erkrankungen. Die relativ niedrige Anzahl psychosomatischer Behandlungsanlässe von 7,6 % ist erstaunlich, lässt aber die Ver- Tabelle 1: Konsultationen in 25 Allgemeinarztpraxen Deutschlands während einer Woche: Einordnung der Patientenfälle in die verschiedenen Fachgebiete. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 407 244 305 98 296 316 143 159 147 417 265 131 225 241 347 255 65 395 303 333 212 461 220 260 183 6,3% 3,8% 4,7% 1,5% 4,6% 4,9% 2,2% 2,5% 2,3% 6,5% 4,1% 2,0% 3,5% 3,7% 5,4% 4,0% 1,0% 6,1% 4,7% 5,2% 3,3% 7,2% 3,4% 4,0% 2,8% 2 61 184 214 49 165 162 57 32 107 221 151 73 179 122 264 80 26 322 203 198 142 156 118 76 145 3707 38,5% 76 83 66 34 49 43 15 35 48 105 29 20 68 36 43 18 9 102 107 71 49 78 54 55 45 1338 13,9% 67 42 61 4 34 8 2 39 29 68 0 21 19 31 40 26 8 45 50 44 26 17 9 20 25 735 7,6% 19 31 13 8 19 16 1 21 14 7 0 11 16 0 13 11 3 41 29 55 27 12 5 11 10 393 4,1% 20 81 9 12 33 30 0 4 29 53 12 11 16 4 19 13 4 40 23 56 12 23 2 33 24 563 5,8% 26 20 22 19 21 46 11 10 14 47 18 7 23 15 17 8 4 24 17 41 31 63 39 16 9 568 5,9% 2 2 5 0 43 46 55 1 0 31 19 0 6 3 0 19 8 4 2 17 2 70 0 6 0 341 3,5% 7 36 14 13 30 23 3 3 19 22 11 6 7 11 11 21 8 14 15 22 19 22 12 11 12 372 3,9% 24 21 44 18 24 51 22 7 25 24 17 14 26 46 16 23 7 68 36 17 12 23 15 41 24 645 6,7% 8 40 12 9 20 13 0 2 10 16 11 4 13 2 9 12 3 20 11 15 13 10 10 21 13 297 3,1% 6 29 4 2 12 11 1 0 2 16 0 2 4 2 2 10 1 10 19 6 2 7 6 18 7 179 1,9% 1 51 2 11 32 22 1 12 2 104 1 5 7 5 20 30 2 3 87 19 16 20 4 39 1 497 5,2% 6428 100,0% 174 Z. Allg. Med. 2003; 79: 173–175. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Originalarbeit mutung zu, dass Allgemeinärzte in kontinuierlicher Kenntnis der sozialen Patientensituation sie als solche nicht aktuell problematisieren und beschreiben. Weiter folgen zu 6,7 % Beratungsanlässe aus dem HNOGebiet und zu 5,9 % aus der Chirurgie. Pädiatrische Fällle stellen mit 3,5 % in der Gesamtzahl nur eine relativ kleine Gruppe dar, wobei jedoch deutliche Variationen zu verzeichnen sind. So beschreiben wenige Kollegen gar keine Kinderversorgung, während andere zwischen 14,5 % und 38,5 % pädiatrische Fälle aufzeigen. Das ist durch die StadtAbbildung 1: Beratungsanlässe in 25 Allgemeinpraxen während einer Woche. Land-Verteilung der Allgemeinpraxen zu erklären, auf die in dieser Darstellung noch nicht eingegangen werden Dr. U. Hüttner aus Siebenlehn, Herrn Dr. Klein aus Netterssoll. Die weiteren Beratungsanlässe sind der Abbildung 1 heim, Herrn Dr. Klein aus Pfaffenhofen, Herrn Dr. Legarth aus Berlin, Herrn Dr. Graf von Luckner aus Tengen, Herrn Dr. W. zu entnehmen. Unter der Auflistung »Andere« sub- Niebling aus Titisee-Neustadt, Frau Dr. H. Rodemund aus Bersummieren sich Hausbesuche, Impfungen, andere Vor- lin, Frau Dr. A.-G. Schneider aus Berlin, Herrn Dr. W. Schmidt sorgen und Fälle aus der Ophthalmologie, Neonatologie aus Berlin, Frau Dr. M. Schreger aus Berlin, Herrn Dr. A. Schweigart aus Neu-Ulm/Pfuhl, Frau Dr. M. Steger aus Ratheetc. Die beschriebene Wochenübersicht gibt die Möglichkeit, now, Herrn Dr. J. Swart aus Herford, Herrn Dr. H.-O. Wagner aus Burbach, Herrn Dr. D. Werner aus Burbach, Herrn Dr. H. die Anteile des Tätigkeitsspektrums des Facharztes für Winker aus Deggingen und Frau Dr. C. Winkler aus Berlin. Die Allgemeinmedizin im Umriss zu beschreiben. Detaillier- 25. Praxis ist die der Verfasserin aus Berlin. te Untersuchungen zu stadt- und landspezifischen Qualifikationen sollten angeschlossen werden. Nichtsdestoweniger gibt die Untersuchung darüber Aufschluss, dass umfassende und breite Qualifikationen erforderlich sind, um die Vielzahl der differierenden Erkrankungen betreuen und den unterschiedlichen Patientenanliegen angemessen gerecht werden zu können. Aus- und Weiterbildungsinhalte müssen sich an den Patientenbedürfnissen orientieren, um die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau zu garantieren. Zur Person Danksagung Für ihre Bereitschaft, sich an dieser Befragung zu beteiligen, und für ihre Mitarbeit bedanken wir uns bei nachfolgend aufgeführten Fachärzten für Allgemeinmedizin: Frau Dr. K. Barz aus Berlin, Herrn Dr. J. Dölling aus Berlin, Frau Dipl.-Med. M. Eggert aus Berlin, Frau Dr. K. Gottschalk aus Berlin, Herrn Dr. H. Grethe aus Sehma, Herrn Dr. M. Heyenbrock aus Heimstetten, Herrn Dr. P. Hoffert aus Berlin, Herrn Prof. Dr. med. Vittoria Braun, verheiratet, zwei Kinder, Studium in Leipzig, Jena und Berlin, Fachärztin für Allgemeinmedizin seit 1979, Habilitation 1990, universitäre Lehre seit 1991, Aufbau eines allgemeinmedizinischen Instituts an der Charité in Berlin. Besondere Schwerpunkte: Förderung von Weiter- und Fortbildung, Qualitätssicherung, Etablierung hausärztlicher Forschungsnetze. Z. Allg. Med. 2003; 79: 173–175. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 175


(Stand: 04.04.2003)

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