Loading...

ZFA-Logo

Die Gehörlosenambulanz des Landeskrankenhauses in Salzburg - Allgemeinmedizinische Betreuung in Gebärdensprache

DOI: 10.1055/s-2003-39960

Die Gehörlosenambulanz des Landeskrankenhauses in Salzburg - Allgemeinmedizinische Betreuung in Gebärdensprache

Praxisbesonderheiten Die Gehörlosenambulanz des Landeskrankenhauses in Salzburg – Allgemeinmedizinische Betreuung in Gebärdensprache* L. Schmittdiel Zusammenfassung Seit März 1999 existiert am Landeskrankenhaus in Salzburg eine allgemeinmedizinische Gehörlosenambulanz. Initiiert wurde sie durch Gehörlosenverbände und von einem gebärdensprechenden Allgemeinarzt. Ungefähr die Hälfte der gehörlosen Menschen der Stadt Salzburg nimmt diese spezielle Einrichtung in Anspruch. Summary The out-patient clinic for the deaf in the Provincial Hospital at Salzburg: General medical care in sign language Since March 1999, the Provincial Hospital at Salzburg has a general medical out-patient clinic for the deaf. The clinic was initiated by several organisations of the deaf as well as a general medical doctor capable of communicating in the sign language. About half of the deaf population in the City of Salzburg take advantage of this facility. Key words Deaf, out-patient clinic, sign language, Salzburg Konstant 1 ‰ der Menschen in westlichen Ländern sind gehörlos. Gehörlosigkeit ist in ca. 23 % prälingual, d.h. vor Spracherwerbung, eingetreten, z.B. durch eine Rötelnembryopathie oder aufgrund einer autosomal rezessiven oder dominanten Vererbung. In ca. 42 % wird die Gehörlosigkeit postlingual durch eine schwere Otitis media, ein Trauma oder eine Meningitis erworben. Bei vielen Gehörlosen ist die Ursache unbekannt. Die Gebärdensprache ist ihre Muttersprache, da sie keine andere Möglichkeit haben, miteinander zu kommunizieren. Die Grammatik ist der regional üblichen Sprache angeglichen, viele Zeichen der Gebärdensprache sind international gleich. Gehörlose können mühsam die Lautsprache erlernen, um sich hörenden Menschen verständlich zu machen. Zudem lernen sie, die Mundbewegungen zusammen mit der nonverbalen Gestik eines Hörenden abzulesen. In zuverlässigen Kommunikationsanalysen konnte festgestellt werden, dass abgelesene Mundbewegungen nur in ca. 30 % vom Gehörlosen richtig verstanden werden. An* Gewidmet meinem Freund und Lehrer Prof. Dr. med. Frank Mader zu seinem 60. Geburtstag. ders herum verhält es sich ähnlich, dies ist jedoch abhängig von der Mundlautbildung des Gehörlosen und der Erfahrung des Hörenden im Umgang mit gehörlosen Menschen. Gerade bei Arztbesuchen ergibt sich ein erhebliches Kommunikationsproblem. Häufig werden Gebärdendolmetscher mitgenommen, jedoch sind sie schwer errreichbar und die Vertraulichkeit des Patienten ist nicht gegeben. Eine weitere Möglichkeit ist das Schreiben, jedoch dauert es zu lange und lässt wenig Spontaneität zu. Die Gehörlosenambulanz Seit März 1999 existiert am Landeskrankenhaus in Salzburg (LKH Salzburg) eine Gehörlosenambulanz, die eine allgemeinmedizinische Betreuung in Gebärdensprache anbietet. Hierzu erging am 27.02.1997 ein Landtagsbeschluss des Landes Salzburg, die medizinische Versorgung der Gehörlosen zu verbessern. Der gebärdensprechende Allgemeinarzt Dr. Christian Zuchna konnte in Räumlichkeiten des LKH Salzburg die Gehörlosenambulanz einrichten, die wie eine übliche Ordination eines Dr. Lothar Schmittdiel Allgemeinarzt Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin der Technischen Universität München Kardinal-Wendel-Str. 13 81929 München 200 Z. Allg. Med. 2003; 79: 200–201. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 Praxisbesonderheiten Hausarztes ausgestattet ist (EKG, Labor, kleine Chirurgie, HNO). Für weitere technische Untersuchungen und fachärztliche Überweisungen können die Einrichtungen des LKH Salzburg in Anspruch genommen werden. Die Beratungsursachen entsprechen denen eines Allgemeinarztes in vergleichbarer Ordination. Die Gehörlosenambulanz erfüllt alle Funktionen eines Allgemeinarztes. Die Öffnungszeiten sind drei halbe Tage in der Woche. Zwischen zwei und acht gehörlose Patienten pro drei Stunden Öffnungszeit nehmen das Angebot in Anspruch. Die Kommunikation ist deutlich länger als bei hörenden Menschen. Neben dem Initiator ist seit Januar 2002 eine weitere Alllgemeinärztin in der Gehörlosenambulanz tätig. Ihre Gebärdenkenntnisse hat sie durch Kurse erworben. Eine Krankenschwester, die zusätzlich auch auf einer HNOStation tätig ist, hat die Gebärdensprache durch ihre gehörlosen Eltern gelernt. Als vierte Mitarbeiterin steht für besonders schwierige Situationen eine Gebärdendolmetscherin des Gehörlosenverbandes zur Verfügung, die ebenfalls im LKH Salzburg angestellt ist. Die Finanzierung der Gehörlosenambulanz erfolgte durch einen Zuschuss vom Land Salzburg. Die Räumlichkeiten und das Personal werden vom LKH Salzburg gestellt. Die Scheine der Patienten werden quartalsweise bei der Gebietskrankenkasse eingereicht und verrechnet, nur wenige Patienten sind bei der Sozialhilfe versichert. Wenngleich dieses Projekt, wie viele Spezialambulanzen, betriebswirtschaftlich nicht rentabel ist, findet es dennoch in Österreich großes Interesse in der Ärzteschaft und bei den Gehörlosenverbänden. Derzeit wird eine vergleichbare Ambulanz in Wien gegründet, weitere Projekte, z.B. in Graz, sind geplant. empfohlen. Dieser Konflikt wird durch eine Kooperation der Gehörlosenambulanz mit der HNO-Klink gemindert. Wie die medizinische Versorgung gehörloser Menschen verbessert werden könnte Um die betriebswirtschaftliche Effizienz zu verbessern und die Integration der Gehörlosen zu fördern, sollten Gehörlose statt in einer Krankenhausambulanz in einer üblichen Allgemeinarztpraxis durch einen gebärdensprechenden Arzt betreut werden. Gerade in Großstädten wären entsprechende Praxen notwendig, da viele Gehörlose aufgrund besserer Ausbildungs- und Berufschancen hier wohnen. So finden sich im Großraum München ca. 1500 bis 2000 gehörlose Menschen. In der Bundesrepublik Deutschland ist es erfreulicherweise seit Februar 2001 zu einer Anerkennung der Gebärdensprache gekommen. So lautet eine Änderung des ersten Sozialgesetzbuches (BGB 1. Seite 266 vom 16. Februar 2001, § 17): »Hörbehinderte Menschen haben das Recht, bei der Ausführung von Sozialleistungen, insbesondere auch bei ärztlichen Untersuchungen und Behandlungen, Gebärdensprache zu verwenden. Die für die Sozialleistung zuständigen Leistungsträger sind verpflichtet, die durch die Verwendung der Gebärdensprache und anderer Kommunikationshilfen entstehenden Kosten zu tragen.« Durch eingesparte Dolmetscherkosten könnte der Mehraufwand für die gebärdensprechende Betreuung finanziert werden. Die Adressen dieser Praxen könnten über eine Homepage z.B. von den Gehörlosenverbänden publiziert werden. Die hausärztliche Notfallbetreuung könnte über SMS erfolgen. Letztendlich bedeutet jede gebärdensprechende Allgemeinarztpraxis eine Verbessserung der medizinischen Versorgung gehörloser Menschen und eine deutliche Kosteneinsparung. Die Situation der Gehörlosen in Salzburg Das Land Salzburg hat ca. 500 gehörlose Menschen, hiervon wohnen ca. 300 in der Stadt Salzburg. Etwa die Hälfte von ihnen, nämlich 250 Patienten, werden durch die Gehörlosenambulanz betreut, pro Quartal entstehen ca. 150 Konsultationen. Wenngleich auch Schwangere und Kinder in Kooperation mit Spezialambulanzen betreut werden, liegt doch ein deutlicher Schwerpunkt im höheren Alter. Problematisch ist die von der HNO-Klinik des LKH Salzburg forcierte Implantation von Cochlear-Implantaten bei gehörlosen Kindern, um ihnen Höreindrücke zu vermitteln. Um die Kinder zu motivieren, lehnt die HNOKlinik den Erwerb der Gebärdensprache bei diesen Kindern ab. Innerhalb der Gemeinschaft der gehörlosen Menschen wird jedoch die Gebärdensprache als eine sehr wichtige Kommunikationshilfe angesehen und Zur Person Dr. med. Lothar Schmittdiel, Studium der Humanmedizin in München, Freiburg, Oxford/GB und Perth/Australien 1984–1990; Weiterbildung in Chirurgie, Orthopädie, Kinderchirurgie und Innere Medizin am KlinikumBayreuth1990–1995, niedergelassener Allgemeinarzt in München-Johanneskirchen seit 1995; Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin der TU München seit 1998; diese Arbeit entstand als Auslandsprojekt im Rahmen des ersten Professionalisierungskurses 2000/2001 der DEGAM. Z. Allg. Med. 2003; 79: 200–201. © Hippokrates Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart 2003 201


(Stand: 04.04.2003)

Als Abonnent können Sie die vollständigen Artikel gezielt über das Inhaltsverzeichnis der jeweiligen Ausgabe aufrufen. Jeder Artikel lässt sich dann komplett auf der Webseite anzeigen oder als PDF herunterladen.