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Ein Jammer

DOI: 10.1055/s-2008-1073144

Ein Jammer

Editorial 141 Ein Jammer E. Hummers-Pradier Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2008-1073144 Z Allg Med 2008; 84: 141 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. E. HummersPradier Institut für Allgemeinmedizin Medizinische Hochschule Hannover Carl-Neuberg-Straße 1 30625 Hannover Hummers-pradier.eva@mhhannover.de Als ich als 18-jährige Abiturientin meinem damaligen Hausarzt erzählte, dass ich gern Medizin studieren würde, erhielt ich folgende Reaktion: „Machen Sie das bloß nicht! Das bringt nichts, da werden Sie später doch nur arbeitslos, es gibt sowieso viel zu viele Ärzte!“. Bekanntlich habe ich diesen Rat ignoriert – nicht zuletzt, weil es Mitte der achtziger Jahre in vielen anderen Bereichen auch nicht besser aussah (zumindest war das damals mein Eindruck). Dennoch hat mich diese „Empfehlung“ damals sehr verunsichert – warum sah jemand seinen eigenen Beruf so negativ? Zu dem betreffenden Arzt bin ich übrigens nie wieder gegangen. Derzeit vergeht kaum ein Tag, in der nicht Medizin-Themen in der Presse groß aufgemacht werden. Boulevardblätter, aber auch anspruchsvollere Zeitungen und Zeitschriften beschäftigen sich oft und gern mit Medizinischem – mit neuen Entwicklungen, noch häu?ger aber mit ärztlichen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. Geradezu als Sensation gehandelt und quer durch alle Medien kommentiert wurde im März eine Publikation, in der bekannte Ärzte über eigene Behandlungsfehler berichteten. Sicher ist es gut, dass Missstände in Gesundheitswesen und die Schwierigkeiten des ärztlichen Daseins in der Öffentlichkeit bekannt und zum Beispiel Aktionen wie die der bayerischen Hausärzte nicht nur vom Fachpublikum beachtet werden. Gerade Hausärzte brauchen diese Öffentlichkeit – und die Solidarität ihrer Patienten. Allerdings werden die meisten Artikel von einem negativen Grundton beherrscht: Gejammert wird laut und häu?g, über dem Traumberuf, der zum Alptraum wird, unzumutbare Arbeitsbedingungen in Krankenhaus und Praxis, schlechte Bezahlung, die prekäre Lage vieler Praxen, und nicht zuletzt über den ausbleibenden Nachwuchs, gerade im hausärztlichen Bereich. Auch in den Fehlerberichten wurden meist schwierige Arbeitsbedingungen als ursächliche Faktoren genannt, deren (passive) Opfer somit die Patienten, aber auch die Ärzte wurden. Hausärzte werden, wenn überhaupt, meist als aufopferungsvolle Workoholics auf weitgehend verlorenem Posten dargestellt, mit viel Arbeit und Verantwortung – und oft auch viel Frust, und von den schwierigen Bedingungen geradezu überrollt. Natürlich entspricht dieses Bild für viele Kollegen der Wahr- heit. Aber ist es die ganze oder einzige Wahrheit? Zu viele Ärzte gibt es inzwischen sicher nicht mehr. Zwar ist das Medizinstudium weiterhin gefragt, allerdings wandern sehr viele junge Ärzte in andere Berufsfelder oder ins Ausland ab. Dieses „Abstimmen mit den Füßen“ ist immerhin auch eine Form der Meinungsäußerung. Inzwischen wird auch dies öffentlich zur Kenntnis genommen und diskutiert. Es entsteht der Eindruck, dass die aktuellen Strukturprobleme in der ärztlichen Versorgung bzw. Berufsausübung Aussichtslosigkeit bedeuten. Müssen junge Kollegen befürchten, sich zwangsläu?g bald in desolater Lage wiederzu?nden, falls sie es wagen, sich als Hausarzt oder gar als Landarzt niederzulassen? Merken wir, wie die gängige, depressiv geprägte (Selbst-)Darstellung auf Studenten und junge Ärzte wirkt? Ein Studierender der MHH schrieb in die Evaluation nach dem Blockpraktikum Allgemeinmedizin: „Es war ein tolles Praktikum, ich habe viel gelernt. Aber ich werde mit Sicherheit nicht Allgemeinarzt – so ein armes Schwein wie mein Lehrarzt möchte ich nicht werden“. Viele Andere äußern sich ähnlich – ein deutlicher Kontrast zu dem Lehrziel, dass die meisten Lehrärzte explizit äußern: Spaß an der Allgemeinmedizin zu vermitteln. Bedeuten die aktuellen „Fehler im System“ nicht auch, dass Aussicht auf Veränderung, womöglich Besserung besteht, dass jungen Kollegen in Zeiten des Strukturwandels neue Gestaltungsmöglichkeiten zuwachsen? Fehler werden inzwischen nicht mehr nur als Malheur, als Unglücksfall, betrachtet, sondern als Chance, in denen der Keim zu einer Verbesserung steckt; man geht offensiv und konstruktiv mit ihnen um. Auch Strukturwandel birgt Chancen. Vielleicht sollten wir bei unserem Selbstverständnis, vor allem aber bei unserer Außendarstellung darauf achten, nicht nur schwarz zu malen. Die Aussicht auf Veränderung, die Möglichkeit, selbst etwas zu gestalten – man kann das auch positiv sehen. Vielleicht kann man damit dann eher junge Ärzte für die Allgemeinmedizin gewinnen. Etwas mehr Optimismus wünscht sich und Ihnen Ihre Eva Hummers-Pradier Z Allg Med 2008; 84: 141


(Stand: 04.04.2008)

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