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1) Abholz HH. Editorial „Diversifikation“. Z Allg Med 2009; 85: 50 - 2) Abholz HH. „Das Besondere der Allgemeinmedizin …“ Z Allg Med 2009; 85: 67–73

Leserbriefe von Dr. Wolfgang Baur

Zu 1)

Ein wichtiges Instrument zur Diversifikation – im Text nicht explizit genannt – ist die Regress-Schiene – insbesondere für Allgemeinmediziner.

Plötzlich sind Dermatologika, Gynäkologika, Urologika, Neurologika u.v.a. fachfremd, plötzlich sind über den G-BA Phytotherapeutika (nicht Homöopathika, nicht Antroposophika) aus der Verordenbarkeit herausgenommen, werden regressiert. Einzelfälle müssen über aufwendige Sozialgerichtsverfahren schon im 1.(!) Widerspruchsschritt beklagt werden. Plötzlich – nach Plausibilitätskriterien – ist ein 12–14 Stundentag auffällig, wird unter Androhung von Regress aufwendig geprüft. Nur die minutiöse Aufklärung mit Rechtsanwalt hilft ab.

Zur ausartenden Kontrolle (es ist wirklich ein Kontrollwahn) gibt es hochinteressante wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass Kontrolle das Gegenteil des Gewünschten produziert: Qualität und Produktivität werden gesenkt, Kosten werden sogar erhöht (Hartzband P, Groopman J. NEJM 2, 2009, 101).

Zu 2)

Eine „treffende“ Analyse der Situation der Allgemeinmedizin. Desillusionierend, da die normative Kraft des Faktischen benannt wird:

Die Medizin wird industrialisiert. Die Instrumente sind bekannt: RLV, DMP, MVZ, Budgets, IGeL, ebm, EBM, QM, Richtgrößen, Einzelverträge u.v.a. Der Generalist wird zum Spezialisten im Abrechnungs- und Verfahrensdschungel. Er wird mit SGB V-Gesetzen ausgerichtet. Die eigenen ärztlichen Körperschaften ziehen die Verfahren gnadenlos „nach Recht und Gesetz“ durch.

Schließlich brennt die Allgemeinmedizin und der Arzt selbst im „Burn-out“ aus.

Der Schlussteil des Artikels soll Hoffnung machen. Ein Aufruf zur Mitgestaltung des Prozesses:

an der Regulierung nicht mitwirken,

aus IGeL wieder Vernunft machen,

Heiler und Betreuer bleiben,

unsere Stärke zeigen – v. a. in der Nachhaltigkeit,

immer da sein,

länger da sein,

dadurch weiser werden.

Eine schöne Idee. Ich lebe sie als Landarzt schon 30 Jahren. Nur mit einem Nachfolger könnte sie erhalten bleiben. Der ist bei den heutigen Bedingungen nicht in Sicht.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Wolfgang Baur

Lohnbachstr. 5

38690 Vienenburg

Tel.: 0 53 24 / 61 07

Fax: 0 53 24 / 60 25

E-Mail: Dr.Wolfgang.Baur@t-online.de

Antwort auf diese Leserbriefe von Prof. Dr. Heinz-Harald Abholz

Mit ähnlichem Inhalt wie in den Briefen von Herrn Dr. Baur und Dr. Hager haben viele andere Leser mir geschrieben und mir verallgemeinert oder an ihrer persönlichen Arbeitssituation geschildert, dass sie sehr wohl meine Klage über unsere eigene Rolle bei der Bedrohung des allgemeinmedizinischen Ansatzes verstehen. So wie die beiden Autoren es beschrieben haben, sind weitere Beispiele für die Einengung in unserem Handlungsspielraum trefflich dargestellt. Fazit in einem Teil dieser Briefe war aber auch, dass der Anspruch auf breite Verfügbarkeit des Hausarztes nicht mehr oder nicht mehr für alle zu erfüllen sei. Ich glaube, dass er es weniger denn je auch deswegen ist, weil wir keine annähernd adäquate „Ehrerbietung" mehr von der Gesellschaft erhalten. Damit arbeiten wir uns ab und niemand „belohnt" dies. Dennoch gebe ich weiterhin zu bedenken: Wenn wir zum erlebten Verlust der Ehrerbietung nun noch eine uninteressant und uns nicht wichtig nehmende Arbeit des Dispatchers anstreben, dann werden wir noch unglücklicher werden. Da nicht einmal das „große Geld" als Kompensation zu erwarten ist, wären wir motival und emotional am Ende. Es sei denn, es gelänge uns, wie im Text angedeutet, eine Aufgabe wieder zu übernehmen, die uns „unersetzbar" macht und bei der wir mehr auf die Belohnung durch unsere Patienten bauen. Dies wäre berufspolitisch wichtig und würde persönlich Glücklichkeit mehr garantieren, als die Flucht in die Freizeit.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Heinz-Harald Abholz

Facharzt für Allgemeinmedizin

Abt. Allgemeinmedizin

Heinrich-Heine-Universität

Moorenstr. 5

40225 Düsseldorf

Tel.: 02 11 / 8 11 77 71

Fax: 02 11 / 8 11 87 55

E-Mail: abholz@med.uni-duesseldorf.de


(Stand: 07.06.2011)

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