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„Tag der Allgemeinmedizin” – ein neuartiges Label für die hausärztliche Fortbildung

Günther Egidi

Hintergrund: Seit dem 1. Juli 2004 wurde für Ärzte die bereits zuvor bestehende Pflicht zur fachlichen Fortbildung gesetzlich geregelt.

Die DEGAM hat in ihrem Grundsatz-Papier „Professionelles Lernen – ein Leben lang, Stellungnahme zur ärztlichen Fortbildung“ [1] die mit dem CME-System verbundene Orientierung an rein quantitativen Fortbildungs-Nachweisen bereits 2001 kritisiert.

Neben pharmazeutischen Firmen, die entgegen entsprechender Beschlüsse der Bundesärztekammer [2] ganz offensichtlich von der Finanzierung von Fortbildungen und der Platzierung ihrer Produkte in Vorträgen oder dem Aufbauen von Ständen mit Werbung vor dem Saal eine Umsatzsteigerung erwarten können, drängen – hiervon nicht sicher zu trennen – auch kommerzielle Anbieter von Fortbildungen in den Markt.

Die DEGAM hat sich wiederholt gegen Anbieter wie Primed [3] und Praxis Update [4] ausgesprochen.

Deren zentral durchgeführte Veranstaltungen widersprechen in mehrerlei Hinsicht den o. a. Prinzipien hausärztlicher Fortbildung:

Es dominieren Frontal-Vorträge als Fortbildungs-Format. Ein Eingehen auf die individuellen Lernbedürfnisse und -bedarfe aufbauend auf dem Erfahrungshintergrund der Teilnehmenden ist dabei nicht möglich.

Es finden nahezu ausschließlich Vorträge von – zumeist professoralen – Spezialisten für Hausärzte statt. Dabei wird die spezifische Situation im generalistischen Bereich nicht berücksichtigt.

Interessenkonflikte werden nicht durchgängig angegeben. Eine genaue Trennung zwischen fachlicher Information und interessensgeleiteter Werbung ist so nicht immer einwandfrei möglich.

Den Teilnehmenden wird es kaum ermöglicht nachzuvollziehen, welche Empfehlungen auf systematischer Evidenzrecherche und welche auf persönlichen Meinungen beruhen.

Die Atmosphäre in großen Vortrags-Sälen macht einen eigentlich sinnvollen interkollegialen Dialog nahezu unmöglich.

Ausgehend von dieser Einschätzung und vor dem Hintergrund eines gut eingeführten „Tages der Allgemeinmedizin“ ließ die Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg die Bezeichnung „Tag der Allgemeinmedizin” (TdA) als geschützte Marke eingetragen, um die Besonderheit der hier geübten hausärztlichen Fortbildung vor Missbrauch durch entgegenlaufende Fortbildungsangebote zu bewahren. Ähnliche Angebote existieren bereits in Bonn, Bremen, Frankfurt, Freiburg, Göttingen, Hamburg, Heidelberg, Kassel, Köln und Magdeburg; weitere sind für Hannover und Bad Homburg geplant.

Vom Präsidium der DEGAM beauftragt, definierte die Sektion Fortbildung der DEGAM bei ihrem Treffen am 25.9.2008 während des DEGAM-Kongresses in Berlin und in nachfolgenden Abstimmungen per E-Mail, welche Kriterien das Label „Tag der Allgemeinmedizin“ erfüllen muss, um anerkannt zu werden.

Das Label „Tag der Allgemeinmedizin“

Die Bezeichnung „Tag der Allgemeinmedizin“ ist ganz- oder zumindest halbtägigen Fortbildungs-Formaten vorbehalten.

Dies beinhaltet folgende Kriterien/Prinzipien:

Inhalte:

Selbstbestimmtes Lernen: Die Teilnehmer formulieren Lernbedarf, -inhalte und -form selbst. Dies ist durch Vorab-Themenabfragen und/oder die fortlaufende Evaluation der Fortbildungen zu erfragen.

Kontext-Relevanz (Hausarztorientierung): Grundsätzlich soll hausärztliche Fortbildung an den persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer ansetzen. Dabei muss insbesondere bei der Themenwahl und Themenaufbereitung berücksichtigt werden, dass sich die medizinische Arbeit des Praxisteams überwiegend auf häufige hausärztliche Beratungsanlässe mit einer niedrigen Prävalenz schwerer akut verlaufender Erkrankungen bezieht.

Patientenorientierung: Hausärztliche Fortbildung orientiert sich schwerpunktmäßig an patientenrelevanten Fragestellungen. Forschungsergebnisse, die sich ausschließlich auf die Beeinflussung von Messwerten wie HbA1c oder Blutdruck beziehen, gehören nicht dazu.

Updates: Neben Zusammenfassungen entsprechenden Grundlagenwissens sollen vor allem Neuerungen und aktuelle Entwicklungen dargestellt werden.

Vermittlung von Werkzeugen und von Inhalten: Die hausärztliche Realität beinhaltet einen permanenten Umgang mit Situationen von Unsicherheit. Es ist unmöglich, sich zu allen Gegenständen der Allgemeinmedizin ein vollständiges Wissen zu erarbeiten. Dementsprechend muss hausärztliche Fortbildung vorrangig vor dem Vermitteln von Detailwissen einen souveränen Umgang mit Informationsmanagement (Benutzung von Leitlinien, Sammeln nützlicher Adressen zum Nachfragen, Erlernen systematischer Recherche etc.) beinhalten und sich auf das Wesentliche beschränken.

Referenten:

Hausärzte sind Spezialisten für die hausärztlichen Versorgungsinhalte, mit theoretischen Vorkenntnissen, praktischen Vorerfahrungen und mit einer intensiven Vertrautheit mit den Rahmenbedingungen hausärztlicher Arbeit. Aus diesem Grund sollte an der Vorbereitung und der Moderation der Fortbildungsveranstaltungen immer ein Hausarzt federführend beteiligt sein. Rein spezialistische Vorträge vertragen sich nicht mit dem Konzept eines Tages der Allgemeinmedizin.

Bei Workshops, die an Mitarbeiter des Praxisteams (MFA) gerichtet sind, sollte eine MFA als Referentin oder Moderatorin mit in die Vorbereitung eingebunden sein.

Neben Referenten ärztlicher Spezialdisziplinen macht es Sinn, auch andere Gesundheitsfachberufe, wie z. B. Physiotherapeuten, Gesundheits- und Krankenpfleger, Ergotherapeuten, Logopäden, Podologen, Diabetesberater o. a. und auch Mitarbeiter von psychosozialen Beratungsstellen oder anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens zu beteiligen.

Didaktische Formate:

Die Veranstaltungen sollen überwiegend interaktiv sein und viel Raum für Diskussion und Reflexion lassen.

Frontalvorlesungen stellen bei hausärztlicher Fortbildung eher eine Ausnahmeerscheinung dar. Ausschließlich auf dieser Art der Wissensvermittlung basierende Fortbildungsveranstaltungen qualifizieren sich nicht für den Titel „TdA“.

Die Veranstaltungen sollten den Teilnehmenden konkrete Umsetzungshilfen für die Arbeit in der Praxis an die Hand geben, z. B. Handouts mit den praxisrelevanten Inhalten der Veranstaltung.

Evidenzbasierung:

Wesentlicher Bestandteil hausärztlicher Fortbildung ist das Bemühen, eigene Empfehlungen mit wissenschaftlichen Belegen zu ergänzen. Dazu gehört die Vermittlung aktueller evidenzbasierter (nicht eminenzbasierter) Daten und die kritische Vorstellung und Diskussion der aktuellen Studienlage zu einem Thema.

Finanzierung:

Tage der Allgemeinmedizin werden durch die Teilnehmer selbst, durch Berufsverbände und/oder durch Institutionen ohne kommerzielles Interesse finanziert. Tage der Allgemeinmedizin sind industrieunabhängig. Produktwerbung und Sponsoring durch Industrieunternehmen sind nicht erlaubt.

Die teilnehmenden Referenten sollen, wie von der Bundesärztekammer empfohlen, etwaige Interessenkonflikte offen legen.

Multiprofessionalität:

Die zunehmend aufwendige Versorgung chronisch kranker, multimorbider Patienten sowie ein sich abzeichnender Mangel an allgemeinmedizinischem Nachwuchs erfordern in besonderem Maß die Zusammenarbeit im Team. Entsprechend ist die Teilnahme von Medizinischen Fachangestellten an einem Tag der Allgemeinmedizin und an anderen hausärztliche Fortbildungsformaten immer anzustreben.

Wie die Hausärzte sollen auch die Medizinischen Fachangestellten die Möglichkeit haben, durch Themenabfragen und Evaluation selbst über Inhalte und Formen des Lernens zu entscheiden.

Evaluation:

Eine Evaluation der Gesamtveranstaltung wie der einzelnen Workshops ist empfehlenswert.

Ein gemeinsamer (einheitlicher) Evaluationsbogen wird erarbeitet.

Es findet eine Gesamtevaluation aller Fortbildungsveranstaltungen statt.

Neue Evaluationsmodelle können alternativ erprobt werden.

„Tag der Allgemeinmedizin (TdA)" ist eine eingetragene Marke des Universitätsklinikums Heidelberg, Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung. Diese entscheidet im Einvernehmen mit der Sektion Fortbildung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) unter Berücksichtigung der o.a. Kriterien unter Ausschluss des Rechtswegs über die Genehmigung zur Nutzung der Marke. Formlose Anträge zur Nutzung der Marke, denen ein aussagefähiger Konzept- bzw. Programmentwurf beizufügen ist, sind zu richten an: cornelia.mahler@med.uni-heidelberg.de oder an familie-egidi@nord-com.net

Unter diesen E-Mail-Adressen ist es auch möglich, ein Manual der Heidelberger Abteilung mit Hilfestellungen für eine erfolgreiche Durchführung eines Tages der Allgemeinmedizin zu bekommen. Da die eingetragene Marke seitens der Universität eingetragen wurde und diese wiederum über ihren Justiziar vertreten ist, wird es möglich sein, ein Befolgen der Kriterien des Labels auch juristisch zu erzwingen.

(Die verwendete maskuline Sprachform schließt allzeit die Wahrnehmung der Rolle durch eine Frau mit ein.)

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Günther Egidi

Sprecher der Sektion Fortbildung der DEGAM

Arzt für Allgemeinmedizin

Huchtinger Heerstr. 41, 28259 Bremen

E-Mail: familie-egidi@nord-com.net

Literatur

1 degam.de/alt/cme/ index_cm.htm

2 www.baek.de/page. asp?his=1.102.104.5639

3 www.pri-med.de

4 www.praxis-update.com


(Stand: 07.06.2011)

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