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„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“

(Albert Einstein, 1879–1955)

Wilhelm Niebling

Leidenschaftliche Neugierde und Interesse, das wünschen wir uns von unseren Studierenden. Denn: Wird es uns gelingen, sie nachhaltig für unser Fach zu begeistern? Sie für eine spätere hausärztliche Tätigkeit zu motivieren? Ohne Zweifel ist durch die Neufassung der Approbationsordnung für Ärzte die Position der Allgemeinmedizin innerhalb der Universitäten gestärkt und damit verbunden die Wahrnehmung und Anerkennung seitens der Studierenden gewachsen. Belege dafür sind die vielerorts hervorragenden Ergebnisse in der Evaluation von Lehrveranstaltung, die wachsende Zahl von PJ-Absolventen in der Allgemeinmedizin und – das ist das Wichtigste – ein spürbar gewachsenes Interesse an der Allgemeinmedizin und einer späteren hausärztlichen Tätigkeit.

Soweit, so gut könnte man (mit einer gewissen Portion Selbstgefälligkeit und auch Eigenlob) meinen.

Was aber erwartet unsere angehenden Allgemeinärztinnen und -ärzte, die also nicht zu den fast 50 % der Medizinabsolventen gehören, die nicht im kurativen Bereich tätig werden wollen, oder gar zu den nahezu 2500, die im vorigen Jahr dem deutschen Gesundheitssystem den Rücken gekehrt haben (Deutsches Ärzteblatt vom 20.02.2009)? Man kann es mit einem Wort beschreiben: Realsatire.

– Obwohl die Zahl der Hausärzte, gegenläufig zu der von anderen Fachärzten, in den letzten 10 Jahren deutlich abgenommen hat,

– obwohl in vielen Ärztekammerbereichen die Zahl der Facharztprüfungen in einem Maße einbricht, dass sich die gegenwärtigen Rückgänge der deutschen Exportwirtschaft geradezu lächerlich gering ausnehmen,

– obwohl der Mangel an Hausärzten in ländlichen und strukturschwachen Regionen evident ist und

– obwohl bekannt ist, dass sich diese Entwicklungen durch die Altersstruktur der jetzt (noch) tätigen Hausärzte in den nächsten Jahren dramatisch beschleunigen werden

geschieht zu wenig, fast wäre man versucht zu sagen nichts, um diese verhängnisvolle Entwicklung wirkungsvoll zu beeinflussen.

– Die derzeitige Weiterbildungsordnung, Flexibilisierung, Deregulierung und die Schaffung eines einheitlichen „Hausarztbildes“ hatte sie zum Ziel, ist zu einem „Allgemeinarztverhinderungsinstrument“ mutiert,

– sinnvolle Ansätze der Förderung wie das Initiativprogramm mit der im Oktober letzten Jahres beschlossenen Anhebung der Fördersummen auf ein „angemessenes“ Niveau, intendierte Erleichterungen durch das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz, die Einrichtung von Koordinierungsstellen für Weiterbildungsverbünde bei den Landesärztekammern werden systematisch retardiert oder gehen im Wirrwarr von Zuständigkeiten und Ausführungsbestimmungen unter,

– ganz zu schweigen von der seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig vorgetragenen Forderung Deutscher Ärztetage und des Wissenschaftsrates nach der Einrichtung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin an allen Medizinischen Fakultäten.

Neben der nachhaltigen Unterstützung durch Politik und Öffentlichkeit, neben der mit einer Stimme durch Berufsverband und wissenschaftlicher Fachgesellschaft vorgebrachten Forderung nach einer curricular strukturierten Weiterbildung, braucht es eine Politik der Phantasie und der kleinen Schritte

– Studienplätze für künftige Hausärzte,

– die finanzielle Förderung von allgemeinmedizinischen PJ-Praxen und PJ-Studierenden,

– eine Vielzahl und Vielfalt von regionalen Weiterbildungsverbünden (in Baden-Württemberg gibt es Fortschritte),

– intelligente und innovative Tätigkeits- und Niederlassungsmodelle, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern,

– enthusiastische und hartnäckige Persönlichkeiten als Motoren und Katalysatoren und ... nicht zuletzt

– ein Überdenken des Hausarzt alten Stils, zumindest in der Rolle des „stets präsenten Generalisten“,

damit Allgemeinmedizin wieder eine Zukunft hat.

Ihr W. Niebling


(Stand: 07.06.2011)

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