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Geriatrie für Hausärzte

Mit dem vorliegenden Buch sind die beiden Herausgeberinnen Gabriela Stoppe und Eva Mann angetreten, HausärztInnen im deutschsprachigen Raum mit Unterstützung sachkundiger Autoren ein komplexes und für die ambulante medizinische Versorgung hochrelevantes Thema näherzubringen.

Ausgehend von einer Beschreibung der gegenwärtigen Situation der Geriatrie im deutschsprachigen Raum gliedert sich das Buch in die drei weiteren großen Bereiche „Medizinische Probleme“, „Therapie“ und „Versorgung“ im Alter. Entlang dieser strukturellen Vorgabe werden einzelne Problemfelder der Versorgung geriatrischer Patienten beleuchtet.

Die ersten drei Beiträge des einleitenden Abschnittes – „Gegenwärtige Situation“ – sind aus meiner Sicht sehr informativ. Verfasst jeweils von Allgemeinmedizinern aus Deutschland, Östereich und der Schweiz klären sie über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Aus- und Weiterbildung sowie in der Bedeutung der Geriatrie in diesen 3 Ländern auf. Der vierte einleitende Beitrag zum Thema „Gesellschafts- und sozialpolitische Aspekte“ ist aus der Sicht der Zielgruppe Hausärzte von der Ausdrucksweise her vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, wird doch der Leser folgendermaßen über seinen eigenen Stellenwert aufgeklärt: „Innerhalb eines betriebsmorphologischen Pluralismus ist der Betriebstypus des niedergelassenen Arztes, hier als Hausarzt, von zentraler Bedeutung“. Auch die übrige Diktion dieses Kapitels klingt ein wenig nach soziologischem Hauptseminar und hat mich an einigen Stellen überfordert.

Der zweite Teil, überschrieben mit „Medizinische Probleme“, deckt meines Erachtens einen großen Teil der Beratungsanlässe ab, mit denen Hausärzte im Praxisalltag der Versorgung geriatrischer Patienten konfrontiert werden. Verfasst wurden die einzelnen Kapitel von Spezialisten auf den jeweiligen Gebieten. Der Aufbau der Kapitel folgt fast durchgehend einer gleichbleibenden Struktur: Die zu behandelnden Krankheitsbilder werden dabei zunächst in ihrer epidemiologischen Bedeutung erfasst, definiert und grundsätzlich erläutert. Als Hausarzt fragte ich mich hier gelegentlich, ob mein im Umschlagtext erwähntes fehlendes Rüstzeug bei der geriatrischen Betreuung dort vermutet wird, wo es um die Definition eines Schlaganfalles, biochemische Details des Lipidstoffwechsels oder die leitliniengerechte Therapie des Diabetes mellitus Typ 2 geht? Sollten auf diesen Feldern wirklich grundsätzliche Wissensdefizite bestehen, würde ich mich lieber nicht auf die schlaglichtartige Beleuchtung dieser Beiträge, sondern vielmehr auf Lehrbücher (was dieses Buch explizit nicht sein will) und aktuelle Leitlinien konzentrieren wollen. Statt aber mich an (vermeintlichem) Facharztwissen teilhaben zu lassen, hätte ich mir eher gewünscht, dass die haus- und gebietsärztlichen Tätigkeitsfelder beschrieben, gegeneinander abgegrenzt und die Schnittstellen definiert worden wären. Zu diesem Zweck hätte für nahezu jedes Kapitel dieses Abschnittes eine hausärztliche Co-Autorenschaft hilfreich sein können. Über all der Kritik möchte ich aber dennoch betonen, dass sich in diesem Abschitt im Grundsatz ein guter Überblick über im Alter häufig vorkommende Probleme findet, die, entsprechend ihrem Wesen, z. T. interprofessionell beleuchtet werden. Am besten haben mir in diesem Teil des Buches die Kapitel „Abhängigkeitserkrankungen“ und „Infektionskrankheiten“ gefallen. Zeichnen sich doch beide durch einen hohen Praxisbezug und konkrete Tipps zu Prävention, Diagnose und Therapie aus, vermittelt in einer gut lesbaren Form.

Der zweite große Themenbereich diese Buches „Therapie“ bietet dem Leser einen Überblick über verschiedene therapeutische Verfahren, deren Indikationen sowie Möglichkeiten und Grenzen bei der Behandlung geriatrischer Patienten. Aus meiner Sicht besonders hervorzuheben ist das Kapitel „Pharmakotherapie im Alter“. Der Autorin gelingt es in konzentrierter und gut verständlicher Form, theoretische Grundlagen von Besonderheiten der Pharmakokinetik und -dynamik, unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Wechselwirkungen mit praktischen Ratschlägen zur Vorgehensweise zu verknüpfen. Es mag wegen der hohen Verordnungszahlen gerechtfertigt sein, der „Psychopharmakotherapie“ ein weiteres eigenes, ausführliches Kapitel zu widmen. Im Ergebnis erscheint mir das dort vermittelte Wissen aber zu speziell und wäre für meine Bedürfnisse besser in einem fachspezifischen Lehrbuch aufgehoben. Der Wert nicht medikamentöser Maßnahmen wird ausreichend in den Kapiteln „Psychotherapie und Entspannungsverfahren“ sowie „Körperliches Training bei älteren Menschen“ betont. Letzteres empfiehlt sich noch einmal besonders durch konkrete, auch für die Beratung in der eigenen Praxis umsetzbare Trainingsempfehlungen und Hinweise auf weiterführende Informationen. Das dieses Themengebiet abschließende Kapitel „Immunseneszenz und Impfungen im Alter“ gerät demgegenüber leider in weiten Bereichen zu theoretisch, Grundlagen der Immunbiologie erhalten gegenüber praktischen Impfempfehlungen ein zu starkes Gewicht.

Der dritte Bereich „Versorgung“ ist möglicherweise inhaltlich am wenigsten scharf einzugrenzen und deckt dementsprechend auch verschiedendste Themen ab, die sich um die Betreuung geriatrischer Patienten ranken. „Geriatrisches Assessment“ ist für Hausärzte gekennzeichnet durch seine hohe Praxisrelevanz, es ist unser „täglich Brot“. Dem trägt der Autor insofern Rechnung, als er bewusst die Rolle der Hausärzte auf diesem Feld betont. Er stellt noch einmal kurz und prägnant die wesentlichen Instrumente des Assessments vor und erläutert diese, wo nötig. Ein für die tägliche Praxis ganz wichtiger Themenkomplex ist die „Nahtstelle Hausarzt und Gemiendefachpflege/Heimfachpflege“. Leider beschränkt sich dieses Kapitel nicht auf reine Information. Nicht ganz wertfrei wird hier ein berufspolitisch brisantes Thema diskutiert: Delegation bzw. Substitution ärztlicher Leistung. Meines Erachtens ist es natürlich legitim, den „Erhalt der ärztlichen Gesamtverantwortung“ im Rahmen des Casemanagements in Frage zu stellen, ich halte das vorliegende Buch nur nicht für die geeignete Plattform. Frei von derartigen Konflikten stellt sich die „Angehörigenbetreuung“ dar. In einfühlsamer Weise werden die Probleme pflegender Angehöriger angesprochen sowie Lösungen und Kompensationsmechanismen beschrieben, die der Hausarzt den Betreuenden weiterreichen kann. Einen zunehmenden Raum nicht nur bei der Betreuung älterer Patienten nimmt aus eigener Erfahrung die Problematik von „Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung“ ein. Der Autor, ein Jurist, erläutert grundsätzliche rechtliche Aspekte rund um dieses Thema, über diese Grundkenntnisse sollten Hausärzte verfügen. Ein weiteres beachtenswertes Kapitel dieses Themenabschnittes ist die „Palliative Geriatrie“. Nachhaltig rücken die Autoren in den Fokus, dass Themen wie Sterbebegleitung, Schmerztherapie oder z. B. Linderung von Dyspnoe nicht vornehmlich unter onkologischen, sondern in weitaus höherem Maße unter geriatrischen Gesichtspunkten zu sehen sind. Zu betonen, dass betagte Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen eine ganzheitliche Medizin benötigen, die auch palliative Kompetenz beinhaltet, ist meines Erachtens wichtig vor dem Hintergrund einer zunehmenden Tendenz, Pallitivmedizin aus der hausärztlichen Verantwortung herauslösen zu wollen. Abgeschlossen wird dieser Abschnitt durch eine lesenswerte Betrachtung ethischer Probleme im Zusammenhang mit der Behandlung geriatrischer Patienten. Hier habe ich einige meiner schon seit Langem bestehenden Fragen und Zweifel wiedergefunden.

Mein Fazit: War ich an manchen Stellen nicht sicher, ob ich als Hausarzt wirklich zur Zielgruppe dieses Buches gehöre, so hat mir die Lektüre einiger Kapitel doch zu wertvollen Anregungen für meine Arbeit mit geriatrischen Patienten verholfen.

Gabriela Stoppe / Eva Mann (Hrsg.)

Geriatrie für Hausärzte

Verlag Hans Huber, Bern, 2009 456 Seiten, gebunden ISBN: 978–3–456–84705–4

Preis: € 59,95

Erhältlich unter www.aerzteverlag.de

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Klaus Böhme

Lehrbereich Allgemeinmedizin

Universitätsklinikum Freiburg

Elsässer Str. 2m

79110 Freiburg

E-Mail: klaus.boehme@uniklinik-freiburg.de


(Stand: 07.09.2010)

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