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Lehrmotivation und Evaluationsbereitschaft – eine explorative Querschnittsstudie unter Lehrärzten

DOI: 10.3238/zfa.2011.175

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Andreas Klement, Matthias Ömler, Theresia Baust, Kristin Bretschneider, Thomas Lichte

Hintergrund: Qualitätssicherung in der dezentralen akademischen Lehre im Fach Allgemeinmedizin wird durch universitäre Ausbildungskoordinatoren durchgeführt. Studentische Evaluationen der Lehrleistung einzelner Lehrpraxen stellen hierfür ein häufig genutztes Instrument dar. Wenige Universitäten bieten ihren Lehrärzten eine vergleichende Analyse individueller Lehrevaluationen („Benchmarking“), denn individuelle Kritik birgt auch das Risiko der Demotivation. Im Rahmen eines mehrstufigen Konsensprozesses zu Evaluationskriterien erfragten wir die berufs- und biografischen Merkmale unserer Lehrärzteschaft und analysierten deren Zusammenhänge zu Lehrmotivation und Evaluationsbereitschaft.

Methode: Auf der Basis einer qualitativen Auswertung von Fokusgruppen- und Telefoninterviews entstand ein standardisierter Fragebogen. Der Versand erfolgte an alle 180 Lehrärzte in Sachsen-Anhalt. Durch einheitlich gepolte 5 Punkt-Likert-Skalen in acht Kategorien wurden insgesamt 45 Items erfragt. Für Mittelwerte und deren Standardabweichungen erfolgte eine deskriptiv-vergleichende Datenanalyse. Bivariate Zusammenhänge wurden anhand des Rang-Korrelationskoeffizienten Kendalls Tau bestimmt.

Ergebnisse: Das Interesse zur Vermittlung praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse korrelierte ebenso wie finanzieller Anreiz und das weibliche Geschlecht positiv mit der Motivation zur Lehre. Berufszufriedenheit und Interesse an Lehrarztfortbildungen korrelierten im Gegensatz zur Dauer der Berufserfahrung positiv mit der Motivation zur Evaluation. Die Motivation zur Lehre korrelierte nicht mit der Motivation zur Evaluation.

Schlussfolgerungen: Evaluationen sind ein Mittel, um mit Hilfe gezielter Förderung und Fortbildung die Lehrleistung zu verbessern. Die Motivation zur Lehre zeigt allerdings keinen Zusammenhang mit der Motivation zur individuellen Evaluation der Lehrleistung. Auch wenn die Motivation zur individuellen Evaluation unter allen Lehrärzten deutlich erkennbar ist, werden insbesondere erfahrenere Kollegen von deren Sinnhaftigkeit noch überzeugt werden müssen. Demotivierende Effekte (z.B. über Partizipation) durch Evaluationsmaßnahmen zu vermeiden, bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe.

Schlüsselwörter: Allgemeinmedizin; Blockpraktikum; Lehrarzt; Medizinstudium; Evaluation

Einführung

Durch die Vorgaben der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄAppO) entstanden seit 2004 mit dem allgemeinmedizinischen Blockpraktikum und dem Praktischen Jahr neue Ausbildungsformate an den medizinischen Fakultäten Deutschlands [1]. Gut belegt ist der positive Effekt des Blockpraktikums auf die Motivation der Studierenden, sich für den hausärztlichen Beruf zu entscheiden. Somit stellt das Blockpraktikum einen Baustein dar, um dem von vielen Seiten erkannten Mangel an Fachärzten für Allgemeinmedizin zu begegnen [2, 3]. Die praktische Umsetzung der Approbationsordnung erfordert den Aufbau von größeren Netzwerken von Lehrarztpraxen für dezentrale akademische Lehre. Der Erfolg dieser Netzwerke wird davon mitbestimmt, inwieweit es gelingt, in ausreichender Zahl Hausärzte für die Lehre zu gewinnen und mit ihnen gemeinsam die Lehrqualität zu verbessern.

Allerdings ist die Akquise von Lehrarztpraxen, bei steigenden Studierendenzahlen und einer abnehmenden Anzahl von Hausärzten, keine leichte Aufgabe, insbesondere für medizinische Fakultäten in Regionen mit einer ohnehin geringen Hausarztdichte. Allein für die Versorgung der ca. 450 Studierenden in Sachsen-Anhalt mit einem Praktikumsplatz sind ca. 160 Lehrarztpraxen erforderlich. Der administrative Aufwand (z.B. Akquise und Bindung der Lehrärzte) kann nur durch Koordination größerer Netzwerke von Lehrarztpraxen durch universitäre Einrichtungen für Allgemeinmedizin geleistet werden [4].

Zur ständigen Verbesserung der dezentralen allgemeinmedizinischen Lehrqualität hat sich an vielen medizinischen Fakultäten die Qualitätssicherung durch studentische Evaluationen zu einem Standard entwickelt. Evaluation kann auf die Evaluierten unterschiedliche Wirkungen haben. Neben positiver Verstärkung und Ansporn zur Verbesserung sind auch Demotivation, Distanzierung und Misstrauen gegenüber den Evaluationsinstanzen beobachtbar [5]. Insbesondere das Misstrauen scheint häufig ein Effekt von Kommunikations- und Transparenzproblemen zu sein. Hilfreich zur Auflösung dieses Konfliktes kann das Konzept der partizipativen Evaluation sein, welches auf Seiten der von der Evaluation Betroffenen nicht zur Verunsicherung oder Bedrohung, sondern zu Lernchancen und vertiefter Reflexion führt [6]. Durch eine solche Vorgehensweise kann Evaluation nicht nur ihrer Erkenntnis-, sondern auch ihrer Optimierungsfunktion gerecht werden.

Somit ist ableitbar, dass sowohl die Handlungsbereitschaft (Lehrmotivation), sich als Hausarzt an der dezentralen akademischen Lehre zu beteiligen, als auch die eigene Lehrtätigkeit evaluieren zu lassen (Evaluationsbereitschaft), von entscheidender Bedeutung für die Umsetzung der ÄAppO sind.

Trotz zahlreicher Publikationen über das Blockpraktikum und das Praktische Jahr-Tertial wissen wir über die Motivation unserer Lehrärzte sehr wenig. Wir fanden in unserer selektiven Literatursuche nur wenige Arbeiten, die sich spezifisch mit der Motivation von Lehrärzten beschäftigen [7, 8, 9]. Spezifische validierte Instrumente zum Untersuchungsgegenstand liegen unseren Recherchen nach nicht vor. Daher ist die vorliegende Arbeit auf (a) die qualitative Identifikation relevanter Determinanten der Lehrmotivation und Evalua- tionsbereitschaft, (b) die Darstellung und Analyse dieser – durch die Lehrärzte bewerteten – Determinanten und (c) die Gewinnung erster quantitativer Aussagen über deren Zusammenhänge gerichtet.

Methode

Vorgehen

Die vorliegende Arbeit ist Teil eines mehrstufigen Projektes zur Einführung eines Benchmarking-Systemes in der dezentralen allgemeinmedizinischen Lehre an der Universität Halle. Im Folgenden werden nur die für die vorgestellte Untersuchung relevanten Daten diskutiert. Das Vorgehen (Abbildung 1) ist durch eine Kombination qualitativer (Fragebogenkonstruktion) und quantitativer (Datenerhebung und -kombination) Methoden charakterisiert, was dem Vorschlag zur Verwendung eines sogenannten „mixed-method“-Designs Rechnung trägt [10]. Zur Explikation des Themas dienten drei Fokusgruppeninterviews mit jeweils 3–6 nach Lehrarztfortbildungsveranstaltungen (noch) teilnahmewilligen Lehrärzten (N = 13). Der Interview-Leitfaden wurde auf Grundlage einer selektiven Literaturrecherche konzipiert. Die transkribierten Interviews wurden nach auswertungsrelevanten Kategorien (deduktives Vorgehen) zusammenfasst und in Fragen überführt [11, 12]. Die herausgearbeiteten Kriterien wurden in einem zweiten Schritt mit dem Leitfaden in Telefoninterviews (n = 12) überprüft und abgesichert.

Untersuchungsinstrument

Im Sommer 2008 wurde an alle 180 Lehrärzte der Universitäten Halle und Magdeburg ein, mit Hilfe der Evaluationssoftware EvaSys (ElectricPaper GmbH) erstellter standardisierter Fragebogen versandt. Erfasst wurden insgesamt 36 Items mittels 5-Punkt Likert Skalen (1 = unwichtig/stimme ganz und gar nicht zu, 5 = sehr wichtig/stimme ganz entschieden zu). Das Untersuchungsinstrument umfasst Fragen zur Lehrmotivation (3 Items), Evaluationsbereitschaft (4 Items), Lehrarztfortbildung (3 Items), Vermittlung praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse (6 Items) und zur Ausstattung der Lehrarztpraxen (7 Items). Weitere Items erfassten die soziodemografischen Merkmale (Alter, Geschlecht, Jahre im Beruf und Jahre der Lehrarzttätigkeit, Anzahl der betreuten Studenten im Blockpraktikum/ im Praktischen Jahr und der Weiterbildungsassistenten) sowie den finanziellen Anreiz (Entlohnung für die Lehrtätigkeit) und die Berufszufriedenheit. Zur Steigerung der Reliabilität wurden aus den Items der Kategorien „Lehrmotivation“, „Evaluationsbereitschaft“, „Lehrarztfortbildung“, Vermittlung praktischer Fähigkeiten und Kenntnisse“ und „Ausstattung der Lehrarztpraxen“ thematisch verknüpfte Skalen gebildet (Tabelle 1).

Statistische Auswertungen

Die Datenauswertung erfolgte mit dem Programm SPSS, Version 18.0, der Firma SPSS Inc. (Chicago, USA). Hierzu wurden die Daten aus dem Programm EvaSys in das SPSS-Format überführt. Vorgenommen wurden zwei Arten von statistischen Auswertungen. Mit Hilfe des parameterfreien Rangkorrelationskoeffizienten Kendalls Tau (ordinale Daten) wurden die bivariaten Zusammenhänge auf Skalenebene analysiert, da einige der gebildeten Skalen nicht das Kriterium der Normalverteiltheit erfüllten. Zur Analyse auf Itemebene erfolgte eine Dichotomisierung („1“ und „2“ repräsentieren Zustimmung bzw. Wichtigkeit vs. „4“ und „5“ die Ablehnung bzw. Unwichtigkeit signalisieren), um hohe und niedrige Ausprägungen kontrastierend gegenüberstellen zu können.

Resultate

Demografie der Lehrärzte

Von den 180 an die Lehrärzte für Allgemeinmedizin in Sachsen-Anhalt versandten Fragebögen konnten 144 (Rücklaufquote: 77 %.) ausgewertet werden (Tabelle 2). Davon waren 92 (63,9 %) Ärztinnen. 79 (55,2 %) hatten ihre Niederlassung in Magdeburg, die übrigen in der Stadt Halle (S.). Der überwiegende Teil der Lehrärzte war zwischen 44 bis 55 Jahre alt und nur 25 % waren jünger als 45 Jahre. Der Hauptanteil der Lehrärzte war seit 10 bis 19 Jahren niedergelassen (M = 14.3, SD = 5.0 in Jahren) und hatte eine Berufserfahrung zwischen 16 bis 20 Jahren (M = 24.6, SD = 8.9 in Jahren).

Deskriptive Auswertung auf Itemebene

Erfahrungen als Lehrarzt: Fast alle Befragten 127 (99,2 %) verfügten über eine mindestens einjährige Erfahrung als Lehrarzt (M = 3.4, SD = 2.6 in Jahren), wobei die meisten von ihnen 62 (47 %) mindestens 5 Studenten im Blockpraktikum für Allgemeinmedizin betreut hatten und nur 7 (5 %) bisher keine Erfahrungen mit dieser Lehrform sammeln konnten. Der Anteil der Lehrärzte, der mindestens einen Studenten im Praktischen Jahr ausgebildet hatte, lag bei 13 % und 39 (28,1 %) hatten mindestens einen Weiterbildungsassistenten in ihrer Praxis betreut.

Lehrmotivation: Für fast alle Lehrärzte ist es sehr bedeutsam, sich an der dezentr alen akademischen Lehre zu beteiligen 143 (99,3 %), ihre Erfahrungen weiterzugeben 135 (93,7 %) und Praxisnachfolger auszubilden 125 (86,9 %). Eine finanzielle Honorierung für die Lehrarzttätigkeit ist hingegen nur für 75 (52,1 %) bedeutsam.

Evaluationsbereitschaft: Eine deutliche Mehrheit der Lehrärzte wollte über die Qualität ihrer Lehre Bescheid wissen 120 (83,4 %) und gab an, von den Studenten beurteilt werden zu wollen 106 (73,6 %). Zustimmung signalisierten 118 (81,9 %), dass die Beurteilung durch die Studenten ihre Lehre verändern soll. Mehr als die Hälfte (64 %) stimmten der Aussage zu, dass die Beurteilungen ihrer Lehre vergleichbar zwischen den Lehrarztpraxen sein soll.

Beteiligung an der Lehrarztfortbildung: Die Befragten stimmten den Aussagen zu, dass ein Lehrarzt an den Lehrarzttreffen teilnehmen 99 (68,8 %) und die Lehrarztfortbildungen besuchen sollte 95 (66 %). Auch der Bereitstellung des Vorlesungsskriptes für das Fach Allgemeinmedizin stimmten 102 (70,8 %) zu.

Ausstattung der Lehrpraxen: Fast alle Lehrärzte befürworteten die Aussagen, dass eine Lehrarzt ein Facharzt für Allgemeinmedizin sein sollte 122 (84,7 %). Die Mehrzahl stimmte darin überein, dass eine Lehrarztpraxis Lungenfunktionsuntersuchungen 121 (84 %) und EKG‘s 143 (99,3 %) durchführen und ein breites Altersspektrum an Patienten behandeln sollte 135 (93,7 %). Weniger bedeutsam wurden das Vorhandensein eines Internetanschlusses 55 (38,3 %), eine Weiterbildungsermächtigung 52 (36,2 %) sowie ein eigenes Sprechzimmer für den Studenten 55 (38,3 %) eingeschätzt.

Vermittlung praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse : Folgende Tätigkeiten sollten nach mehrheitlicher Zustimmung von einer Lehrpraxis vermittelt bzw. kennengelernt werden: Aufgaben einer Arzthelferin 128 (88,9 %), klinische Untersuchung und Anamnese 139 (96,5 %), ärztliche Gesprächsführung 141 (97,9 %), Hausbesuche 137 (95,1 %) und selbstständiges Arbeiten in der Praxis 113 (78,5 %). Allerdings nur 57 (39,6 %) erachteten das Kennenlernen der Kassen-Abrechnung und Dokumentation für bedeutsam.

Bivariate Zusammenhänge auf Skalenebene

Allgemeine Merkmale: Das Alter korrelierte erwartungsgemäß positiv mit der Dauer der Berufserfahrung in Jahren (? = .91, p .001) und ebenso mit der Vermittlung praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse ( ? = 18, p .05). Folgerichtig war auch die Dauer der Berufstätigkeit positiv mit der Vermittlung praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse ( ? = .19, p .05) assoziiert. Der finanzielle Anreiz, sich an der Lehrtätigkeit zu beteiligen, ist mit dem Interesse an Lehrarztfortbildungen negativ korreliert ( ? = .24, p .01).

Lehrmotivation und Evaluationsbereitschaft: Die Motivation, sich an der Lehre zu beteiligen, war positiv mit der Vermittlung praktischer Fertigkeiten und Kenntnisse ( ? = . 31, p .001) und dem finanziellen Anreiz ( ? = .27, p .01) sowie negativ mit dem Geschlecht ( ? = -.23, p .01) assoziiert. Die Bereitschaft zur Evaluation korrelierte positiv sowohl mit dem Interesse an Lehrarztfortbildungen ( ? = .39, p .001) und der Berufszufriedenheit ( ? = .33, p .001), aber negativ mit der Berufserfahrung in Jahren ( ? = - .21, p .05). Die Lehrmotivation war unkorreliert mit der Evaluationsbereitschaft (Abbildung 2).

Diskussion

Unsere Erhebung unter 144 allgemeinmedizinischen LehrärztInnen Sachsen-Anhalts zeigt, dass unter Lehrärzten die Motivation zur Lehre nicht mit der Bereitschaft zur Evaluation individueller Lehrqualität zusammenhängt. Mit zunehmender Berufserfahrung nimmt die Motivation für die individuelle Evalua-tion der Lehre ab. Individuelle Evaluationen werden eher von jüngeren, berufszufriedeneren und fortbildungsinteressierteren LehrärztInnen befürwortet. Lehrmotivert hingegen zeigten sich eher weibliche, an Praxiswissen orientierte Kolleginnen – und auch der finanzielle Anreiz der Lehrarztvergütung spielt eine Rolle.

Die Befragten entsprechen in ihrer Altersverteilung weitgehend den Durchschnittswerten für die Neuen Bundesländer aus dem Bundesarztregister. Alle rdings fanden sich unter den Antwortenden mit 64 % deutlich mehr weibliche als männliche Kollegen, im Bundesdurchschnitt ist das Geschlechterverhältnis umgekehrt [13]. Das Überwiegen weiblicher Lehrärzte korrespondiert mit einer höheren Lehrmotivation – auch wenn das Alter statistisch kontrolliert wurde. Eine mögliche Interpretation dieses Zusammenhanges ist, dass Lehrärztinnen aufgrund höherer Zufriedenheit mit ihren (selbstgestalteten) Arbeitsbedingungen nicht nur mehr Motivation, sondern auch mehr Freiräume für die Lehre sehen oder schaffen können [14].

Diese Befunde stehen im Kontrast zu den (wenigen) verfügbaren internationalen Literaturdaten, die hauptsächlich Berufs- und Lehrerfahrung (neben geringeren Patientenzahlen und besseren Versorgungsqualitätsparametern) als Prädiktoren der Beteiligungsbereitschaft an akademischer Lehre und deren kontinuierlicher Verbesserung beschrieben [15, 16]. Motivation für die Lehre und Motivation für deren (idealerweise qualitätssichernde und -verbessernde) Evaluation scheinen zweierlei zu sein. Dies bedeutet für die universitären Ausbildungskoordinatoren zunächst die Erkenntnis, auch zur Evaluation motivieren zu müssen. Darüber hinaus besteht die Herausforderung, – neben der kontinuierlichen Anwerbung künftiger jüngerer Lehrärzte – auch die Notwendigkeit, attraktiver „teach-the-teacher“-Fortbildung im beständigen Bemühen um die Einbindung der älteren Kolleginnen im Blick zu behalten. Erfreulicherweise erachten die meisten der befragten Lehrärztinnen die Teilnahme an den Lehrarzttreffen und den Lehrarztfortbildung als wichtig. Möglicherweise sollten hierzu zielgruppenspezifische Formate geprüft werden – auch um einer Überalterung der Lehrärzteschaft und didaktischer Stagnation zu entgegnen [17, 18].

In weitgehender Übereinstimmung bewerten die Lehrärzte Merkmale zur Strukturqualität – insbesondere die Ausstattung der Lehrarztpraxen. Das Vorhandensein klassischer Untersuchungstechnik (z.B. EKG) und ein breites Altersspektrum an Patienten sind für fast alle Lehrärzte ein „Muss“, während ein eigenes Sprechzimmer für die Studierenden nur von jedem Dritten als relevant beurteilt wird. Interessant ist auch, dass die Lehrärzte der Vermittlung von Kenntnissen über die Kassen-Abrechnung und Dokumentation wenig Bedeutung beimessen – während die halleschen Studierenden gerade an diesem Themenfeld in Seminaren und Vorlesung häufig Interesse signalisieren. Wenngleich in unserer Befragung nicht im Detailierungsniveau anderer Studien zu Lern- bzw. Eva luationszielen befragt wurde, findet sich weitgehende Übereinstimmung mit Literaturdaten. Dies betrifft besonders die Bedeutung eines breiten Altersspektrums, Verfügbarkeit apparativer Techniken und die Vermittlung von problemorientierten Untersuchungs- und Anamnesetechniken sowie die ärztliche Gesprächsführung [19, 20].

Nach unserer Erfahrung in einem ostdeutschen Flächenland ist die Bereitschaft niedergelassener Ärzte, sich an akademischer Lehre zu beteiligen, eine limitierte Ressource, die schonend gepflegt und entwickelt werden muss. So erscheint uns im Hinblick auf die Implementierung von Evaluationssystemen von Lehrärzten ein schrittweises konsensorientiertes Vorgehen notwendig, um demotivierende Effekte zu vermeiden.

Danksagung

Die Autoren danken den Lehrärzten in Sachsen-Anhalt für die Teilnahme an dieser Befragung und ihr wertvolles Engagement für die akademische Lehre in der Allgemeinmedizin.

Korrespondenzadresse

Dr. med. Andreas Klement

Leiter Sektion Allgemeinmedizin

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Magdeburger Str. 18, 06112 Halle (Saale)

Tel.: 0345 557–5339, Fax: 0345 557–5340

E-Mail: andreas.klement@medizin.uni-halle.de

Literatur

1. Schäfer HM, Sennekamp M, Gilbert K, Gerlach FM. Kann das Blockpraktikum Allgemeinmedizin in ihrer Wahrnehmung der Berufszufriedenheit von Hausärzten beeinflussen. Z Allg Med 2010; 86: 109–112

2. Dunker-Schmidt C, Breetholt A, Gesenhues S. Blockpraktikum in der Allgemeinmedizin: 15 Jahre Erfahrung an der Universität Essen. Z Allg Med 2009; 85: 171–175

3. Wiesemann A, Engeser P, Barlet, J, Müller-Bühl U, Szecsenyi J. Was denken Heidelberger Studierende und Lehrärzte über frühzeitige Patientenkontakte und Aufgaben in der Hausarztpraxis? Gesundheitswesen 2003; 65: 572–578

4. Tschudi P, Bally K. Lehre in der Hausarztpraxis: Bedürfnisse und Wünsche von Lehrärzten. PrimaryCare 2004; 4: 199–202

5. Adshead L, White PT, Stephenson A. Introducing peer observation to GP teachers: a questionnaire study. Med Teach 2006; 28: e68–e73

6. Ulrich S, Wenzel FM. Partizipative Evaluation. München: Bertelsman Stiftung, 2003

7. Tschudi P, Bally K. Lehre in der Hausarztpraxis: Bedürfnisse und Wünsche von Lehrärzten. PrimaryCare 2004; 4: 199–202

8. Dussoix P, Broers B. Wie kann man Lehrärzte gewinnen, motivieren und binden? PrimaryCare 2009; 9: 30–31

9. Heidenreich R, Chenot JF, Kochen MM, Himmel W. Teaching in practice: a survey of a general practice teaching network. Med Teach 2006; 28: 288–291

10. Greene JC, Caracelli VJ, Graham WF. Toward a conceptual framework for mixed-method evaluation designs. Educational Evaluation and Policy Analysis 1989; 11: 255–274

11. Glaser B, Strauss A. Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern: Huber, 1967/2005

12. Bohnensack R. Rekonstruktive Sozialforschung. Farmington Hills: Opladen, 2008

13. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. www.gbe-bund.de

14. Waters M, Wall D. Educational CPD: how UK GP trainers develop themselves as teachers. Med Teach 2007; 29: e160–e169

15. Gray RW, Carter YH, Hull SA, Sheldon MG, Ball C. Characteristics of general practices involved in undergraduate medical teaching. Br J Gen Pract 2001; 51: 371–374

16. Gray J. General practitioner teaching in the community: a study of their teaching experience and interest in undergraduate training in future. Br J Gen Pract 1997; 47: 623–626

17. Molodysky W, Sekelja N, Lee C. Identifying and training effective clinical teachers: new directions in clinical teacher training. Aust Fam Physician 2006; 35: 53–55

18. Boendermaker PM, Schuling J, Meyboom-de Jong B, Zwierstra RP, Metz JCM. What are the characteristics of the competent general practitioner trainer? Fam Pract 2000; 17:547–553

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20. Gündling PW. Lernziele im Blockpraktikum Allgemeinmedizin – Vergleich der Präferenzen von Studierenden und Lehrärzten. Z Allg Med 2008; 84: 218–222

Abbildungen:

Tabelle 1 Mittelwerte und Standardabweichungen der Items des Befragungsinstruments.

Tabelle 2 Soziodemografische Merkmale der Lehrärzte (N = 144).

Abbildung 1 Ablauf der Untersuchung.

Abbildung 2 Bivariate Zusammenhänge von Lehrmotivation und Bereitschaft zu Evaluation, nach Kendalls Tau (*** ? .001, ** ? .01, * ? .05, n.s. nicht signifikant).

 

1 Sektion Allgemeinmedizin, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

2 Institut für Allgemeinmedizin, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Peer reviewed article eingereicht: 09.09.2010, akzeptiert: 15.03.2011

DOI 10.3238/zfa.2011.175


(Stand: 12.04.2011)

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