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Ein 5-Jahres-Curriculum für die allgemeinmedizinische Fortbildung – Version 2010

DOI: 10.3238/zfa.2011.0170

Die Allgemeinmedizin der Zukunft wird mehrheitlich weiblich sein. Darum wird in diesem Papier durchgehend die weibliche Form benutzt. Gemeint sind immer beide Geschlechter.

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Guido Schmiemann, Günther Egidi, Jürgen Biesewig-Siebenmorgen, Ruben Bernau

Vorbemerkung

Wir Allgemeinärztinnen sind versierte Medizinerinnen, die Patienten und ihren Familien eine umfassende und kontinuierliche medizinische Betreuung anbieten. Wir bemühen uns, im Umgang mit allen Patienten Vertrauen entstehen zu lassen. Wir Allgemeinärztinnen erwerben und vereinen in der Versorgung unserer Patienten medizinischen Sachverstand, klinische Fertigkeiten und professionelles Verhalten. Unser Sachverstand beinhaltet das Wissen um die Einzigartigkeit eines jeden Patienten und seiner Familie. Wir versuchen, die gesamte Lebenswirklichkeit zu beleuchten. Bei der Wahl der Behandlungsmethoden bemühen wir uns, die Vorstellungen der Patienten mit einzubeziehen. Als Experten für den gesamten Menschen verfügen Allgemeinärztinnen über ein umfassendes hausärztliches Fähigkeitsprofil.

Der Arbeitsbereich der Allgemeinmedizin beinhaltet die Grundversorgung aller Patienten mit körperlichen und seelischen Gesundheitsstörungen in der Notfall-, Akut- und Langzeitversorgung sowie wesentliche Bereiche der Prävention und Rehabilitation. Allgemeinärztinnen sind darauf spezialisiert, als erste ärztliche Ansprechpartner bei allen Gesundheitsproblemen zu helfen.

Die Arbeitsweise der Allgemeinmedizin berücksichtigt somatische, psychosoziale, soziokulturelle und ökologische Aspekte. Bei der Interpretation von Symptomen und Befunden ist es von besonderer Bedeutung, den Patienten, sein Krankheitskonzept, sein Umfeld und seine Geschichte zu würdigen (hermeneutisches Fallverständnis).

Die Arbeitsgrundlagen der Allgemeinmedizin sind eine auf Dauer angelegte Arzt-Patienten-Beziehung und die erlebte Anamnese, die auf einer breiten Zuständigkeit und Kontinuität in der Versorgung beruhen. Zu den Arbeitsgrundlagen gehört auch der Umgang mit den epidemiologischen Besonderheiten des unausgelesenen Patientenkollektivs im Niedrigprävalenz- und -Risiko-Bereich mit den daraus folgenden speziellen Bedingungen der Entscheidungsfindung (abwartendes Offenhalten des Falles, Berücksichtigung abwendbar gefährlicher Verläufe).

Das Arbeitsziel der Allgemeinmedizin ist eine qualitativ hochstehende Versorgung, die den Schutz des Patienten, aber auch der Gesellschaft vor Fehl-, Unter- oder Überversorgung einschließt.

Der Arbeitsauftrag der Allgemeinmedizin beinhaltet:

  • Die primärärztliche Filter- und Steuerfunktion, insbesondere die angemessene und gegenüber Patient und Gesellschaft verantwortliche Stufendiagnostik und Therapie unter Einbeziehung von Fachspezialisten.
  • Die haus- und familienärztliche Funktion, insbesondere die Betreuung des Patienten im Kontext seiner Familie oder sozialen Gemeinschaft, auch im häuslichen Umfeld (Hausbesuch).
  • Die Gesundheitsbildungsfunktion, insbesondere Gesundheitsberatung und Gesundheitsförderung für den Einzelnen wie auch in der Gemeinde.
  • Die Koordinations- und Integrationsfunktion, insbesondere die gezielte Zuweisung zu Spezialisten, die federführende Koordinierung zwischen den Versorgungsebenen, das Zusammenführen und Bewerten aller Ergebnisse und deren kontinuierliche Dokumentation sowie die Vermittlung von Hilfe und Pflege des Patienten in seinem Umfeld.

[DEGAM, Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin Beschluss der Jahreshauptversammlung vom 21.9.2002]

Aus der Intention, die hausärztliche Versorgung stärker als bislang ins Zentrum der ambulanten medizinischen Versorgung zu rücken, resultiert die Verpflichtung für die Hausärztinnen, sich umfassend und dauerhaft fortzubilden.

Kommunikative und praktische Fertigkeiten sind für die hausärztliche Tätigkeit wenigstens so wichtig wie kognitives Wissen.

Ein kompetenzbasiertes Curriculum für die Weiterbildung zur Ärztin für Allgemeinmedizin wird derzeit unter Federführung der Heidelberger Abteilung für Allgemeinmedizin entwickelt.

Ergänzend zu diesem Curriculum für zu erwerbende Fertigkeiten benötigt die Organisation der hausärztlichen Fort- und Weiterbildung auch einen strukturierten Fortbildungsrahmen, um langfristig auf der kognitiven Ebene den erforderlichen Wissenszuwachs zu planen und zu organisieren.

Das Ziel des hier vorgestellten Curriculums ist es, im Zeitraum von 5 Jahren (orientiert an der Dauer der Verbund-Weiterbildung) wesentliche Inhalte der hausärztlichen Tätigkeit im Rahmen einer strukturierten Fortbildung zu thematisieren.

Gleichzeitig wird ein Katalog von Fortbildungsthemen benötigt.

Die Inhalte eines solchen Katalogs werden im Wesentlichen bestimmt durch:

  • die Zielgruppe
  • (idealerweise ein Katalog sowohl für die inhaltlichen Aspekte der (Verbund-) Weiterbildung als auch für die hausärztliche Fortbildung)
  • den Zeitumfang
  • Wie viele Fortbildungen sind im Rahmen eines 5-Jahres-Fortbildungszyklus notwendig und machbar?
  • die Inhalte
  • Das Spektrum des allgemeinmedizinischen Tätigkeitsfeldes sollte möglichst umfassend repräsentiert werden. Eine Gewichtung anhand der tatsächlichen Häufigkeit und Bedeutung einzelner Erkrankungen und Behandlungsanlässe ist anzustreben.
  • gesetzliche Rahmenbedingungen
  • (Fortbildungspflicht im Rahmen von Hausarztverträgen, DMP Bestimmungen usw.)

Zielgruppe

Um den Vorbereitungsaufwand zu minimieren, sollten die Themenangebote sowohl für die Fortbildungen im Rahmen der 5-jährigen allgemeinmedizinischen Verbund-Weiterbildung als auch für die bereits niedergelassenen Hausärztinnen (für den Nachweis der Erfüllung ihrer Fortbildungspflicht) ausgerichtet sein. Selbstverständlich handelt es sich bei diesem Curriculum um ein Angebot für die Niedergelassenen und – anders als bei den Ärztinnen in Weiterbildung – nicht um eine Verpflichtung, an allen Veranstaltungen teilzunehmen.

Zeitumfang

Entsprechend der Dauer der Verbund-Weiterbildung bietet sich ein 5-Jahres-Zeitraum für ein Fortbildungs-Curriculum an. 10 Fortbildungen pro Jahr erscheinen unter den aktuellen Gegebenheiten realistisch.

Fortbildungsinhalte

Im 5-Jahres-Curriculum soll das Spektrum allgemeinmedizinischer Tätigkeit möglichst umfassend abgebildet werden. Zugleich ergibt sich aus den Zeitvorgaben, dass nicht alle wünschenswerten Themen realisiert werden können. Dieses Fortbildungs-Curriculum soll die kompetenzbasierte Weiterbildung um kognitive Elemente ergänzen.

Methodik

Die Auswahl der Themen erfolgte auf Basis unterschiedlicher Quellen. Die häufigsten Beratungs- und Behandlungsanlässe auf Basis von Prävalenz-Daten aus dem CONTENT-Projekt sowie aus dem niederländischen NIVEL-Netzwerk wurden eingearbeitet. Aus den von den Bremer Hausärzten gewünschten Themen wurden die häufigsten auf der Basis von Themen-Umfragen aus 5 Jahren identifiziert. Zugleich wurden die aus 5-jähriger Fortbildungstätigkeit der Akademie für hausärztliche Fortbildung Bremen bislang behandelten Themen gesammelt. Die Lehrinhalte wurden abgeglichen mit den Themensammlungen des Institutes für hausärztliche Fortbildung (IhF) sowie dem Logbuch für PJ-Studenten der allgemeinmedizinischen Abteilungen Freiburg sowie der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die resultierenden 143 Themen (u.a. Notfall, Kommunikation, Praxis-Organisation, chronische Erkrankungen) wurden von den Autoren im Konsensverfahren priorisiert und verschiedenen Oberthemen zugeordnet.

Es wurde wie beschrieben davon ausgegangen, dass innerhalb der 5-jährigen Verbund-Weiterbildung 10 Fortbildungstermine pro Jahr realistisch sind. Entsprechend wurden die 143 Themen auf 50 gekürzt werden, dass eine Bearbeitung in 50 Terminen möglich ist.

Dem schloss sich eine Panel-Befragung im Allgemeinmedizinischen Listserver, im Institut für hausärztliche Fortbildung (IhF), innerhalb der Jungen Allgemeinmedizin Deutschlands (JADE) sowie in der Sektion Fortbildung der DEGAM an.

Die Rückmeldungen wurden öffentlich transparent einsehbar kommentiert (www.hausaerzteverband-bremen.de) und in diesen Text eingearbeitet.

Geplante praktische Umsetzung

Die Fortbildungsthemen dieses Curriculums sollen sowohl Ärztinnen in der Verbundweiterbildung als auch niedergelassenen Fachärztinnen für Allgemeinmedizin angeboten werden. Die Fortbildungen sollen selbstverständlich auch offen sein für Ärztinnen in Weiterbildung außerhalb von Verbünden. Es soll darauf geachtet werden, dass sich die einzelnen Themen für die Ärztinnen in Weiterbildung und diejenigen für die Niedergelassenen innerhalb eines 5-Jahres-Weiterbildungszyklus nicht doppeln.

Die Fortbildungen für niedergelassene Fachärztinnen sollen 2 ¼ Unterrichtsstunden dauern (4 CME-Punkte bei interaktiven Veranstaltungen), diejenigen für Weiterzubildende 4 Stunden lang. Die Fortbildungen für Ärztinnen in Weiterbildung sollen während der Arbeitszeit oder mindestens mit Arbeitszeitausgleich stattfinden, diejenigen für Fachärztinnen zum Beispiel mittwochs am frühen Abend.

Themen-Kategorien

Wir entschieden uns für folgende Kategorien, die sich allerdings an verschiedenen Stellen überschneiden. Grundsätzlich präferieren wir auch beim Zugang zu den kognitiven Themen eine Kategorisierung nach Beratungsanlässen, sehen aber gleichzeitig, dass es für eine ganze Reihe von chronischen Krankheiten besser umsetzbar ist, von Krankheitsentitäten auszugehen, u.a. auch um auf Anforderungen aus Disease-Management-Programmen und Hausarztverträgen einzugehen. Bei der Bearbeitung der Themen soll aber auch bei der Behandlung bestimmter chronischer Erkrankungen nach Möglichkeit von Beratungsanlässen ausgegangen werden (s.u. Anforderungen an Referentinnen).

Die in den Kategorien genannten Oberthemen sind schlagwortartig genannt:

  • Hausärztliche Arbeitsweise
  • Diagnose und Therapie
  • Kommunikation
  • Praxisorganisation
  • Psychosoziales
  • Prävention
  • Lebensphasen
  • Chronische Krankheiten
  • Beratungsanlässe

Das Oberthema Notfall wurde aus der theoretischen Fortbildung gestrichen. Notfallsituationen sollen praktisch vor Ort in den Praxen geübt werden.

Kommunikation

  • Motivierende Gesprächsführung
  • Wie reflektiere ich mein Kommunikationsverhalten?/Empathie versus Sympathie
  • Burn-out

Es sollen bei diesen 3 Themen sowie im Rahmen der übrigen Veranstaltungen die weiteren Unterthemen Shared Decision Making, Priorisierung von Patienten-Bedürfnissen, Narrative Medizin, Coaching, Video-Dokumentation von Konsultationen, Hospitation von Hausärztinnen untereinander sowie „der schwierige Patient“ mit behandelt werden.

Praxisorganisation

  • Formulare
  • Qualitätsmanagement
  • Teamstruktur
  • Medikamentensicherheit, Polypharmazie, Fehlermanagement
  • Juristische Fragen

Hausärztliche Arbeitsweise

  • Hausbesuch
  • Patient im Altenheim – evtl. interdisziplinäre Fortbildung mit Altenpflegerinnen
  • Kooperation
  • Wissens-Management
  • Technische Untersuchungen in der Hausarztpraxis

Chronisch krank

  • Diabetes
  • KHK und Herzinsuffizienz
  • Hypertonie und Insult
  • Chronische Wunden
  • Asthma/COPD
  • Osteoporose
  • Chronische Schmerzen
  • Krebserkrankungen
  • Schilddrüsenerkrankungen
  • Demenz
  • Depression
  • Sucht
  • Somatisierungsstörung

Lebensphasen

  • Entwicklungsverzögerungen
  • Akut krankes Kind
  • Sexualität und Familienplanung
  • Beziehungsprobleme, häusliche Gewalt
  • Arzneitherapie beim alten Menschen
  • Geriatrisches Assessment
  • Palliativmedizin

Beratungsanlässe

  • Husten und Brustschmerz
  • HNO/Infektionskrankheiten
  • Rücken- und Nackenschmerzen
  • Beinschwellung
  • Gelenkschwellung und -Schmerzen
  • Hautprobleme
  • Auffälliges Blutbild und erhöhte Leberwerte
  • Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen
  • Kopfschmerzen und Schwindel
  • Probleme der großen Gelenke
  • Sexuell übertragbare Krankheiten
  • Akute Verletzungen
  • Stimmungsschwankungen, Müdigkeit

Psychosoziales

  • Gesundheit und Soziales

Prävention

  • Vorsorge- und Früherkennungs- Untersuchungen
  • Kinder- und Jugendvorsorgen
  • Impfungen

Die Ausgestaltung der einzelnen Themen wird sich entwickeln aus der Aktualität, den Ressourcen der Referentinnen und den Bedürfnissen der teilnehmenden Ärztinnen, deren Kritik auf Grundlage der durchgeführten Evaluation einbezogen wird.

Themenübergreifend sollen alle Referierenden aufgefordert werden, folgende Kriterien für ihre Fortbildungen zu berücksichtigen:

  • Hausärztliche Fortbildung soll interaktiv sein – es sollen keine reinen Frontal-Vorträge stattfinden.
  • Es soll den Teilnehmenden ermöglicht werden, sich beispielsweise anhand aufbereiteter Evidenz selbst eine Meinung zu den jeweiligen Themen zu bilden.
  • Hausärztliche Fortbildung ist industrieunabhängig – es soll auch bei den Vortragsfolien darauf geachtet werden, dass nicht versehentlich für bestimmte Präparate geworben wird.
  • Hausärztliche Fortbildung ist Fortbildung von Hausärztinnen für Hausärztinnen. Hausärztinnen sind die Spezialisten für Gesundheitsstörungen und Erkrankungen im Niedrig-Prävalenz-Bereich. Wenn Spezialisten anderer Fachdisziplinen in die Fortbildungen einbezogen werden, bleiben die Hausärztinnen diejenigen, die die Fragen stellen.
  • Wenn möglich sollten die Referentinnen gemeinsam mit den Teilnehmerinnen versuchen, einen Qualitätsindikator zum Thema zu formulieren. Es soll dabei auch überlegt werden, welche Qualitätsindikatoren möglicherweise schaden könnten.
  • Gibt es für die Umsetzung des Themas in den hausärztlichen Alltag Besonderheiten/Hilfsmittel, die in der Kommunikation mit den Patienten berücksichtigt/eingesetzt werden sollten? Wie kann und soll das Thema in der Kommunikation mit den Patienten bearbeitet werden?
  • Gibt es spezifische salutogene Ressourcen, die in der Behandlung dieser Erkrankung eine Rolle spielen könnten?
  • Es sollten wenige zentrale Key-Messages formuliert werden.
  • Besteht ein Zusammenhang mit dem Thema Chronifizierungsgefahr, und wie kann ihr entgegen gearbeitet werden?

Einige der Themen sind möglicherweise gut auch im Rahmen der Qualitätszirkelarbeit zu behandeln und erfordern keine gesonderten Fortbildungstermine. Von Fall zu Fall kann dabei u.a. auf die Minimodule des IhF und die verschiedenen Leitlinien (DEGAM, hausärztliche Leitlinien Hessen, Nationale Versorgungsleitlinien) zurückgegriffen werden.

Zukünftig wird die Bedeutung internetbasierter Angebote (beispielsweise Blended Learning) eine zunehmende Rolle spielen. Bestehende Angebote wie beispielsweise die CASUS-Module könnten so die Vielfalt der Lernmethoden sinnvoll unterstützen.

In die Inhalte dieses Curriculums wurden Rückmeldungen aus IhF, Listserver, Bremer Akademie für hausärztliche Fortbildung und JADE eingearbeitet. Eine Übersicht darüber findet sich unter: www.hausaerzteverband-bremen.de/uploads/media/SynopseRueckmeldungenWB-FB-Curriculum.pdf

(Gültigkeit bis Dezember 2012)

Interessenkonflikte: keine angegeben

Korrespondenzadresse

Dr. med. Günther Egidi

Arzt für Allgemeinmedizin

Huchtinger Heerstr. 41

28259 Bremen

Tel.: 0421 5797675

E-Mail: familie-egidi@nord-com.net

1 Hausärzte in Bremen und Verden; GE ist Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Universitätsmedizin Göttingen, GS an der MH Hannover

Peer reviewed article eingereicht: 01.02.2011, akzeptiert: 15.03.2011

DOI 10.3238/zfa.2011.0170


(Stand: 12.04.2011)

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