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Darf es noch etwas Professionelles sein?

DOI: 10.3238/zfa.2012.0157-0159

Der 6. Professionalisierungskurs der DEGAM sucht seine Nachfolger

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Günther Egidi, Norbert Donner-Banzhoff, Stefan Wilm, Stephan Heberger

Seit 1999 lädt die DEGAM alle zwei Jahre akademisch interessierte AllgemeinmedizinerInnen zu einem von den Teilnehmenden selbst bestimmten Kurs ein. Adressaten der Ausschreibung sind LehrärztInnen/Lehrbeauftragte mit Anschluss an Universitätsabteilungen für Allgemeinmedizin, wissenschaftliche MitarbeiterInnen und HochschullehrerInnen für Allgemeinmedizin sowie engagierte HausärztInnen, die den Kontakt zu den Universitätsabteilungen suchen und/oder die in ihrer Region in der hausärztlichen Fortbildung als Multiplikatoren, z.B. als Qualitätszirkel-ModeratorInnen tätig sind. Das Besondere dabei: Gesetzt sind seitens der DEGAM nur der Rahmen (fünf Wochenenden in zwei Jahren und Absolvierung eines einwöchigen Praktikums im Ausland) sowie die Methode des selbst organisierten Lernens. Es hat sich dabei gezeigt, dass die fast 100 bisherigen Teilnehmenden (davon ca. 40% Frauen) durch diese Kurse nicht nur die Möglichkeit hatten, neue theoretische und praktische Kompetenzen zu den geplanten Themen zu erwerben; vielmehr konnten sie in einem interaktiven Lernprozess das Programm selbst mitgestalten. Für viele der Teilnehmenden erschlossen sich ganz neue Perspektiven hinsichtlich einer Zusammenarbeit in oder mit der universitären Allgemeinmedizin [1–5].

Gerade die Methode des lernerzentrierten, selbst organisierten Lernens bringt es mit sich, dass kein Kurs wie der andere ist – es hängt total von den Teilnehmenden ab,

  • an welchen Wochenenden der Kurs stattfindet,
  • wo er durchgeführt wird,
  • wie die fünf gesetzten Oberthemen konkret inhaltlich gefüllt werden und
  • welche didaktischen Methoden dabei benutzt und zugleich durch ihre Anwendung gelernt werden.

Einzig Frontalvorträge sollten gemieden werden – die Vorgabe „Interaktivität“ reflektiert die Grundsätze der DEGAM zu den Prinzipien hausärztlicher Fortbildung (http://degam.de/fortbildung/dokumente/DEGAM-Fortbildungspapier2009-Langversion-Hintergrund-Papier.pdf).

Der Professionalisierungskurs für akademisch interessierte AllgemeinmedizinerInnen soll

  • HausärztInnen den Weg zum „reflective practitioner“ in Anbindung an eine universitäre Abteilung bahnen – oder auch ohne eine solche im freien Austausch mit selbstständig denkenden KollegInnen,
  • interessierten AllgemeinärztInnen die Möglichkeit geben, für eine effektive universitäre Arbeit relevante Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen zu erwerben,
  • zusätzliche Kompetenzen für die universitäre Allgemeinmedizin in Deutschland mobilisieren, indem die Teilnehmenden ihre neuen Ideen und Kenntnisse in ihre Universitäten zurücktragen und dort als Katalysator wirken,
  • die Kommunikations- und Kooperationskultur der akademischen Allgemeinmedizin fördern und
  • exemplarisch neue Formen der Förderung des Hochschullehrer-Nachwuchses erproben.

Da es nicht nur um die Vermittlung von faktischem Wissen, sondern auch um das Lernen von Fertigkeiten und die Bearbeitung von Einstellungen geht, sollen innerhalb der Gruppe gerade auch lebendige Interaktionsprozesse gefördert werden. Eine dauerhafte Trennung von Lehrenden und Lernenden ist nicht vorgesehen; jede/r Teilnehmende soll in einer gleichzeitig stimulierenden und evaluierenden Umgebung Lernen und Lehren weiterentwickeln [6]. Die dezentrale Struktur des Programms (Rotation zwischen Universitäten) soll den unterschiedlichen Kompetenzen von bislang „frei schwebenden“ Praktikern sowie unterschiedlicher Hochschulen/Abteilungen Rechnung tragen. Die Wochenendblöcke sind der Projektzwischenauswertung, dem thematischen Austausch und der weiteren Vorgehensplanung vorbehalten. Die eigentliche Arbeit findet in Form von „Hausaufgaben“ zwischen den Treffen statt. Natürlich ist auch hier ein Austausch, z.B. in Form von Telefonaten, Videokonferenzen, E-Mail oder über die eigene Kurshomepage möglich. Zur Vorbereitung der Treffen und zur Bearbeitung einzelner Aufgabenpunkte werden Teams, meistens vor dem Hintergrund der geografischen Nähe, gebildet.

Eine besondere – trotz oder wegen der sehr unterschiedlichen Zielvorstellungen und Ergebniserwartungen [7] – zumeist produktive Spannung ergibt sich aus dem Aufeinandertreffen „normaler HausärztInnen“ (die mehr als die Hälfte der bisherigen Teilnehmenden ausmachen) mit Mitgliedern aus dem universitären Elfenbeinturm, von Frauen mit Männern, Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschen, KollegInnen aus Stadt und Land, Älteren und Jüngeren.

Der geschützte Rahmen einer Gruppe, die sich an fünf Wochenenden und bei den regional organisierten Aufgaben in Kleingruppen in den Zeiten zwischen den Treffen recht gut kennenlernen kann, ermöglicht es, Lernerfahrungen zu machen, die man/frau sich außerhalb eines solchen Rahmens möglicherweise nicht zutrauen würde. Alle können sich blamieren; die Rollen der Organisierenden, Referierenden, Anleitenden, Moderierenden, Protokollierenden und Feedback-Gebenden gehen reihum.

Ein wesentliches weiteres Ziel der DEGAM für diesen Kurs ist es, neben der mit der Teilnahme nahezu unweigerlich einhergehenden akademischen Professionalisierung der Teilnehmenden, eine bundesweite Vernetzung zu fördern. Aus den bisherigen fünf abgeschlossenen Professionalisierungskursen sind bislang zehn allgemeinmedizinische ProfessorInnen hervorgegangen.

Das Auslandspraktikum hat den Sinn, Hausarzt-Medizin auch aus einer anderen als der deutschen Perspektive zu sehen. Dies sollte vorzugsweise in universitären Abteilungen von Ländern mit einer gut etablierten Allgemeinmedizin stattfinden (z.B. Großbritannien, Niederlande, Skandinavien) und dem Studium eines zuvor individuell festgelegten Aspektes akademischer Allgemeinmedizin dienen. Aufbau und Funktion einer universitären Abteilung, Weiterbildungsprogramme, Weiterbildung in der Praxis, Initiativen zum Faculty Development etc. sind als Themen vorstellbar [siehe z.B. 8–15]. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden in verschiedenen Formen in den Diskussionsprozess der Gruppe eingebracht. Die Mindestdauer des Praktikums beträgt eine Woche.

Obligatorische Zugangsvoraussetzungen für den Kurs sind die abgeschlossene oder fortgeschrittene Weiterbildung für Allgemeinmedizin, die Tätigkeit als Lehrarzt/-ärztin oder Lehrbeauftragte/r für Allgemeinmedizin bzw. Anstellung an einer Universitätsabteilung oder eine Tätigkeit in der hausärztlichen Fortbildung z.B. als Qualitätszirkel-ModeratorIn sowie die Mitgliedschaft in der DEGAM. Sollte die Zahl der BewerberInnen die Zahl der Plätze (18) übersteigen, wird ein Auswahlverfahren durchgeführt.

Die Kurse werden von den Teilnehmenden selbst organisiert und bezahlt. Die Teilnahmegebühr für den gesamten Kurs beträgt 400 Euro pro Person. Diese werden ausschließlich und vollständig für den Kurs verwendet; die Gruppe entscheidet selbst über die Verwendung. Kosten für Anreise, Übernachtung und ggf. Praxisvertreter tragen die Teilnehmenden selbst, vielfach unterstützen aber die „entsendenden“ Universitätsabteilungen dabei.

15 TeilnehmerInnen aus 11 Universitäten bilden den aktuellen 6. „Profi-Kurs“ 2010–2012, 10 Frauen und 5 Männer [16, 17]. Mit- und füreinander werden die Wochenendseminare organisiert und mit Inhalten gefüllt; die zuständigen Landesärztekammern vergeben jeweils bis zu 14 CME-Punkte. Fünf Wochenenden stehen (wie auch in den Vorgängerkursen) unter den Überschriften Lehre, Forschung, Qualitätsmanagement, Versorgung in der Praxis und Gedeihen an der Hochschule. Diese Themen haben sich über die Kurse hinweg bewährt und bieten den verschiedenen Teilnehmergruppen die Möglichkeit, ihre unterschiedlichen Kompetenzen einzubringen.

Am Ende seines 2-Jahres-Turns übergibt der 6. Profi-Kurs auf dem DEGAM-Jahreskongress 2012 in Rostock den Staffelstab an den nächsten Kurs. Dazu wird ein Workshop als Starthilfe für den nächsten Kurs zum ersten Kennenlernen, für Erfahrungsberichte nebst „Tipps zu Stolperfallen“ sowie zur Organisation der nächsten Treffen angeboten werden.

Weitere Informationen zum Profi-Kurs auf der DEGAM-Homepage über:

www.degam.de/fileadmin/user_upload/degam/Fortbildung/Professionalisierungs-Kurs/ Professionalisierungskurs_der_ DEGAM_final.pdf

Auf inhaltliche Rückfragen zum Profi-Kurs freuen sich die Teilnehmenden des laufenden Kurses:

www. degam.de/

professionalisierungskurs sechs/

Bewerbungen zur Teilnahme am 7. Professionalisierungskurs der DEGAM bitte bis zum 31.05.2012 an Prof. Stefan Wilm (Stefan.Wilm@ uni-wh.de) mit dem Bewerbungsformular:

www.degam.de/fileadmin/user_upload/degam/Fortbildung/Professionalisierungs-Kurs/ Anmeldeformular_ 7_Professionalisierungskurs.pdf

Interessenkonflikte: Alle Autoren sind Absolventen der Professionalisierungskurse der DEGAM.

Korrespondenzadresse

Prof. Dr. med. Stefan Wilm

Universität Witten/Herdecke

Alfred-Herrhausen-Straße 50

58448 Witten

Tel.: 02302 926-743

Fax: 02302 926-745

E-Mail: Stefan.Wilm@uni-wh.de

Literatur

1. Romberg HP. Allgemeinmedizin: Professionalisierung nach kanadischem Vorbild. Dtsch Arztebl 2002; 99: A1733

2. Herrmann M, Lichte T, Gulich M, Wächtler H, Donner-Banzhoff N. Akademische Professionalisierung (in) der Allgemeinmedizin. Erfahrungen, Bewertungen, Ausblick. Z Allg Med 2003;79: 609–12

3. Donner-Banzhoff N, Wilm S. Prof-Kurs und Mehr – Internationale Nachwuchsförderung in der universitären Allgemeinmedizin. Z Allg Med 2007; 83: 200–1

4. Schmiemann G, Klement A. „Empowerment“ für Hausärzte – Bericht vom 5. Professionalisierungskurs der DEGAM. Z Allg Med 2008; 84: 148

5. Klement A, Schmiemann G. „Darf es noch etwas Professionelles sein?“ Der 5. Professionalisierungskurs der DEGAM sucht seine Nachfolger. Z Allg Med 2010; 86: 167

6. Herrmann M, Lichte T, von Unger H, Gulich M, Waechtler H, Donner-Banzhoff N, Wilm S. Faculty development in general practice in Germany: Experiences, evaluations, perspectives. Medical Teacher 2007; 29: 219–24

7. Grundke S, Becker MT, Braun K, Claus S, Frenzen A, Hummel J, Jakasovic C, Klement A, Ruhl HG, Schmiemann G, Schnell U, Stein A. Erfahrungen im 5. Professionalisierungs-Kurs der DEGAM: eine qualitative Studie. Z Allg Med 2012; 88: 30–6

8. Schmittdiel L. Die Gehörlosenambulanz des Landeskrankenhauses in Salzburg – Allgemeinmedizinische Betreuung in Gebärdensprache. Z Allg Med 2003; 79: 200–1

9. Hensler S. Allgemeinmedizin in Italien – Einblicke bei einem Auslandspraktikum. Z Allg Med 2005; 81: 503–6

10. Donner-Banzhoff N, von Luckner A, Wilm S. Großbritannien – Moderne Formen der Fortbildung. Dtsch Arztebl 2005; 102: A818–9

11. Egidi G. Hausarzt-Medizin in Dänemark – ein Bericht aus dem Professionalisierungskurs der DEGAM. Z Allg Med 2006; 82: 11–7

12. Levin C. Allgemeinmedizin in Estland 2006. Z Allg Med 2007; 83: 16–9

13. Schmiemann G, Cakiroglu N. Bericht über eine einwöchige Hospitation in einer walisischen Hausarztpraxis. Z Allg Med 2009; 85: 119–22

14. Claus S. Oh Holy Toledo. Erfahrungen über das amerikanische Aus- und Weiterbildungssystem an der Allgemeinmedizinischen Abteilung der Universität von Toledo. Z Allg Med 2009; 85: 425–9

15. Schnell U. V. Professionalisierungs-Kurs der DEGAM – Bericht über ein zweiwöchiges Auslandspraktikum im Kosovo. Z Allg Med 2011; 87: 427–31

16. Jendyk R, Voigt K, Bergmann A, Wilm S. Postervorstellung des Professionalisierungskurses der DEGAM im Rahmen des DKVF 2011 – Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Allgemeinmedizin [abstract]. www.egms.de/static/en/meetings/dkvf2011/11dkvf177.shtml (Zugriff 15.1.2012)

17. Der 6. Professionalisierungskurs der DEGAM stellt sich vor. Z Allg Med 2011; 87: 304

1 Hausarzt in Bremen, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin Universitätsmedizin Göttingen, Vorsitzender der Akademie für hausärztliche Fortbildung Bremen

2 niedergelassen als Arzt für Allgemeinmedizin in Weyarn

3 Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Philipps-Universität Marburg

4 Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Universität Witten/Herdecke

DOI 10.3238/zfa.2012.0157–0159


(Stand: 24.04.2012)

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