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Auf der Suche nach der verlorenen Kunst des Heilens

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Vera Kalitzkus

„Psychosomatische Medizin beginnt mit der Entdeckung, dass die Krise der Medizin eine Krise ihrer Philosophie ist, die dem Arzt einseitige Modelle und Konzepte für seine Empirie vorschreibt“, schrieb Thure von Uexküll [2001], bekannt als Nestor der psychosomatischen Medizin. Die Begrenzung liegt für ihn im Dualismus der vorherrschenden Medizin und ihrer Vorstellung vom menschlichen Körper als „triviale Maschine“, die nach einem einfachen Ursache-Wirkungs-Schema behandelbar sei. Dies führte seiner Ansicht nach zu einer „Heilkunst für Körper ohne Seelen und Seelen ohne Körper“. Von Uexküll (1908–2004) setzte sich in seinem Lebenswerk dafür ein, diesen Dualismus mithilfe eines theoretischen Modells zu überwinden. Die Herausgeber haben in einem Sammelband ein breites Spektrum von Beiträgen zusammengefasst, um das Modell der Integrierten Medizin von Uexkülls in Theorie und Praxis zu vermitteln. Die 20 Autorinnen und Autoren arbeiten in ihrer medizinischen Praxis seit langem nach dem Konzept der Integrierten Medizin. Sie sind in den unterschiedlichsten medizinischen Disziplinen beheimatet: von der Allgemeinmedizin über die Chirurgie bis hin zur Psychotherapie. Mit ihren Beiträgen bieten sie „Bausteine“, die helfen sollen, die verlorene Kunst des Heilens wiederzufinden.

Im Modell der Integrierten Medizin greift von Uexküll auf drei theoretische Säulen zurück: den Konstruktivismus, die Systemtheorie und die Semiotik. Aus diesen leiten sich die zentralen Kernideen der Integrierten Medizin ab: 1. Die Wirklichkeit ist ein Konstrukt, das sich nur vermittels eigener Vorstellungen und Theorien wahrnehmen lässt. 2. Jedes lebende System besteht aus Subsystemen und ist selbst wiederum in Systeme höherer Ordnung eingebunden. Es muss sich mit seiner Umwelt austauschen, um sich ein lebensförderliches Umfeld zu schaffen. Dieser Prozess des „In-Passung-Kommens“ findet von der zellulären bis hin zur gesellschaftlichen Ebene statt. 3. Misslingt die Passung zwischen Organismus und Umwelt resultiert daraus eine Störung. Krankheit ist im Modell der Integrierten Medizin demnach „Störung bzw. Verlust der Passung des komplexen Ineinandergreifens von Leistungen des Organismus und Gegenleistungen der Umwelt“ – so die Herausgeber [S. 20].

Was folgt daraus für das ärztliche Handeln? Aufgabe des Arztes ist es, die Passungsstörung des Patienten, die in seiner Erkrankung zum Ausdruck kommt, zu erkennen und ihm bei der Überwindung derselben zu helfen. Dies geht nur durch Kommunikation, um die Sichtweise des anderen erfassen zu können und so eine gemeinsame Wirklichkeit zwischen Arzt und Patient zu erschaffen. Es verlangt, sich auf Gefühle (auch die eigenen) und die existenziellen Nöte der Patienten einzulassen. Integrierte Medizin ist demnach Beziehungsmedizin. Ärzte und Therapeuten müssen sich auch ihrer eigenen Wirklichkeitskonstruktion, also ihrer „Interpretanten der Wirklichkeit“ bewusst werden. Dazu zählen medizinische Theorien, die eigene Sozialisation und lebensgeschichtlich geprägte Anschauungen und Erfahrungen.

Für diesen komplexen Reflexionsprozess hat von Uexküll das Instrument der Reflektierten Kasuistik entwickelt – ein Modell zur kollegialen Fallbesprechung, das viele Gemeinsamkeiten mit dem Konzept der Balint-Gruppen aufweist. Es beschränkt sich aber nicht auf die Bearbeitung von affektiven Störungen zwischen Arzt und Patient, sondern hilft beim Dechiffrieren der Passungsstörung, in dem es auf das (unbewusste) kognitive Wissen aller Beteiligten rekurriert. Darüber hinaus bietet das Modell der Integrierten Medizin auch die „Grundlage für eine grundsätzliche Kritik am einseitigen Evidenzbegriff der modernen medizinischen Forschung“ – betonen die Herausgeber.

Das Buch hat fünf thematische Blöcke. Der Band beginnt mit einem medizinhistorischen Aufsatz von Wulf Bertram, der den Kontext von Entstehung und Entwicklung der Integrierten Medizin nachzeichnet. Der zweite Teil besteht aus Originaltexten von Uexkülls, die unterschiedliche Aspekte seines Modells der Integrierten Medizin erläutern. Über sie lässt sich die theoretische Fundierung des Ansatzes eindrücklich nachvollziehen. Im dritten Teil vertiefen Schüler von Uexkülls verschiedene theoretische Aspekte und setzen damit die Entwicklung des Modells fort. Im vierten Teil werden theoretische Aspekte der Integrierten Medizin auf ihre Anwendung in unterschiedlichen Praxisfeldern untersucht. Verdeutlicht werden soll damit „[d]er Weg der Theorie der Integrierten Medizin in die ärztliche Praxis“ [S. 177], etwa in Bezug auf das Phänomen von Placebo-Effekten oder die Behandlungsmöglichkeiten somatoformer Störungen. Im fünften Teil werden Umsetzungsbeispiele aus Chirurgie, Onkologie, Innerer Medizin und – mit zwei Beiträgen – der hausärztlichen Medizin gegeben.

Die Autoren haben damit nicht nur ein Buch geschaffen, welches das Konzept der Integrierten Medizin sehr gut darstellt, sondern auch deren „Praxis“ deutlich macht. In die besondere Sprache, die in der Semiotik und Zeichentheorie verankert ist, wird man sich eindenken müssen. Doch die zunächst ungewohnten Begrifflichkeiten können auch gut helfen, die herkömmliche Sichtweise auf das eigene Tun zu verändern. Die im Buch dargestellten Praxisbeispiele sprechen dafür, dass sich diese Auseinandersetzung lohnt.

Bernd Hontschik, Wulf Bertram, Werner Geigges (Hrsg.)

Auf der Suche nach der verlorenen Kunst des Heilens

Bausteine der integrierten Medizin

Schriftenreihe der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin. Schattauer Verlag, Stuttgart 2013

363 Seiten, 5 Abb., 4 Tab.

ISBN 978–3–7954–2893–6

D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR

Korrespondenzadresse

Dr. disc. pol. Vera Kalitzkus

Institut für Allgemeinmedizin

Universität Düsseldorf

Moorenstraße 5

40225 Düsseldorf

vera.kalitzkus@med.uni-duesseldorf.de


(Stand: 16.04.2013)

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