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Warum die DEGAM-Benefits häufig auf englischsprachigen Originalarbeiten beruhen – ein Ausflug in die Wissenschaftsgeschichte

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Immer wieder fragen Kolleg/innen, warum ich bei den Referaten über neue wissenschaftliche Erkenntnisse häufig auf englisch- und viel seltener auf deutschsprachige Publikationen zurückgreife (aus meiner Sicht müsste es heißen „zurückgreifen muss ...“). Um das kurz zu erläutern, möchte ich Ihnen heute einen kleinen Ausflug anbieten – in die Entstehung der Benefits und in die jüngere Geschichte.

Zur Grundlage der Benefits. Zurzeit screene ich 55 Zeitschriften auf hausärztlich relevante Inhalte. Ich nutze das Wort screenen mit Bedacht, weil auch der Fleißigste aus dieser Materialfülle nur einen kleinen Anteil lesen kann. Allerdings muss man täglich am Ball bleiben, sonst gerät man unweigerlich in einen nicht mehr aufzuholenden Rückstand. (Anmerkung für die (wenigen) Kolleg/innen, die mich gelegentlich mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ anschreiben, weil sie hinter den Benefits vielleicht einen Stab von Mitarbeitern vermuten: Auswahl, Lektüre und Schreibarbeit mache ich ohne fremde Hilfe).

Von den o.g. 55 Journalen sind 46 englischsprachig und neun deutschsprachig. Die getroffene Auswahl (die sich im Laufe der Zeit ändern kann) ist natürlich subjektiv, beruht aber auf langer Erfahrung, wo das ergiebigste Angebot für die Zielgruppe der Hausärzt/innen zu finden ist. Auf diesem Weg erlebt man durchgängig, dass wichtige Neuerungen fast ausschließlich in englischsprachigen Zeitschriften veröffentlicht werden.

Durch die in allen Universitäten praktizierte, nichtsdestoweniger unsinnige, Bewertung wissenschaftlicher Qualität durch sog. Impact-Faktoren werden auch deutschsprachige Autoren dazu gezwungen, ihre Arbeiten bevorzugt englischsprachig zu veröffentlichen. Unsinnig u.a. deswegen, weil Impact-Faktoren

  • von vielen unwissenschaftlichen Einflussgrößen (z.B. der Auflagenhöhe, die in den USA i.d.R. höher ist als in einem anderen Land) abhängen und
  • für die Beurteilung von Zeitschriften, aber nicht von einzelnen Forschern geschaffen wurden.

Noch Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts war die internationale Wissenschaftssprache Deutsch und für jeden akademisch orientierten Arzt war es fast obligat, zumindest eine kurze Zeit an deutschen Universitäten zu arbeiten und auf Deutsch zu publizieren. Bis 1933 …

Nach der sog. „Machtergreifung der Nationalsozialisten“ (die NSDAP hat die Macht nicht ergriffen, sondern wurde bei den Reichstagswahlen 1930 zur stärksten deutschen Partei gewählt) wurden nicht nur praktizierende jüdische Kollegen, sondern auch zwei Generationen jüdischer Wissenschaftler drangsaliert, vertrieben oder ermordet. Etlichen, insbesondere den politisch bewussteren unter ihnen, gelang – auf z.T. abenteuerlichen Wegen – die rechtzeitige Flucht aus Deutschland, vor allem in die USA und nach Großbritannien.

Dort entstand eine neue Publikations- und Lesekultur – in englischer Sprache, der neuen „lingua franca“ (nicht nur) der Wissenschaft. Inzwischen gehört die regelmäßige Lektüre von wissenschaftlichen Zeitschriften zum Alltag der Aus-, Weiter- und Fortbildung in den angelsächsischen Ländern. Zum Beispiel ist dort keinem Medizinstudenten das Journal of the American Medical Association (JAMA), das New England Journal of Medicine oder das British Medical Journal fremd, gehören sie doch zum „Inventar“ des Studiums im jeweiligen Land. Ähnliches kann man – selbst im Hinblick auf deutschsprachige Zeitschriften – für Österreich, die Schweiz oder Deutschland nicht gerade behaupten.

An dieser Stelle will ich an einem Beispiel noch kurz daran erinnern, dass es einigen wenigen der geflohenen Wissenschaftler gelang, den Plänen der neuen Machthaber zuvor zu kommen: Ende März 1933 (rund zwei Monate nach Ernennung Hitlers zum Reichskanzler) kehrte Albert Einstein mit seiner Frau Elsa von einer Gastprofessur in den USA nach Deutschland zurück. Hier erfuhr er, dass sein Haus in Berlin von den Nazis verwüstet worden war. Er nahm den nächsten Zug nach Antwerpen, ging auf das deutsche Konsulat und gab seine Staatsbürgerschaft zurück. Gleichzeitig trat er aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften aus. Am 17. Oktober 2013 jährt es sich zum 80sten Mal: Einstein traf auf dem Dampfschiff „Westerland“ im Hafen von New York ein und nahm (im Alter von 55 Jahren und elf Jahre nach Verleihung des Nobelpreises) einen Ruf an die University of Princeton an.

Laut der Webseite seiner Heimatstadt Ulm benannten die dortigen Nationalsozialisten 1933 die ursprünglich nach Einstein benannte Straße in „Fichtestraße“ um. Als im Juli 1945 die Fichte- wieder in Einsteinstraße zurückbenannt wurde, kommentierte Einstein ein Jahr später: „Die drollige Geschichte mit dem Straßennamen ist mir seinerzeit zur Kenntnis gekommen und hat mich nicht wenig amüsiert. Ob sich seither in der Sache etwas geändert hat, ist mir unbekannt und noch mehr, wann eventuell sich die nächste Änderung vollziehen wird; ich weiß aber meine Neugier zu zügeln“. Er empfahl für den Straßennamen eine neutrale Bezeichnung: „z.B. Windfahnenstraße ...“

Der Ulmer Gemeinderat schlug dann im März 1949 vor, Einstein anlässlich seines 70. Geburtstags die Ulmer Ehrenbürger-Würde zu verleihen. Daraufhin ließ dieser mitteilen, dass ihm die Annahme einer solchen Ehrung im Hinblick auf die unter dem Nationalsozialismus in Deutschland begangenen Verbrechen unmöglich sei. In einem Brief an den neuen Oberbürgermeister Theodor Pfitzer dankte Einstein für die Übersendung einer Broschüre über die Feierstunde mit den diplomatischen Worten: „Wir leben ja in einer Zeit tragischer und verwirrender Ereignisse, so dass man sich doppelt freut über jedes Zeichen humaner Gesinnung“.

Albert Einstein 1921

Foto: Wikipedia/Ferdinand Schmutzer


(Stand: 16.04.2013)

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