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Ansichten einer frischgebackenen Ärztin

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Claudia Ley

Erinnern Sie sich noch an dieses Gefühl? Diese Süße, diese beflügelnde Leichtigkeit, die das Herz jubilieren lässt, während der Brustkorb bzw. Thorax vor machtvollem Stolz zu zerspringen droht? So ungefähr sieht das Innenleben einer jungen, unverbrauchten Ärztin just nach Vollendung ihres langen, mühevollen Studiums heute in Deutschland aus. Die Betonung liegt auf „just“, wie Sie sich vielleicht schon denken konnten. Nicht, weil ich mittlerweile etwa in die unerbittliche Mühle des kräftezehrenden beruflichen Alltags geraten wäre, nein, allein 2 Wochen Dolce Vita ohne jegliche Anforderungen, Lernstrukturen, Prüfungspanik oder fiesen IMPP-Fragen haben meinen rosaroten Blick bereits getrübt.

Ich befinde mich in dem berühmten Loch, in das wohl so mancher gestresste Examenskandidat nach dem ersehnten Tag X schon geraten ist: Ein Leben ohne Lernen, Verzweifeln, dumpfem Brüten über Altprotokollen, die einem die eigene Unzulänglichkeit noch deutlicher vor Augen führen und zu höchsten Ausdauerleistungen beim Pauken von jedem noch so nebensächlichen Detail antreiben – wie geht das noch mal? Wie habe ich in meinen schlaflosen Nächten davon geträumt meinen völlig überlasteten Schreibtisch von der erdrückenden medizinischen Fachliteratur zu befreien, alte Aufschriebe, Tabellen und Karteikärtchen liebevoll zu zerknüllen, aus dem Fenster in ein extra für diesen Zweck ausgehobenes Erdloch zu werfen und anschließend die Nachbarschaft und meine Eltern mit einem riesigen Freudenfeuer zu beglücken! Jetzt ödet mich die ungewohnt leere Tischfläche an. Die Bücher sind keineswegs verschwunden, denn trotz Aushang an der Uni und Schnäppchen-Angebot bei ebay will sie einfach keiner mehr haben, ich übrigens auch nicht. Der Ästhetik wegen habe ich sie im Kleiderschrank vergraben. Aus den Augen, aus dem Sinn, ein altbewährtes Prinzip, das offensichtlich nicht nur in Liebesangelegenheiten weiterhilft.

Auf Versicherungsanfragen, Beratungsangebote und Seminareinladungen zum Thema Berufsstart habe ich angesichts meiner Stellenzusage im hiesigen Kreiskrankenhaus, wo ich aber erst in 4 Monaten erwartet werde, auch keinen Bock. Sie erleiden also das gleiche Schicksal wie die Bücher. Sorry, in 8–12 Wochen seht ihr vielleicht wieder Tageslicht – falls ich mich dann noch eurer bzw. eures Aufenthaltsortes entsinne …

Auf diese Weise von sämtlichen lästigen Problemen befreit, kann ich mich jetzt voll und ganz dem widmen, was da so verlockend vor mir liegt: das pralle, volle Leben! Ich fordere Kompensation für all die Entbehrungen des letzten halben Jahres! Ich verbringe zum ersten Mal in meinem Leben eine Nacht voller feuchtfröhlicher Feierlaune in einem überfüllten Bierzelt des Cannstatter Wasen und messe mich mit trinkfesten pseudobayrischen Lederhosenträgern. Danach muss ich zunächst 7 Tage Pause einlegen, um eine weitere unvergessliche Partynacht in meiner neuen alten Heimat Freiburg durchzustehen (zusammen mit zwei Kollegen, die mir schon einige Dienstjährchen voraushaben). Immerhin, ärztliches Arbeiten und abendliches Feiern scheint sich nicht gegenseitig auszuschließen und ich beschließe, beide Tätigkeiten in Zukunft parallel zu verwirklichen. Allerdings erst nach einer kleinen Auszeit – die ich momentan nicht nur mit Partygängen füllen kann, man ist schließlich nicht mehr die Jüngste und erschreckend erwachsen und vernünftig.

Wie aber die restliche freie Zeit füllen (ohne den Kleiderschrank schon wieder zu öffnen)? Vielleicht mit dem Verfassen meiner Memoiren – im Alter drohen schließlich demenzbedingte Ausfälle und größer werdende Erinnerungslücken. Also schreibe ich jetzt, frisch von der Leber weg und aus dem Bauch heraus – und hoffe, dass sich der ein oder andere Leser für die Ansichten und Gedanken einer jungen, frischgebackenen Ärztin, just zu Beginn ihrer beruflichen Karriere, interessiert!

Korrespondenzadresse

Dr. med. Claudia Ley

Im Saal 18

77955 Ettenheim

leyclaudia@gmx.de


(Stand: 16.04.2013)

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