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„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“

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W. Niebling, Francis Picabia

Wie kaum ein Zweiter hat der französische Maler und Literat Francis Picabia (1879–1953) im Laufe seines künstlerischen Schaffens einen oft geradezu radikalen Stilwechsel vollzogen. Waren seine frühen Werke vom Impressionismus und den Fauves beeinflusst, wandte er sich später dem Kubismus und zuletzt dem Surrealismus und der Abstraktion zu. Mit seinem berühmt gewordenen Aphorismus verlangte er den Betrachtern seiner Kunst einen ständigen Wechsel in der Sichtweise und Deutung seiner Kunstwerke ab.

Strömungen sowie Entwicklungen und gerade gegenläufige Kräfte aufzunehmen, um dann deren Richtung zu ändern, dies hat sich der in Hamburg geborene Philosoph Thomas Pogge zum Ziel gesetzt. Er ist Professor für Philosophie an der altehrwürdigen Universität von Yale und Direktor des Global Justice Program. Berühmt geworden ist er mit seinen Publikationen über Weltarmut und Gesundheitsökonomie. Pogge verlangt radikale gesellschaftliche Änderungen, um zu erreichen, dass nicht wie bisher

  • 50.000 Menschen täglich an armutsbedingten Krankheiten sterben,
  • 40 % der Menschen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag ihr Auskommen finden müssen und
  • zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu Medikamenten haben.

Um dies zu ändern, müssten die reichsten Länder ihren Lebensstandard um ein Prozent absenken ... und es müssten völlig neue Wege in der Produktion und Distribution von Arzneimitteln begangen werden. Verwirklicht werden soll letzteres durch die Einrichtung eines Health Impact Fund (HIF).

Dem jetzigen System der Pharmaindustrie, Forschung und Entwicklung von Arzneimittel darauf zu fokussieren, ein Patent zu erlangen und über viele Jahre dafür „Monopolpreise“ (in den Industriestaaten) zu erzielen, will Pogge1 ein zweites Anreizsystem zur Seite stellen:

  • ein pharmazeutischer Unternehmer meldet sein neu entwickeltes Medikament freiwillig beim HIF an,
  • er sichert zu, es weltweit zum niedrigst möglichen Preis anzubieten und
  • nach nur zehn Jahren zum generischen Vertrieb freizugeben.

Während dieser 10 Jahre erhält der pharmazeutische Unternehmer eine Prämie, deren Höhe abhängig von den Gesundheitsauswirkungen des jeweiligen Medikamentes ist.

Dies würde bewirken, dass auch arme Menschen Zugang zu neu entwickelten Medikamenten bekämen und es gäbe einen starken Anreiz für die Pharmaindustrie Medikamente mit einem größtmöglichen gesundheitlichen Nutzen zu entwickeln. Zudem würden Marketingkosten entfallen.

Dafür müsste der Prämientopf mit annähernd fünf Milliarden Euro pro Jahr gefüllt werden, das entspricht etwa 0,6 % der weltweiten Ausgaben für Arzneimittel. Die reichen Länder müssten also überzeugt werden, Forschungs- und Entwicklungsleistungen nicht mit Patenten zu honorieren, von deren Nutzung arme Länder ausgeschlossen sind. Pogge ist überzeugt, dass sein System auch auf andere Bereiche wie etwa Ernährung und Umweltschutz übertragbar ist.

Ist es die globale Formel für Wohlstand, Glück und Gesundheit oder sind es Phantasmen eines Philosophen im akademischen Wolkenkuckucksheim?

Wie Gesundheitsauswirkungen eines Medikamentes valide zu messen sind, dürfte wohl nur eines von vielen Problemen bei der Umsetzung von Pogges Idee eines Health Impact Fund sein. Er findet jedoch zunehmend Gehör, so vor dem US-Kongress, der EU in Brüssel und sogar der Pharmaindustrie ... hoffentlich alles Menschen, deren Köpfe rund sind.

Herzlich Ihr

W. Niebling

1 www.equilibri.net/nuovo/articolo/health-impact-fund-mechanism-improve-access-innovation-and-delivery-medicines (letzter Zugriff am 04.04.2014)


(Stand: 11.05.2015)

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