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Entwicklung und Struktur der hausärztlichen Fortbildung in Baden–Württemberg

(Selektivverträge nach § 73b SGB V)

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Zusammenfassung

Der Gesetzgeber hat in § 73b SGB V festgelegt, dass Krankenkassen ihren Versicherten eine besondere hausärztliche Versorgung (hausarztzentrierte Versorgung) anbieten müssen. Dabei ist sicherzustellen, dass die hausarztzentrierte Versorgung Anforderungen genügt, die über die vom Gemeinsamen Bundesausschuss sowie in den Bundesmantelverträgen geregelten Anforderungen an die bisherige hausärztliche Versorgung hinausgehen:

  • 1. Teilnahme der Hausärzte an strukturierten Qualitätszirkeln zur Arzneimitteltherapie unter Leitung entsprechend geschulter Moderatoren
  • 2. Behandlung nach für die hausärztliche Versorgung entwickelten, evidenzbasierten, praxiserprobten Leitlinien
  • 3. Erfüllung der Fortbildungspflicht nach § 95d durch Teilnahme an Fortbildungen, die sich auf hausarzttypische Behandlungsprobleme konzentrieren, wie patientenzentrierte Gesprächsführung, psychosomatische Grundversorgung, Palliativmedizin, allgemeine Schmerztherapie, Geriatrie
  • 4. Einführung eines einrichtungsinternen, auf die besonderen Bedingungen einer Hausarztpraxis zugeschnittenen, indikatorengestützten und wissenschaftlich anerkannten Qualitätsmanagements

Der Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Hausärzteverbandes hat unter diesen Prämissen ein Fortbildungskonzept für Hausärztinnen und Hausärzte entwickelt, das eine strukturierte, an hausärztlichen Themen orientierte Fortbildung bietet. Weitere Aspekte sind eine evidenzbasierte, patientenorientierte Fortbildung ohne Beteiligung fachfremder Referenten oder der Pharmaindustrie. Das Prinzip besteht in der Fortbildung von Hausärzten für Hausärzte, das inzwischen flächendeckend in Baden-Württemberg (BaWü) angeboten wird.

Fortbildungskommission

Die Fortbildungsstrukturen und die Fortbildungsinhalte mussten neu überdacht und selbstbestimmt von Hausärzten für Hausärzte festgelegt werden. An die Stelle einer unstrukturierten, an hausärztlichen Themen armen und unkoordinierten Fortbildung galt es, eine strukturierte an hausärztlichen Themen orientierte und koordinierte Fortbildung zu setzen. Dazu wurde die Fortbildungskommission Allgemeinmedizin gegründet, deren Mitglieder das gesamte hausärztliche Spektrum abdecken. In dieser Kommission vertreten sind die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), das KompetenzZentrum Allgemeinmedizin Baden-Württemberg, das Institut für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband (IhF) sowie der Landesverband BaWü des Deutschen Hausärzteverbandes.

Die Aufgaben der Fortbildungskommission sind:

  • Festlegung von Struktur und Inhalten der Qualitätszirkel zur Arzneimitteltherapie,
  • Auswahl für die hausärztliche Versorgung entwickelter, evidenzbasierter, praxiserprobter Leitlinien,
  • Zulassung auf hausarzttypische Behandlungsprobleme konzentrierter Fortbildungsinhalte, insbesondere zur patientenzentrierten Gesprächsführung, psychosomatischen Grundversorgung, Palliativmedizin, allgemeinen Schmerztherapie, Geriatrie und Pädiatrie,
  • Auswahl hausarztspezifischer Indikatoren für das einrichtungsinterne, auf die besonderen Bedingungen einer Hausarztpraxis zugeschnittene indikatorengestützte und wissenschaftlich anerkannte Qualitätsmanagement-System,
  • Festlegung der Möglichkeiten zur Erfüllung der Psychosomatik-Qualifikation innerhalb der HZV-Verträge,
  • Festlegung der konkreten Aufgaben der Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis (VERAH®),
  • Festlegung von Struktur und Inhalten der Fortbildung im Bereich der Geriatrie.

Strukturierte Qualitätszirkel zur Arzneimitteltherapie

Einmal pro Quartal finden Qualitätszirkelsitzungen statt, die sich mit arztindividuellen Verordnungsanalysen und neutraler Arzneimittelinformation im Sinne eines peer review auseinandersetzen. Die arztindividuellen Daten werden vom Göttinger AQUA-Institut geliefert, das wiederum seine Rohdaten von der AOK Baden-Württemberg erhält. Zur Qualitätszirkelarbeit gehört jedoch auch die Diskussion über die von der Fortbildungskommission bestimmten Leitlinien. Selbstverständlich werden auch sämtliche hausarzttypischen Behandlungsprobleme berücksichtigt. Es haben sich über 300 Qualitätszirkel gebildet, die von speziell geschulten, hausärztlichen Moderatoren geleitet werden. Diese Moderatoren können zusätzlich einmal pro Quartal an einem vorbereitenden Supervisionstreffen teilnehmen, auf dem auch die Inhalte und die Präsentation des jeweils nächsten Themas diskutiert werden. Die Moderatoren werden für ihre Qualitätszirkelarbeit finanziell entschädigt.

Stammtische

Die Stammtische entstanden in den 1990er Jahren in Südbaden und wurden dann flächendeckend in Baden-Württemberg eingeführt. Die Bezeichnung „Stammtisch“ ist historisch zu verstehen, auf ihnen gibt es kein Freibier. Angeboten wird zuerst ein von der Fortbildungskommission Allgemeinmedizin freigegebenes medizinisches Thema, anschließend folgen Informationen zur HZV und zur Berufspolitik. Die medizinischen Referenten rekrutieren sich aus den Bereichen der DEGAM, des IhF und den Lehrbereichen der Universitäten.

Im Jahre 2013 wurden 150 solcher Stammtischveranstaltungen durchgeführt. Jedes Quartal erreichen wir zwischen 1.500 und 2.000 Ärzte von Angesicht zu Angesicht. Dies sind immer Frontalveranstaltungen, die durchschnittlich von 50 Kolleginnen und Kollegen besucht werden.

Die für Hausärzte als wichtig erachteten Leitlinien (Tabelle) werden über Qualitätszirkel und Stammtische vermittelt. Im Jahre 2014 ist zusätzlich geplant, die S1-Handlungsempfehlungen der DEGAM flächendeckend über die Stammtische und den jährlich stattfindenden Hausärztetag in Stuttgart anzubieten.

Baden-Württembergischer Hausärztetag in Stuttgart

Der seit zwölf Jahren jährlich stattfindende, zweitägige Hausärztetag in Stuttgart bietet nochmals ein breites Fortbildungsangebot mit unterschiedlichen Formaten an. Damit werden regelmäßig zwischen 200 und 300 Kolleginnen und Kollegen erreicht – und auch Medizinische Fachangestellte (MFA), für die besondere Fortbildungsveranstaltungen angeboten werden.

Institut für hausärztliche Fortbildung (IhF)

Aufgabe des IhF ist die Sicherung der hausärztlichen Kompetenz durch das Angebot einer strukturierten und auf die hausärztliche Praxis zugeschnittenen Fortbildung. Dies ist nicht zuletzt für die Diskussionen mit Politik, Kostenträgern und wissenschaftlichen Sachverständigenräten notwendig. Auch muss verhindert werden, dass Fragen der Qualitätssicherung instrumentalisiert werden, um Honorare zu drücken, Leistungsmengen zu reduzieren oder ganze Arztgruppen von Versorgungsbereichen auszuschließen.

Das IhF hat im Auftrag des Verbandes Mini-Module für die Qualitätszirkelarbeit entwickelt. Es bietet aber auch den jährlichen IhF-Kongress in Mannheim mit vielen Themen in verschiedenen Fortbildungsformaten an. Zusätzlich finden flächendeckend die IhF-Kompakttage (KLASSIK und FORTE) mit jeweils 80 bis 120 Teilnehmern statt, auf denen u.a. auch die Fortbildungsverpflichtungen der Disease Management Programme (DMP) erfüllt werden können.

Tage der Allgemeinmedizin

In enger Kooperation mit der Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung in Heidelberg bzw. dem Lehrbereich Allgemeinmedizin in Freiburg stärken wir die Motivation der Kollegen zum Besuch der industrieunabhängigen Tage der Allgemeinmedizin, die das Spektrum der Fortbildungsformate in Baden-Württemberg erweitern und bereichern.

Zeitschrift für Allgemeinmedizin (ZFA) und DEGAM

Alle an der HZV in BaWü teilnehmende Ärztinnen und Ärzte erhalten zweimal pro Jahr ein Freiexemplar der ZFA, auch wenn sie nicht DEGAM-Mitglied sind. Dies hat die ZFA und die DEGAM bekannter gemacht. Die schon vorher hohe Anzahl baden-württembergischer DEGAM-Mitglieder ist in den letzten Jahren überproportional angestiegen.

Fortbildungsangebote für Medizinische Fachangestellte (MFAs)/VERAHs

Seit 2006 bietet der Hausärzteverband Schulungen für MFAs an, insgesamt wurden bereits über 10.000 MFAs rund um die Hausarztverträge von MFA-Referentinnen geschult. Aufgrund des ständig umfangreicher werdenden Aufgabengebiets wurde das Angebot für MFAs in den letzten Jahren ständig erweitert. Seit 2011 gibt es MFA Qualitätszirkel sowie die Hotline von MFAs für MFAs. Seit März 2013 werden auch Workshops für MFAs angeboten.

MFA Schulung

  • HZV Einsteigerschulung: In dieser Schulung werden die Themen Arzteinschreibung, Patienteneinschreibung und Grundlagen der Abrechnung vermittelt. Die Schulung ist speziell zugeschnitten für MFAs aus Praxen, die neu mit der Umsetzung der HZV-Verträge beginnen, auf MFAs, die in eine HZV-Praxis wechseln, oder auch für Auszubildende.
  • Refresher-Seminar: In dem Refresher-Seminar werden die Themen Patienteneinschreibung, Vergütung und Abrechnung sowie die Versorgungssteuerungsmodule behandelt. Dieses Seminar ist besonders geeignet für MFAs, die die HZV-Verträge in der Praxis bereits umsetzen.

MFA Qualitätszirkel

Seit dem vierten Quartal 2011 werden Qualitätszirkel (QZs) für MFAs angeboten, in denen sich einmal pro Quartal eine Gruppe von 10–20 MFAs trifft. Die QZs werden von einer Moderatorin geleitet, die jedes Quartal in der sogenannten Supervision von Fachreferenten z.B. in Zusammenarbeit mit der DEGAM, zu verschiedenen Themen geschult wird. In den QZs wird dem immer gleichen Teilnehmerkreis jeweils ein HZV-Thema (z.B. Umgang mit dem Risikorechner arriba) sowie ein medizinisches Thema (z.B. Impfen) vorgestellt. Daneben bleibt genug Raum um sich zu aktuellen Themen oder Schwierigkeiten in der Praxis unter Kolleginnen auszutauschen. Derzeit finden in Baden-Württemberg 32 Qualitätszirkel für MFA statt.

MFA Workshop

Um den individuellen Bedarf der MFAs aus HZV-Praxen noch besser abdecken zu können, wurde Anfang 2013 ein Workshop-Baukasten mit insgesamt sechs Modulen entwickelt. Hier werden Themen angeboten, die sowohl für Praxen, die neu mit der HZV beginnen, interessant sind, wie z.B. das Modul „Patienteneinschreibung“, als auch Themen für Fortgeschrittene, wie z.B. das Modul „Besonderheiten der HZV Abrechnung“. Hier wird MFAs die Möglichkeit geboten, in diesen Bereichen ihr Wissen gezielt zu vertiefen. In kleinen Gruppen werden zu den jeweiligen Themen Instrumente gemeinsam erarbeitet, die die MFAs im Praxisalltag bei der Umsetzung der HZV-Verträge unterstützen können.

MFA Hotline

Mit der „Hotline von MFAs für MFAs“ wird eine Plattform zu gezielter Information und Austausch angeboten. Die Hotline ist mit erfahrenen MFAs besetzt, die selbst in einer HZV-Praxis tätig sind und zusätzlich regelmäßig zu aktuellen Themen rund um die Hausarztverträge geschult werden. Über diese Hotline sollen Fragen beantwortet werden, die sich aus dem täglichen Praxisalltag ergeben und nicht während der laufenden Sprechstunde abgehandelt werden können bzw. einen intensiveren Beratungsbedarf benötigen. Die Erreichbarkeitszeiten sind bewusst so gewählt, dass die MFAs außerhalb der Sprechstundenzeiten und mit ein wenig Zeit anrufen können.

Zur Person

Markus Common

ist Arzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzender des Bezirks Südbaden im Landesverband.

Tabelle Übersicht über die Leitlinien in der HZV in Baden-Württemberg seit 2009


(Stand: 11.05.2015)

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