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Gegenwärtige Vergangenheit

DOI: 10.1055/s-2007-980194

Gegenwärtige Vergangenheit

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Editorial 177 Gegenwärtige Vergangenheit …zu Besuch in Dresden, dem wiedergeborenen Elb?orenz. Die Semperoper, die barocke Pracht des Zwingers, das unvergleichliche Panorama mit Hofkirche, der Brühlschen Terrasse, Sekundogenitur und der in alter Pracht neu erstandenen Frauenkirche. Davor, einem romantischem Gemälde gleich die Flusslandschaft des Dresdner Elbtals, - noch UNESCO- Weltkulturerbe. Und dann im Deutschen Hygiene- Museum am Lingnerplatz: Die Sonderausstellung „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus“(bis 24. Juni 2007). „Vor dem Hintergrund seiner eigenen Geschichte als Institution, die während des Nationalsozialismus die rassenhygienischen Programme vorbehaltlos unterstützt und propagiert hatte“, so in der Presseinformation zu lesen, wurde die Übernahme einer Ausstellung des United States Holocaust Memorial Museum (Washington D. C.) initiiert. Es ist das erste Mal, dass diese weltweit bedeutende Institution zur Dokumentation und Erforschung des Holocaust eine seiner Ausstellungen (Originaltitel: „Deadly Medicine. Creating the Master Race“) außerhalb Nordamerikas präsentiert. Nachgezeichnet wird der Weg ausgehend von den wissenschaftlichen (internationalen) Prinzipien der Eugenik Anfang des 20. Jahrhunderts zur Umsetzung und Perversion dieser Ideen in der NS- Gesundheits- und Rassenpolitik, endend in grauenhaften und mit mörderischer Präzision geplanten „Programmen“ wie den Massensterilisierungen oder den in der Berliner Tiergartenstrasse 4 beschlossenen, als „Gnadentod“ bezeichneten Mordaktionen in sechs dafür eingerichteten „Euthanasiezentren“ (Operation T- 4). Die bei diesen Verbrechen gesammelten „Erfahrungen“ lieferten schließlich die Grundlagen für das alle menschliche Vorstellungskraft übersteigende ?nale Inferno, die Massentötung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen und anderen „minderwertigen Untermenschen“ durch Giftgas. Die Ausstellung lenkt, - eher unspektakulär- den Blick auf die Täter: Wissenschaftler, Ärzte, Gesundheitsbeamte oder P?egepersonal, ohne deren aktives Mitwirken das mörderische Räderwerk nicht hätte funktionieren können. Karl Brandt, der ranghöchste NS- Mediziner endete dafür 1948 in Landsberg am Galgen. Paul Nitsche, der in der Tötungsanstalt Sonnenstein in Pirna eine „Hungerkost“ eingeführt hatte, wurde 1948 in Dresden hingerichtet. Viele der Beteiligten jedoch konnten auch nach 1945 weitgehend unbehelligt ihre akademischen Karrieren fortsetzen, so Otmar von Verschuer als Leiter des Instituts für Humangenetik in Münster, Werner Catel als Ordinarius für Kinderheilkunde in Kiel oder Hermann Voss als Ordinarius für Anatomie in Jena. Die Atmosphäre der Ausstellung verdichtet sich in beklemmender Weise angesichts der Opfer: Großfotos von Kindern aus Tötungsanstalten, Filmsequenzen von psychiatrischen Patienten, lachend auf einem Holzkarren, mit dem sie zu einem Backsteinbau gebracht werden. Davor ein Auto, von dessen Auspuff Schläuche in das Gebäude führen. Fast am Ende der Ausstellung angelangt, entdecke ich auf einer Transportliste der Heil- und P?egeanstalt Emmendingen den Namen eines Mannes aus Neustadt im Schwarzwald, meinem Wohnort. Karl F. wurde hier am 11. Dezember 1890 geboren. Am 5.März 1940 wurde er zusammen mit 22 anderen Patienten in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Ulm gebracht. Dort angekommen, wurden sie angewiesen ihre Kleidung abzulegen, in einen „Duschraum“ geführt und mit Kohlenmonoxid ermordet. Wir betreuen viele Patienten dieses Namens in unserer Praxis,– gegenwärtige Vergangenheit. PS: Die Ausstellungsthematik ist nur scheinbar „historisch“, sie ist auch aktuelle Verp?ichtung zur grundlegenden ethischen Debatte drängender Fragen wie der gesellschaftlichen Anerkennung von Behinderten, der anwendungsorientierten Genforschung oder den Problemen der Sterbehilfe, um nur wenige zu nennen. Ihr W. Niebling Wilhelm Niebling Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2007-980194 Z Allg Med 2007; 83: 177 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. Wilhelm Niebling Facharzt für Allgemeinmedizin Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Schwarzwaldstraße 69 79822 Titisee-Neustadt wniebling@t-online.de Niebling W. Gegenwärtige Vergangenheit. Z Allg Med 2007; 83: 177


(Stand: 05.05.2007)

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