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Das praktische Jahr im Fach Allgemeinmedizin - Erste Ergebnisse und Erfahrungen an der Universität Frankfurt/Main

DOI: 10.1055/s-2008-1073145

Das praktische Jahr im Fach Allgemeinmedizin - Erste Ergebnisse und Erfahrungen an der Universität Frankfurt/Main

Originalarbeit 201 Das praktische Jahr im Fach Allgemeinmedizin – Erste Ergebnisse und Erfahrungen an der Universität Frankfurt/Main Four Month Internship in General Practice – Initial Results and Experiences at the University of Frankfurt Autoren Institute H. M. Schäfer1, P. W. Gündling1, 2, K. Gilbert1, M. Sennekamp1, E. Mesenholl-Strehler2, F. M. Gerlach1 1 2 Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt Europa Fachhochschule Fresenius, Idstein Schlüsselwörter praktisches Jahr Allgemeinmedizin Evaluation Key words Internship General Practice Evaluation Zusammenfassung & Hintergrund: Die Approbationsordnung für Ärzte von 2002 hat das Fach Allgemeinmedizin innerhalb des Medizinstudiums deutlich aufgewertet. Neben den P?ichttertialen des Praktischen Jahres (PJ) in Innerer Medizin und Chirurgie können Studierende wahlweise nun auch ein Tertial im Fach Allgemeinmedizin absolvieren. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist die Bewertung der ärztlichen Kompetenzen von Studierenden anhand einer Selbsteinschätzung (Selbstbild) sowie die studentische Einschätzung idealer hausärztlicher Kompetenzen (Idealbild) vor und nach dem PJ-Tertial Allgemeinmedizin. Methode: Eine Arbeitsgruppe erfahrener Lehrärzte/-innen und Mitarbeiter/-innen am Frankfurter Institut für Allgemeinmedizin hat ein Curriculum und eine Unterrichtsstruktur für das Praktische Jahr entwickelt, die mit Beginn des Wintersemesters 2006/2007 umgesetzt wurde. Jährlich stehen den Studierenden 15 Plätze in speziell ausgewählten allgemeinmedizinischen Lehrpraxen zur Verfügung. Neben der regulären Arbeitszeit in den Praxen treffen sich die Studierenden einmal wöchentlich zu einem Themen bezogenen Begleitseminar. Vor und nach dem allgemeinmedizinischen Tertial nehmen Studierende des PJ im Wahlfach Allgemeinmedizin an einer Evaluation mittels standardisierter Fragebögen teil. Ergebnisse: Die Auswertung der Evaluationsergebnisse von 20 Studierenden (Selbsteinschätzung) zeigt einen deutlich wahrgenommenen Zuwachs ärztlicher Kompetenzen während des PJ in fast allen Teilbereichen ärztlicher Tätigkeit. Haben sich die Untersuchten bereits zu Beginn des Tertials in den meisten Teilbereichen als weitgehend kompetent eingestuft, so geben sie am Ende des PJ eine weitere Verbesserung der eigenen Kompetenzen an. Auch die studentische Einschätzung des Idealbildes hausärztlicher Abstract & Background: The Medical Licensure Act of 2002 clearly upgraded the status of General Practice in medical degrees. In addition to obligatory four month internships in Internal Medicine and Surgery, students may now do an internship in General Practice. The aim of this study is to assess the medical competences of students in terms of self image, as well as the ideal competences of general practitioners in the view of the students, before and after the general practice internship. Method: A study group of experienced medical staff at the Frankfurt Institute for General Practice developed a curriculum and teaching structure for the internship and implemented it in the winter semester 2006/07. Overall, 15 places in selected general practices involved in medical teaching are available. In addition to regular practice work, the students attend a weekly seminar at which they discuss speci?c topics in more depth. Before and after the general practice internship, the students took part in an evaluation program using standardized questionnaires. Results: The analysis of the evaluation results of 20 students (self image) shows a clear increase in general practice competences over the period of the internship in most areas of medical practice. If the students view themselves as fairly competent in most areas at the beginning of the period, they still see improvement in their competences by the end. Furthermore – with only very few exceptions – the students’ assessment of the ideal in terms of general practice competences achieves optimal values. Conclusions: At the end of an internship at a general practice involved in medical teaching, students feel themselves to be substantially more competent than before. Students’ perception of themselves in self appraisals requires some objecti?cation. The in?uence of the questionnaire which was used should be clari?ed through fur- Peer reviewed article eingereicht: 10.03.2008 akzeptiert: 27.03.2008 Bibliogra?e DOI 10.1055/s-2008-1073145 Online-Publikation: 2008 Z Allg Med 2008; 84: 201–206 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York ISSN 1433-6251 Korrespondenzadresse Dr. H. M. Schäfer Universität Frankfurt Institut für Allgemeinmedizin Theodor-Stern-Kai 7 60590 Frankfurt schaefer@allgemeinmedizin. uni-frankfurt.de Schäfer HM et al. Das Praktische Jahr im Fach … Z Allg Med 2008; 84: 201–206 202 Originalarbeit Kompetenzen erreicht – bis auf ganz wenige Ausnahmen – Optimalwerte. Schlussfolgerung: Studierende fühlen sich nach Absolvierung eines PJ-Tertials in allgemeinmedizinischen Lehrpraxen deutlich kompetenter als vorher. Darüber hinaus wird ihr Idealbild hausärztlicher Kompetenzen anspruchsvoller. Die Selbsteinschätzung studentischer Kompetenzwahrnehmung bedarf einer Objektivierung. Der Stellenwert des verwendeten Fragebogeninstruments sollte durch weitere Untersuchungen geklärt werden. Die durchweg positive Bewertung durch die Studierenden kann als erster Erfolg des Frankfurter PJ-Konzeptes gewertet werden. ther research. The positive appraisal by the students is an indication of the success of the Frankfurt internship concept. Hintergrund & Die neue Approbationsordnung für Ärzte von 2002 ermöglicht erstmals, neben der Einführung eines Blockpraktikums in quali?zierten allgemeinmedizinischen Lehrpraxen, auch ein Tertial des Praktischen Jahres im Wahlfach Allgemeinmedizin abzuleisten [1]. Hierdurch wird das Fach erheblich aufgewertet. Auch unter den Studierenden äußert eine bedeutende Gruppe Interesse an einem Wahlfach Allgemeinmedizin im Rahmen des PJ [2]. Noch ist nicht an allen medizinischen Fakultäten Deutschlands die Durchführung des PJ-Tertials im Fach Allgemeinmedizin möglich. Dort wo es bereits angeboten wird, zeigen Studierende einen hohen Grad an Zufriedenheit [3, 4]. In der vorliegenden Arbeit wird die Implementierung des Praktischen Jahres im Fach Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt beschrieben und die Evaluationsergebnisse der Lehrveranstaltung durch die ersten 20 Studierenden dargestellt. torische Aufgaben, Management, Langzeitbetreuung, Akutbehandlung, Prävention, Familienmedizin und ärztliche Haltung. Während im Blockpraktikum bezüglich vieler Fähigkeiten und Fertigkeiten das Erreichen der Kompetenzebene 3 („bereits angewandt“) genügt, sollen PJ-Studierende des Faches Allgemeinmedizin zumeist die Ebene 4 erreichen („in deren Ausführung geübt“). Struktur und Ablauf des PJ Das Praktische Jahr im Wahlfach Allgemeinmedizin wird an der Universität Frankfurt bewusst nur für das 3. Tertial angeboten, sodass Kenntnisse aus den P?ichtfächern Innere Medizin und Chirurgie vorausgesetzt werden können. Die Studierenden arbeiten in Vollzeittätigkeit in ausgesuchten, durch Institut und Fachbereich Medizin akkreditierten Lehrpraxen sowohl im Frankfurter Stadtbereich als auch in der gesamten südhessischen (ländlichen) Umgebung. Einmal wöchentlich wird den PJ-Studierenden ein von erfahrenen Dozenten geleitetes, mehrstündiges interaktives Begleitseminar im Institut für Allgemeinmedizin angeboten. Das Themenspektrum umfasst: § Betreuung anhand von DEGAM-Leitlinien § Fälle aus der Familienmedizin § klinisch schwierige Fälle § Entscheidungs?ndung bei ethischen Problemen § Einüben von Prüfungsfällen und Prüfungssituation. Außerdem werden Übungen zu sog. „Soft skills“ wie: § Arztrolle § Ärztliche Gesprächsführung § und Balint-Gruppenarbeit durchgeführt. In weiteren Seminaren werden betriebswirtschaftliche Aspekte der Praxisführung und Wege zu einer Patientensicherheitskultur in der Allgemeinmedizin behandelt. So werden in der Praxis geübte und erfahrene Inhalte ausgetauscht und der Umgang mit ihnen optimiert. Darüber hinaus werden Aufgaben nach Art eines Portfolios gestellt, die während der Praxiszeit bearbeitet und mit dem Lehrarzt besprochen werden. In den PJ-Praxen betreuen die Studierenden täglich selbstständig eine gewisse Anzahl von Patienten, die sie nach Anamnese und Untersuchung ihren ärztlichen Lehrern mit Vorschlägen zu weiterem Procedere und Therapieoptionen vorstellen. Bei der Auswahl der Patienten wird konsequent auf das für eine Allgemeinarztpraxis typische Verhältnis von akut zu chronisch Kranken geachtet. Methode & Die Einführung des Praktischen Jahres an der Universität Frankfurt wurde bezüglich Umfang und Konzept der Lehrveranstaltung neben der inhaltlichen und strukturellen Gestaltung durch das Institut für Allgemeinmedizin auch von der Bereitstellung entsprechender Mittel für jährlich 15 PJ-Plätze durch das Dekanat ermöglicht1. Frankfurter Curriculum Allgemeinmedizin Seit 2005 hat eine Arbeitsgruppe erfahrener Lehrärzte/-innen und Mitarbeiter/-innen des Instituts für Allgemeinmedizin einen Lernzielkatalog für alle allgemeinmedizinischen Lehrveranstaltungen wie Vorlesung, Seminar, Blockpraktikum und praktisches Jahr entwickelt. Dazu wurden konkrete Lerninhalte und Lernziele als Charakteristika hausärztlicher Tätigkeit gesammelt und nach Themenkomplexen gegliedert. Diese Lernziele wurden für jede Lehrveranstaltung einer angestrebten Kompetenzebene in der Bewertung nach Miller [5] zugeordnet. Dieser de?niert Kompetenzebenen der Stufen 0–4. Das so entwickelte „Frankfurter Curriculum Allgemeinmedizin“ enthält die wichtigsten Elemente hausärztlicher Tätigkeit mit den Themenkomplexen: Anamneseerhebung und Gesprächsführung, Untersuchungs- und Behandlungstechniken, organisa- 1 Zur Durchführung des Praktischen Jahres in allgemeinmedizinischen Lehrpraxen stehen in Frankfurt am Main derzeit jährlich 36 000 € (15 Plätze × 2 400 €) zu Verfügung. Schäfer HM et al. Das Praktische Jahr im Fach … Z Allg Med 2008; 84: 201–206 Originalarbeit 203 Quali?zierung einer PJ-Praxis Quali?kationsvoraussetzung als Lehrpraxis für das Praktische Jahr ist die Akkreditierung als Lehrpraxis im Blockpraktikum mit den dafür geforderten Auswahl- und Qualitätskriterien. Darüber hinaus werden für PJ-Lehrpraxen weitere Merkmale gefordert wie: § gute Bewertungen der Lehrpraxis bei der Durchführung des Blockpraktikums, § Vorhandensein eines eigenen, für selbstständige Kontakte der Studierenden mit Patienten geeigneten Sprechzimmers (inkl. Praxis-EDV, Schreibtisch, Untersuchungsliege usw.), § organisatorische Eignung der Praxis für fallorientierte Besprechung, § selbstständige Übernahme von Aufgaben durch Studierende mit Supervision/Rückmeldung durch Lehrarzt oder Lehrärztin, § Gelegenheit und Anleitung zum Selbststudium, § Gewährleistung einer Praxispräsenzzeit der verantwortlichen Lehrkraft, § Literatur (Handbibliothek) und Internetzugang, § spezi?sche Vorbereitung auf den Unterricht sowie § regelmäßiger Erfahrungsaustausch und Re?exion im Institut für Allgemeinmedizin (Lehrqualitätszirkel, Treffen der PJÄrzte). Abb. 1 Bewertung von Basiskompetenzen (n = 20). Evaluation durch die PJ-Studierenden Zu Beginn und am Ende des PJ-Tertials Allgemeinmedizin erfolgt eine schriftliche Evaluation aller Studierenden, die das PJ-Tertial im Fach Allgemeinmedizin bis Anfang 2008 durchlaufen hatten (n = 20). Als Instrument wird ein speziell für allgemeinmedizinische Bedürfnisse weiterentwickelter Fragebogen aus der Universitätsklinik Heidelberg verwendet, der dort zur Selbstevaluation für das Tertial in Innerer Medizin entwickelt wurde. Dieser Fragebogen „Selbsteinschätzung zur ärztlichen Kompetenz, PJ-Tertial Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät Heidelberg“ [6] beabsichtigt die Bewertung von Kompetenzen in der Wahrnehmung eines „Selbstbildes“ und „Idealbildes“ einzelner Items aus 6 Teilbereichen ärztlicher Kompetenz vor und nach dem PJ. Der Fragebogen gliedert sich in Subdimensionen wie: § Basistechniken, Basiskompetenzen als Arzt § Indikation zu speziellen Untersuchungstechniken § Kompetenz in speziellen Untersuchungstechniken § Kommunikations- und Interaktionskompetenz § Team- und Organisationskompetenz sowie § Problemlösungs- und Entscheidungskompetenz. Zu allen Teilbereichen dieser Subdimensionen sollten die Studierenden des PJ-Tertials „Allgemeinmedizin“ differenzierte Angaben machen. Auf einer sechsstu?gen Likert-Skala (1 = „stimme überhaupt nicht zu“ bis 6 = „stimme vollkommen zu“) stufen sich die Probanden zu Beginn und am Ende des PJ im Hinblick auf die eigene Kompetenz (Selbstbild) und die vermutete ideale hausärztliche Kompetenz (Idealbild) ein. Zusätzlich erfolgte eine abschließende Evaluationsrunde, in der mündlich und schriftlich die Zufriedenheit mit Praxiszeit und Seminaren abgefragt wurde. Ergebnisse & Beschreibung der Stichprobe Bisher haben 20 Studierende das PJ-Tertial Allgemeinmedizin in Frankfurt absolviert und die Bewertungsbögen ausgefüllt. Das mittlere Alter der 12 weiblichen und 8 männlichen Studierenden betrug 29 Jahre und variierte von 25 bis 35 Jahren. Von den 20 Studierenden hatten 11 bereits vor dem Studium eine Ausbildung im Gesundheitswesen absolviert, knapp die Hälfte (9 von 20) der Studierenden gab an, einen näheren Verwandten mit medizinischer Berufsausbildung zu haben. Die Mehrheit der Befragten (14 von 20) ging während des Studiums einer Nebentätigkeit im medizinischen Bereich nach. Die Motivation zum Studium schätzten die Studierenden sowohl vor als auch nach dem PJ mehrheitlich als „hoch“ bis „sehr hoch“ ein. Die Überprüfung durch einen Vorzeichenrangtest ergab eine signi?kante Zunahme der Studienmotivation nach dem allgemeinärztlichen PJ-Teil (Z = ? 2,121, P = 0,034 bei zweiseitiger Fragestellung). Bewertung von Basiskompetenzen als Arzt ( Abb. 1) Ärztliche Basistechniken werden von den Untersuchten als wichtiger Bestandteil des Kompetenzpro?ls ausgebildeter Allgemeinärzte (Idealbild) eingeschätzt: Die Studierenden stimmen diesbezüglichen Aussagen schon vor dem Tertial Allgemeinmedizin „voll“ bzw. „überwiegend“ zu. Während Items wie „Kompressionsverbände anlegen“, „Blutabnahme“ und „Infusionen anlegen“ sowohl im Idealbild als auch in der Bewertung ihrer eigenen Kompetenzen (Selbstbild) „überwiegend“ oder „voll zutreffend“ eingestuft werden, beurteilen die Probanden ihre Fähigkeiten zur „Durchführung von Lungenfunktionsuntersuchung“, „rektale Untersuchung“ und „Indikation und Dokumentation von Impfungen“ im mittleren Bereich: („stimme eher zu“). Schäfer HM et al. Das Praktische Jahr im Fach … Z Allg Med 2008; 84: 201–206 204 Originalarbeit Abb. 2 Kenntniss Indikation und Kontraindikation spezieller Untersuchungstechniken (n = 20). Abb. 3 Kompetenzen in speziellen Untersuchungstechniken (n = 20). Abb. 4 Kommunikations- und Interaktionskompetenzen (n = 20). Ein Vergleich der Selbsteinschätzung (Selbstbild) hinsichtlich ärztlicher Basistechniken vor und nach dem PJ-Tertial Allgemeinmedizin ergibt mit dem Vorzeichen-Rangtest nach Wilcoxon signi?kante Unterschiede (p < 0,05) für alle Items mit Ausnahme der Einschätzung „Infusionen herrichten und anlegen“ und „Blutentnahme und Braunülen legen“. Allerdings ist für dieses Item kein weiterer Zuwachs an Kompetenz im PJ möglich, da die Studierenden ihre Kompetenz bereits vor dem PJ auf der höchsten Stufe ansiedeln (höchste Kompetenzstufe: „stimme voll zu“). Vergleicht man Selbst- und Idealbild vor und nach dem PJ-Tertial, so lässt sich nach Abschluss des PJ interessanterweise auch eine Steigerung des Idealbildes feststellen. Diese Tendenz ?ndet sich auch in anderen Teilbereichen des Fragebogens. Mit Abschluss des PJ-Tertials werden Selbstbild und Idealbild in der Kompetenz basisärztlicher Techniken von den Studierenden als weitgehend übereinstimmend wahrgenommen. des Abdomens, EKG (einschließlich Ergometrie und LangzeitEKG) in der Selbsteinschätzung nach dem PJ höher bewertet, als dies im Idealbild zu erwarten wäre. Kommunikations- und Interaktionskompetenzen ( Abb. 4) Ihre kommunikativen und interaktiven Kompetenzen im Umgang mit Patienten bewerten die Studierenden in allen Items nach dem PJ-Tertial Allgemeinmedizin höher als zu Beginn. Fühlten sie sich vor dem Tertial nur mäßig in der Lage („stimme eher zu“), Gespräche mit sensiblen und anspruchsvollen Patienten oder in psychosozial schwierigen Situationen zu führen, so bewerten sie sich am Ende des Tertials in diesen Bereichen als höchst kompetent („stimme voll zu“). Der Rangvorzeichentest nach Wilcoxon ist für den Vergleich des Selbstbildes vor und nach dem PJ-Tertial für alle Items dieser Teilskala signi?kant. Auch der Vergleich des Idealbildes vor und nach dem PJ-Tertial zeigt einen Zuwachs der Kompetenzbewertung. Besteht in der Einschätzung kommunikativer Fähigkeiten eine signi?kante Differenz von Selbstbild und Idealbild zwischen Beginn und Ende des PJ-Tertials, so sind beide Bewertungen hinsichtlich aller Items nach dem PJ-Tertial auf höherem Niveau deckungsgleich. Indikation zu speziellen Untersuchungstechniken ( Abb. 2) Kenntnisse von Indikationen und Kontraindikationen spezieller Untersuchungstechniken werden mit Ausnahme des „Herzechos“ schon vor dem PJ-Tertial als hoch („stimme überwiegend zu“) angegeben, können aber durch das PJ-Tertial noch erweitert werden und erreichen in allen Items am Ende des PJ Optimalwerte. Team- und Organisationskompetenzen ( Abb. 5) Kompetenz in speziellen Untersuchungstechniken ( Abb. 3) Eine Kompetenzerweiterung geben die Studierenden auch im Hinblick auf spezielle Untersuchungen in der Allgemeinmedizin an. Am Ende des PJ stufen sie ihre Kompetenz in der Durchführung psychometrischer Testverfahren sogar höher ein, als sie diese zu Beginn und am Ende des Tertials für das Idealbild angeben: Sie vergeben optimale Werte. Ebenso werden Sonogra?e Schäfer HM et al. Das Praktische Jahr im Fach … Z Allg Med 2008; 84: 201–206 Studierende schätzen ihre Fähigkeiten im Bereich der Team- und Organisationskompetenz vor dem PJ-Tertial Allgemeinmedizin unterschiedlich ein. Eigenverantwortliches Arbeiten und konstruktive Beiträge im Praxisalltag trauen sie sich eher zu als die praxistypische Handhabung selbstständiger Patientenversorgung und die Fähigkeit, organisatorische Praxisabläufe zu überblicken und zu strukturieren. Nach dem PJ-Tertial beurteilen sie diese Kompetenz in allen Teilbereichen deutlich höher. Originalarbeit 205 Diskussion & Insgesamt wird von den Studierenden während des Tertials Allgemeinmedizin ein deutlicher Kompetenzzuwachs in nahezu allen Items angegeben, ein signi?kanter Kompetenzzuwachs wurde für Basistechniken, Problemlösungs- und Entscheidungs?ndungskompetenz sowie kommunikative Fähigkeiten empfunden. Somit kann immerhin begründet vermutet werden, dass tatsächlich ein deutlicher Kompetenzzuwachs stattgefunden hat und das PJ-Tertial in der Allgemeinmedizin erfolgreich implementiert werden konnte. Die sehr guten Ergebnisse können einerseits Folge eines Bias sein, andererseits haben vorherige Abstimmung der Lernziele [7], viermonatiges 1:1-Teaching, unselektiertes Patientengut, sowie die hoch motivierten Lehrärzte und ausreichende ?nanzielle sowie personelle Rahmenbedingungen sicherlich zu dem positiven Ergebnis beigetragen. Die im Laufe des PJ-Tertials außerdem beobachtete anspruchsvollere Bewertung des Idealbildes kann durch eine detailliertere Einschätzung hausärztlicher Tätigkeit nach 4 Monaten PJ in einer Hausarztpraxis bedingt sein. Die Teilbereiche „Anwendung psychometrischer Testverfahren“ und „Bearbeitung von Fragestellungen nach Regeln der EBM“ erreichen dagegen als einzige Items in der Einschätzung des Selbst-, bzw. des Selbst- und Idealbildes suboptimale Werte. Dies weist darauf hin, dass beide Kompetenzen von den Studierenden als für Allgemeinärzte weniger wichtig angesehen werden. Eine mögliche Erklärung ist die mangelnde Sensibilisierung für diese Themen während des Studiums und sollte Anlass für eine Aufwertung im Rahmen der Ausbildung sein, zumal beide Inhalte in weiten Bereichen der zukünftig an Bedeutung gewinnen dürften. Die Motivation zum Studium hat während des Tertials Allgemeinmedizin signi?kant zugenommen. Da bisher kaum Instrumente zur Evaluation des PJ im Wahlfach Allgemeinmedizin zur Verfügung stehen, wurde ein an der Universitätsklinik Heidelberg entwickelter Bewertungsbogen für das Tertial in Innerer Medizin [6] angewandt, der dem allgemeinmedizinischen Tertial angepasst wurde. Dies muss bei der Bewertung der Ergebnisse berücksichtigt werden. Auch die Nutzung eines Instrumentes zur Selbsteinschätzung von Kompetenzzuwachs kann problematisch sein. Während manche Autoren über gute Erfahrungen mit der Selbsteinschätzung studentischer Kompetenz berichten [8], bezweifeln andere Autoren deren Wert [9, 10]. Studierende könnten nach ihrer Einschätzung ein Lernziel erreicht haben, das sie ja zuvor als Idealbild bewertet haben und das somit erwartet oder erwünscht wird. Weitere Untersuchungen sollten sich mit einer Prüfung der inneren Konsistenz bzw. Reliabilität des Fragebogeninstrumentes befassen und die sehr positive Bewertung der Lehrveranstaltung anhand größerer Fallzahlen überprüfen. Dabei könnten weitere statistisch signi?kante Ergebnisse gefunden werden und eine stärkere Gewichtung einzelner Themenbereiche erfolgen. Auch eine Untersuchung der Differenz zwischen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung (etwa durch eine OSCE-Prüfung) wäre eine interessante Fragestellung zur Klärung von Bias-Effekten [11]. Wünschenswert ist auch ein Abgleich mit den Ergebnissen der Staatsexamensprüfung M2 sowie im Vergleich mit Studierenden, die das dritte Tertial in einem anderen Bereich absolviert haben. Dies war jedoch aus technischen und datenschutzrechtlichen Gründen bisher nicht möglich. Abb. 5 Team- und Organisationskomptetenz (n = 20). Abb. 6 Problemlösungs- und Entscheidungskompetenzen (n = 20). Problemlösungs- und Entscheidungskompetenzen ( Abb. 6) Vor Beginn des PJ beurteilen Studierende ihre Problemlösungsund Entscheidungskompetenzen in der Allgemeinmedizin insgesamt eher als mittelmäßig („stimme teilweise zu“, „stimme eher zu“). Auch hier zeigt ein Vergleich des Selbstbildes nach dem PJ-Tertial für alle Items eine signi?kante Verbesserung der Einschätzung. Die unterschiedliche Wahrnehmung des Idealbildes vor und nach dem PJ-Tertial anhand des Vorzeichen-Rangtests nach Wilcoxon ist für alle Items signi?kant: Mit dem Kompetenzgewinn wird auch das Idealbild höher bewertet. Allein das Item „Fragestellungen nach den Regeln der EBM bearbeiten“ erfährt zwar vor und nach dem PJ-Tertial Allgemeinmedizin hinsichtlich Selbst- und Idealbild eine Verbesserung, ohne in beiden Einschätzungen den Optimalwert („stimme völlig zu“) zu erreichen. Zufriedenheit der Studierenden mit dem PJ-Tertial Allgemeinmedizin Die zur Weiterentwicklung des Konzeptes „PJ Allgemeinmedizin“ durchgeführte abschließende mündliche und schriftliche Evaluationsrunde (hier nicht gesondert dargestellt) ergab eine sehr hohe Zufriedenheit der Studierenden mit Praxiszeit und Seminaren: Sie vergaben im Durchschnitt die Schulnote 1,2. Schäfer HM et al. Das Praktische Jahr im Fach … Z Allg Med 2008; 84: 201–206 206 Originalarbeit Das Konzept aus Praxisteil und selbstständiger Patientenbetreuung mit Feedback durch den Lehrarzt [12] sowie vertiefendem Seminar mit Kommunikationstraining [13] und simuliertem Examen [13, 14] entspricht den in der aktuellen Literatur geforderten Ausbildungskonzepten zur Vorbereitung auf die Ärztliche Prüfung und die spätere Arztrolle [15]. Die Lehrveranstaltung „PJ Allgemeinmedizin“ wird von den Studierenden in den abschließenden mündlichen und schriftlichen Evaluationen als sehr gut bewertet. 10 Lauder W, Holland K, Roxburgh M, Topping K, Watson R, Johnson M, Porter M, Behr A. Measuring competence, self-reported competence and self-ef?cacy in pre-registration students. Nurs Stand 2008; 23–29; 22 (20): 35–43 11 Aaraas IJ, Holtedahl K, Anvik T, Bentzen N, Berg E, Fleten N, Hasvold T, Medbo A, Prydz P. Examination of ?nal year medical students in general practice. Scand J Prim Health Care 2007; 25 (4): 198–201 12 Donner-Banzhoff N. Was kann mein Student? – Frage der Beurteilung im Hausarztpraktikum/PJ. Z Allg Med 2008; 84: 67–68 13 Gude T, Vaglum P, Anvik T, Baerheim, et al. Observed communication skills: how do they relate to the consultation content? A nation-wide study of graduate medical students seeing a standardized patient for a ?rst-time consultation in a general practice setting. BMC Med Educ 2007; 7: 43 14 Khan KZ, Sear JW. A national online survey of ?nal year medical students’ opinion on the Medical Council’s proposed reforms to undergrade medical assessment system. Postgrad Med J 2007; 83 (983): 606–609 15 Nikendei C, Kraus B, Schrauth M, Briem S, Jünger J. Ward rounds: how prepared are future doctors? Med Teach 2008; 30 (1): 88–91 Interessenskon?ikte: keine angegeben. Literatur 1 Approbationsordnung für Ärzte vom 27.6.2002. Bundesgesetzblatt 2002. Teil 1 44: 2405–2435 2 Gulich M, Zeitler HP. Wahlfach Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr – ein Diskussionsbeitrag. Z Allg Med 1999; 75: 765–766 3 Baum E, Schmittdiel L, Simmenroth-Nayda A, Träder JM. Allgemeinmedizin im praktischen Jahr: Begeisterte Studenten – zurückhaltende Umsetzung. Dtsch Ärzteblatt 2007; 104 (34/35): A2333–A2334 4 Koetter T, Träder JM. Praktisches Jahr in der Allgemeinmedizin – Chancen für eine Patientenorientierte Ausbildung im Medizinstudium. Z Allg Med 2007; 83: 9–11 5 Miller GE. The assessment of clinical skills/competence/performance. Acad Med 1990; 65: 63–66 6 Jünger J, Schellberg D, Nikendei C. Subjektive Kompetenzeinschätzung von Studierenden und ihre Leistung im OSCE. GMS Z Med Ausbild 2006; 23 (3): Doc51 7 Gündling PW. Bewertung von Lernzielen für das PJ-Tertial Allgemeinmedizin. Ein interuniversitärer Vergleich von Studierenden und Lehrärzten. GMS Z Med Ausbild 2008; 25, (im Druck) 8 Lai NM, Sivalingam N, Ramesh JC. Medical students in their ?nal six months of training: process in self-perceived clinical competence and relationship between experience and con?dence in practical skills. Singapore Med J 2007; 48 (1): 118–127 9 Nikendei C, Kraus B, Schrauth M, Weyrich P, Zipfel S, Jünger J. An innovative model for ?nal-year student’s skills training course in internal medicine: ‘essentials from admission to discharge’. Med Teach 2006; 28 (7): 648–651 Zur Person Dr. med. Hans-Michael Schäfer, Seit 1990 niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Hofheim und Zingst, 1997–2007 Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an den Universitäten Frankfurt und Rostock, seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt (Direktor: Prof. Dr. F. M. Gerlach). Schäfer HM et al. Das Praktische Jahr im Fach … Z Allg Med 2008; 84: 201–206


(Stand: 05.05.2008)

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