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Kassenärztlicher Notdienst – Ansatz zur Identifikation der relevanten Beratungsanlässe am Beispiel des urologischen Gebiets

DOI: 10.3238/zfa.2009.0196

Markus Gulich, Hans-Peter Zeitler, Uta-Maria Waldmann

Schlüsselwörter: Fachübergreifender ambulanter Notdienst kassenärztlicher Notdienst Ausbildung Weiterbildung Fortbildung urologische Beratungsanlässe

Hintergrund: Jeder niedergelassene Arzt (und Ärztin) muss – unabhängig von seiner Weiterbildung – am kassenärztlichen Notdienst teilnehmen. Somit werden auch Spezialisten mit einem unausgelesenen Patientengut ähnlich einer Hausarztpraxis konfrontiert und müssen sich mit Beratungsanlässen, Diagnosen und Fertigkeiten aus Fachbereichen auseinandersetzen, die ihnen seit dem Studium nicht mehr begegnet sind.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, 1. zu evaluieren, ob das Delphi-Verfahren als Methode geeignet ist, relevante Beratungsanlässe, Diagnosen und Fertigkeiten (BDF) zu identifizieren, und 2. exemplarisch diese Identifikation der für den fachübergreifenden ambulanten Notdienst relevanten urologischen BDF durchzuführen.

Methoden: Zweistufiges Delphi-Verfahren zur Identifikation der relevanten BDF durch Experten: 20 notdienstlich tätige AllgemeinmedizinerInnen aus dem gesamten Bundesgebiet. 1. Stufe: unabhängige Auflistung der ihrer Meinung nach wichtigen BDF; Zusammenfassung und Strukturierung aller Antworten zu einem Bewertungsbogen durch Studienleitung. 2. Stufe: Bewertung der BDF durch Experten nach Wichtigkeit, Häufigkeit und „Bauchgefühl“.

Ergebnisse: Die 1. Runde des Delphi-Verfahrens brachte 23 Beratungsanlässe/Symptome, 34 urologische Diagnosen, 9 nicht urologische Diagnosen, 60 diagnostische und therapeutische Fertigkeiten. In der 2. Runde wurden von diesen 125 BDF 71 von über 75 % der Experten angenommen, 15 von über 75 % abgelehnt; 39 befinden sich in der Grauzone dazwischen.

Schlussfolgerungen: Das Delphi-Verfahren scheint eine geeignete Methode zu sein, um für den kassenärztlichen Notdienst relevante BDF identifizieren zu können. Es ließen sich sowohl fachspezifische urologische, aber auch allgemeine, für den Notdienst relevante BDF benennen. Durch eine solche Identifikation der relevanten Beratungsanlässe könnten diese zum einen explizit in die universitäre Ausbildung integriert, aber auch in der Weiterbildung der zukünftigen (niedergelassenen) Ärzte durch entsprechende Fortbildungsangebote thematisiert werden. Dies wäre ein wichtiger Schritt, um die fachübergreifende notdienstliche Versorgung für Ärzte und Patienten sicherer zu machen.

Einleitung

„Auch ein Pathologe muss Notdienste bei der Kassenärztlichen Vereinigung durchführen. Das BSG hat die Beschwerde eines 64 Jahre alten Facharztes gegen die Notdienstpflicht abgewiesen. Solange ein Mediziner in einer vertragsärztlichen Praxis beschäftigt ist, muss er auch die entsprechenden Pflichten übernehmen. Alter, Spezialisierung und selbst gesundheitliche Einschränkungen widersprechen dem nicht.“ [1]

So steht es in einem BSG-Urteil vom 06.02.2008 (Az: B 6 KA 13/06 R), welches auf eine eklatante Schwierigkeit in der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung hinweist, nämlich dass jeder niedergelassene Arzt auch ein Generalist sein muss, dies jedoch nicht struktu-riert gelehrt wird.

Jeder niedergelassene Arzt (und Ärztin) muss also – unabhängig von der Weiterbildung – am kassenärztlichen Notdienst teilnehmen. Somit werden auch Spezialisten mit einem unausgele-senen Patientengut ähnlich einer Hausarztpraxis und Beratungsanlässen aus Fachbereichen konfrontiert, die seit dem Studium nicht mehr thematisiert wurden. Die ambulante Medizin, welche eine essenzielle Rolle in der medizinischen Versorgung in Deutschland einnimmt, wird bei der universitären Ausbildung der Medizinstudierenden jedoch meist nicht ausreichend berücksichtigt: Die für die studentische Lehre verantwortlichen Universitätsabteilungen erleben meist Patienten mit schwereren fachspezifischen Krankheitsbildern und haben weniger Erfahrung darin, welche der ihrem Fach zugehörigen Beratungsanlässe im Notdienst relevant sind.

Die Weiterbildung konzentriert sich dann nur noch auf die in der entsprechenden Facharztweiterbildungsordnung genannten Inhalte – die Weiterbildungsberechtigten in den Kranken-hausabteilungen sind ebenfalls nicht in die ambulante Versorgung involviert und die Notwendigkeit einer auch fachübergreifenden Lehre wird nicht gesehen.

Bei der Notwendigkeit, DASS die (zukünftigen) niedergelassenen Ärzte auch für den fachübergreifenden Notdienst ausgebildet werden, stellt sich die Frage, WAS genau an Inhalten dazu gehört. Eine Literaturrecherche nach vorhandenen Daten zu dieser konkreten Fragestellung, nämlich den Beratungsanlässen, Diagnosen und Fertigkeiten, die für den kassenärztlichen Notdienst in Deutschland relevant sind, brachte jedoch keine verwertbaren Ergebnisse.

Ziel dieser Arbeit ist deshalb zum einen, das Delphi-Verfahren [2] als Methode zur Identifikation dieser für den kassenärztlichen Notdienst relevanten BDF zu evaluieren. Zum anderen soll diese Methode am Beispiel des urologischen Bereichs angewandt und konkrete Listen der entsprechenden urologischen BDF erstellt werden. (Die Urologie wurde ausgewählt, da es sich, im Vergleich z. B. zur Inneren Medizin, um ein überschaubares und relativ klar abgrenzbares Fach handelt und daher für dieses erste Projekt besonders geeignet ist – um eine vollständige Auflistung aller für den kassenärztlichen Notdienst relevanten BDF zu erhalten, soll dieses Verfahren, wenn es geeignet ist, dann auch für die anderen Fachbereiche durchgeführt werden.)

Methoden

Auswahl der Methodik

Da es sich hierbei nicht um eine objektive epidemiologische Studie handelt, in der Häufigkeiten eine zentrale Rolle spielen, sondern um die Abbildung der Versorgungsrealität des fachübergreifenden ambulanten Notdiensts in Deutschland, wie sie von notdiensterfahrenen ÄrztInnen erlebt wird, wurde die qualitative Forschungsmethode des Delphi-Verfahrens gewählt. Nähere Erläuterungen dieser Konsens-Methode mit ihren verschiedenen Schritten, aber auch ihren Einsatzmöglichkeiten, sind bei Jones und Hunter 1995 zu finden [2].

Delphi-Verfahren

Experten:

Als Experten wurden ÄrztInnen mit Erfahrung im fachübergreifenden ambulanten Notdienst in Deutschland nach der Wiedervereinigung 1989 definiert. Die Rekrutierung erfolgte über den Listserver Allgemeinmedizin, einem deutschlandweiten E-Mail-Diskussionsforum zu Fragen aus der Praxis, AllgemeinmedizinerInnen deshalb, da sie meist den kassenärztlichen Notdienst durchführen und über die entsprechende Erfahrung verfügen.

Die Samplingstrategie ist somit eine Freiwilligenstichprobe innerhalb einer vordefinierten Gruppe (Hausärzte mit KV-Diensterfahrung), also eine „stratified purposeful sampling“-Strategie.

Zielgröße der Anzahl der zu rekrutierenden Experten lag aufgrund bisheriger Erfahrung in qualitativer Forschung und Literaturangaben bei mindestens 10.

1. Runde:

Die Experten erhielten per E-Mail folgende Anweisung:

„Es geht bei dieser Befragung darum, dass Sie als Experten, also als diejenigen, die persönliche Erfahrung mit KV-Notdiensten haben, jene Beratungsanlässe, Diagnosen und Fertigkeiten aus dem Bereich der Urologie zusammenstellen, die Sie für häufig und/oder wichtig erachten, und die somit jeder Arzt, der KV-Notdienste ableistet, beherrschen sollte.“

Dabei wurde ihnen eine Gliederung nach „Beratungsanlässe und/oder Diagnosen“ und „Fertigkeiten“ nahegelegt.

Als Anregungen erhielten sie

Eine Zusammenstellung von Auszügen aus den Inhalten des Medizinstudiums bez. des Bereichs Urologie in Deutschland (aus dem IMPP-Gegenstandskatalog [5]) und den Blueprints aus der Schweiz [3] und den Niederlanden [4]

Eine Zusammenstellung der „Wichtigen Eckpunkte, die ‚Kernkompetenz’ in der Urologie darstellen“ von unserem Urologie-Lehrbeauftragten der Uni Ulm

Auszüge aus dem ICPC-2 (International Classification of Primary Care) bez. urologischer Themen

Zusammenstellung der Ergebnisse zu einer Gesamtliste:

Um die Gesamtliste zu erstellen, werden ALLE Antworten berücksichtigt:

  • Gruppierung gleicher/ähnlicher Vorschläge zu einzelnen Items
  • Zusammenfassung der Items unter weitere Oberbegriffe

Diese Zusammenstellung erfolgt zunächst durch einen Auswerter und wird dann mit den anderen auf Korrektheit überprüft.

Bewertungsbogen aus der Gesamtliste:

Hinter den nach Oberbegriffen gruppierten Items werden in zwei 4-stufigen Likertskalen die Bewertung nach Häufigkeit und Wichtigkeit abgefragt sowie eine dichotome Auswahl zu „Bauchgefühl: gehört dazu/eher nicht“.

2. Runde:

Die Gesamtliste mit allen gegebenen Antworten und den daraus resultierenden Items wird den Experten zurückgespiegelt und der Bewertungsbogen mit folgender Arbeitsanweisung zum Ausfüllen gegeben:

„Bitte bewerten Sie die einzelnen Items nach ihrer Häufigkeit und Wichtigkeit, außerdem nach ‚Bauchgefühl’, ob diese Items in eine Liste von Diagnosen und Fertigkeiten für den fachübergreifenden KV-Notdienst gehören, die von JEDEM niedergelassenen Arzt (also auch von Pathologen, Augenärzten etc.) beherrscht werden müssen.

Auswertung der Ergebnisse:

Das Hauptaugenmerk liegt auf der Bewertung „Bauchgefühl“. Items gelten als

  • angenommen, wenn über 75 % der Experten diese als „gehört dazu“ bewerten,
  • abgelehnt, wenn über 75 % der Experten diese als „eher nicht“ bewerten,
  • als „Grauzone“ eingestuft, wenn die Bewertung dazwischen liegt.

3. Runde:

In einem dritten Schritt werden diese Ergebnisse den Experten zurückgespiegelt zusammen mit etwaigen Kommentaren. Falls sich Änderungswünsche der ursprünglichen Bewertungen, weitere Aspekte oder Diskussionsbedarf ergeben, wird dann darauf eingegangen werden.

Ergebnisse

Experten und Rücklauf:

Von 24 primär interessierten AllgemeinmedizinerInnen beteiligten sich nach näheren Informationen über den inhaltlichen Ablauf und zeitlichen Aufwand 20 an der ersten Runde des Delphi-Verfahrens. An der 2. Runde nahmen noch 17 Experten teil:

  • einer Person war der Bewertungsbogen mit seinen 125 Items zu lang,
  • eine Person reagierte nicht auf wiederholte Kontaktversuche per E-Mail, Fax und Telefon (von ihr liegen auch keine kompletten deskriptiven Daten vor),
  • eine Person schickte einen widersprüchlichen Bogen zurück, ein klärendes Gespräch kam leider nicht zustande.

Deskriptive Daten der Experten:

Die Experten beantworteten einen Fragebogen zu verschiedenen soziodemographischen Bereichen (bei einem Experten liegt ein inkompletter Datensatz vor, siehe vorheriger Abschnitt), siehe Tabelle 1.

Ergebnisse 1. Runde:

Insgesamt konnten 125 Items identifiziert werden, die sich wie folgt verschiedenen Oberbegriffen zuordnen ließen:

  • 23 Beratungsanlässe/Symptome
  • 43 Diagnosen
  • 59 diagnostische und therapeutische Fertigkeiten

(Alle identifizierten Items – inklusive der Bewertungen aus der 2. Runde – sind in den Tabellen 2–5 dargestellt.)

Ergebnisse 2. Runde:

Die Bewertung der 125 Items nach „Bauchgefühl: gehört dazu“ und „gehört nicht dazu“ ergab folgende Ergebnisse:

  • 71 Items wurden von über 75 % der Experten angenommen, davon 24 mit 100 % Zustimmung,
  • 15 Items wurden von über 75 % der Experten abgelehnt;
  • 39 befinden sich in der Grauzone dazwischen.

Die einzelnen Items inklusive der Bewertungen nach „gehört dazu“ und „eher nicht“ sind in den Tabellen 2–5 nachzulesen, aufgeteilt nach „Beratungsanlässe und Symptome“ (Tab. 2), „Diagnosen“ (Tab. 3), „Diagnostische Fertigkeiten“ (Tab. 4) und „Fertigkeiten – weitere Maßnahmen“ (Tab. 5). In den einzelnen Tabellen wird auch noch mal unterschieden zwischen spezifisch urologischen und allgemeinen Items.

Eine Übersicht, wie viele Items in den einzelnen Bereichen angenommen, abgelehnt oder der Grauzone zugeordnet wurden, ist in Tabelle 6 aufgeführt.

Ergebnisse 3. Runde:

Nach Rückspiegelung der Ergebnisse der 2. Runde sowie von bis dahin abgegebenen Kommentaren bestand von Seiten der Experten her kein weiterer Diskussionsbedarf.

Diskussion

Methodenkritik

Delphi-Verfahren:

Im Delphi-Verfahren wurden 20 Experten befragt – und obwohl diese eine gewisse Repräsentativität haben bezüglich der Eigenschaften wie Arbeit im städtischen/ländlichen Bereich oder Notdiensterfahrung in 8 verschiedenen Bundesländern, ist es dennoch keine repräsentative Stichprobe im Sinne einer quantitativen Auswertung. Es handelt sich hier jedoch um eine qualitative Erhebung wie bei Jones und Hunter beschrieben [2], bei der eine solche Auswahl der Experten und auch die hier gewählte Anzahl üblich sind. Es geht ja darum, die für den ärztlichen Notdienst relevanten Beratungsanlässe, Diagnosen und Fertigkeiten (BDF) zu identifizieren, nicht zu quantifizieren. Dabei war es interessant, dass in der ersten Runde des Delphi-Verfahrens bereits nach 12 der 20 Rückmeldungen ein sehr hoher Sättigungsgrad erreicht war, also fast keine neuen BDF bei den Vorschlägen mehr dabei waren.

Notdienstsystem in Deutschland:

In Deutschland können alle niedergelassenen Ärzte verpflichtet werden, an dem durch die Kassenärztliche Vereinigung garantierten geregelten fächerübergreifenden ambulanten ärztlichen Notdienst (KV-Notdienst) teilzunehmen, also die Überbrückung der sprechstundenfreien Zeiten nachts, an Feiertagen und Wochenenden.

Der KV-Notdienst wird je nach Gebiet unterschiedlich gestaltet: so gibt es in manchen Großstädten spezielle Notfallpraxen und Fahrdienste, die von einer Zentrale aus gesteuert die Patientenanliegen und Hausbesuche koordinieren. In vielen ländlichen Gegenden übernehmen die niedergelassenen Ärzte unabhängig von ihrer Fachrichtung die Verantwortung für eine ganzes Dienstgebiet und versorgen die Patienten in ihren (gebietsärztlichen) Praxen und durch Hausbesuche.

Dabei gibt es bezüglich der Verwendung Begriffs „Notarzt“ vor allem auch bei manchen Patienten Unklarheiten, die damit den Arzt meinen, der zu ihnen kommt, wenn es ihnen am Wochenende schlecht geht. Dieser Begriff ist in vielen Gegenden jedoch für den Arzt im Rettungsdienst reserviert, also die spezialisierte Notfallmedizin, welche ausdrücklich nicht Thema dieser Fragestellung ist. Es geht hier auch nicht um eine umfassende hausärztliche Versorgung in der sprechstundenfreien Zeit, sondern lediglich darum, bei akuten Behandlungsanlässen notwendige Maßnahmen zu ergreifen, ggf. in ein Krankenhaus einzuweisen und ansonsten eine sichere Überbrückung zu gewährleisten, bis der Patient wieder zu seinem Hausarzt gehen kann.

Dabei muss der diensthabende Arzt die relevanten Beratungsanlässe, Dia-gnosen und Fertigkeiten aus den verschiedensten Fachrichtungen beherrschen – eine Definition, welche dazu gehören, ist aber nirgends zu finden. Die vorliegende Studie möchte diese Lücke am Beispiel des urologischen Bereichs schließen.

Beratungsanlässe, Diagnosen und Fertigkeiten (BDF):

In der ersten Runde des Delphi-Verfahrens zur Notdienstbeanspruchung bei urologischen Themen ließen sich insgesamt 125 Items identifizieren. Bei näherer Betrachtung fanden sich viele (47) der genannten Items als allgemeine Beratungsanlässe, Fertigkeiten bzw. Differenzialdiagnosen/-überlegungen wieder, welche teilweise auch zu anderen Fachbereichen gehören (z. B. „muskuloskeletale Differenzialdiagnosen“, „Wunden versorgen“) oder Basisfertigkeiten für den Notdienst darstellen (z. B. „Gefährliches von Ungefährlichem unterscheiden können, Erkennen von ,Red Flags’“, „Weiterbehandlung veranlassen“). Diese werden sicher auch dann auftauchen, wenn diese Erhebung (wie geplant) für andere Fächer durchgeführt wird.

Angenommene Items mit mehr als 75 % Zustimmung:

Bei der Bewertung der Items durch die Experten fiel auf, dass von den spezifisch urologischen Items (78), welche in der ersten Runde identifiziert werden konnten, letztendlich weniger als die Hälfte (32) als relevant erachtet wurden bei der Beurteilung, ob sie wirklich von jedem Arzt für den Notdienst beherrscht werden müssen. Angenommen wurde z. B. „Dysurie“, „Katheterprobleme“, „Urolithiasis“ oder „Palpation und Perkussion eines Blasenhochstands“, während z. B. „Kryptorchismus“, „Urin-Kultur“ oder „Sonografie der ableitenden Harnwege“ abgelehnt wurden. Dies zeigt auch noch einmal deutlich, dass es Unterschiede gibt zwischen den Dingen, die in der hausärztlichen Regelversorgung beherrscht werden müssen und den spezifisch für die Situation des Notdienstes relevanten BDFs.

Von den 47 allgemeinen BDF waren es über 80 % (39), die als dazugehörig definiert wurden: beispielhaft seien hier genannt „Akutes Abdomen“, „Unruhe bei kognitiv beeinträchtigtem Patient“, „Überwinden der Scheu zu untersuchen, zu inspizieren/zu palpieren“ und verschiedene Aspekte der „Antibiotika-Therapie“. Dies ist für die Umsetzung in die Praxis, also die Integration in Studium und Weiter-/Fortbildung, sehr positiv, wenn eine fundierte Ausbildung in Basiswissen und -fertigkeiten eine gute Grundlage für den Notdienst darstellt und nicht eine unüberschaubare Vielzahl an fachspezifischen Eigenheiten ein strukturiertes Herangehen zu einer nicht zu bewältigenden Aufgabe macht.

Abgelehnte Items mit mehr als 75 % Nein:

Um Items nicht leichtfertig abzulehnen, wurde auch für die Ablehnung die 75 %-Regelung angewandt. Es mussten sich also ¾ der Experten einig sein, dass ein Beratungsanlass, eine Diagnose oder eine Fertigkeit nicht von jedem notdienstleistenden Arzt beherrscht werden muss. Insgesamt wurden 15 der zunächst gesammelten 125 Items abgelehnt, wobei auch hier der überwiegende Anteil (13) aus dem fachspezifischen Bereich stammte (z. B. „Urethralkarunkel“, „Suprapubischen Katheter legen können“).

Items in der Grauzone mit zwischen 25 % und 75 % Zustimmung:

Die Grauzone, also die Items, welche weder abgelehnt noch angenommen wurden, ist durch die angewandten Definitionen für Zustimmung und Ablehnung per se sehr weit gefasst. Dies war beabsichtigt, denn es kann nicht möglich sein, mit einer Erhebung wie dieser eine Liste mit eindeutig anzunehmenden und abzulehnenden BDF zu erstellen, welche deutschlandweit Allgemeingültigkeit hat und keinerlei weiterer Diskussion bedarf. Insgesamt fallen 39 Items in diese Kategorie der Grauzone, wobei auch hier der überwiegende Anteil mit 33 aus den spezifisch urologischen Bereichen stammt.

Für eine genauere Auswahl sind auch die lokalen Gegebenheiten des KV-Notdienstes zu berücksichtigen: Fertigkeiten (z. B. „Suprapubischen Katheter wechseln können“), die auf dem Lande einem Patienten (und den Krankenkassen) weite Anfahrtszeiten zum nächsten Krankenhaus ersparen können, werden in größeren Städten mit guter Krankenhausanbindung oder teilweise sogar organisierten fachspezifischen Notdiensten nicht erforderlich sein.

Außerdem wurde hier nur die Sicht der Ärzte berücksichtigt, welche den ambulanten KV-Notdienst ableisten und später oftmals keine Rückmeldung zu den von ihnen behandelten Patienten bekommen. Erfahrungswerte aus urologischen Praxen und Krankenhausabteilungen oder Erhebungen zu Fehlern im Notdienst sind in diese Ergebnisse noch nicht eingeflossen – Daten, welche für eine umfassendere Bewertung der Relevanz der einzelnen BDF unumgänglich sind.

Umsetzung der Ergebnisse in die Praxis:

Ausbildung an den Universitäten

Da dies der Teil der medizinischen Ausbildung ist, die jeder angehende Arzt durchlaufen muss, ist das ein guter Zeitpunkt, auf diese Problematik des KV-Notdienstes hinzuweisen und den Studierenden bereits eine Grundlage für diese Aufgabe zu vermitteln.

In Ulm wurde schon zu Beginn der Studie Kontakt mit dem urologischen Lehrbeauftragten aufgenommen. Der Lernzielkatalog der Urologie wurde bereits mit den hier identifizierten Beratungsanlässen, Diagnosen und Fertigkeiten abgeglichen und eine weitere gemeinsame Umsetzung der Ergebnisse ist geplant.

Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin

Auch wenn Allgemeinmediziner per se eine breitere Weiterbildung haben (sollten) als andere Fachrichtungen, wäre hier ein guter Ansatzpunkt, diese Minimalanforderungen explizit zu formulieren und in die Weiterbildungsmaßnahmen zu integrieren. Weiterbildungsassistenten, die von dieser Delphi-Studie erfahren hatten, haben gleich größtes Interesse an solchen Daten bekundet, da sie sich in ihrer bisherigen Weiterbildung, die in vielen Bundesländern nur noch Allgemeinmedizin und Innere als Pflichtfächer vorschreibt, nicht genügend auf den Beruf vorbereitet fühlen.

Gebietsärztliche Weiterbildung

Wenn sich schon angehende Allgemeinmediziner nicht gut genug auf eine solche Aufgabe vorbereitet fühlen, dann müssten Weiterbildungsassistenten anderer Fachrichtungen erst recht Defizite haben. Vielen scheint jedoch noch nicht einmal bewusst zu sein, dass der fachübergreifende KV-Notdienst Teil einer Niederlassung sein kann. Hier strukturierte Fortbildungs-module anzubieten, könnte ein guter Ansatz sein: Hierzu müsste die KV in die Planung und Umsetzung eingebunden werden.

Fortbildung für Allgemeinmediziner

Niedergelassene Allgemeinmediziner, die an dieser Delphi-Studie als Experten teilgenommen haben, haben bereits Interesse bekundet, aus den Ergebnissen dieser Studie Fortbildungsinhalte für die Qualitätszirkelarbeit zu entwickeln. Entsprechende Strukturen für eine solche Umsetzung scheinen vorhanden zu sein.

Schlussfolgerung

In dieser Studie konnte gezeigt werden, dass das Delphi-Verfahren als Methode zur Identifizierung von für den fachübergreifenden ambulanten Notdienst relevanten Beratungsanlässen, Diagnosen und Fertigkeiten (BDF) geeignet ist.

Die hier für den urlogischen Bereich beschriebenen Ergebnisse beinhalten zum einen viele fachübergreifende allgemeine BDF, welche eine Grundlage der ärztlichen Tätigkeit darstellen, aber auch viele fachspezifische Items. Viele Items befinden sich in der „Grauzone“ und bedürfen weiterer Diskussion und Anpassung an die lokalen Gegebenheiten: Je nach Einsatz dieser Daten in der Aus-, Weiter- oder Fortbildung kann und muss eine solche Liste entsprechend modifiziert werden. Verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten in den o. g. Bereichen werden diskutiert und wurden teilweise bereits begonnen – der Bedarf scheint da zu sein!

Dies wäre ein wichtiger Schritt, um die fachübergreifende ambulante notdienstliche Versorgung für Ärzte und Patienten sicherer zu machen.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Uta-Maria Waldmann

Institut für Allgemeinmedizin der Universität Ulm

Helmholtzstr. 20

89069 Ulm

Tel.: 07 31 / 5 03 11 07 (3 11 01)

Fax: 07 31 / 5 03 11 09

E-Mail: uta-maria.waldmann@uni-ulm.de

Literatur

1. Infoportal Medizinrecht – Urteile: www.infoportal-medizinrecht.de/index.php. 00000080.00000000 (Zugriff 22.12. 2008)

2. Jones J, Hunter D. Qualitative Research: Consensus methods for medical and health services research. BMJ 1995;311: 376–380

3. Bürgi H, Bader Ch, Bloch R et al. Swiss Catalogue of Learning Objectives for Under-graduate Medical Training. Geneva: Joint Conference of Swiss Medical Faculties (SMIFK), 2002

4. Metz JCM, Verbeek-Weel AMM, Huisjes HJ (eds.) Blueprint 2001: training of doctors in The Netherlands, adjusted objectives of undergraduate medical education in The Netherlands. Nijmegen: University Publication Office, 2002

5. IMPP-Gegenstandskatalog (IMPP-GK 2) für den schriftlichen Teil des Zweiten Abschnitts der Ärztlichen Prüfung (ÄAppO vom 27. Juni 2002); Stand: März 2005

6. Rüter G, Spiel M. Notfallpraxis am Krankenhaus? Untersuchung eines Qualitätszirkels zur Hausärztlichen Notfallversorgung. Z Allg Med 1997; 73: 92–94

7. Akademie für ärztliche Fortbildung und Weiterbildung der Landesärztekammer Hessen und Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (Hrsg.) Notdienstseminar „Akuter Notfall – was tun?“ 1997

Abbildungen:

Tabelle 1 Deskriptive Daten der Experten.

Tabelle 2 Bewertung der 23 Beratungsanlässe und Symptome.

Tabelle 3 Bewertung der 43 Diagnosen.

Tabelle 4 Bewertung der 23 diagnostischen Fertigkeiten.

Tabelle 5 Bewertung der Fertigkeiten – „Maßnahmen, medik. Therapie, Verschreiben“.

Tabelle 6 Überblick über die Bewertungen der verschiedenen Bereiche.

(Tab. 1–6: Zusammengestellte Ergebnisse der Autorin)

 

1 Institut für Allgemeinmedizin, Universität Ulm

2 Studiendekanat der Medizinischen Fakultät Ulm – Bereich Curriculumentwicklung und Lehrinnovation

Peer reviewed article eingereicht: 09.01.2009; akzeptiert: 09.03.2009

DOI 10.3238/zfa.2009.0196


(Stand: 27.07.2011)

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