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Medizin und Armut – Ärztliches Engagement für Eine Welt

DOI: 10.3238/zfa.2009.0220

Andreas Sönnichsen, Anna Klicpera, Christopher Pleyer

Zusammenfassung:

Im März fand in Salzburg anlässlich der 25-Jahr-Feier der Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ ein Symposium zum Thema „Medizin und Armut“ statt, auf dem verschiedene Hilfsprojekte aus Indien, Bangladesch, Bolivien, Venezuela und den Philippinen vorgestellt wurden. Allen Projekten gemein ist, dass sie zwar mit europäischer Hilfe, aber überwiegend mit einheimischer Initiative und unter Einsatz einheimischen Personals durchgeführt werden. Die Organisationen sehen diese Form der Unterstützung als eine Hilfe zur Selbsthilfe, die weit über die reine medizinische Versorgung hinausgeht. So werden zahlreiche ursprünglich medizinische Hilfsprojekte mittlerweile von Schul- und Ausbildungsprojekten begleitet, die den Menschen eine Chance eröffnen sollen, sich selbst aus dem ausweglos erscheinenden Teufelskreis aus Bildungslosigkeit, Armut und armutsassoziierten Erkrankungen zu befreien.

Schlüsselwörter: Armut, Dritte Welt, medizinische Versorgung, Ausbildung

Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ im vergangenen Jahr trafen sich vom 13. bis 14.03.2009 etwa 70 Ärzte aus Deutschland und Österreich an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) Salzburg, um über das Thema „Medizin und Armut – Ärztliches Engagement für Eine Welt“ zu diskutieren. Veranstaltet wurde dieses Symposium von den „Salzburger Ärzten für die Dritte Welt“, der Austrian Medical Students’ Association und dem Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der PMU.

Das Symposium begann mit einem Festvortrag des Jesuitenpaters Dr. Bernhard Ehlen, SJ (Abbildung 1), der die „Ärzte für die Dritte Welt“ 1983 gegründet hatte. B. Ehlen gab einen Rückblick über die Arbeit der Organisation von den bescheidenen Anfängen des ersten Projektes in Kalkutta, Indien bis hin zur heutigen Vielfalt von weltweit über 150 Projekten mit einem Jahresumsatz von etwa 8 Mio. Euro. Insgesamt fanden mittlerweile über 4000 Arzteinsätze statt. Über 500 Ärzte haben sich größtenteils mehrfach für Projekteinsätze gemeldet. Wer einmal die Befriedigung erlebt hat, die einem die unentgeltliche Arbeit für die Benachteiligten dieser Welt bereitet, ist oftmals bereit, hierfür auch ein zweites oder drittes Mal den Jahresurlaub einzusetzen.

Das zentrale Thema der Ärzte für die Dritte Welt ist die humanitäre Hilfe für die Ärmsten der Armen, vor allem in den menschenunwürdigen Slums der Großstädte und Ballungszentren der sogenannten Dritten Welt. Das besondere ist, dass die deutschen Ärzte jeweils nur für 6 Wochen in den Projekteinsatz fahren, was im Rahmen des Jahresurlaubs möglich ist. Auf diese Weise können sich auch fest angestellte und in eigener Praxis niedergelassene Kollegen für die Armen engagieren. Die meisten anderen Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ oder auch die staatliche Entwicklungshilfe fordern Einsätze von mindestens 6 Monaten Dauer, was mit einer kontinuierlichen beruflichen Tätigkeit in Deutschland oder Österreich nicht vereinbar ist.

Aus dieser Struktur der Einsatztätigkeit ergibt sich auch zwangsläufig, dass die Kontinuität der Projekte nicht durch die europäischen Ärzte, sondern durch die einheimischen Mitarbeiter (Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Healthworker) aufrecht erhalten wird, was für die Projekte einen zusätzlichen entwicklungspolitischen Vorteil darstellt: Die Menschen in den Slums organisieren ihr Projekt selbst. Das schafft zum einen Arbeitsplätze, hat aber vor allem auch zur Folge, dass die Menschen sich mit dem Projekt identifizieren.

Derzeit gibt es derartige medizinische Hilfsprojekte in Manila, auf Mindanao (beides Philippinen), in Kalkutta (Indien), in Chittagong und Dhaka (Bangladesch), in Nairobi (Kenia) und in Managua (Nicaragua). Die medizinischen Schwerpunkte variieren. In Manila kämpfen die Ärzte mit den Folgen des Lebens auf dem berüchtigten Müllberg, auf dem die Menschen in unglaublicher Hoffnungslosigkeit nach rezyklierbarem Abfall suchen, um sich damit ein paar Groschen zum Überleben zu verdienen. Auf Mindanao wird eine medizinische Basisversorgung auf dem Land sichergestellt – bei Bewohnern, die teilweise vor der Ankunft der europäischen Ärzte noch nie in ihrem Leben einen Arzt gesehen haben. In Kalkutta und in Bangladesch spielen die zunehmende Prävalenz multi-drug-resistenter Tuberkulose und die Unterernährung, vor allem von Kindern, eine wichtige Rolle. Die medizinische Arbeit findet teilweise unter extrem erschwerten Bedingungen statt (Abbildung 2). In Nairobi ist ein Großteil der Slumbewohner mit HIV infiziert bzw. an AIDS erkrankt. Hier versucht man einerseits mit Hilfe zusätzlicher staatlicher Programme eine Basisversorgung mit antiretroviraler Therapie aufzubauen und andererseits durch Aufklärung und Prävention die weitere Ausbreitung der Seuche einzudämmen.

Die jahrelange Arbeit in den Slums hat gezeigt, dass es zwar möglich ist, dem Einzelnen auf humanitäre Weise zu helfen, dass aber durch diese medizinische Hilfe alleine keine der dringend notwendigen Strukturveränderungen zu bewirken ist. Aus diesem Grunde haben sich im Laufe der Jahre zahlreiche sogenannte Partnerprojekte entwickelt, die einen nachhaltigeren Ansatz haben als die punktuelle medizinische Versorgung alleine: Durch das Graben von Brunnen wird beispielsweise die Versorgung mit sauberem Trinkwasser sichergestellt. Mit Schulprojekten versucht man, die Alphabethisierung zu fördern. Mit kleinen Zentren zur Berufsausbildung, vor allem von Frauen zu Näherinnen oder in einem anderen produzierenden Gewerbe, wird angestrebt, eine ökonomische Infrastruktur aufzubauen, die es den Menschen ermöglicht, den Teufelskreis aus Armut, Bildungslosigkeit und Krankheit zu durchbrechen.

Ziel des Symposiums war es aber nicht nur, die vergangenen 25 Jahre der „Ärzte für die Dritte Welt“ Revue passieren zu lassen, sondern auch mit anderen Organisationen ins Gespräch zu kommen. Dr. Werner Waldmann, ein Kinderarzt aus Salzburg, der selbst zahlreiche Einsätze in Indien, Bangladesch und auf den Philippinen absolviert hat, reflektierte über die Bedeutung des ärztlichen Tuns für den einzelnen Betroffenen und für die Gesellschaft. Zunächst steht das Leiden des einen Menschen im Mittelpunkt, dessen Linderung das primäre Ziel ist. Ärztliches Handeln hört aber für Werner Waldmann hier nicht auf. Aus diesem Grunde hat er sich selbst in Bangladesch in Anbetracht der desolaten Lebensverhältnisse der Menschen in den Slums (Abbildung 3) die Veränderung von krankmachenden Strukturen zum Ziel gesetzt und zusammen mit Einheimischen eine Schule und berufsbildende Einrichtungen aufgebaut. Geleitet wird der Komplex von einem lokalen, einheimischen Koordinator, der die gesamte Lebenssituation der Slumbewohner im Blick hat und so den Menschen Chancen für eine generell bessere und damit auch gesündere Zukunft eröffnet.

In diesem Sinne arbeitet auch Dr. Sujit K. Brahmochary, welcher von der Geschichte des von ihm gegründeten „Institute for Indian Mother and Child“ berichtete. Er erzählte, dass er nach Abschluss seiner medizinischen Ausbildung in Belgien vor der Wahl stand, eine ärztliche Tätigkeit in Europa aufzunehmen oder in seine Heimat Indien zurückzukehren. Er entschied sich für die Armen in Indien und berichtete von den großen Schwierigkeiten, denen er sich anfangs gegenübergestellt sah, als er sich vornahm, den armen Menschen im Süden Kalkuttas mit seinen medizinischen Kenntnissen zu helfen. Ganz auf sich allein gestellt und von anderen belächelt erarbeitete er sich erst nach und nach durch harte Arbeit und Fleiß Unterstützung und Anerkennung. Das Projekt wuchs und ermöglichte durch den Bau von kleinen Hospitälern (Abbildung 4) und Ambulanzen immer mehr Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung. Doch wie auch Werner Waldmann wurde Dr. Sujit bald bewusst, dass er mit punktueller medizinischer Versorgung allein den Menschen nicht zu einem besseren Leben verhelfen konnte. Die Menschen, welche geheilt wurden, kamen Wochen später mit denselben Beschwerden wieder, da die Ursache der Krankheit in Unwissenheit oder Armut lag, welche die Ärzte nicht behandeln konnten. So verlagerte sich der Schwerpunkt des Projekts langsam weg von ausschließlich medizinischer Versorgung hin zu Bildung, Mikrokredit- und Empowerment-Programmen. Seit der Gründung des Projekts vor knapp 30 Jahren kann Dr. Sujit nun neben dem Bau einer Indoor- und 5 Outdoor-Kliniken auch noch auf den Aufbau von 23 Schulen und 5 Micro-Finance-Banken zurückblicken. In den Schulen erhalten über 600 Kinder eine Ausbildung von der Grundschule bis zum Erlernen eines handwerklichen oder kaufmännischen Berufs und die Banken finanzieren Existenzgründungen als Basis für minimale wirtschaftliche Selbstständigkeit.

Auch in Venezuela hat mittlerweile ein Schulprojekt die medizinische Basisversorgung im Slum ergänzt, worüber Mariangel Rubio Duran aus Venezuela berichtete, die ein Jahr in dem Projekt mitgearbeitet hat. Die „Ärzte für die Dritte Welt“ hatten von 2001–2004 in einem der ärmsten Bezirke der venezolanischen Hauptstadt Caracas (Abbildung 5) mit dem Einsatz deutscher Ärzte eine „Casa de la Salud“ betrieben. Im Jahr 2004 wurde das Arztprojekt aufgegeben, weil der neosozialistische Regierungschef Chavez kubanische Ärzte ins Land holte, die in den Armenvierteln eine Minimalversorgung aufbauten. Geblieben ist die bittere Armut und Chancenlosigkeit der Bevölkerung – trotz sozialistischer Ambitionen. Für viele Kinder steht keine staatliche Schule zur Verfügung und sie leben in desolaten Verhältnissen auf der Straße. Auf einheimische Initiative wurde vor einigen Jahren der „Club de los ninos“ gegründet, der diesen Kindern eine Grund- und Hauptschulausbildung sowie wenigstens zwei gesicherte Mahlzeiten pro Tag bietet.

Pater Klaus Laireiter aus Eben/Salzburg berichtete über das von ihm initiierte Projekt „Para Niños“ in El Alto, La Paz, Bolivien. Auf den Straßen von La Paz markierte eine schicksalhafte Begegnung zwischen Klaus Laireiter und einem im Sterben liegenden Mädchen, „Tatjana“, im April 1999 die Geburtsstunde von Para Niños. Tatjana, die an einer offenen Tuberkulose im Terminalstadium litt, wurde von K. Laireiter in das Kinderspital von La Paz gebracht und konnte geheilt werden. Im Laufe weiterer Besuche in Bolivien hat K. Laireiter sich zahlreicher bereits abgeschriebener Kinder angenommen, die hoffnungslos unterernährt, krank oder verletzt waren. Sein spezielles Augenmerk richtete er auf Kinder mit schweren Verbrennungen (Abbildung 6) und Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten. Durch unermüdlichen Einsatz wurde vielen dieser Kinder eine medizinische Behandlung ermöglicht. In El Alto, einem Armenviertel oberhalb von La Paz auf 4100 m Seehöhe, ist im Laufe der Zeit eine Station für behinderte Kinder entstanden. Sie werden dort mithilfe von Para Niños kontinuierlich betreut und gefördert. Auch in abgelegenen Teilen des Landes, fern von medizinischer Grundversorgung, gründete Para Niños zahlreiche Anlaufstellen für Bedürftige. Für diese Menschen übersteigt oft schon die Reise in das nächstgelegene Krankenhaus die finanziellen Mittel, ganz zu schweigen von den Behandlungs- und Nachsorgekosten. Pläne für ein neues, größeres Behindertenheim stehen schon; wenn alles klappt, wird dieses Heim noch dieses Jahr eingeweiht. Pater Klaus beweist mit seinem Projekt in eindrucksvoller Weise, dass man nicht immer große internationale Hilfsorganisationen benötigt, um Menschen in Not und Armut zu helfen und, dass auch durch Einzelhilfe, vieles verändert werden kann.

Das Symposium machte insgesamt deutlich, dass Gesundheitsversorgung gerade in der sogenannten Dritten Welt weit mehr sein muss, als ärztliche Hilfe für die Kranken. Für eine nachhaltige Verbesserung des Gesundheitszustands ist neben der medizinischen Versorgung eine langfristige Veränderung der Lebensumstände erforderlich, und diese gelingt nur durch eine Sicherstellung und Optimierung von Schul- und Berufsausbildung.

Alle auf dem Symposium vorgestellten Projekte und Organisationen sind auf Spenden angewiesen, um ihre wertvolle Arbeit für die Bekämpfung von Armut und armutsbedingten Erkrankungen in der sogenannten Dritten Welt leisten zu können. Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Ärzte für die Dritte Welt (www.aerzte3welt.de) – Deutschland: Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel, Konto Nr. 4888880, BLZ 52060410

Österreich: Raiffeisenverband Salzburg, Konto Nr. 00090530, BLZ 35000

Para Niños (www.pater-klaus.at) – Deutschland: Raiffeisenbank IBAN AT29 3520 4000 0221 2116 – BIC RVSAAT2S004

Österreich: Raiba KTO 2212116 –

BLZ 35204

Institute for Indian Mother and Child (www.iimc.de) – Deutschland: Volksbank Dammer Berge, Kontonummer: 9164200, BLZ 28061679

Österreich: Volksbank Dammer Berge, IBAN DE65280616790009164200 BIC GENODEF1DAM

Interessenkonflikte: keine angegeben

Korrespondenzadresse:

Anna Klicpera und Christopher Pleyer

Paracelsus Medizinische Privatuniversität

Strubergasse 21

A-5020 Salzburg

E-Mail: anna.klicpera@pmu.ac.at

christopher.pleyer@pmu.ac.at

Abbildungen:

Abbildung 1 Bernhard Ehlen, SJ.

Abbildung 2 Ärztliche Behandlung unter schwierigsten Bedingungen.

Abbildung 3 Leben in Bangladesch.

Abbildung 4 Behandlungsstation Indian Mother and Child.

Abbildung 5 Hütten am Rand von Caracas.

Abbildung 6 Kind mit Verbrennungen.

1 Austrian Medical Students’ Association, Paracelsus Medizinische Privatuniversität Salzburg

2 Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg

DOI 10.3238/zfa.2009.0220


(Stand: 07.06.2011)

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