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Zusammenarbeit zwischen Pharmaindustrie und Ärzteschaft – Ist das möglich?

DOI: 10.3238/zfa.2009.0218

Andreas Sönnichsen, Christoph Dachs

Zusammenfassung: Das Thema Einfluss der Pharmaindustrie auf medizinische Forschung und ärztliche Tätigkeit wurde in letzter Zeit in den österreichischen Medien wiederholt aufgegriffen. Anlässlich des Buchs „Korrupte Medizin“ von Hans Weiss veranstalteten das Institut für Allgemeinmedizin der Paracelsus Medizinischen Universität Salzburg und die Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin einen Diskussionsabend, zu dem führende Vertreter von Sozialversicherung, Politik, Industrie und Ärzteschaft geladen waren.

Schlüsselwörter: Pharmaindustrie, medizinische Versorgung, Korruption, Abhängigkeit

In den letzten Monaten wurde das Thema Abhängigkeit der Ärzteschaft von der Pharmaindustrie in den österreichischen Medien breit angesprochen: Es gab einige Artikel in der Presse, einen ORF-Beitrag im Rahmen der Sendung „Thema“, und durch das Erscheinen des Buchs „Korrupte Medizin“ von Hans Weiss wurde der Diskussion erneut Nahrung gegeben. Unter anderem war auch die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) massivst für ihre Pharma-Nähe kritisiert worden. Das Thema löste in der Ärzteschaft eine äußerst kontroverse Diskussion aus. Vom zumindest teilweise unsachlichen „polemischen Gegenschlag“ bis hin zur weitgehenden Zustimmung zu der geäußerten Kritik waren alle Meinungen vertreten. Letztendlich wurde durch das Buch und durch Artikel in der Laienpresse nur etwas breitenwirksamer zum Ausdruck gebracht, was auch in seriösen österreichischen Medizinmedien, wie dem österreichischen Arzneimittelbrief und der Innsbrucker Pharmakritik, schon lange angeprangert wird.

In der Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin waren wir uns im Konsens mit vielen Kollegen einig, dass wir zumindest über einige Vorwürfe, die den Ärzten zu Recht gemacht werden, nachdenken und die Frage der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und pharmazeutischer Industrie sachlich und ehrlich diskutieren sollten. Langfristiges Ziel dieser Diskussion muss es sein, zu definieren, ob und in welcher Form eine solche Zusammenarbeit möglich wäre.

Um diesen Dialog zu initialisieren, fand am 17.02.2009 in Salzburg auf Einladung des Instituts für Allgemeinmedizin der Paracelsus Universität und der Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin eine Podiumsdiskussion zu der Thematik statt.

Am Podium diskutierten Hans Weiss, Autor des Buchs „korrupte Medizin“, Ing. Andreas Kronberger, Vertreter der Pharmig (Österreichischer Verband der pharmazeutischen Industrie), Dr. Harald Seiss, Direktor der Salzburger Gebietskrankenkasse, Mag. Ziniel aus dem Gesundheitsressort des Landes Salzburg, Dr. Jörg Hutter, Vizepräsident der Ärztekammer Salzburg und Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen als Vertreter der Allgemeinmedizin. Die Moderation übernahm Dr. Christoph Dachs, Präsident der Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin.

Mehr als 100 Zuhörer waren gekommen, was für eine medizinische Abendfortbildung an einem gewöhnlichen Wochentag eine beachtliche Zahl ist. Sowohl Primarärzte der Salzburger Universitätskliniken als auch Spitalsärzte, niedergelassene Allgemein- und Fachärzte sowie Studenten interessierten sich für das Thema. Der ORF hat die Diskussion für das Radio aufgezeichnet.

In einem Eingangsstatement fasste Buchautor Weiss die in seinem Buch dargestellten Vorwürfe zusammen: Die pharmazeutische Industrie nutzt ihren finanziellen Einfluss, um sowohl Studienergebnisse zugunsten der eigenen Medikamente zu manipulieren als auch durch geschicktes Marketing den Verkauf dieser Medikamente anzukurbeln. Eine Strategie hierbei ist die gezielte „Fortbildung“ von Ärzten durch von der Industrie bezahlte Referenten.

Die Vorwürfe wurden in Gegenstatements der Vertreter von Ärztekammer und Pharmig relativiert und als nur auf einige wenige „schwarze Schafe“ zutreffend reduziert. Insbesondere der Vertreter der Pharmig umschiffte kritische Fragen gekonnt, plädierte aber für mehr Transparenz in der Zusammenarbeit.

Auch A. Sönnichsen wies darauf hin, dass die von Hans Weiss gegen einzelne Klinikchefs geäußerten Vorwürfe in der vorgebrachten Pauschalisierung nicht stichhaltig seien. Weiss hatte, wie in seinem Buch geschildert, einzelnen Klinikchefs per E-Mail in seinen Augen unethische und auf Manipulation ausgelegte Studien vorgeschlagen, worauf fast alle „hereinfielen“ und sich erst einmal gesprächsbereit zeigten. Hieraus schloss Weiss, dass diese Klinikchefs korruptionsanfällig seien. Weiss übersieht hier, dass die Finanzierung wissenschaftlicher Tätigkeit an der Universität heute leider zu einem Großteil privatwirtschaftlich erfolgen muss, da staatliche Fördermittel vor allem in Österreich nur in äußerst geringem Umfang zur Verfügung stehen. Das hat zur Folge, dass jeder wissenschaftlich tätige Hochschulangehörige auf jedes Finanzierungsangebot positiv reagiert, was aber nicht heißt, dass er dann tatsächlich bereit ist, unethische oder manipulierte Studien durchzuführen.

Der Mangel an staatlichen Fördermitteln treibt die unter Publikationsdruck stehenden medizinischen Fakultäten der Industrie in die Arme, sodass es – in ganz Europa – viel zu wenig unabhängige „investigator-driven“, das heißt von Wissenschaftlern selbst initiierte, Forschung gibt.

Das Gleiche gilt für die ärztliche Fortbildung: Einerseits sind Kassen und Staat nicht bereit, in die ärztliche Fortbildung zu investieren, zum anderen hat sich bei vielen Ärzten über die Jahre die Meinung festgesetzt, Fortbildung dürfe nichts kosten – eine Patt-Situation aus der schwer zu entkommen ist. Dr. Seiss von der Salzburger Gebietskrankenkasse führte aus, dass es in allen anderen Berufen üblich ist, dass Arbeitsnehmer und vor allem Selbstständige ihre Fortbildungskosten selbst tragen. Es sei nicht begreiflich, warum Ärzte nicht für ihre Fortbildung bezahlen wollten. Dem kann man entgegenhalten, dass es für die Salzburger Gebietskrankenkassen wahrscheinlich durchaus ökonomisch sinnvoll wäre, von den 117 Millionen Euro Medikamentenkosten pro Jahr (2008) einige Millionen in die Fortbildung der Vertragsärzte zu investieren und dadurch möglicherweise ein Vielfaches an Medikamentenkosten einzusparen.

Wie sich in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum zeigte, ist leider unter Ärzten nach wie vor die Meinung weit verbreitet, eine industriegesponserte Fortbildung (mit anschließendem gemütlichen Abendessen!) wäre unproblematisch, wenn sie als solche gekennzeichnet wäre. Die Ärzte hätten die intellektuelle Kapazität, wahre Inhalte von industriell schöngefärbten zu unterscheiden. Dieser Meinung wurde entgegengehalten, dass gerade die Interpretation und Beurteilung von Studienergebnissen hinsichtlich Validität und klinischer Relevanz den meisten Ärzten sehr schwer fällt, weil dies weder im Studium noch in der Weiter- und Fortbildung ausreichend gelehrt wird. Und die Pharmaindustrie würde nicht Tausende in Marketing und sogenannte „Fortbildung“ investieren, wenn sich dies nicht in einer Steigerung der Verkaufszahlen niederschlagen würde.

Insgesamt entwickelte sich auf der Veranstaltung eine lebhafte, aber nicht emotional oder polemisch ausartende Diskussion, die als Ausgangspunkt dienen kann, pharmagesponserte Wissenschaft und Fortbildung kritischer zu hinterfragen und über alternative Finanzierung von Forschung und Fortbildung nachzudenken.

Als eine Möglichkeit wurde die sogenannte „Pool-Lösung“ diskutiert: Pharmazeutische Industrie, Sozialversicherer, Staat und Ärzte zahlen gemeinsam in einen unabhängig verwalteten Pool, bei dem Initiatoren von Fortbildungsveranstaltungen und Kongressen Zuschüsse beantragen können. Von allen Vertretern wurde signalisiert, dass man sich eine solche Lösung vorstellen könnte. Solche Pool-Gelder gibt es bereits im stationären Bereich, wieso sollte es im niedergelassenen Bereich nicht auch funktionieren?

Die Diskussion wurde von fast allen als gut und konstruktiv bezeichnet. Wir haben insgesamt sehr viel Zustimmung für die Organisation dieses Abends bekommen und glauben, dass wir mit dieser Diskussionsveranstaltung einen kleinen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben, dem weitere Schritte folgen müssen.

Interessenkonflikte: keine angegeben.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Christoph Dachs

Arzt für Allgemeinmedizin

Rifer Hauptstr. 34

A-5400 Hallein

Tel.: 00 43 62 45 / 76 22 0

E-Mail: christoph.dachs@aon.at

1 Salzburger Gesellschaft für Allgemeinmedizin, Salzburg

2 Institut für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg

DOI 10.3238/zfa.2009.0218


(Stand: 07.06.2011)

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